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Psychopharmaka

Doping fürs Hirn

Von Margarete Hucht




29. Januar 2007 
Immer mehr Studierende fahnden in Internetforen, unter Freunden und Bekannten nach der Wunderpille gegen Prüfungsangst und Lernblockaden. Im Umlauf ist einiges - rezeptfrei davon weniges. Und die Gefahr, abhängig zu werden oder sich Schäden durch Nebenwirkungen einzufangen, ist nicht zu unterschätzen.

Kann man sich wirklich mit Tabletten auf Prüfungen vorbereiten? „Ja, kann man“, sagt Isabella Heuser. Sie ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité und provoziert bewusst. Aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie, dass sich Präparate zur geistigen Stimulierung gerade unter Studierenden wachsender Beliebtheit erfreuen. „Dass Wirkungen da sind, sieht man schon daran, dass Pillen genommen werden“, sagt sie. „Das ist eine Abstimmung mit den Füßen.“

Was genommen wird, hängt von der persönlichen „Notlage“ der Schwergestressten ab. Wer sich viel Stoff einbläuen und auswendig lernen muss, wird sich - illegal versteht sich - ein Amphetamin besorgen, um die Nächte durchzupauken und seine Lernphasen künstlich in die Länge zu ziehen. Wer vor einer mündlichen Prüfung unter Aufregung und Blockaden leidet, wird sich ein Wundermittel wünschen, das ihn beruhigt und dennoch konzentriert hält.

Das aber ist schwer zu finden. Die klassischen Tranquilizer, also Psychopharmaka, die angstlösend und entspannend wirken, haben zumeist eine stark zeitverzögerte Wirkung und können bei falscher Dosierung regelrecht betäuben. Felix Tretter, dreifach promovierter Chefarzt der Abteilung Sucht im Bezirkskrankenhaus Haar bei München, hat sich während seiner frühen Studienzeit selbst mal an einer vermeintlich perfekten Prüfungspille probiert. „Auf den Rat eines Medizinstudenten habe ich damals ein Diazepam, und zwar nur 2,5 Milligramm, am Vortag einer Prüfung zum Schlafen eingenommen“, sagt er. Und dann? „Am nächsten Tag war ich zwar ruhig, wie in Watte gepackt und ein wenig euphorisch, hatte aber noch weiche Knie, was sich nicht unbedingt gut auf die Leistung ausgewirkt hat“, erzählt er. „Man ist von Benzodiazepanen - dazu gehört beispielsweise Valium - schnell so sediert, dass man ein Aufputschmittel braucht“, sagt Tretter. „Bis die individuell optimale Dosis ermittelt ist, vergehen unter Umständen Wochen. Zudem hat diese Substanz hat eine Wirkungszeit von etwa zwei Tagen.“

Was für eine schöne Idee! Die Ängste und Blockaden lösen sich wie eine Tablette in einem Glas Wasser auf, das man dann nur noch zu trinken braucht. Und der Lernerfolg folgt vermeintlich auf dem Fuße. Doch die Gefahr, von den „kleinen Helfern“ abhängig zu werden, ist groß. Denn dank Pharma-Hilfe kommt man zunächst darum herum, sich mit den eigenen inneren und äußeren Konflikten auseinanderzusetzen. Die wahren Probleme werden nur zugedeckt und verschleppt. Auch bei der längerfristigen Einnahme von frei erhältlichen pflanzlichen Präparaten, die zumeist in Form von Alkohollösungen angeboten werden, sollte dieser Aspekt berücksichtigt werden.

Wenn die Prüfungspanik so groß ist, dass ein konzentriertes Arbeiten nicht mehr möglich ist, dann bedarf diese Störung der Therapie. „Es sind etwa 3 bis 7 Prozent aller Studierenden, die in Prüfungssituationen total blockieren“, sagt Heuser. „Die wissen das aber von Stunde null des Studiums an.“ Solche Kandidaten sollten sich nicht verstecken, sondern früh für ein Referat melden, rät sie. „Wenn das gut klappt, stärkt das das Selbstbewusstsein. Im anderen Fall, wenn der Vortrag wegen zu großer Nervosität komplett misslingt, dann ist immerhin klar: Ich muss was tun.“ Das Wirksamste sei dann, eine Verhaltenstherapie zu machen, die oft nicht mehr als zehn Stunden dauern müsse. „Hier lernt man, die Kontrolle über sich zurückzugewinnen und den Körper zu beherrschen. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Heuser.

Auch ein - vom Arzt verordneter - milder Betablocker kann vielleicht mal helfen. „Mit einem Betablocker spürt man den harten, pochenden, schnellen Herzschlag nicht mehr so“, sagt Heuser. Allerdings sei es auch hier nicht leicht, die richtige Dosis zu finden. Betablocker sind zudem die Gegenspieler zum körpereigenen Adrenalin, das die Konzentration fördert. Zu stark dosiert, beeinträchtigt das Medikament das Denkvermögen.

Viele andere Präparate wie Bachblüten, Vitamine und Traubenzucker helfen dem, der daran glaubt. „Wirkungen von Vitaminen sind für solche Situationen nicht nachweisbar“, sagt Isabella Heuser. „Die sind wasserlöslich und werden ausgeschieden.“ So bleibt an gesunden Hausmitteln ohne Nebenwirkungen nur eine ernüchternde Palette. Gegen Kaffee und Cola in Maßen ist nichts einzuwenden. Sport, Entspannung sowie Ausgleich im Privatleben und ausreichend Schlaf sind außerdem wichtige Alltagsstützen, die man braucht, um anstrengende Lernphasen zu überstehen. Dann wäre da noch ein geregelter Tagesablauf, der - wie das Training beim Sport - immer ähnlich und ziemlich unspektakulär ablaufen sollte. Regel a für Prüfungsvorbereitungen lautet: frühzeitig anfangen. Regel b: einen strikten Plan machen - etwa sechs Stunden lernen, zwei Stunden Pause einlegen, am besten Sport machen, noch mal zwei Stunden lernen. Und Regel c: rechtzeitig ins Bett gehen und gut schlafen. „Bestenfalls kann man ein bis zwei Glas Bier oder Wein trinken, um Einschlafprobleme zu mindern“, sagt Tretter. „Frauen sollten allerdings nicht mehr als die Hälfte davon trinken.“

Wer sich mit Fleiß und Vernunft fit hält, dem wird der Organismus vor der Prüfung freiwillig seine „körpereigenen Drogen“ ausschütten. Ohne gespannte Erregung und Lampenfieber wird dabei wohl niemand die Prüfungssituation meistern. Und genau diese Anspannung führt zur Freisetzung von Adrenalin. „So ein Adrenalin-Rush wirkt ähnlich wie Kokain“, sagt Heuser. „Er steigert die Aufmerksamkeit, macht konzentrierter und man kann sich besser erinnern.“

Und wenn es trotzdem nicht klappt? Der Arzt, Psychologe und Sozialwissenschaftler Felix Tretter hält es für die Lebensaufgabe eines Menschen schlechthin, herauszufinden, wie weit ihn seine natürlichen Ressourcen tragen, und mit diesen verantwortlich und gut umzugehen. „Man darf auch scheitern - man muss nicht alles durchsetzen“, sagt er. „Was nützt es, wenn ich mit einem Diazepam die Prüfung bestehe, aber ich nicht weiß, wie ich im Beruf oder im Leben bestehen soll?“

So sei es schließlich ein lebenslanger Weg, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was mich stimuliert und was mich beruhigt. Sind es kalte, sind es warme Duschen? Ist es ein schönes Telefonat? Musik? Yogaübungen auf dem Teppich? Wie ernähre ich mich? Was tut mir gut? Wie schlafe ich erholsam? Habe ich genug getrunken? Der Organismus braucht zum Lernen ausreichend Wasser, sonst wird er lahm.

„Was nützt es, wenn ich mit einem Diazepam die Prüfung bestehe, aber ich nicht weiß, wie ich im Beruf oder im Leben bestehen soll?“

Nur so entrinne ich dem „Teufelskreis eines labilen und überwiegend negativ gefärbten Selbstwertgefühls“, den Tretter für das Kernproblem aller psychischen Probleme und nicht zuletzt der Arbeitsblockaden und Studienängste hält. „Wer nicht mehr da herauskommt, für den steht dann bei jeder Belastungssituation das eigene Ego aufgrund des wackligen Selbstkonzepts unter Beschuss“, sagt er. „Und das erzeugt wiederum Angst! Man stempelt sich selbst innerlich als Versager ab und versucht - aus vermeintlichem Schutz -, schwierige Situationen zu vermeiden oder sich mit Stimulanzien hochzufahren oder durch Sedativa abzuschirmen.“ Wer nun noch eigenmächtig mit Medikamenten herumprobiert, begibt sich in ein Vabanque-Spiel. Denn langfristig können Pillen die Absturzgefahr für die Psyche nicht puffern.

Doch nicht nur, wer aus Angst zu Medikamenten greift, auch wer mit Aufputschern die Nächte durchmacht, setzt seinen Körper einem Mega-Stress aus. „Amphetamine wird kein verantwortungsbewusster Arzt verschreiben“, sagt Isabella Heuser. „Der Preis für den Körper ist viel zu hoch.“ Die Leberwerte verändern sich, und bei geputschtem Blutdruck kann es sogar zu krampfartigen Anfällen wie bei einer Epilepsie führen. Beim Absetzen des Mittels hängt man, wie man so schön sagt, völlig in der Luft bis hin zur totalen Apathie: Nichts geht mehr. Auch ein geregelter Schlaf ist erst einmal nicht mehr möglich. Solche Medikamente sollten nur als „Notfallplan“ und unbedingt in Abstimmung mit einem ärztlichen Psychotherapeuten in Erwägung gezogen werden, betont Heuser.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 88, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor