21. August 2008

Zwiespältige Aussichten

Jobchancen für Sinologen

Von Mechthild Bruns



10. Dezember 2007 Verlegen Sinologen ihren Lebensmittelpunkt nach China, ist ihr Wissen sehr gefragt. Wobei eine technische oder betriebswirtschaftliche Zusatzausbildung die Chancen auch dort deutlich hebt. Im Wissenschaftsbereich dagegen ist die Lage mau. Hier blüht Sinologen das übliche Schicksal der Geisteswissenschaften: Promotion, Habilitation - und langes Warten auf die Festanstellung.

Die erste Frage an der Uni war nicht etwa, wie ich auf Sinologie komme oder was ich davon erwarte, erinnert sich Sylvia Roth, sie lautete: Besitzen Sie eine hohe Frustrationstoleranz? Die Warnung war berechtigt. Tatsächlich empfand die heutige Beraterin das Studium als knochenhart. Sinologen können ja in aller Regel nicht auf Fremdsprachenunterricht aus der Schule zurückgreifen. Sie fangen in einer völlig fremdartigen Sprache bei null an.


Die Heidelberger Professorin Barbara Mittler kennt mittlerweile beide Perspektiven auf das Studium. Sie hat, wie übrigens auch Roth, zusätzlich sogar noch Japanisch gelernt. Das Sinologie-Studium allein ist ein Vollzeitjob, bestätigt sie. Viele Studierende hätten es bisher in die Länge gezogen und teils deutlich länger als die elf Semester Regelstudienzeit benötigt. In den neuen BA-Studiengängen ist das nicht mehr möglich. Hier erwartet die Studierenden ein strammes Programm. Das ist ein dreijähriger 40-Stunden-Job, selbst in den Semesterferien, warnt Mittler. Zusätzlich müssen sich die angehenden Sinologen auf ein empfohlenes Jahr in China einstellen.

Lohnen sich die Mühen? Roth hat da so ihre Zweifel. Nicht alle Lehrinhalte leuchteten ihr als Studentin ein. Etwa die zähen Lektionen in klassischem Chinesisch, dieser ihrer Ansicht nach völlig vom Alltag im modernen China losgelösten Sprache. Auch die absolute Notwenigkeit der Lektüre von Konfuzius im Original fand sie nicht wirklich sinnvoll. Roth coacht und trainiert heute Mitarbeiter von Unternehmen, die Projekte oder Geschäfte in China vor sich haben, und hilft umgekehrt Chinesen, sich mit deutschen Gepflogenheiten vertraut zu machen. Klassisches Chinesisch hilft ihr da nicht weiter. Sie beschränkte die Fachseminare der verknöcherten Disziplin aufs Wesentliche und arbeitete sich lieber in interkulturelles Management und Betriebswirtschaft ein. Schon im Studium begann sie, Unternehmen zu beraten, und sammelte auf diese Weise Praxis.

Praxis sammeln, China vor Ort kennenlernen und kluge fachliche Ergänzung empfiehlt Roth all denen, die sie um Rat fragen, ob und wie es sich lohnt, Sinologie zu studieren. Häufig rufen junge Leute bei ihr an, die über ihre Webseite zu ihr finden. Sie hat allerdings den Eindruck, dass ihre Ratschläge nur selten ankommen. Viele setzen nichtsdestotrotz auf reine Sinologie, sagt sie. Doch genau damit begeben sie sich auf unsicheres Terrain im Arbeitsmarkt. Ähnlich wie die Islamwissenschaften deckt das Fach einen riesigen Bereich ab - von der Früh- bis zur jüngsten Geschichte Chinas, Religion, Literatur und Kunst bis zur Politik oder Wirtschaft. Eine Regionalwissenschaft, die keine eigene, klare Methodik hat. Das macht es für Absolventen schwer, ihre Fähigkeiten in Bewerbungen überzeugend rüberzubringen. Und so mancher Student verliert vor dem reich gedeckten Tisch das Ziel aus den Augen. An den Instituten gibt es ewige Studenten, die sich die Sinologie zur Lebensaufgabe gemacht haben, sagt Roth. Und weil das Fach so umfassend und komplex sei, hätten auch zielstrebigere Studenten oft große Angst vor den Prüfungen, weil sie sich einfach noch nicht kompetent genug fühlen.

Die Professorin Mittler, die mit 25 promovierte, sich schon mit 30 habilitierte, unter anderem in Oxford studierte, Japanisch lernte - weil die besten Sinologen in Japan arbeiten - und auf Englisch publiziert, um in der internationalen Wissenschaftsgemeinde gehört zu werden, hatte solche Ängste nicht. Und sie sieht die Dinge naturgemäß anders als die Pragmatikerin Roth. Klassisches Chinesisch wird heute in der Regel nur noch ergänzend zu modernem Chinesisch angeboten. Es ist aber absolut notwendig, um das moderne China zu verstehen, sagt sie. Der chinesische Alltag, jede chinesische Zeitung sei voller Andeutungen, die ohne Kenntnisse der klassischen Sprache nicht zu verstehen seien. Gerade wer als Dolmetscher oder Übersetzer arbeiten will, kommt ihrer Ansicht nach nicht am Studium der klassischen Sprache vorbei.

Mittler ist mit ihrer universitären Karriere in Deutschland eine Ausnahme. Alle, die zeitgleich mit mir promoviert haben, arbeiten heute im Ausland, teils in Großbritannien, in den USA oder in China, sagt sie. Weil es nämlich in Deutschland keine Stellen für sie gab. Dabei sieht sie durchaus großen Bedarf. Der Aufbruch in China habe den etwa 25 Hochschulinstituten in Deutschland, die sinologische Seminare anbieten, regen Zulauf beschert. In den letzten drei Jahren hatten wir regelmäßig über 100 Erstsemester, berichtet sie. Und sie wisse von Kollegen, dass dieser Boom nicht auf Heidelberg beschränkt sei. Doch so sehr sie das Interesse an ihrer Disziplin freut, hält sie die Entwicklung nicht für optimal. Es wäre besser, wenn die Studierenden nicht nur in die sinologischen Institute strömen müssten, sondern umgekehrt an den Instituten der Methodenfächer Sinologen lehren würden. Erste Unis würden diesen Weg gehen. Ob es allerdings damit getan sei, neben einem technischen oder kaufmännischen Fachhochschulstudium Kurse in Chinesisch zu belegen, sei fraglich. Zu erfolgreichen Aktivitäten in China, da ist auch Roth sicher, gehört mehr als ein paar Brocken Chinesisch. Kommunikation dort laufe ganz anders. In China gibt es ein geflügeltes Wort, das die Deutschen mit Möwen vergleicht. Sie kommen mit lautem Geschrei, fressen, hinterlassen ihren Dreck und gehen wieder.

Unternehmen, die längerfristig in China agieren, stellen sich auf die Gepflogenheiten dort ein und wissen das tiefere Verständnis von Sinologen zu schätzen. Teilweise finden die Studierenden schon im Auslandsjahr eine feste Stelle in China und kommen gar nicht mehr zurück, um ihr Studium abzuschließen, berichtet Mittler. Das ist eine Erklärung für die geringen Absolventenzahlen. Kaum 100 der hierzulande über 2.000 eingeschriebenen Sinologen schließen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich ihr Studium ab. Mittler hat zwar starke Zweifel an den Zahlen, weil sie allein zuletzt regelmäßig 25 Magisterarbeiten pro Jahr auf dem Tisch hatte. Aber in der Sache stimmt sie zu. Wenige Studierende bringen das Studium zu Ende. Gerade in den ersten zwei Semestern ist die Quote der Abbrecher sehr hoch, sagt sie. Gut die Hälfte scheitere an den sprachlichen Prüfungen oder gebe entnervt auf, die komplexe Zeichensprache zu büffeln. Christof Gebhardt, der sein Sinologiestudium selbst für eine Unternehmensgründung abbrach, kennt noch einen Grund für die hohe Abbrecherquote. Nach dem ersten Chinaaufenthalt dünne sich das Feld spürbar aus, weil vielen Studenten die Faszination abhanden kommt, sobald die Andersartigkeit des Landes real wird. Roth erinnert sich selbst an schwierige Momente bei ihrem Studium in China. Drill in Seminaren, Ratschläge zu Kleidung und Figur, die für westlichen Geschmack die Intimsphäre verletzten, Entschuldigungsbriefe für abendliches Zuspätkommen an die Leitung des Wohnheims - solche Momente haben ihr zugesetzt, zumal sie damit allein war. Europäische Auslandsstudenten waren selten in Dalian.

Wer Studium und Kulturschock übersteht, hat dafür - gemessen an anderen Geisteswissenschaftlern - gute Berufsaussichten. Unsere Studierenden kommen eigentlich alle irgendwo unter. In Banken, Unternehmen oder Unternehmensberatungen, im diplomatischen Dienst, als Journalisten oder in Verbänden und Kammern. Es gibt zwar anders als in der Medizin kein klares Berufsbild, aber es gibt durchaus Chancen, etwas aus einem Sinologie-Abschluss zu machen, sagt Mittler. Eines haben die Absolventen auf jeden Fall schon bewiesen: Durchhaltevermögen, Fleiß und eine gute Portion Frustrationstoleranz.

Vorurteil und Wirklichkeit

These: Sinologie ist ein Frauenfach.
Realität: Jain. Tatsächlich weist die Statistik des Statistischen Bundesamtes seit Jahren mehr weibliche als männliche Studierende der Sinologie/Koreanistik aus. Doch sehr groß ist der Unterschied nicht: In den letzten Jahren lag die Zahl der Studentinnen konstant zwischen 970 und 1.160, die der Studenten zwischen 716 und 945. Unter ausländischen Studierenden - in der Regel Chinesen - dominieren dagegen klar die Frauen: Letztes Jahr standen 125 Männer 417 Frauen gegenüber. Prof. Barbara Mittler, die in Heidelberg Sinologie lehrt, zweifelt allerdings an diesen Zahlen. Sie ist sicher, dass es deutlich mehr Studierende in Deutschland gibt.

These: Das Geschäft mit China boomt. Das müsste der Sinologie Auftrieb geben.
Realität: Ja, sagt Professorin Mittler. Wir haben deutlich mehr Zulauf an den Instituten. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Studierenden dagegen seit Jahren konstant (s.o.).

These: Bei den Sinologen gibt es viele Studienabbrecher.
Realität: Stimmt. Einerseits schnuppern viele im ersten Semester nur kurz rein und schrecken dann vor den schweren Sprachkursen zurück. Andererseits gehen unterwegs viele Studenten verloren, oft weil sie in China eine Stelle finden oder von dem Land enttäuscht sind. Übrigens halten die Frauen besser durch. Die Statistiken weisen seit Jahren regelmäßig doppelt so viele weibliche wie männliche Absolventinnen aus. Besonders selten kommen übrigens männliche Ausländer ins Ziel. Wenn es fünf pro Jahrgang zum Abschluss bringen, ist es ein gutes Jahr.

These: Endlich mal eine Geisteswissenschaft, zu der es Stellen gibt.
Realität: Stimmt. Zwar sind die Aussichten im wissenschaftlichen Bereich zumindest hierzulande äußerst trübe. Doch wer nicht vor Quereinstiegen zurückschreckt, ist mit einem Sinologie-Abschluss sicher nicht verloren. Aber: Unbedingt mit einem technischen oder wirtschaftlichen Nebenfach kombinieren, rät Roth. Falsch, sagt Mittler. Unternehmen öffneten sich auch immer mehr für reine Sinologen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Moni Port, LAbor
 
 
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Sinologie studiert und dann?
Der Reiseveranstalter

Nach dem 11. Schuljahr hat Christof Gebhardt (Jahrgang 66) hingeschmissen. Zivildienst hat er noch gemacht. Dann ist er losgereist. Mit der Transsibirischen Eisenbahn an den Pazifik, per Schiff weiter nach Japan, von wo aus er nach China übersetzte. Verständigt hat er sich anfangs mit Händen und Füßen, mit der Zeit schnappte er immer mehr Brocken Chinesisch auf. Das war 1988. Monate später kehrte er wieder nach Deutschland zurück - er wollte Sinologie studieren. 


Sinologie studiert und dann?
Die Kulturtrainerin

Sylvia Roth versteht sich als Mittlerin zwischen den Kulturen. Studiert hat sie in München, Paris, Liaoning und Saga (Japan), sie spricht Englisch, Französisch, Chinesisch, Japanisch und Italienisch. Neben dem Studium leitete sie vier Jahre lang Seminare in der Gedenkstätte Dachau, in denen sie mit Menschen unterschiedlichster Herkunft arbeitete, und beriet chinesische Firmen beim Markteintritt in Deutschland. 


Sinologie studiert und dann?
Die Sinologie-Professorin


Eigentlich wollte ich Musik studieren, Sinologie war nur ein Nebengleis, erinnert sich Barbara Mittler. Aber dann legte sie ihre Studienschwerpunkte doch anders. Nach ihrem Abitur in Kanada studierte sie drei Jahre Chinesisch am Institute of Oriental Studies in Oxford, legte zwei Studienaufenthalte in Taiwan ein, wovon sie einen als Stipendiatin der Hans-Krüger-Stiftung zur intensiven Beschäftigung mit chinesischer Musik nutzte.