11. Juni 2007 Seit den schwachen Pisa-Leistungen deutscher Schüler stehen auch die hiesigen Pauker am Pranger. Jetzt wird deren Ausbildung eifrig reformiert. Die gute Nachricht: Das Studium wird praxisnäher. Die schlechte: Wie man Fachwissen vermittelt, lernt man immer noch nicht.
Eben noch herrschten hier Tumulte. Doch als die junge Frau den Klassenraum zur vierten Stunde betritt, stehen die Schüler der achten Realschulklasse der Otto-Hahn-Gesamtschule in Hanau artig von ihren Stühlen auf. Die junge Frau schreibt schnell einen Ablaufplan an die Tafel. Dann dreht sie sich um, begrüßt die Klasse. Guten Morgen, Frau Blobner, entgegnen im Chor die 20 Schüler, die sich alle im besten Pubertätsalter befinden.

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Heute steht ein Übungsdiktat an, es geht um den Unterschied zwischen ss und ß. Holt die Hefte raus, sagt die Lehrerin fröhlich. Frau Blobner, ich habe mein Heft nicht dabei, ruft eine Schülerin aus der letzten Reihe. Dann leih dir von einem deiner Mitschüler ein Blatt aus. Sollen wir mit Kuli oder mit Bleistift schreiben?, fragt ein Schüler. Wie ihr wollt. Sollen wir als Überschrift Übungsdiktat schreiben? Ja, das könnt ihr gerne machen. Dann beginnt die Lehrerin zu diktieren. Erst liest sie den ganzen Satz vor, dann fängt sie wieder von vorne an, teilt den Satz in mehrere Teile, liest jeden Teil zwei- oder dreimal langsam vor. Sie wandelt dabei durch den kargen Klassenraum, guckt mal hier, mal dort einem Schüler über die Schulter. Ramona Blobner wirkt wie ein alter Unterrichtshase. Dabei ist sie erst 22.
Zwei Vormittage die Woche verwandelt sich die Studentin Ramona in die Vertretungslehrerin Frau Blobner. Damit der Unterricht nicht ausfallen muss, wenn ein Lehrer krank ist oder sich auf Klassenfahrt befindet, erhalten die Schulen in Hessen aus dem Landeshaushalt ein Extrabudget für solche Reservekräfte. Unterrichtsgarantie Plus heißt die Initiative im PR-Jargon der hessischen Regierung. Rekrutiert werden die meisten Vertretungslehrer unter den Lehramtsstudenten. So können die Schulen auf Aushilfen zurückgreifen, die pädagogisch nicht vollkommen unbeleckt sind. Und die ausgewählten Studenten sammeln in ihrem Nebenjob jene praktischen Erfahrungen, die sie in ihrem Studium so sehr vermissen. Wie man mit Schülern umgeht und guten Unterricht macht, habe ich in der Uni nicht gelernt, sagt Ramona Blobner.
Der Mangel an Praxis ist nur einer von mehreren Punkten, wegen derer die Lehrerausbildung mal wieder am Pranger steht. Auch in den Fächern, so kritisieren Schulpädagogen und Studenten, orientiere sich das Studium zu wenig an den beruflichen Anforderungen. Zudem seien die Inhalte von Studium und Referendariat nicht aufeinander abgestimmt. Das Lamento ist nicht neu. Doch seit die deutschen Schüler in der international vergleichenden Leistungsstudie Pisa unerwartet schlecht abschnitten und Forscher herausfanden, dass dies weniger am hiesigen Schulsystem als an der mangelnden Qualität des Unterrichts liegt, lässt sich der Handlungsbedarf nicht mehr leugnen. Der Bielefelder Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann bringt das Dilemma auf den Punkt: Wir leisten uns - international gesehen - die wohl teuerste und aufwendigste Lehrerausbildung, ohne dass sich das nur annähernd in den Lernergebnissen unserer Schüler niederschlägt.
Wie man mit Schülern umgeht und guten Unterricht mach, habe ich in der Uni nicht gelernt.
Jetzt wird an der Lehrerausbildung eifrig herumgedoktert. Die entscheidenden Fragen dabei müssten eigentlich lauten: Was sollte ein guter Lehrer können? Und wie gestaltet man die Ausbildung, damit die Absolventen dem Idealbild möglichst nahe kommen? Stattdessen geht es in den Debatten der Reformer hauptsächlich darum, wie die Lehrerausbildung in das Bachelor-Master-Schema gepresst werden kann, ohne dass man mit deutschen Traditionen bricht. Jede Landesregierung verordnet dem Patienten eine andere Therapie.
Zur Tradition gehört, dass Gymnasiallehrer den anderen Lehrern vom Status her überlegen sind. Schon im Preußen des 19. Jahrhunderts wurden sie an Universitäten ausgebildet, während man die Volksschullehrer aus dem Handwerk rekrutierte. Die angehenden Gymnasiallehrer studierten ursprünglich ausschließlich Fachwissenschaften, Pädagogik spielte keine Rolle. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde für sie das Referendariat eingeführt, was weniger mit dem Streben nach Praxisnähe als mit Standesbewusstsein zu tun hatte. Die Studienräte eiferten nämlich dem Status der Richter nach, zu deren Ausbildung schon länger ein Referendariat gehörte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Studium für das gymnasiale Lehramt stärker pädagogisiert.
Dass Lehrer aller allgemeinbildenden Schulen an der Universität ausgebildet werden, ist relativ neu.In den 60er Jahren wurde die Volksschule abgeschafft, aus ihr gingen die Grund- und die Hauptschule hervor. Wer dort lehrte, hatte eine pädagogische Hochschule besucht und dort viel über die Praxis des Unterrichtens gelernt. In den 70er Jahren verlangte man aber eine wissenschaftliche Fundierung der Ausbildung und integrierte daher die pädagogischen Hochschulen in die Universitäten - außer in Baden-Württemberg und Thüringen, wo sie bis heute ihre Eigenständigkeit bewahrten. Für die Nachfolger des lange wenig geschätzten Volksschullehrers bedeutete dies einen kräftigen Imagegewinn. Sie rückten nun näher an den Gymnasiallehrer heran. Damit einher ging die Geringschätzung einer allzu starken Berufsorientierung im Studium. Bis heute gilt: Auf den Job vorzubereiten ist Aufgabe des Referendariats, das alle Lehramtsstudenten im Anschluss an das Erste Staatsexamen durchlaufen.
Viele Studenten stellen erst im Referendariat fest, dass sie nicht zum Lehrer taugen.
Die Hanauer Vertretungslehrerin Ramona Blobner studiert in Frankfurt Germanistik und Sozialkunde für die Haupt- und Realschule. Sie ist im sechsten Semester, im Herbst will sie das Erste Staatsexamen machen. Dank ihres Nebenjobs hat sie im Gegensatz zu den meisten ihrer Kommilitonen keine Angst vor dem Referendariat. Im Gegenteil. Es mache Spaß, eine Beziehung zu den Schülern aufzubauen. Ihnen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen, auch wenn sie manchmal schwierig seien. Nach dem Abitur kümmerte sie sich auf eigene Faust um Praktika in einer Grundschule und in einer Gesamtschule. Danach wusste ich: Ich will kein Mamaersatz sein, sondern Lehrerin - und zwar in einer Haupt- oder Realschule.
Eine so überlegte Entscheidung fällen längst nicht alle Abiturienten, die ein Lehramtsstudium beginnen. Viele lassen sich von der Aussicht auf eine sichere Stelle beim Staat leiten - insbesondere wenn wie derzeit an den Schulen akuter Lehrermangel beklagt und sogar um Quereinsteiger geworben wird (siehe Kästen Berufsaussichten und Wege ins Klassenzimmer). Die wenigsten aber haben eine Vorstellung davon, wie strapaziös der Job in Wahrheit ist.
Maren Meyer ist noch kein halbes Jahr an der Realschule im niedersächsischen Osterholz-Scharmbek, von den Härten des Lehreralltags aber weiß sie schon viel zu berichten. Am Anfang muss man sich erst mal den Respekt der Schüler erarbeiten. Sie stellte konkrete Verhaltensregeln auf und beharrt seitdem auf deren Einhaltung. Das Verhältnis zu ihren Schülern sei ausgesprochen gut, und überhaupt habe der Job viele schöne Seiten. Aber eines muss man sich klarmachen: Ermahnen, Drohen, Diskutieren und Bestrafen gehören dazu. Und nicht nur mit Schülern gebe es Konflikte. Einmal musste ich mich mit den Eltern eines Schülers auseinandersetzen, die nicht wollten, dass sich ihr Sohn im Religionsunterricht mit Okkultismus beschäftigt.
Solide Fachkenntnisse reichen nicht aus. Lehrer brauchen Geduld und ein starkes Selbstbewusstsein, sie müssen mit Enttäuschungen umgehen können und dürfen nicht alles persönlich nehmen. Auch sollten sie Freude daran haben, jungen Menschen etwas beizubringen. Abiturienten, die mit einem Lehramtsstudium liebäugeln, sollten sich fragen, ob sie den Beruf wirklich ergreifen wollen, sagt Ewald Terhart, Schulforscher an der Uni Münster. Beste Voraussetzungen habe, wer früher schon in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv war.
Das Studium bietet bislang kaum Gelegenheit, seine Eignung frühzeitig zu testen. Die Folge: Viele Studenten stellen erst im Referendariat fest, dass sie nicht zum Lehrer taugen. Fast 20 Prozent fallen sogar durch das Zweite Staatsexamen. Laura Schiller beispielsweise hat im Studium ein einziges Praktikum in einer Grundschule gemacht. Ganze zwei Stunden stand sie vor einer Klasse. Das zweite Pflichtpraktikum wurde ihr erlassen, weil sie ein Semester als Fremdsprachenassistentin in Frankreich verbrachte. Heute steht sie wenige Monate vor dem Zweiten Staatsexamen, gibt Lehrproben in einer neunten und einer elften Klasse eines ländlichen Gymnasiums bei Stuttgart. Sie zieht das Referendariat durch, obwohl sie schon weiß, dass sie eines später sicher nicht wird: Lehrerin. Lange Zeit war das ihr Traumberuf. Aber jetzt sagt sie: Schüler zu disziplinieren macht mir einfach keinen Spaß. Als Lehrer müsse man eine Art Dompteur sein. Im Referendariat aber habe sie gemerkt, dass sie das nicht kann. Und nicht will.
Um Fehleinschätzungen zu vermeiden, können angehende Lehramtsstudenten am erziehungswissenschaftlichen Institut der Uni Erlangen-Nürnberg sich auf ihre Eignung testen lassen. Bei der Selbsterkundung, ob das Unterrichten zu den eigenen Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen passt, hilft das Projekt Career Councelling for Teachers im Internet - unter http://www.cct-germany.de.
Wer innerhalb eines Schulpraktikums Kinder aus einem Ausflug begleitet oder bei der Gruppenarbeit im Unterricht mal eine Kleingruppe betreut, erfährt schon sehr viel über seine Eignung - beispielsweise ob man überhaupt mit Kindern kann und Geduld und Verständnis für ihre Anliegen aufbringt. Sinnvollerweise hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, dass es überall schon in der Frühphase des Studiums Schulpraktika geben soll. In Bayern und Hessen müssen Abiturienten mit dem Berufswunsch Lehrer schon jetzt vor Beginn des Studiums Orientierungspraktika absolvieren. Die Studenten sammeln so in den verschiedenen Schularten ihre ersten Erfahrungen. Später soll man sich dann auf eine Schulart konzentrieren und verstärkt selbst unterrichten. In Hamburg ist für fortgeschrittene Studenten der Masterphase künftig ein halbjähriges Praktikum vorgesehen. Baden-Württemberg hat bereits ein Praxissemester für angehende Gymnasiallehrer eingeführt; und in Rheinland-Pfalz werden die Masterstudenten künftig während der gesamten Vorlesungszeit einen Tag pro Woche in der Schule verbringen.
Während sich in puncto Praxisnähe also einiges tut, weist die Lehrerausbildung in entscheidender Hinsicht weiterhin große Defizite auf: Die Studenten lernen zu wenig darüber, wie man Schülern verschiedener Altersstufen Wissen vermittelt. Die Fachdidaktik ist das A und O eines guten Lehrers, doch die ist in Deutschland unterentwickelt, sagt Schulpädagoge Terhart. Das Problem: Wer später mal Deutschunterricht geben will, sitzt gemeinsam mit den Magisterstudenten im Seminar, künftige Chemielehrer lernen zusammen mit angehenden Diplom-Chemikern. Den meisten Professoren ist es egal, was die Lehramtsstudenten später können müssen. Aber nicht überall sind die Bedingungen gleich schlecht. Abiturienten, die Lehrer werden wollen, sollten bei der Wahl ihres Studienortes daher genau hinsehen.
Ramona Blobner plagte sich in ihrem Germanistikstudium mit mittelhochdeutscher Sprache und Literatur ab. Wie man in der fünften Klasse Gedichte durchnimmt, lernte sie nicht. Laura Schiller befasste sich in Anglistik mit Romanen von Jane Austen und moderner indischer Literatur. Wie man Schülern englische Grammatik beibringt, muss sie sich selbst überlegen. Zwar spielen didaktische Fragen später im Referendariat eine Rolle. Aber was die Studenten dort lernen, sind eher gute Ratschläge von erfahrenen Praktikern als wissenschaftliche Erkenntnisse.
Aufgrund ihrer Ausbildung hätten viele Lehrer ein falsches Selbstverständnis, kritisiert der Chemiedidaktiker Reinhard Demuth: Ein Geschichtslehrer etwa sieht sich hierzulande in erster Linie als Historiker. Er sollte aber etwas anderes sein: ein Experte für die Vermittlung von Geschichte.