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groundhopping

Groundhopping - Fußballstadien sammeln

Von Christoph Koch




19. Juni 2006 
Die meisten Fußballfans haben „ihr“ Stadion, in das sie immer und immer wieder gehen, um ihren Verein treu anzufeuern. Andere versuchen, so viele Fußballstadien wie möglich zu besichtigen. Von deutschen Regionalliga-Plätzen bis in die schwedische Provinz kommt man leicht in über 1.000 verschiedene Arenen. Naninka Rösler (25) aus Fürth ist eine der wenigen jungen Frauen, die dieses Hobby pflegen.

Zuerst kommt immer die Aufwärmrunde. Wenn Naninka zum ersten Mal ein neues Fußballstadion betritt, atmet sie tief ein. Nimmt die Atmosphäre der Arena auf und geht dann einmal die kompletten Ränge ab, um das Spielfeld aus allen möglichen Blickwinkeln zu sehen. Das tut sie zumindest in den Stadien, in denen das möglich ist. „Manchmal sind die unterschiedlichen Zonen voneinander abgetrennt“, erklärt die 25jäh-rige. „Ich finde es schade, nur in den Block zu dürfen, für den ich das Ticket habe, aber manchmal gibt es strenge Sicherheitsvorschriften.“


Manche Menschen sammeln Briefmarken, andere die „Nicht stören“-Schilder aus Hotels. Naninka, die gerade in Fürth eine Ausbildung zur Erzieherin macht, sammelt Stadionbesuche. Doch während Menschen, die fleißig alte Münzen oder Telefonkarten archivieren, sich oft auch einen finanziellen Gewinn, eine Wertsteigerung von ihrer Sammelleidenschaft erwarten, geht es bei Naninka nur ums Ideelle. „Klar, ich hebe die Eintrittskarten zu den Spielen auf“, sagt sie und lacht. „Aber die entscheidende Sammlung sind natürlich die Eindrücke in meinem Kopf, die Erlebnisse in den unterschiedlichen Stadien, die verschiedenen Stimmungen an all den Orten.“

„Die meisten verstehen erst mal gar nichts, wenn ich ihnen von meinem Hobby erzähle.

Fußballfans, die sich Spiele in verschiedenen Sportstätten ansahen, gab es natürlich schon immer. Eine eigene Disziplin wurde aus dem „Groundhopping“ jedoch erst im England der siebziger Jahre. Ein Fußballstadion heißt dort offiziell zwar „stadium“, liebevoller nennt man es jedoch „ground“ - und wer von Platz zu Platz hüpft, ist eben ein „groundhopper“. In Deutschland wurde der Begriff übernommen, als die Freizeitbeschäftigung Ende der Achtziger populär wurde. Populär ist in diesem Fall ein relativer Begriff, wie Naninka immer wieder merkt: „Die meisten verstehen erst mal gar nichts, wenn ich ihnen von meinem Hobby erzähle. Aber wenn sie dann verstanden haben, wie es funktioniert, finden sie es eigentlich alle ganz cool.“ Das Grundprinzip beim Groundhopping ist simpel: Für jedes Stadion, in dem man ein offizielles Fußballspiel verfolgt hat, bekommt man einen Punkt. Für jedes Land, in dem man ein Spiel sah, bekommt man einen Länderpunkt. Jedes Stadion kann auch bei mehreren Besuchen maximal einen Punkt bringen, jedes Land maximal einen Länderpunkt. Naninka, deren Groundhopper-Karriere noch vergleichsweise kurz ist, kann derzeit 66 „Grounds“ vorweisen. Da sie bislang nur in England und Österreich Auslandsspiele besuchte, kommt sie zusammen mit Deutschland auf drei Länderpunkte. „Das ist wirklich nicht viel“, erklärt sie bescheiden. „Richtig gute Groundhopper, die eine Weile dabei sind, kommen auf über 1.000 Grounds und haben in manchen Ländern bis runter zu den Regionalligen das Stadion jeder Mannschaft gesehen.“

Nach dem Stadionrundgang steuert die kurzhaarige Naninka einen der zahlreichen Essensstände an und kauft sich eine Bratwurst und ein Spezi. „Ein ausführlicher Test der Stadiongastronomie gehört natürlich dazu.“ Sagt's, zwinkert mit dem rechten Auge und zieht die Bratwurst durch den großen Senfklecks auf dem weißen Teller-Rechteck aus Pappe. Ambitionierte Groundhopper sind in Deutschland in der Vereinigung deutscher Groundhopper (VdGD) organisiert. Naninka ist nicht Mitglied. „Dafür braucht man mindestens 300 Grounds und 30 Länderpunkte, davon bin ich noch weit entfernt.“ Die Vereinigung ist in der Szene nicht unumstritten. Viele empfinden die Aufnahmekriterien als zu hoch und die Regeln als zu streng: Denn laut VdGD darf sich nur einen Punkt geben, wer die komplette Spielzeit gesehen hat und die Reise ausschließlich des Spiels wegen unternommen hat. Wer im Urlaub mal ins Stadion geht, „nur“ ein Freundschaftsspiel sieht oder durch einen Stau die ersten 10 Spielminuten verpaßt, darf sich den Ground nicht gutschreiben. Die strengen Regeln führen dazu, daß der Verband derzeit nach eigenen Angaben nur etwa 75 Mitglieder hat. Die Zahl der „wilden“ Groundhopper, die so wie Naninka einfach aus Spaß dabei sind und keine Organisation für ihre Leidenschaft brauchen, ist schwer zu schätzen. Über 1.000 „Hobbyhopper“ sind es in Deutschland bestimmt. Dabei nimmt Naninka die Sache durchaus ernst: „Seit ich weiß, wie viel Spaß mir das Reisen von Stadion zu Stadion macht, bewahre ich die Eintrittskarten auf, mache Fotos vom Stadion und dokumentiere alle meine Grounds“, sagt sie stolz. Dann geht sie zu ihrem Platz auf der Tribüne, um sich das Spiel anzusehen.

Denn Naninka interessiert sich keinesfalls nur für Stadionarchitektur, Anzahl der Sitzplätze und die Qualität der örtlichen Wurstbratereien. Sie ist auch Fußballfan. Bekommt eine Gänsehaut, wenn das Stadion in dem Augenblick, in dem die Mannschaften aufs Spielfeld laufen, zum Leben erwacht wie ein großes und lautes Tier. „Angefangen hat es damit, daß ich selbst Fußball gespielt habe und mich deshalb auch für Frauenfußball interessiert habe“, erinnert sich Naninka an ihre Anfänge. „Da muß man manchmal schon ein bißchen herumfahren, um gute Spiele zu sehen - Frauenländerspiele zum Beispiel. Auf diese Art habe ich gemerkt, daß mir das Spaß macht, so von Stadion zu Stadion zu reisen.“ Nach den Spielen sieht sich Naninka manchmal noch die Stadt an, die sie gerade besucht. Das hängt aber vom Zeitplan, der Länge der Heimreise und davon ab, mit wem sie unterwegs ist. „Meistens stelle ich mir zwei Monate im voraus einen Plan zusammen, welche Spiele ich sehen will“, erklärt die Fürtherin. „Ich habe inzwischen ein paar Bekannte in der Groundhopper-Szene, die frage ich dann, ob sie mitwollen. Wenn nicht, fahre ich auch alleine. Manchmal kommt meine Mitbewohnerin mit, aber die ist keine richtige Groundhopperin, sondern begleitet mich einfach aus Spaß.“ Als Mädchen ist Naninka im Stadion zwar keine Ausnahmeerscheinung mehr, in Groundhopper-Kreisen schon. „Ich weiß noch von einer anderen Deutschen, die das macht. Die hat schon bis runter zur Regionalliga alle deutschen Stadien, viel mehr als ich - aber wir haben uns noch nie getroffen.“ Wenn sie alleine ins Stadion geht, kommt sie manchmal mit anderen Fans ins Gespräch, „die gehen aber alle normal mit mir um. In Internetforen wird manchmal ein Thema draus gemacht, daß ich kein Kerl bin. Aber dumme Sprüche gab es noch nie.“

Wieder zu Hause angekommen, klebt Naninka ihre Eintrittskarte in ein großes Buch ein. Dann sichtet sie die Fotos ihrer Digitalkamera auf dem Computer, löscht die, die nicht so gut geworden sind, die besten stellt sie auf ihre Homepage (siehe Kasten). Dort schreibt sie auch Spielberichte über die Partien, die sie gesehen hat, und führt eine Liste mit Stadien, die sie demnächst noch besuchen will. Was das Faszinierende am Springen von Fußballarena zu Fußballarena ist? Naninka denkt kurz nach: „Zum einen die Tatsache, daß man merkt, wie unterschiedlich die Stadien sind. Nicht nur architektonisch, sondern auch, was die Stimmung und die verschiedenen Arten von Fans betrifft“. Das Stadion in Offenbach hat ihr bislang am besten gefallen, vom legendären Betzenberg war sie hingegen enttäuscht. „Grundsätzlich ist es natürlich so, daß man sich um so mehr freut, je weiter die Anreise ist. Da steigt schon die Spannung. Chrystal Palace in England ist dann zum Beispiel eine ganz besondere Erfahrung.“

Für die Fußball-WM hat sie bislang nur ein Ticket: England gegen Trinidad im Nürnberger Franken-Stadion. Aber die WM-Arenen kennt sie schon alle. „Ich möchte trotzdem noch mehr Spiele sehen - schließlich bin ich auch Fußball-Fan. Auch wenn das ganze Getue rund um die WM einem schon langsam echt auf die Nerven gehen kann.“ Ein Hindernis auf dem Weg zu noch mehr WM-Karten: der Kontostand. Vom BAFöG und dem Geld, das sie dazuverdienen darf, bleiben ihr derzeit etwa 300 Euro pro Monat zur freien Verfügung. „Manchmal fließt das komplett ins Hoppen, manchmal muß ich auch was anderes zahlen, eine Stromrechnung oder die Rollerversicherung.“ Um soviel wie möglich für ihr Geld zu sehen, schaut Naninka immer nach dem Billigsten: Billigflug, Jugendherberge, Wochenendticket. Ihr größter Wunsch? „Eine Bahncard 100 wär toll.“

Literatur:

Jörg Heinisch:
Das Abenteuer Groundhopping geht weiter

Agon Sportverlag, 2004,
224 Seiten, 14,90 Euro

Axel Formeseyn:
Voll die Latte. Acki sein Fussballtagebuch

Europa Verlag, 2005,
190 Seiten, 12,90 Euro

Frank Jasperneite und Oliver Leisner:
Groundhopping Informer 2005/2006

Agon Sportverlag, 2005,
255 Seiten, 12 Euro

Regeln - Wann zählt ein Stadion als besucht
(ein „Ground“ also als „gemacht“)?

- Der Zweck der Reise ist der Besuch eines oder mehrerer Fußballspiele.
- Das Spiel findet statt, und man ist die komplette Spielzeit über anwesend.
- Es handelt sich um ein Länderspiel, einen Pokalwettbewerb oder ein Ligaspiel in einer der ersten vier Ligen des jeweiligen Landes (es sei denn, auf dem Ground werden grundsätzlich keine Ligaspiele ausgetragen = Non League Ground).
- Freundschaftsspiele zählen nicht (außer bei Länderspielen).
- Der Besuch muß durch eine Eintrittskarte oder die Stadionzeitung dokumentiert werden.

(Dieser relativ strengen Auslegung der Regeln schließen sich nicht alle Groundhopper an. Allgemeine Einigkeit herrscht jedoch darüber, daß der Stadionbesuch mit einem Fußballspiel verknüpft sein muß - also eine reine Stadionbesichtigung beispielsweise nicht ausreicht.)

Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: privat