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Elitestudiengänge

Von Fenja Mens



Julia Wiesent
16. Mai 2006 
Bislang sind 16 neue Elitestudiengänge seit dem Wintersemester 2004/2005 im Freistaat Bayern an den Start gegangen. Sie versprechen beste Betreuung, hochkarätige Netzwerke, schnelle Abschlüsse und Spitzenjobs im In- und Ausland. Wir wollten wissen, was es damit auf sich hat, und haben uns beispielhaft den Augsburger Elitestudiengang „Finance and Information Management“ einmal näher angeschaut.

Soll man sie nun beneiden oder doch eher nicht? Schwer zu sagen für die Freunde von Julia Wiesent. Freizeit ist knapp geworden, seitdem die Betriebswirtschaftlerin nach dem Vordiplom zur Elitestudentin geworden ist. Der viersemestrige Turbostudiengang „Finance and Information Management“ (FIM) gehört zu den neuen Elitestudiengängen im Freistaat Bayern, in denen die Crème de la Crème ausgebildet wird. Die Kooperation zwischen den Universitäten Augsburg, Erlangen-Nürnberg und der TU München bereitet besonders begabte Studenten der Betriebswirtschaftslehre, der Informatik oder der Mathematik auf Top-Jobs im internationalen Geldgeschäft vor. Das bedeutet: zwei Jahre volles Programm. „Acht bis neun Stunden Uni täglich plus vier bis fünf Stunden Vor- und Nachbereitung sind realistisch“, meint Julia Wiesent. Für ihr Tennis und das Volleyballspielen hat die leidenschaftliche Sportlerin deutlich weniger Zeit. Auch Verabredungen mit Freunden lassen sich längst nicht mehr so selbstverständlich im Terminkalender unterbringen. Auf der anderen Seite genießt die Augsburger Studentin paradiesische Studienbedingungen: Seminare in kleinen Gruppen, Mentoring aus Wirtschaft und Wissenschaft, hochmotivierte Dozenten, die ihre Schützlinge gut kennen und jederzeit ansprechbar sind.

Christian Weiß

„Acht bis neun Stunden Uni täglich plus vier bis fünf Stunden Vor- und Nachbereitung sind realistisch.“

Im Massenbetrieb Uni wirken Angebote wie das FIM wie eine Insel der Seligen. Zehn Studenten und vier Studentinnen finden sich an diesem Vormittag zu einer eher intimen Vorlesung ein, die mit den überfüllten Hörsälen anderer Fakultäten so gar nichts zu tun hat. Ein Tageslichtprojektor wirft Stichworte zur Managerentlohnung „als Lösung des CG-Problems“ an die Wand. „Welche langfristigen Anreize können Unternehmen zusätzlich bieten?“ will Finanzprofessor Christoph Kaserer von seinen Studenten wissen. Der Lehrstuhlinhaber für Internationales Management und Internationale Kapitalmärkte der TU München ist einer der zehn für das FIM-Programm verantwortlichen Professoren. Sachlich moderierend, mit griffigen Beispielen, bringt er ein Gespräch über Aktienoptionen, den Sinn von Ausübungsfenstern und den Mißbrauch von Insiderwissen in Gang. Die handverlesene Elite wirkt aufgeschlossen und konzentriert, manche tippen eifrig in ihre Laptops. Vom stachelhaarigen Freak bis zur bezopften Kommilitonin mit sorgfältig gespitztem Stift sind hier die verschiedensten Typen vertreten. „Die Corporate-Governance-Vorlesung ist immer gut besucht“, flüstert Julia Wiesent, die sich in der hinteren Reihe niedergelassen hat. Für die 25 Jahre alte Studentin ist die Veranstaltung kein Muß. Als Teilnehmerin des ersten Jahrgangs hat sie bereits das vierte Semester erreicht und steckt mitten in der Individual Study of Research. Unter Hochdruck arbeitet sie an einem Paper, das sie der Führungsspitze der Radeberger Brauerei vorstellen wird, und bereitet sich auf einen halbjährigen Auslandsaufenthalt in Singapur vor. Trotzdem nimmt sie weiterhin so viele Angebote wie möglich wahr. „Die meisten hier machen mehr“, fügt sie fast ein wenig entschuldigend hinzu und schüttelt gut gelaunt ihre Lockenmähne. „Weil es einfach so viele interessante Angebote gibt.“

Im FIM-Trakt im Augsburger Institut für Wirtschaftswissenschaften kennt jeder jeden. Im Strickpulli, mit der Aktentasche in der Hand, eilt Hans-Ulrich Buhl nach allen Seiten freundlich grüßend über den Flur. Die Kombination aus Finanzmanagement und Informationswirtschaft sei weltweit einmalig, betont der Wirtschaftsinformatiker, der dem Leitungsgremium des FIM-Elitestudiengangs vorsitzt. Der persönliche Kontakt zu den Studenten wird im Kollegium großgeschrieben. „In der Masse verstecken kann sich hier niemand“, sagt Christian Weiß. Der 23 Jahre alte Student gehört dem zweiten Jahrgang an, der im Oktober gestartet ist. „Jeder kennt einen beim Namen. Wenn man in einer Veranstaltung fehlt, fällt das sofort auf.“ Viele der Studenten sind Stipendiaten unterschiedlicher Stiftungen wie der Studienstiftung des Deutschen Volkes oder der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Diszipliniertes Arbeiten war ihnen auch vor der Aufnahme in den Elitestudiengang nicht fremd. Auch Weiß gehört der Bayerischen Eliteakademie an. Professor Buhl persönlich hatte den begabten Wirtschaftsmathematiker auf einer Fortbildungsveranstaltung kennengelernt und auf das FIM-Programm aufmerksam gemacht.

„Jeder kennt einen beim Namen. Wenn man in einer Veranstaltung fehlt, fällt das sofort auf.“

Heute ist er sein Betreuer. Zweimal im Semester treffen sich die beiden zu Zielfindungsgesprächen, analysieren die Stärken und Schwächen des Studenten und überlegen, welche Themen und Bausteine in seiner Ausbildung noch fehlen. Jeder der Elitestudenten wird jeweils von einem Mentor aus der Wirtschaft und einem aus der Wissenschaft begleitet. Die enge Verzahnung von wissenschaftlichem Tiefgang und Praxisnähe ist Programm. „Genau das hat mich hierher gezogen“, sagt Weiß. Nach dem Vordiplom wechselte er von Bamberg nach Augsburg. Besonders stressig, da ist er sich mit Julia Wiesent einig, ist die Angleichungsphase direkt zu Beginn des Studiengangs. In sieben parallel laufenden Kursen werden die aus verschiedenen Fachrichtungen stammenden Studenten auf einen Stand gebracht und können gegebenenfalls den Bachelor nachholen. Die Zweiteilung in Theorie und Praxis zieht sich durch alle Semester. Im ersten Teil werden methodische Grundlagen vermittelt, die in Projektseminaren und Fallstudien in der zweiten Hälfte umgesetzt und geübt werden können.

Weltabgewandte Wissenschaftler sind in Augsburg nicht gefragt. In den Auswahlgesprächen prüfen Buhl und sein Stellvertreter, der Münchner TU-Professor Rudi Zargst, sehr gezielt, ob ein Bewerber „Biß“ hat: Will er etwas bewegen, will er führen? Die Absolventen werden nach dem Masterabschluß als exzellente Finanzdienstleister für Banken, Versicherungen und in der Industrie gefragt sein. Wer den Ehrgeiz hat und die Bereitschaft mitbringt, in vier, höchstens fünf Semestern ein strammes Pensum zu erarbeiten, der findet ideale Voraussetzungen vor. Die Zusammenarbeit mit Universitäten in Reading, Singapur, Toronto oder St. Gallen gewährleistet den Blick über den Tellerrand, entsprechend ist der Ausbildungsgang zweisprachig angelegt. Alle Gastdozenten halten ihre Vorträge in englischer Sprache, Vorlesungsunterlagen sind ebenfalls meistens in englisch. Intensive Trainings in den Summer Schools schulen die hier hochgeschätzten Soft Skills und die Fähigkeit, Vorträge überzeugend herüberzubringen. Interdisziplinäre Seminare, etwa mit der Uni Erlangen-Nürnberg, erlauben den Nicht-Technikern Einblicke in die Realwelt - und umgekehrt. Die Unterstützung namhafter Unternehmen wie IBM, Deutsche Bank, A.T. Kearney oder Volkswagen ermöglicht spannende Praxiseinsätze im In- und Ausland. „Als Mentee konnte ich meinen Mentor bei Radeberger in Frankfurt als Shadow begleiten“, erzählt Julia Wiesent. „Sogar auf Vorstandssitzungen war ich dabei.“
Ihr Sommerpraktikum hat sie als Grundlage für eine Datenanalyse zur Kreditvergabe an Pächter genutzt. Die Ergebnisse dieser Individual Study mußten ebenso wie die der Bachelorprojekte vor den Führungsriegen der begleitenden Unternehmen präsentiert werden. „Es gehört unheimlich viel Überwindung dazu, sich da hinzustellen und loszulegen“, sagt Elitestudentin Wiesent, die ihren ersten Auftritt vor dem Vorstand der VW Bank hatte. Ein Challenge, bei dem auch die zeitliche Herausforderung garantiert ist.

Wer sich seinen Lebensunterhalt nebenbei erarbeiten muß, kommt in Elitestudiengängen wie dem FIM nicht weit. „Es ist ein Fulltime-Studium“, unterstreicht Programmkoordinator Dennis Kundisch. Das Konzept bietet deshalb Finanzierungsmöglichkeiten an. Studenten können einen Kredit aufnehmen, den sie nach dem Eintritt ins Berufsleben über einen Zeitraum von zehn Jahren zurückzahlen. Noch hat niemand das Angebot in Anspruch genommen. „Man lebt ja als Student bescheiden und braucht nicht viel“, sagt Christian Weiß. Aber auch er spürt die höhere zeitliche Belastung durch das Studium deutlich. In Bamberg hatte er als Werkstudent gejobbt. „Das ginge jetzt auf gar keinen Fall mehr.“ Viele der Elitestudenten verdienen sich mit Hiwi-Jobs an der Uni ein bißchen Geld nebenher oder betreuen Tutorien. Die Semesterferien - in Augsburg lieber „vorlesungsfreie Zeit“ genannt - sind weniger geeignet, das Konto wieder aufzufüllen. Neben den obligatorischen Summer Schools sind diese Wochen für Praktika und kleine Forschungsarbeiten vorgesehen. „Zeit für Urlaub haben wir auch“, so Julia Wiesent. „Aber nicht unendlich viel.“ Mit ihrer fröhlichen Art macht die Studentin allerdings nicht den Eindruck, als würde sie unter Anfällen von Einsamkeit oder Überlastung leiden. Die Zeit für Hobbys und Freunde müsse man sich zwar schon sehr einteilen, dafür sei jedoch die Atmosphäre super. „Wir arbeiten hier sehr viel in kleinen Teams zusammen und treffen uns häufig - dann macht man eben mit den Leuten mehr zusammen.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 84, 2006
Bildmaterial: Gunda Achterhold