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Fit für die Insel

Arbeiten in Großbritannien




21. Januar 2008 
Ob im Gesundheitswesen, im Baugewerbe, in der Dienstleistungsbranche oder in der Industrie: Auch britische Unternehmen sorgt der Nachwuchsmangel, und Hochschulabsolventen aus Deutschland werden mit Handkuss genommen. Wer beruflich im Vereinigten Königreich Land gewinnen will, muss jedoch ein paar Spielregeln berücksichtigen

Constanze Simon fährt jeden Morgen mit der Tube in Richtung Tower Bridge. Sie ist Projektleiterin in einem Londoner Architekturbüro und betreut den Bau einer U-Bahn-Station der neuen Crossrail-Linie. Die Strecke soll die Stadt auf 180 Kilometern von Osten nach Westen verbinden. Kein kleiner Job für eine 31-Jährige.

Noch vor drei Jahren war die Architektin arbeitslos. Der deutsche Bauträger, der sie eine Zeitlang beschäftigt hatte, setzte sie vor die Tür. Und die Berufsperspektiven innerhalb der Landesgrenzen waren bescheiden. Auf den Internetseiten des Arbeitsamtes - in der sogenannten EURES-Datenbank - hatte sie eine Stelle in Colchester im County Essex gefunden und sich dort unkompliziert per Mail beworben. Der britische Arbeitgeber hatte schon vor ihr eine deutsche Architektin ins Team geholt und gute Erfahrungen mit ihr gemacht. Nun suchte er erneut. „Das war mehr Zufall als alles andere, aus Spaß habe ich einfach auch mal europaweit geschaut“, sagt Simon. „Die Bewerbung musste auch nicht supertoll aussehen, wie das in Deutschland üblich ist.“

Es klappte, und Constanze Simon zog des Jobs wegen nach Colchester, doch schon bald fiel ihr in der 150.000-Seelen-Stadt „die Decke auf den Kopf“. Mit Hilfe einer der vielen Recruitment Agencies, bei der sie ihren Lebenslauf abgab, bekam sie schließlich eine Stelle in London und zog um. Solche Agenturen, von denen es in Großbritannien schätzungsweise an die 200.000 gibt, helfen bei der Zusammenstellung der Unterlagen und vermitteln diese an potentielle Arbeitgeber, die dafür eine Gebühr bezahlen. Sie sind die Drehscheiben für Arbeitskräfte aller Art in Englands dynamischem Arbeitsmarkt, und in der Regel arbeiten sie schnell. Ein Vorteil für die Deutsche war nicht zuletzt, dass Architekten wie auch Bauingenieure zu einer der gefragtesten Professionen zählen. „Der Markt hier ist leer“, sagt die Architektin. „Es ist verrückt, fast täglich ruft mich ein Headhunter an.“ Und deutscher Nachwuchs ist in den britischen Büros begehrt, sagt man ihm doch Organisationstalent, Genauigkeit und strukturiertes Arbeiten nach. Arbeitssuchende Architekten aus Deutschland mieten sich gern für ein, zwei Wochen ein Zimmer in London und haben dann oft schon eine Arbeit. „Mittlerweile sind mir schon fünf ehemalige Kommilitonen begegnet, die auch hier gelandet sind“, sagt Simon.

Rund 10.000 Deutsche haben im letzten Jahr Deutschland in Richtung Vereinigtes Königreich verlassen. Der Arbeitsmarkt in Großbritannien ist gemäß der EU-Gesetze offen. Es herrscht nicht einmal eine Meldepflicht. Sven Riemann, Marketing Manager bei der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer in London, rät Jobsuchern aus Deutschland, das Festland zu verlassen und sich selbst vor Ort um Arbeit zu kümmern. „Die Flugkosten und Auslandsanrufe werden die Firmen für Bewerber nicht bezahlen“, sagt er. Daher sei auch die Zusammenarbeit mit den deutschen Arbeitsagenturen etwas aus der Mode gekommen - zu oft hätten diese Lebensläufe von vermeintlichen Jobinteressenten weitergeleitet, wobei sich im Nachhinein herausstellte, dass die Kandidaten den Umzug ins Ausland doch nicht wagen wollten.

Hoch oben auf der Beliebtheitsliste britischer Arbeitgeber stehen derzeit Spezialisten für Nischenprodukte - für Dinge eben, die nicht jeder kann, sagt Riemann. Rar und deshalb gefragt sind unter den akademischen Berufen vor allem Ärzte, Zahnärzte, Fachkräfte für die Bauindustrie oder Ingenieure. Im Dienstleistungssektor hat man ebenfalls gute Chancen, sofern dort die deutsche Sprache Vorteile verspricht, etwa im Vertrieb. Auch im Finanzwesen und in der Informationstechnologie kommen Deutsche vergleichsweise leicht unter. Denn entgegen aller Unkenrufe ist ihr Ruf auf der Insel nicht schlecht. „Im Verständnis der Briten kommt Deutschland, was die Qualitätserwartung angeht, auf Platz zwei, direkt nach den Schweizern“, sagt Riemann. „Das gilt für Produkte, aber eben auch für Dienstleistungen. Ein deutscher Absolvent, der mit 30 von der Uni kommt, ist viel mehr Experte. Das wissen die Briten. Die Engländer wiederum sind flexibler als die Deutschen. Hier gilt: Was man studiert, das macht man noch lange nicht im Leben.“

Deutsche können die Briten aber auch nerven, vor allem wenn sie zu detailversessen und zu wenig spontan sind. „Vor einem Meeting schicken sie eine Agenda, wollen im Vorfeld alles genau festlegen“, hat der Marketing Manager der Handelskammer beobachtet. „Dem Briten ist es aber viel wichtiger, vielleicht zunächst übers Wetter zu sprechen. Er will Vertrauen aufbauen. Er denkt: Wenn es persönlich zwischen zwei Menschen nicht klappt, wird auch das Geschäftliche nicht klappen.

Nicht immer und nicht überall sind die Perspektiven rosig. „Derzeit steigt die Arbeitslosigkeit leider wieder an“, sagt Heike Borgmann, Beraterin für akademische Berufe und EURES-Beraterin bei der Auslandsvermittlung der Arbeitsagentur in Bremen. „Nach der Osterweiterung der EU sind seit 2004 sehr viele Menschen aus Osteuropa nach Großbritannien eingewandert.“ Auch deshalb werde es bei der Suche nach attraktiven Stellen enger.

Sie empfiehlt, vor allem wenn man sprachlich noch nicht so fit ist, erst einmal in Großbritannien zu jobben. „Das ist ein guter Einstieg, und der Wechsel ist dann viel leichter“, sagt sie. Denn in England ist es nichts Ehrenrühriges, wenn man sich von einem Hilfsjob zu den besseren Jobs, die eher der Ausbildung entsprechen, vorarbeitet. Eigeninitiative und Mumm sind für den Wechsel unbedingt notwendig. Borgmann sagt: „Akademiker, die einen Job in Großbritannien suchen, müssen sich viel selbst erarbeiten. Man findet aber alles im Netz. Bei unseren Beratungen - zuständig ist die ortsansässige Arbeitsagentur - geben wir je nach Ausbildung und Bewerbungswunsch aber auch gezielt Tipps. Wir sind alle ziemlich fit in Internet-Recherche und kennen einen großen Fundus an passenden Websites.“

Praktika findet man ebenfalls in den diversen Internet-Börsen, sofern man nicht eine kommerzielle Agentur einschalten möchte. Beim Anbieter praktika.de etwa zahlt man für die Vermittlung einer mehrmonatigen Praktikumsstelle in England, Irland oder Schottland 820 Euro. Zum Service gehört die Zusammenstellung der Unterlagen, die Suche einer Stelle bis hin zur Bereitstellung der Unterkunft und Hilfestellungen bei möglichen Problemen mit den britischen Chefs. Ob das Praktikum dotiert ist oder nicht, entscheidet dabei nicht zuletzt das obligatorische telefonische Interview mit dem Arbeitgeber im United Kingdom, das jeder Kandidat führen muss.

Mona Mandau, Projektkoordinatorin bei praktika.de, empfiehlt, auch die Provinz in Betracht zu ziehen - und zwar erst recht, wenn man ein bezahltes Praktikum ergattern wolle. „Der Markt in London ist ziemlich ausgereizt“, sagt sie. Für jeden Bewerber werde „individuell nach seinen Wünschen“ nach Praktika-Anbietern recherchiert, verspricht sie. Und auch die typischen Krisensituationen, wenn nach dem Studium der erste Job auf sich warten lässt, kennt sie. Dann versuchen die Absolventen, durch einen Auslandsaufenthalt ihre Chancen auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu verbessern. „Viele Geisteswissenschaftler vermitteln wir im Bereich Public Relations oder Event Management“, sagt Mandau.

Die meisten Praktikanten müssen das Geld für den Lebensunterhalt mitbringen. Doch manchmal ist auch dies der Schritt in ein neues Leben. Die 28-jährige BWL-Absolventin der FH Regensburg, Patricia Schuster, hat sich durch einen selbstfinanzierten Praktikumsaufenthalt in einer Recruiting-Agentur in London eine Festanstellung ergattert. Schuster arbeitet derzeit als Office Manager bei der Agentur, die Führungskräfte in die Mobilfunk-Branche vermittelt. Sie schreibt Rechnungen, hat beim Jahresabschluss geholfen, kümmert sich ums Marketing, betreut die Praktikanten und ist „auch ein bisschen Sekretärin“, wie sie sagt. „Ich mache so gut wie alles, und das meiste bringe ich mir selbst bei.“ Da sie bleiben möchte, sucht sie nach weiteren Perspektiven, geht auf Network-Events und hält die Augen auf, um sich so zum nächsten Job zu hangeln. „Der Arbeitsmarkt ist anders - man ist vielleicht weniger abgesichert, aber man findet auch schneller was“, sagt Schuster. „Man kann in Jobbörsen nach Stellen suchen, selbst seinen Lebenslauf posten oder - einfach und bequem - eine Recruiting-Agentur beauftragen. Die Mitarbeiter dort kümmern sich um alles, und man geht nur noch zum Job-Interview.“

Obwohl sie besser verdient als ihre Kommilitonen in Deutschland, bleibt nichts übrig. „London ist mega-mega-teuer. Man kann Euro und Pfund gleichsetzen, obwohl der Euro ja 50 Prozent mehr wert ist“, sagt Patricia Schuster. Der halbe Verdienst geht schnell mal für die Miete drauf. Und der Wohnungsmarkt ist nicht ohne. „Da gibt es Unterkünfte, die würde man keinem Sozialhilfeempfänger anbieten - der Schimmel kriecht die Wände rauf und runter, und die Bleibe kostet trotzdem 700 bis 1.000 Pfund im Monat“, hat Constanze Simon erleben müssen. Nur gut 20 Prozent des Bruttoeinkommens fallen in Großbritannien für Steuer und Sozialversicherung an. Viele sparen aber für den Krankheitsfall oder versichern sich zusätzlich. Auch für Phasen ohne Job braucht man ein Polster.

Margarete Hucht



Text: Hochschulanzeiger Nr. 94, 2008, Seite 88
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor