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Warschau

Als Gastredakteurin beim polnischen Rundfunk

Von Sonja Volkmann-Schluck




02. April 2007 
Mit einem Stipendium in der Tasche arbeitete Sonja Volkmann-Schluck zwei Monate in der Redaktion von Radio Polonia, dem Auslandsdienst des polnischen Rundfunks. Hier ihr Bericht über den Redaktionsalltag in einem Land, in dem Pressefreiheit nichts Selbstverständliches ist.

Seit ich vor drei Jahren meine erste Reportagereise nach Breslau, Krakau und Warschau machte, bin ich immer wieder gekommen. Mich fasziniert der rasante Wandel in diesem Land. Und dass Polen für mich in vielerlei Hinsicht noch unbekanntes Terrain war, machte es umso interessanter. Deshalb bewarb ich mich für das Marion-Gräfin-Dönhoff-Stipendium, das jedes Jahr von der Organisation „Internationale Journalistenprogramme“ ausgeschrieben wird. Mit diesem Stipendium können junge Journalisten aus Deutschland für zwei Monate als Gastredakteur bei einem osteuropäischen Medium arbeiten. Umgekehrt hospitieren in dieser Zeit auch Journalisten aus Russland, den ehemaligen Sowjetrepubliken und Polen in deutschen Redaktionen. Um einen Platz bei einem polnischen Medium musste ich mich selbst bewerben. Ich übersetzte also meinen Lebenslauf ins Polnische und schrieb eine Mail an die deutsche Redaktion des polnischen öffentlich-rechtlichen Hörfunks. Dort kannte ich zwar niemanden, aber in einer deutschsprachigen Redaktion rechnete ich mir die größten Chancen aus. So war es dann auch - ein paar Tage später bekam ich die Zusage. Da ich in Polen nicht meinen Lebensunterhalt verdienen würde, brauchte ich keine Arbeitserlaubnis und auch kein Visum.


Meinen ersten Arbeitstag hatte ich Anfang Oktober vergangenen Jahres. Damals hatten die deutsch-polnischen Beziehungen gerade einen Tiefpunkt erreicht. Eine Satire in der Tageszeitung, die den polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski als „Kartoffel“ bezeichnete, hatte zwei Monate zuvor eine Staatsaffäre ausgelöst. In deutschen Zeitungen konnte man lesen, dass sich deutsche Korrespondenten in Warschau seitdem sogar bedroht fühlten. Von Ressentiments habe ich aber nichts gespürt. Vielleicht, weil ich bei Radio Polonia gelandet war, dem Auslandsdienst des polnischen Hörfunks. Hier war ohnehin alles sehr international. Außer auf Polnisch und Deutsch sendet Radio Polonia auch auf Russisch, Weißrussisch, Ukrainisch, Englisch und sogar Esperanto.

Meine Redaktion spannte mich gleich ein: Ich sollte polnische Nachrichten ins Deutsche übersetzen und sprechen. Außerdem recherchierte und produzierte ich auch Beiträge. Dazu musste ich jedesmal ins zweite Kellergeschoss hinunterfahren, wo ein Studio aus der Nachkriegszeit auf mich wartete - mit dicken Holztüren und plüschigen Sesseln. Das Computerprogramm, mit dem ich meine Beiträge aufzeichnete und schnitt, war allerdings moderner als bei uns in Deutschland. Meistens schickte mich meine Redaktion auf Termine mit deutsch-polnischem Hintergrund: Zu einer Bilanz-Pressekonferenz über das Deutsch-Polnische Jahr, zum Richtfest der neuen deutschen Botschaft in Warschau, oder zu einer Kooperationsbörse von polnischen und deutschen Unternehmen. Gleichzeitig konnte ich aber auch meine eigenen Ideen einbringen. So fuhr ich zu einer polnischen Softwareschmiede nach Krakau, die ihre Produkte in Deutschland verkaufen will, oder besuchte eine Fotoausstellung über die zehn neuen EU-Länder. Für meinen Sender in Mainz, den Südwestrundfunk, machte ich auch einige Beiträge, zum Beispiel als der polnische Premierminister Jaroslaw Kaczynski Berlin besuchte.


Recherchieren und Interviews führen musste ich natürlich auf Polnisch. Besonders am Anfang war das recht mühsam, denn ich lerne die Sprache erst seit eineinhalb Jahren. Deshalb bekam ich auch sofort Herzrasen, als mich die Kollegin von der polnischen Jugendwelle anrief und fragte, ob ich zu ihr in die Sendung kommen und über meine Eindrücke in Polen berichten wollte. Zwar hatte ich Sprachkurse in Mainz und Krakau belegt und verstehe auch, was in der Zeitung steht. Aber flüssig sprechen, und dazu noch live auf Sendung - das ist etwas ganz anderes. Im Polnischen gibt es nicht nur viele Zischlaute, sondern auch sieben Fälle. Für jedes Verb muss man zwei Vokabeln lernen, eine für die vollendete, die andere für die unvollendete Handlung. Unendlich viele Formen gibt es aber bei den Zahlen. „Dwa“ heißt zwei. Doch handelt es sich um zwei Frauen, sagt man „dwie“. Zwei Männer werden mit „dwaj“ bezeichnet, und hat man zwei Kinder, sagt man „dwoje“. Und alle diese Formen werden unterschiedlich dekliniert. Im Gemüseladen kaufte ich mir anfangs deshalb immer nur höchstens vier Tomaten, Äpfel oder Birnen. Die Zahlen bis vier werden nämlich mit dem Nominativ gebildet - ab fünf aufwärts dann leider mit dem Genitiv.

Zum Glück freuen sich die Polen, wenn man ihre Sprache spricht, und verzeihen einem die Fehler. So war es auch, als ich im Studio der Jugendwelle saß und der polnischen Moderatorin erzählte, was mir an Polen gefiel, und ein kleines Quiz über polnische Geographie löste. Alles sollte „ganz spontan“ sein - deshalb hatte die Redakteurin keine konkreten Fragen mit mir abgesprochen. Das war etwas, an das ich mich beim polnischen Radio generell gewöhnen musste: Aus Deutschland bin ich es gewohnt, Studiogespräche und Sendungen vorher genau durchzusprechen. Beim polnischen Hörfunk geht es hingegen spontaner zu, was dann oft viel natürlicher und besser klingt. Meinen Live-Auftritt brachte ich zu meiner Überraschung ohne größere Ausfälle hinter mich.


Am besten übt man die Sprache natürlich, wenn man viel weggeht und mit Einheimischen redet. Dazu ist Warschau ideal. Nach den Presseterminen gab es meistens ein Buffet, bei dem ich mich mit den Kollegen unterhalten und Kontakte knüpfen konnte. Dabei überraschte mich, wie genau die meisten polnischen Journalisten die Politik in Deutschland beobachten und die Berichterstattung über Polen in deutschen Zeitungen verfolgen. Interessante Diskussionen gab es auch im Warschauer Presseclub. Zum Beispiel über das Bild, das deutsche Medien von Polen vermitteln und umgekehrt. Hier lernte ich schnell Leute kennen, mit denen ich auch abends etwas unternahm. Cafés und Bars sind auch wochentags immer voll, und als ich ankam, fand gerade der „Warschauer Musikherbst“ statt - ein Festival mit Konzerten in der ganzen Stadt. Besonders gefielen mir aber die einfachen, provisorischen Cafés und Clubs, die man auf Anhieb nicht entdecken würde. In einer Seitenstraße der Nowy Swiat, der Haupteinkaufsstraße von Warschau, reihen sich beispielsweise etliche kleine Kneipen aneinander. Sie sind in ehemaligen Lebensmittelläden und Friseursalons untergebracht. Fenster und Eingang sind verklebt. Erst wenn die Tür aufgeht und Bässe und Zigarettenrauch hinausdringen, weiß man, dass hier ein Club ist.

Warschau wurde im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört und danach im sozialistischen Stil wieder aufgebaut. Die altmodischen, rot-gelben Straßenbahnen, die durch die ganze Stadt rattern, sind in manchen Gegenden deshalb oft der einzige Farbtupfer. An vielen Häusern sind Gedenktafeln angebracht, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs und des Warschauer Aufstands von 1944 erinnern. 63 Tage lang kämpften damals die Bewohner gegen die Nazis. Im neuen „Museum des Warschauer Aufstands“ ist das alles mit Filmen, Fotos, alten Plakaten und Zeitzeugeninterviews dokumentiert. Auch die Warschauer Altstadt wurde völlig zerstört. Kaum zu glauben, dass das rote Königsschloss, der Marktplatz mit seinen bunten Häusern und die vielen Kirchen erst rund 50 Jahre alt sind. Besonders faszinierten mich aber die Gegensätze in der Stadt. So thront mitten im Zentrum, umringt von gläsernen Banken, Hotels und großen Firmen immer noch der klotzige „Kulturpalast“, ein Geschenk Stalins aus den 50er Jahren. Mit seinen 230 Metern ist der Palast im Zuckerbäckerstil immer noch das höchste Gebäude von Warschau. Von der Dachterrasse hat man allerdings einen herrlichen Blick - und sieht, wie die Stadt boomt: Überall wird gebaut.


An vielen Häusern sind Gedenktafeln angebracht, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs und des Warschauer Aufstands von 1944 erinnern.

Reichtum und Armut, Fortschritt und Tradition liegen dichter beieinander als in deutschen Städten. So kann man in gigantischen Shopping-Centern Designerklamotten kaufen, ein paar Kilometer weiter auf dem sogenannten „Russenmarkt“ aber genauso gut selbstgebrannte CDs und gefälschte Markenuhren. Die überfüllten Kirchen übertragen ihre Gottesdienste teilweise per Lautsprecher auf die Straße. Genauso voll sind sonntags aber auch die vielen Rund-um-die-Uhr-Supermärkte und Einkaufszentren. Einen Ladenschluss gibt es im katholischen Polen nicht. Die Unterschiede fielen mir besonders ins Auge, wenn ich mittags in eine der sogenannten „Milchbars“ ging. Das sind staatlich subventionierte Kantinen, in denen Frauen mit weißen Kitteln in großen Blechtöpfen Gerichte für weniger als einen Euro kochen. Das traditionelle polnische Essen ist bei allen beliebt, und so sitzen hier Studenten neben Rentnerinnen und Manager im Anzug neben Bauarbeitern und löffeln Rotebeetesuppe.


Ich selbst wohnte am Rand der Altstadt in einem Studentenwohnheim. Ursprünglich wollte ich mit anderen Polen in eine WG ziehen, allein schon wegen der Sprache. Doch das war schwieriger als gedacht. Erstens konnte ich mir das Zimmer vorher nicht ansehen, und zweitens sind die Mieten in Warschau in der Regel höher als in Deutschland. Oft fragte ich mich, wie sich die Polen das Leben in Warschau überhaupt leisten können. Ich bekam für einen Radiobeitrag etwa 30 Euro - ohne mein Stipendium hätte ich davon nicht leben können. Ein Redakteur in meinem Alter verdient im Schnitt etwa 1.000 Euro brutto pro Monat - für polnische Verhältnisse ist das schon gut. Rentner dagegen müssen oft mit 300 Euro und weniger über die Runden kommen. Einigermaßen erschwinglich und sehr beliebt sind die Neubauviertel am Stadtrand. Dort reiht sich ein Wohnblock an den nächsten, meistens sitzt am Eingang ein Wachdienst. Dort zu wohnen fand ich nicht besonders verlockend, schließlich wollte ich etwas von der Stadt mitbekommen. Eine Bekannte, die in einem wissenschaftlichen Institut arbeitet, vermittelte mir schließlich das Zimmer im Wohnheim. Es war zwar klein, aber praktisch: Ich hatte Internet, so dass ich auch von zu Hause aus Artikel schreiben konnte, und mit 180 Euro pro Monat war es bezahlbar. Vor der Tür hatte ich gemütliche Cafés, den malerischen „Ogród Saski“, einen der vielen Warschauer Parks und außerdem den Sitz des polnischen Präsidenten. Einmal kam ich morgens aus meiner Tür und war von Polizeiautos umringt. Nebenan sollte wieder einmal eine Demonstration stattfinden.

Politik war Gesprächsthema Nummer eins, auch bei uns im Sender. Als ich nach Polen kam, wusste ich zwar, dass die Zwillinge Kaczynski, die sich die beiden höchsten Ämter im Staat teilen, umstritten sind. Dass sie mit Andrzej Lepper, einem vorbestraften Populisten, und der erzkonservativen „Liga polnischer Familien“ regieren. Trotzdem war ich überrascht, welchen Einfluss die Regierung in Polen auf die Medien nimmt. So hatten fast alle Redaktionen beim polnischen Rundfunk neue Chefs bekommen. Die Kaczynskis hatten nämlich die Mediengesetze geändert - und so die Oppositionsparteien aus dem Rundfunkrat ausgeschlossen.


Ich hatte noch nie mitbekommen, dass eine Regierung so offensichtlich Einfluss auf die Berichterstattung nehmen will.

Der Rundfunkrat bestimmt über das Personal beim polnischen Fernsehen und Hörfunk. Die neuen Chefs hatten in meiner Redaktion beispielsweise eine linksliberale Tageszeitung abbestellt, dafür wurde die konservative „Gazeta Polska“ zur Pflichtlektüre. Und der Chefredakteur dieser Zeitung durfte jetzt regelmäßig morgens im ersten Programm Politiker interviewen. Die Moderatorin der Jugendwelle erzählte mir, dass gerade eine kritische Sendung über Nationalismus gestrichen wurde und dass seitdem Politik in ihrem Programm nicht mehr zur Sprache kommen durfte. Auch meine Redaktion bekam die neue Linie zu spüren. So musste ein älterer Kollege binnen zwei Wochen gehen, weil er angeblich in den 70er Jahren mit dem polnischen Geheimdienst zusammengearbeitet hatte. Für mich war die Situation beklemmend. Ich hatte noch nie mitbekommen, dass eine Regierung so offensichtlich Einfluss auf die Berichterstattung nehmen will. Außerdem hatten meine Kollegen viel mit ihren eigenen Problemen zu tun. Deshalb versuchte ich, darüber in deutschen Medien zu berichten, und machte einige Beiträge. Auch der Journalistenverband organisierte eine Debatte im Warschauer Presseclub. Im Nachhinein war es für mich eine wichtige Erfahrung, zu sehen, dass Pressefreiheit nichts Selbstverständliches ist, auch in einem EU-Mitgliedsland wie Polen nicht.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 89, 2007
Bildmaterial: Sonja Volkmann-Schluck, Sonja Volkmann-Schluck