30. August 2008

Einleben

Hamburger Freiheiten

Von David Selbach



10. Dezember 2007 Hamburg ist konservativ. Hamburg ist hip. Hamburg ist die Stadt des Großbürgertums und die Stadt der kleinen Leute. Und: Hamburg platzt aus allen Nähten. Denn längst hat es sich herumgesprochen, dass es in der Zweimillionenstadt prosperierende Arbeitgeber, viele Jobs und gute Karrieremöglichkeiten gibt.

Johannes Gaußmann brauchte nur ein paar Wochenenden, um diesen unwiderstehlichen Hang zu Hamburg zu entwickeln. Der heute 30-Jährige hat in Braunschweig studiert, und weil dort wenig los ist, unternahm er mit seinen Freunden immer wieder den anderthalbstündigen Abstecher an die Elbe. „Der Hafen ist beeindruckend, die Nähe zum Wasser“, schwärmt der Architekt. „Hamburg ist eine globale Stadt, sehr kosmopolitisch. Berlin mag vielleicht genauso international sein - aber bei weitem nicht so lässig.“ So fand er in Hamburg seine neue Heimat. Seit zwei Jahren arbeitet er im Architekturbüro Spengler und Wiescholek. Besonders freut es ihn, dass er von seiner Wohnung im grünen und ruhigen Ottensen nur zehn Minuten mit dem Rad zur Elbe oder in die City braucht, vorbei am größten Hafen der Republik, einigen der wichtigsten Verlage und Agenturen, den Reedereien und dem Rotlicht-Kiez, auf den die sonst so spröden Hanseaten mächtig stolz sind.


Hamburg ist die wohl weltläufigste Großstadt, mit der Deutschland aufwarten kann. Die Seefahrt, das Portugiesenviertel und die ungezählten Zugezogenen und Wahlhanseaten wie Johannes Gaußmann bringen das Flair vom „Tor zur Welt“ in die Hansestadt. Das Meer ist nah, mit der Alster haben alle einen einmaligen See vor der Nase, den sogar Stadtplaner in China für ihre Retorten-Siedlungen nachbauen. So viel Attraktivität wirkt sich aus. Nach einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung werden die Schülerzahlen in Hamburg bis 2020 um 3,2 Prozent leicht ansteigen - während sie in allen anderen Bundesländern sinken. Zwar ist auch an der Elbe die Geburtenrate niedriger als früher, die Hansestadt profitiert aber von einer starken Zuwanderung. So wächst die Bevölkerung in Hamburg, während sie in ganz Deutschland schrumpft.

Das weiß auch Johannes Gaußmann. „Ein guter Markt für Architekten“, sagt der Wahlhamburger. „Hier wird gerade sehr viel gebaut.“ Er selbst darf bei Spengler und Wiescholek an der neuen Hafencity planen. „Das wird das Viertel des 21. Jahrhunderts“, begeistert sich Gaußmann. Innerhalb von 25 Jahren stampfen internationale Investoren auf dem brachliegenden alten Hafengelände hinter der Speicherstadt einen neuen Stadtteil mit Wohnungen für 30.000 Menschen aus dem Boden, außerdem ein Meeresmuseum, die neue Elb-Philharmonie und Bürogebäude für „Spiegel“ und Unilever. „Wir werden die Grundschule am Sandtorpark bauen“, sagt der junge Architekt stolz.


Wenn er ins Büro an der Elbchaussee fährt, die ins reiche Blankenese führt, spürt er den Wohlstand, der sich in den Villen der feinen Stadtteile versteckt: „Da fahren unglaublich viele riesige Autos an einem vorbei.“ Dennoch regiert hier der Bürgersinn: „In Hamburg wurde nie für die Befriedigung von Machtansprüchen gebaut“, betont Gaußmann. „Es gibt keine großen Achsen oder Prunkbauten. Hamburg ist eine zutiefst demokratische Stadt. Man sieht zwar das Geld, aber es wird nicht damit geprotzt.“

Die Reichen und Schönen von der Elbe sind außerdem gute Kunden. Ritchie Karkowski jedenfalls setzt auf sie. Die 28-Jährige ist Designerin, wohnt und arbeitet in Hamburgs Kreativenkolonie Schanzenviertel, das eine ähnliche Mixtur wie mancher Berliner Kiez zelebriert: mit zu Clubs umgewandelten Eckkneipen, alt-autonomen Stützpunkten und eben jeder Menge junger Designer-Läden. Anders als in der Hauptstadt gibt es in Hamburg aber auch Leute, die für ein Designer-Kleid 500 Euro und mehr ausgeben können. Und diese Klientel peilt die ehrgeizige Jung-Designerin von ihrem Mini-Atelier aus an, das sie in ihrem Wohnzimmer betreibt. „Im Moment entwerfe ich viele Stücke für Musiker und Models“, sagt Karkowski. So hat sie einen Frack für Sänger Udo Lindenberg geschneidert, dessen Futter mit selbstgemalten Bildern des Musikers bedruckt war. Auch die Moderatorin und Schauspielerin Noah Sow gehört zu Karkowskis Kunden. Als Schneiderin in einer Nähwerkstatt in der Hamburger City hat sie gelernt, welche Qualität teure Mode ausmacht, als sie Stücke von Max Mara, Louis Vuitton, Hermès und Verena Lange änderte und Musterkleider für Modenschauen nähte. Jetzt kombiniert sie Konservatives wie Tweed oder Goldkanten - aber mit gewagten Schnitten. „Hamburger pflegen eher einen konservativen Stil“, sagt die Designerin. „Aus sich selbst heraus sind sie nicht sehr phantasievoll. Sie brauchen den Anstoß von außen.“ Und so arbeitet Ritchie daran, dass reiche Blankeneserinnen sich „einen Karkowski“ zulegen.

Die Tochter einer Philippinin mit deutschem Stiefvater verkörpert einen weiteren Zug dieses „Tors zur Welt“. Hier erschöpft sich Multikulti nicht in einigen Straßenzügen, die von Türken und Griechen bevölkert werden. Hamburg ist internationaler. Die Portugiesen bilden die fünftgrößte Gruppe der Ausländer, es gibt mehr als 10.000 Afrikaner, außerdem viele Asiaten.

„Mein Vater kommt aus Argentinien, und in meiner Klasse waren wir sieben Nationalitäten“, sagt Lorena Toledo, die gerade ein Praktikum bei der Multimedia- und Werbeagentur Fuse in der Nähe der Alster absolviert. „Eine meiner Freundinnen ist Bulgarin, eine andere Halb-Äthiopierin. Das ist ein Teil von Hamburg.“ Jetzt bastelt Toledo an ihrer Karriere in den Medien. Und welche Stadt wäre dafür besser geeignet als Hamburg, wo Gruner + Jahr, der Spiegel-Verlag, Springer, die Verlagsgruppe Milchstraße, Die Zeit und der Norddeutsche Rundfunk ihren Sitz haben - außerdem Hunderte Werbe- und PR-Agenturen sowie die Werbetexter-Schule „Texterschmiede“. Toledo konnte schon als Schülerin bei Fuse jobben. Sie sprach Moderationstexte für den Internet-TV-Kanal der Zeitschrift „Mädchen“. Auch jetzt arbeitet sie in der Filmabteilung, schneidet, vertont und schreibt Texte, während sie auf einen Studienplatz für Journalismus oder Medienwissenschaft wartet.

Martin Hintze ist da schon weiter. Der 25-Jährige hat im Herbst ein zweimonatiges Praktikum bei der Wochenzeitung Die Zeit absolviert. „Was die gedruckten Medien angeht, hat die Hansestadt einfach die größte Vielfalt“, sagt Hintze, der in Münster Kommunikationswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Politologie studiert hat. „Die Zeit, Spiegel, Stern, Financial Times, Bild, Hamburger Abendblatt - alle haben ihren Sitz in Hamburg.“ Das merke man allenthalben, hat der Nachwuchsjournalist beobachtet: „In den Kneipen muss man regelrecht einen Bogen um die Schreiberlinge machen“, sagt Hintze und grinst. „Bevorzugt in kleinen Gruppen hockt die Journaille zusammen, tut wichtig, trinkt Becks oder Wein und diskutiert staatstragende Themen.“ In Hamburg hat man eben immer die ganze Welt im Blick.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Tim Wegner
 
 
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