 |
| Zum besonderen Flair von Exeter trägt der Fluß Exe bei. |
16. Mai 2006
Nach ihrem Bachelor in Staatswissenschaften wollte Katia Görtz, 23, im Ausland einen Master draufsatteln. Sie ging in den Südwesten Englands nach Exeter und genießt dort die Mischung aus Überschaubarkeit und Internationalität.
Neulich hatte ich meine erste Koreanischstunde. Eun Chan, ein Kommilitone aus dem Studentenwohnheim, hat uns ein paar Brocken beigebracht. Daß ich mit Menschen aus den verschiedensten Ländern zusammenkomme - zum Beispiel aus Kanada, aus den USA, aus Saudi-Arabien, Jordanien und aus Griechenland - ist typisch für mein Leben in Exeter und typisch für das Masterprogramm International Studies, das ich hier absolviere. Bei so vielen Kulturen ist es eigentlich kein Wunder, daß es im Seminar manchmal ganz schön emotional und laut wird, vor allem wenn wir aktuellere Themen wie zum Beispiel den Irak-Krieg diskutieren.
 |
| Ganz schön hügelig und ländlich geprägt: die Grafschaft Devon |
Nach meinem Bachelor in Staatswissenschaften an der Universität Erfurt wollte ich ein Masterprogramm in England draufsatteln. Ich ließ mir von vielen Unis Broschüren kommen. Die Universität Exeter ist mir dabei gleich ins Auge gesprungen, denn die schickten nicht nur einen allgemeinen Prospekt, sondern sehr genaue Informationen zur Fakultät und den Programmen, die mich interessierten. Ich habe meine Wahl keine Sekunde bereut. Vor allem genieße ich die kleinen Gruppen, in einem Seminar sind wir sogar nur zu sechst. Die Leselisten, die wir erhalten, sind ziemlich umfangreich, und die Dozenten erwarten, daß man sich gut vorbereitet. Nach dem ersten Semester haben wir alle einen Dozenten als Tutor bekommen, mit dem wir einen Aktionsplan für die kommende Phase entwickelt haben. Einfach mit seinen Fragen jederzeit zu jedem Dozenten ins Büro gehen, wie man das manchmal von amerikanischen Unis hört, kann man hier allerdings nicht. Aber wenn man sich anmeldet oder zu den Sprechstunden erscheint, nehmen sich alle sehr viel Zeit, und ich hatte auch noch nie das Gefühl, zu nerven oder zu stören.
Mit den Essays, die wir regelmäßig schreiben müssen, habe ich mich anfangs ganz schön schwer getan, vor allem was die Form und den Schreibstil anbelangt, herrschen hier einfach andere Regeln als bei uns. Beispielsweise soll die These schon gleich in der Einleitung stehen, darüber hinaus wird sehr viel Wert auf die eigene Meinung gelegt, weswegen auch viel in der Ich-Form geschrieben wird. Am Anfang dachte ich immer: Das geht doch nicht, das kann ich doch nicht machen.
 |
| Nach Zerstörungen im 2. Weltkrieg wurden in den 1950er Jahren viele Gebäude wieder originalgetreu aufgebaut. |
Von meinem Studium in Deutschland her bin ich ja eher gewohnt, möglichst objektiv zu schreiben. Von unserem Wohnheim in der Stadt bin ich in zwei Minuten am Fluß Exe und in 20 Minuten am Campus. Der ist wunderschön, sehr grün und hügelig. Exeter selbst ist eher beschaulich. Ein nettes Städtchen eben. Wahnsinnig viel zu sehen gibt es nicht, aber man kann abends ganz gut ausgehen. Die Stadt wird ganz klar von ihren Studenten geprägt, und ich habe auch den Eindruck, daß die Bewohner Fremden gegenüber ziemlich aufgeschlossen sind und auch ein bißchen von der Internationalität auf dem Campus in ihr Leben holen wollen. Es gibt zum Beispiel einen Verein Friends International, der veranstaltet einmal pro Woche ein internationales Café und organisiert Ausflüge. Auf diese Weise war ich zum Beispiel mal in Plymouth.
An der Uni ist es ohnehin so, daß man gar nicht zum Studieren kommen würde, wollte man all die zusätzlichen Angebote nutzen. Da sind zunächst die studentischen Organisationen und dann die vielen Sportgruppen. Es gibt nichts, was es nicht gibt: Für Kricket, Trampolin oder Bogenschießen habe ich mich dann aber doch nicht entschieden, ich halte mich lieber an die Aerobic-Kurse. Um die internationalen Studenten kümmert sich außerdem das International Office.
Am Anfang dachte ich immer: Das geht doch nicht, das kann ich doch nicht machen.
 |
| Der Nationalpark von Exmoor mit seinen Sandstränden ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. |
Als ich ankam, gab es erst mal eine Welcome Week - sie richtet sich nicht nur an Ausländer, sondern an alle neuen Studenten. Am Bahnhof in Exeter waren überall Studenten der Uni in blauen T-Shirts postiert, die die Neuen abholten. Mit dem Bus wurde ich auf den Campus gefahren, da gab es noch mal Infos, und dann haben sie mich, weil ich in der Stadt wohnte, in ein Taxi gesetzt, das sie auch noch bezahlt haben. Ich hatte also nicht die geringste Chance, mir irgendwie verlassen vorzukommen, zumal es auch gleich losging mit dem Small Talk - den beherrschen die Briten wirklich gut. Das Interesse an Deutschland ist sehr groß, ich werde viel zu deutscher Kultur oder Politik gefragt, sogar die Nicht-Politikwissenschaftler kennen sich mit deutscher Politik erstaunlich gut aus.
Mensen wie bei uns gibt es auf dem Campus nicht. In den Wohnheimen, die nur Studienanfängern zur Verfügung stehen, werden warme Mahlzeiten angeboten. Masterstudenten dürfen hier nicht wohnen. Auf dem Campus gibt es mehrere Einrichtungen, die man als studentische Restaurants bezeichnen könnte - aber für deutsche Verhältnisse sind sie sehr teuer. Da kostet schon die Portion Pommes zwei Pfund. Auch im Supermarkt sind die meisten Sachen deutlich teurer als bei uns.
 |
| Katja Görtz mit ihrem koreanischen Kommilitonen und ihrer thailändischen Mitbewohnerin |
Im Wohnheim vertreiben wir uns oft die Zeit mit Gesellschaftsspielen, Scrabble zum Beispiel oder verschiedene Varianten von Stadt-Land-Fluß. Es ist witzig zu sehen, welche Spiele es in abgewandelter Form auch in anderen Ländern gibt. Zusammen mit Eun Chan und meiner thailändischen Mitbewohnerin Supalak haben wir jetzt außerdem ein wichtiges, empirisches Forschungsprojekt gestartet, in das wir jeweils den gesamten Freitagabend investieren. Das Erkenntnisziel: herausfinden, welcher Pub in Exeter der beste ist.