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Geocaching

High-Tech-Schnitzeljäger

Von Christoph Koch




22. Mai 2006 
Wer schon als Kind gern auf Schatzsuche gegangen ist, kann diese Leidenschaft jetzt, verknüpft mit Internet und GPS-Technik, neu entdecken.

„Welcher vegetarische Nager hat hier seine Spur hinterlassen“, fragt Sascha laut, kratzt sich am unter einer dicken Kapuze versteckten Kopf und sieht sich um: Gebüsch, einige höhere Bäume, ein kleiner Trampelpfad, nebenan ein Bach … Da! Auf der anderen Seite des Wassers steht ein dicker Baumstamm, beinahe einen Meter im Durchmesser, der von Bibern so angeknabbert wurde, daß er jetzt eher aussieht wie eine Sanduhr. „Das ist der vegetarische Nager - ein Biber“, ruft Sascha. „Jetzt kommen wir wieder weiter!“


Warum Sascha an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag durch die Isarauen Münchens streift und Rätselaufgaben über Biber löst, ist zunächst einfach zu beantworten: Er ist Geocacher. Das wiederum zu erklären ist etwas komplizierter. Man muß sich Geocaching vielleicht wie eine moderne Mischung aus Schnitzeljagd und Schatzsuche vorstellen, für deren Lösung man das Satelliten-System GPS (Global Positioning System) benötigt. In der einfachsten Variante funktioniert Geocaching so: Jemand versteckt einen „Cache“ (zu deutsch etwa: geheimes Lager) an einem bestimmten Ort und gibt im Internet an, unter welchen Koordinaten er diesen Quasi-Schatz deponiert hat. Andere Geocacher lassen sich von ihren GPS-Geräten an eben diese Stelle lotsen, suchen das genaue Versteck und verewigen sich in der Liste derjenigen, die den Cache aufgespürt haben. „Das ist ein paarmal ganz lustig, verliert aber schnell seinen Reiz“, winkt Sascha ab, während er weiter durch die schneebedeckte Landschaft streift. „Multis sind meistens viel lustiger.“ Multis, also Multi- oder Offset-Caches, verlangen von dem Suchenden, zuerst mehrere Stationen aufzusuchen und dort Rätsel zu lösen.

„Vor allem die Mischung aus HighTech und Natur finde ich cool.“

Jedes gelöste Rätsel birgt in sich die GPS-Koordinaten der nächsten Station - so wie eben der Biber. Die Cache-Beschreibung, die sich Sascha aus dem Internet ausgedruckt hat, gibt ihm genaue Anweisungen, wie Buchstabenanzahl des Lösungswortes, Anzahl der Vokale und die einzelnen Positionen der Buchstaben im Alphabet die neuen Koordinaten ergeben. Sascha programmiert diese in sein GPS-Handgerät ein, und wenige Sekunden später weist ihm dieses - mit mehreren Satelliten in Kontakt - den Weg.


„Man wird wirklich ein bißchen süchtig“, lacht Sascha Haupt. Er ist 24, studiert Elektrotechnik und Informationstechnik an der FH München und geht seit ungefähr einem Jahr zum Geocachen. „Vor allem die Mischung aus High-Tech und Natur finde ich cool.“ Heute hat er seine Kommilitonin Daria dabei, der er von seinem ungewöhnlichen Hobby erzählt hat und die sich jetzt einmal ansehen will, „was hinter der ganzen Sache steckt“. Gemeinsam sind sie mit dem Auto zur Startstelle der Cache gefahren, die im Internet angegeben war, haben schon zwei Rätsel gelöst, jetzt stapfen sie bereits seit einer ganzen Weile an einer Schnellstraße entlang. Sascha wird mißtrauisch: „Ich glaube, wir sind falsch. Das mit dem Wasser vorhin war so idyllisch, der führt uns jetzt nicht plötzlich zwischen Automassen herum.“ Tatsächlich - er hat sich beim Buchstabenzählen vertan und eine falsche Ziffer in sein GPS-Gerät eingegeben. Kein Wunder, daß ihn dieses nun in die verkehrte Richtung schickt. „Gehört auch dazu“, zuckt Sascha mit den Schultern und gibt zu: „Es gab auch schon Caches, die ich gar nicht geschafft habe.“

Rund 15.000 Geocache-Verstecke gibt es inzwischen in Deutschland, weltweit sind es über 240.000 - da ist in jeder Region und für jeden Geschmack etwas dabei: Es gibt leichte, die man bei einem Spaziergang mit Kinderwagen bewältigen kann, schwierige, die einiges an Kletterei erfordern, und extrem schwierige, bei denen die „Cache-Box“ genannte Schatztruhe zum Beispiel auf dem Grund eines Sees liegt. Der Phantasie der Schatzvergräber sind keine Grenzen gesetzt - aber um Frust zu vermeiden, steht in der jeweiligen Internetbeschreibung, was einen ungefähr erwartet. Sascha hat insgesamt bereits über 50 Caches gefunden. Er hat auch einige Lieblings-Caches, kann aber nicht verraten, was an ihnen so toll ist: „Damit nimmt man anderen den Reiz.“ Selbst versteckt hat er auch schon die ein oder andere Cache-Box. „Das ist aufwendiger, ist aber auch eine ganz besondere Herausforderung“, schwärmt der junge Dachauer. „Ein gutes Versteck zu finden - aber auch eine schöne Route dorthin auszuwählen und anspruchsvolle Rätsel zu stellen, die im Idealfall auch lustig sind.“ Flexibel zu sein ist für ihn ein weiterer Vorteil seines Hobbys: „Man kann losgehen, wann immer man Lust hat.“


Sascha und Daria sind inzwischen an ihrem Zielort angekommen. Hier wartet kein weiteres Rätsel mehr, sondern - in einem hohlen Baum versteckt - die Cache-Box. Sascha überläßt seiner Begleiterin die Ehre, den Schatz zu bergen. „Schon ein aufregendes Gefühl“, freut sie sich - doch dann stutzt sie: eine in eine Plastiktüte eingewickelte Tupperdose? Drinnen befinden sich neben einem Logbuch, in das sich jeder Finder eintragen kann, ziemlich wertloser Krimskrams: Schlüsselanhänger, Plastikfiguren, ein zehnseitiger Würfel. Dazu: eine laminierte Nachricht an zufällige Finder, die erklärt, was Geocaching ist, und darum bittet, die Box unversehrt wieder an ihren Platz zurückzulegen. Sascha und Daria tragen sich in das Logbuch ein, legen einen Leuchtstab in den Plastikbehälter und nehmen dafür den zehnseitigen Würfel heraus. „Hey, ein W10, den kann ich gut gebrauchen.“- Daria ist Rollenspielerin. Denn auch wenn es keine wirklichen Schätze zu finden gibt: Ganz ohne einen kleinen materiellen Anreiz und die Überraschung, was sich in der Box verbergen mag, wäre es auch langweilig.

Der Phantasie der Schatzvergräber sind keine Grenzen gesetzt.

Besonders alt ist das Phänomen Geocaching nicht: Erst am 1. Mai 2000 wurde das GPS für Privatpersonen freigegeben, vorher konnte nur das Militär die Peilsatelliten für genaue Ortungen benutzen. Der erste offiziell dokumentierte Cache wurde nur zwei Tage nach der Freischaltung im US-Staat Oregon versteckt und weitere drei Tage später zum ersten Mal gefunden. Nach wie vor kommen die meisten und aktivsten der High-Tech-Schnitzeljäger aus den USA. Doch auch in Deutschland ist die Szene aktiv: Die eifrigsten Sammler haben inzwischen über 1.000 Caches aufgespürt.

Nach einer kurzen Stärkungspause machen sich Sascha und Daria auf zum nächsten Cache. Inzwischen ist die Winternacht hereingebrochen. „Nacht-Caches machen mir am meisten Spaß“, sagt Sascha und überprüft seine große Stabtaschenlampe. Der Pfeil des GPS-Geräts führt die beiden einen Waldweg im Münchner Norden entlang, nur der beinahe volle Mond erhellt die Szenerie gespenstisch. Als sie schließlich an ihrem angepeilten Zielort - einer Kiesgrube - ankommen, gibt es dieses Mal kein Rätsel zu lösen: Statt dessen leuchten die beiden mit ihren Taschenlampen die Umgebung ab, den Lichtkegel immer auf Augenhöhe.

„Bei Nacht-Caches wird in der Regel mit Reflektoren gearbeitet“, erklärt Sascha. „Wenn es bei einem von den Bäumen blinkt, weiß man: Da ist der nächste Hinweis.“ Er hat noch nicht zu Ende gesprochen, da erkennen die beiden Studenten, warum dieser Cache „Entscheidung in der Nacht“ heißt: Überall blinkt es im Wald, mindestens ein Dutzend kleine Reflektoren sind an den Bäumen angebracht. Die ersten, zu denen sie durch den Schnee eilen, entpuppen sich als Nieten: „Pech gehabt“ steht auf kleinen laminierten Zetteln, die am Fuß der Bäume angebracht sind, oder einfach nur „Nö“. Daria ist es schließlich, die den richtigen der vielen Reflektoren findet: „Such weiter“, heißt es hier. Beim Weiterleuchten sieht sie in einiger Entfernung den nächsten Reflektor blinken. Immer weiter geht es in den Wald hinein, bis schließlich der Schatz - versteckt unter einem großen Stück Rinde - gehoben ist. Als Sascha und Daria zu ihrem Auto zurückkehren, stehen plötzlich zwei weitere Fahrzeuge auf dem kleinen Parkplatz. „Das sind auch Cacher“, ruft Sascha nach einem Blick ins Fahrzeuginnere aufgeregt, „jetzt ist es Zeit für ein bißchen Sushi.“ Daria schaut ihn verständnislos an, und Sascha beginnt zu erklären: Seit sich ein paar Münchner Cacher bei einem Nacht-Cache von der Gruppe verabschiedeten, angeblich um „Sushi essen zu gehen“, sich jedoch in Wirklichkeit kurz darauf an die Gruppe anschlichen und sie mit Silvesterkrachern erschreckten, wird diese Art von Scherz als „Sushi“ bezeichnet.

„Man trifft tatsächlich öfter andere Cacher, als man annehmen würde“, erklärt Sascha und holt ein Päckchen Knaller aus der Seitentasche seiner Armeehose. Licht- und geräuschlos schleichen er und Daria zurück zum Chache-Versteck und legen sich auf die Lauer. Und in der Tat: Kurz darauf tanzen Lichtkegel durch den Wald, Stimmen kommen näher - es sind wirklich andere Cacher. Sascha läßt sie so nahe wie möglich herankommen, dann wirft er die Kracher - natürlich in ungefährliches Niemandsland. Daria schickt ein paar hinterher, und plötzlich ist aus dem eher beschaulichen Schatzsuch-Spiel eine aufregende Partie „Räuber und Gendarm“ geworden.

„Für manche ist Geocaching eben eine todernste Sache.“

Als Sascha sich schließlich zu erkennen gibt, hält sich die Begeisterung über seinen Scherz auf der anderen Seite in Grenzen. „Für manche ist Geocaching eben eine todernste Sache“, resümiert er auf der Heimfahrt ein wenig enttäuscht. „Aber ich denke, es ist wie im normalen Leben auch: Humor gehört einfach dazu.“ Zuhause zieht er seine Winterkleidung aus, schaltet den Computer ein und trägt seine gefundenen Caches von heute ein. Für den Sushi-Überfall gibt es leider keine Punkte. Trotzdem: Es war ein guter Tag.

GPS
Global Positioning System. Satellitengestütztes Navigationssystem des US-Verteidigungsministeriums zur weltweiten Positionsbestimmung. Cache-taugliche GPS-Geräte sind ab etwa 120 Euro zu haben (gebraucht ab 50 Euro), mit ihnen kann man einen Ort auf etwa 15 Meter genau anpeilen.

Muggels
Auch Geomuggels: Uneingeweihte, Nicht-Cacher. Mit den Muggels verbindet die Cacher eine seltsame Haßliebe. Einerseits stören sie manchmal beim Suchen oder finden die Cachebox selbst und entwenden sie. Andererseits genießen die Cacher bisweilen amüsiert die verwunderten Blicke der Unwissenden.

Sushi
Vor allem im Münchner Raum verbreitete Tradition. Andere Cacher, die man bei der Suche zufällig sieht, werden nicht offiziell begrüßt, sondern überrascht und z. B. durch Silvesterknaller erschreckt.

Down-Trade
Abwärtstausch. Verpönte Praxis, etwas Hochwertiges aus der Cache-Box zu entnehmen und etwas mit niedrigerem Wert hineinzulegen.

Loggen
Sich als Finder eines Caches eintragen. Sowohl in dem realen Logbuch in der Cache-Box als auch im Internet. Wer dabei erwischt wird, daß er im Internet mit Funden angibt, die er in Wirklichkeit gar nicht getätigt hat, ist bei den Geocachern untendurch.

FTF
Abkürzung für First To Find. Bezeichnet denjenigen, der einen neuen Cache als erstes aufspürt. Damit man nicht verpaßt, wenn ein neuer Cache im Internet gepostet wird, bieten einige Internetseiten (teilweise kostenpflichtige) Benachrichtigungen aufs Handy an.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 84, 2006
Bildmaterial: Christoph Koch