30. Oktober 2006 Vor einigen Jahren haben Banker entdeckt, daß ihre Branche viel mit der Automobilindustrie gemeinsam hat. Ähnlich wie bei Autos bestehen nämlich die unterschiedlichen Kreditmodelle aus vielen Einzelteilen, die in Fließbandarbeit produziert werden. Seitdem versuchen die Geldinstitute, von der Arbeit der Autobauer zu lernen - und haben so ihre eigene Industrialisierung eingeläutet.
Hätte die Autoindustrie die Fertigungstiefe der Banken oder Versicherungen, so würde sie die Rinder zur Produktion des Leders für die Sitze selber züchten.
Ein Satz, den Banker gerne zitieren, wenn sie über Strategien für die Zukunft reden. Autobauer machen nur ein Viertel der Arbeit selbst, sie haben - auf Fachdeutsch - eine Fertigungstiefe von 25 Prozent. Bei den Banken sah das noch vor zwei Jahren ganz anders aus: Laut Deutsche Bank Research lag die Fertigungstiefe damals bei 80 Prozent. Die meisten Bankmanager fanden das auch ganz in Ordnung: Nur jeder Fünfte glaubte an einen lohnenden Einsatz industrieller Methoden. Diese Einschätzung hat sich rasant verändert. Heute sind acht von zehn Führungskräften der Meinung, man müsse verstärkt auf industrielle Ansätze setzen. Das hat das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in seinen Studien Bank und Zukunft ermittelt.
Was hat sich getan? Das Bankgeschäft ist ein virtuelles Geschäft - statt Goldbarren werden Zahlen verschoben, ein paar Nullen mehr oder weniger machen aus einem armen Schlucker einen Millionär. Oder ein paar Mausklicks: Treibende Kraft der industriellen Bankenrevolution ist die Informationstechnologie. Ohne IT wäre das Bankgeschäft heute nicht denkbar, bestätigt Professor Wolfgang Gerke, Sprecher des Bayrischen Finanz Zentrums und ehemals Leiter des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Informationstechnologie ersetzt bei Prozessen das, was früher Menschen getan haben.
Dabei gilt: Je einfacher das System, desto erfolgreicher die Bank. Die Norisbank hat mit dieser Strategie eine Vorreiterrolle in der Industrialisierung eingenommen. Ihr im Jahr 2000 auf den Markt gebrachter EasyCredit beruht auf einem Computerprogramm, das sekundenschnell ein Angebot aufstellt, zugeschnitten auf die finanzielle Situation des Kunden. Vorbei ist die Zeit, als Filialleiter nach eigenem Ermessen Kredithöhe und Zinsen festsetzen konnten. Alle Schritte zum Kredit werden soweit wie möglich standardisiert und automatisiert. Die Vergabe eines Ratenkredits dauert bei der Norisbank im Durchschnitt 35 Minuten - vor der Umstellung auf das Programm waren es 122 Minuten. Der Erfolg gibt der Bank recht: Von 2003 auf 2005 hat sich der EasyCredit-Umsatz von 853,4 auf 1.904,8 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Seitdem die Bank von der DZ Bank gekauft wurde, haben fast 900 Genossenschaftsbanken den Kredit in ihr Angebot übernommen.
Die Informatisierung betrifft nicht nur die Kreditvergabe, sondern das ganze Bankgeschäft. Beispiel Wertpapiere: Bei Goldman Sachs (GS), einer der größten Investmentbanken weltweit, durchlaufen allein im Geschäftsbereich Sales & Trading täglich an die 650 Millionen Aktien die elektronischen Verarbeitungskanäle. Ursprünglich war Sales & Trading nicht viel mehr als ein reiner Aktienhandel. Wollte der Kunde eine Aktie, hat GS sie für ihn gekauft. Heute ist alles viel komplexer. Die Produkte werden komplizierter, innovativer, erklärt Alison Trauttmansdorf, die für GS in Europa Bewerber rekrutiert. Da kommt zum Beispiel ein Kunde auf uns zu, der 50 Millionen Euro hat und damit viel Gewinn bei wenig Risiko machen will. Goldman Sachs stellt dann aus der gesamten Geldvermehrungspalette das passende Paket zusammen - von Aktien über Anleihen bis Festgeld, und das weltweit. Ohne Computer wäre das nicht machbar. Die Software dazu hat GS selbst entwickelt. Eine ist REDIPlus, eine intelligente Handelsplattform, die nach GS-Angaben inzwischen mehr als 2.000 Organisationen weltweit verwenden. Der ganze Bereich ist im Prinzip nur noch IT, meint Trauttmansdorf.
Industrialisierung heißt vor allem, wirtschaftlicher zu arbeiten. Wie die Autobauer versuchen die Banker, systematisch Prozesse zu bündeln und diese dann soweit wie möglich Spezialisten zu überlassen. Den Kunden interessiert letztlich nicht, wer die Überweisungen ausführt, die Kredite berechnet oder die Wertpapiere kauft, sagt Georg Wittmann, Projektleiter bei der Regensburger ibi Research GmbH, die sich mit Bankstrategien auseinandersetzt. Vieles, was eine geringe Außenwirkung hat, kann ausgelagert werden. Das betrifft vor allem Aufgaben des Back Offices - wie Zahlungsverkehr, Rechenzentren, IT-Infrastrukturen. Die Zulieferer der Banken heißen IBM, Telekom oder SAP.
Vieles was eine geringe Außenwirkung hat, kann ausgelagert werden.
Die Deutsche Bank macht IT-Outsourcing im großen Stil vor. Vor drei Jahren hat die größte Bank hierzulande ihre kontinental-europäischen Rechenzentren komplett an IBM übergeben - rund 900 Mitarbeiter inklusive. In Frankfurt ist so ein regelrechtes Hochtechnologiezentrum entstanden. Rund 2,5 Milliarden Euro Vertragswert stecken laut Deutsche Bank in der auf zehn Jahre angelegten Partnerschaft. Allein durch diese Zusammenarbeit mit IBM spart die Deutsche Bank nach eigenen Angaben im Laufe von zehn Jahren eine Milliarde Euro. Zusätzlich hat die Bank auch andere Dienste wie das Management von Datennetzen ausgelagert, unter anderem an die Deutsche Telekom.
Die Zeit des klassischen Bankbeamten ist vorbei. Der Banker von heute und morgen ist ein Netzwerker, er muß Schnittstellen koordinieren, sich mit Prozessen auseinandersetzen. Der Bankarbeitsplatz ist als IT-Arbeitsplatz zu verstehen, der zunehmend flexibilisiert wird, heißt es in der Fraunhofer Studie zur Zukunft der Banken. Das bedeutet nicht, daß jeder Banker gleichzeitig ein Computerexperte sein sollte. Wir brauchen keine Programmierer, sondern Steuerer, die die zunehmend automatisierte Bankenwelt überwachen und zusammen mit Dienstleistern ständig verbessern, sagt Ralf Rudolf, Leiter des Hochschulmarketings bei der Deutschen Bank. 200 Hochschulabsolventen stellt die Bank jedes Jahr in Deutschland ein, davon sind immer noch 70 Prozent Wirtschaftswissenschaftler.
Wer zusätzlich zum BWL- oder VWL-Studium IT-Kenntnisse mitbringt, hat aber bestimmt keinen Nachteil, sagt Wittmann von ibi Research: In den Banken entstehen viele neue Berufsbilder, die immer techniklastiger werden. Gerade im Risikomanagement gebe es einen großen Bedarf an Wirtschaftswissenschaftlern, die ihre Ideen technisch umsetzen können. Auch im elektronischen Vertrieb seien Banker mit IT-Kenntnissen gefragt. Dauerbrenner ist das Privatkundengeschäft. Dabei sei das Online-Banking nur der nach außen sichtbare Gipfel eines riesigen Berges an elektronischem Datenaustausch, der sicher und dabei möglichst einfach gestaltet werden muß.
Die Industrialisierung hat nicht nur das Berufsbild verändert, sie hat auch viele Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz gebracht: Zwischen Ende 1999 und Ende 2005 sind fast 79.000 Menschen im Bankensektor entlassen worden. Aber es gibt auch gute Nachrichten, besonders für Hochschulabsolventen: Den größten Berg haben wir hinter uns, beruhigt Wolfgang Gerke. Inzwischen stellen die Banken wieder ein. Und: Sie suchen verstärkt Akademiker.
Die besten Einstellungschancen haben laut Gerke Bewerber mit Spezialwissen. Zur Zeit boomt das Investmentbanking, dort winken Arbeitsplätze und das große Geld. Aber: Der Sektor ist sehr konjunkturanfällig, warnt er. Aufwärts gehe es auch bei der Privatkundenbe-treuung. Kundenkontakt und Akquise werden immer wichtiger. Um sich von all den Standardangeboten abzuheben, setzen Banken verstärkt auf persönlichen Kontakt. Auch Bankinformatiker sind gefragt, meint Gerke. Allerdings nicht so sehr bei Banken, sondern bei ihren Zulieferern. Da wurde in letzter Zeit ziemlich viel outgesourct.
Wir nehmen alle Abschlüsse, erklärt Alison Trauttmansdorf von Goldman Sachs. Allerdings müsse man im Interview überzeugend erklären können, wieso man sich ausgerechnet für die Finanzwelt interessiert. Außerdem sollte man gut über das Unternehmen informiert sein - am besten gehe das durch ein Praktikum. Und: Nicht bis zum Ende des Studiums warten, bis man sich mit der Finanzwelt auseinandersetzt.
In den Banken enstehen viele neue Berufsbilder, die immer techniklastikger werden.
Über Karrierechancen entscheiden am Ende andere Fähigkeiten als die IT-Kenntnisse, faßt Andrea Holtkamp zusammen. Sie leitet die Personalbetreuung bei der schwedischen SEB-Bank, die in Deutschland knapp 3.700 Mitarbeiter beschäftigt. Wichtiger sind ihr die sogenannten Soft Skills - zum Beispiel Verhandlungsgeschick und soziale Kompetenz - aber auch die Fähigkeit, strategisch und analytisch zu denken. Intelligent und bescheiden: Danach haben wir unsere Trainees für das internationale Programm ausgewählt. Ohne Auslandsaufenthalte kommt man bei den wenigsten internationalen Banken weiter. Wer hoch flexibel in den Füßen und im Kopf ist, für den ist alles möglich.