11. Oktober 2008

Mit Fleiss und Gemütlichkeit

Das Leben ist schön

Von Christoph Hus und Anna Polcher



23. Juni 2008 Karlsruher halten ihre Stadt für den Himmel auf Erden - nicht ohne Grund. Die Universitätsstadt ist eine erste Adresse für Lebenskünstler. Wer hier zu Hause ist, bescheinigt sich selbst und seinen Nachbarn gern eine südländische Mentalität. Und wäre das alles nicht schon genug: Auch die Karrierechancen sind in der badischen Wirtschafts- und Wissenschaftsmetropole fast paradiesisch.

Für Tilo Steinke beginnt der Sommer spätestens am 1. Mai. Dann startet die Beach-Volleyball-Saison beim Sport- und Schwimmclub Karlsruhe. Sieben Felder mit Sandboden hat der Verein - und bei gutem Wetter sind sie alle belegt. Das kommt in der badischen Großstadt ziemlich oft vor. Denn Karlsruhe ist nach Freiburg die Stadt mit den meisten Sonnenstunden in Deutschland - insgesamt sind es rund 1.800 pro Jahr. Gegen Abend stellen Volleyballer Steinke und seine Vereinskollegen gern mal einen Grill neben das Feld und lassen es sich gutgehen. „Das ist besser als Urlaub“, sagt der 21-Jährige. „Strandfeeling mitten in der Stadt. Unter Vereinsmitgliedern heißen die Beach-Volleyball-Felder deshalb auch „Karlsruher Sportstrand“.


Anderswo in Deutschland würden Tilo Steinke und seine Mitspieler vielleicht als Faulenzer gelten. Aber nicht in Karlsruhe: Die Stadt ist trotz ihrer 186.000 Einwohner übersichtlich und gemütlich - und bietet ihren Bewohnern viele Möglichkeiten, sich das Leben angenehm zu machen. Rund um den Ludwigsplatz in der Innenstadt finden Studenten eine angesagte Bar neben der anderen, in der man entspannt das lokale Hoepfner-Bier schlürfen kann. Hinzu kommt eine Handvoll Clubs. Direkt hinter dem Schloss beginnt der Schlosspark und daran angeschlossen der riesige Wildpark. Karlsruhe ist umgeben von Weinbergen. Mannheim, Stuttgart und die französische Grenze sind nicht weit. Und zu allem Überfluss hat die Stadt sogar Bundesligafußball zu bieten, wenn der KSC im Wildparkstadion spielt.

„Die Badener haben die Gabe, es sich gutgehen zu lassen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben“, sagt Markus Nagy, der in Eggenstein-Leopoldshafen vor den Toren Karlsruhes ein Feinschmecker-Restaurant führt. Genau deshalb hat der 45-Jährige sein Restaurant vor drei Jahren in Baden eröffnet - und nicht anderswo in Deutschland. „Gutes Essen und badische Weine sind den Leuten hier sehr wichtig“, sagt Nagy. „Wenn die Badener ausgehen, sind sie bereit, Geld in gutes Essen zu investieren.“ Der Koch hat mit seinem Restaurant „Zum Löwen“ aus dem Stand die Tester der Gourmet-Bibel Gault Millau überzeugt: Sie wählten Nagy mit 17 Punkten in den erlauchten Kreis der 100 besten Köche Deutschlands.


Den jungen Karlsruhern hat sich Nagy besonders verschrieben. Ihnen offeriert der Küchenchef ein „Menü Jeunesse“ für übersichtliche 49 Euro inklusive Wein. Mit diesem Angebot will er Hemmschwellen gegenüber seiner Sterne-Küche abbauen. „Dabei sind die in Baden deutlich niedriger als anderswo“, berichtet er. „Hier können selbst Jugendliche meist richtig gut kochen.“ Bei aller Liebe für die schönen Seiten des Lebens: Abgehoben sind die Badener nicht. Schickimicki wie in Hamburg oder Bussi-Gesellschaft wie in München sind ihnen fremd. So kommt auch Nagys Gastraum eher bodenständig daher - gemütliche Landhausoptik statt einer durchgestylten Mischung aus Stahl, Glas und Halogenstrahlern.

Das Aufschneiden haben die Badener eben gar nicht nötig. Jeder weiß, dass die alte badische Residenzstadt und ihre Umgebung eine Wirtschafts- und Wissenschaftsmacht ist. Der Energieversorger EnBW hat hier seinen Hauptsitz, mit der öffentlichen L-Bank ist ein großer Finanzdienstleister vertreten, der Reifenhersteller Michelin und der Pharmakonzern Pfizer betreiben in Karlsruhe ihre Deutschlandzentralen. Zudem haben mehrere Behörden und öffentliche Einrichtungen hier ihren Sitz, darunter der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht. Die Arbeitslosigkeit ist mit einer Quote von 5,1 Prozent gering. Die meisten Karlsruher können sich den entspannten Lebensstil leisten. Auch Studenten haben kaum einen Grund, sich aus der badischen Gemütlichkeit zu verabschieden. Die Uni Karlsruhe ist die älteste Technische Hochschule Deutschlands, eine erste Adresse für Natur- und Ingenieurwissenschaften. Hinzu kommen die Staatliche Hochschule für Gestaltung, die Pädagogische Hochschule und die Hochschule für Musik.


Hochschulabsolventen bieten sich in Karlsruhe vielfältige Möglichkeiten. Die hat auch Manel Haj-Taieb genutzt. Nach ihrem Maschinenbau-Studium in der Baden-Metropole hat sich die gebürtige Tunesierin, die per Stipendium nach Deutschland gekommen ist, zwar auch anderswo umgeschaut, aber „die beste Gelegenheit ergab sich in Karlsruhe“, berichtet sie. Beim Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft, das sich im Norden der Stadt über ein riesiges Areal erstreckt, arbeitet Haj-Taieb an ihrer Promotion. Die junge Wissenschaftlerin forscht an Materialien, die sich für Hochtemperaturanwendungen eignen - also sich zum Beispiel auch bei großer Hitze nicht verformen.

An Karlsruhe schätzt die 28-Jährige vor allem die gute Mischung aus Arbeits- und Freizeitangeboten. „Die Wege sind hier überall kurz“, schwärmt die Maschinenbauerin. „Und hier herrscht eine sehr entspannte Stimmung. Hektik ist den Badenern völlig fremd“. Haj-Taieb hat bei ihrer Arbeit im Forschungszentrum die Möglichkeit, Kontakte in alle Welt zu knüpfen. „Ich arbeite intensiv mit Forschern im US-amerikanischen Baltimore zusammen, mit denen wir eine Kooperation unterhalten.

Das schöne Leben in Karlsruhe hat nur einen einzigen Nachteil: Die Lebenshaltungskosten sind vergleichsweise hoch. So kosten Wohnungen zum Beispiel ähnlich viel wie in den deutschen Metropolen. Für ein Zimmer in einer Zweier-WG in der Südstadt müssen Studenten rund 300 Euro Warmmiete berappen. Und wer sich ein 50-Quadratmeter-Appartement in Neureut gönnt, legt dafür etwa 500 Euro pro Monat auf den Tisch. Das können sich die Karlsruher nur leisten, weil sie nicht nur gemütlich sind - sondern auch fleißig. Das allerdings ist hier für die Menschen genauso selbstverständlich wie ihre Lebenslust. Und so reden die Badener nur ungern über ihren Arbeitseifer - ganz anders als die selbsternannten Fleiß-Vorbilder aus dem benachbarten Schwaben. Im Idealfall verbindet man als Badener ohnehin die Arbeit mit dem Vergnügen. Das hat auch Beach-Volleyballer Tilo Steinke vor. Er beginnt im Herbst, in Karlsruhe zu studieren. Sport natürlich.

Wirtschaftsstandort
Einwohner:
286.327 (Dezember 2006)
BIP: 33,7 Milliarden Euro (2005)
Arbeitslosenquote: 5,1 Prozent (Februar 2008)
Erwerbstätige am Arbeitsort: 151.864 (30.6.2007)
Studenten: rund 30.000 (WS 07/08)
Bei der IHK gemeldete Unternehmen: 61.032 (1.1.2008)
Wichtige Branchen: Elektrotechnik, IT, Fahrzeugbau, Maschinenbau

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 122
Bildmaterial: Tim Wegner
 
 
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