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Ein neues Gesetz beschert neue Jobchancen

Arbeiten bei den Nachmachern

Von Harald Czycholl




29. Oktober 2007 
Lange verdiente die Generika-Branche blendend damit, Medikamente nach Ablaufen des Patents billig nachzubauen - Absolventen arbeiteten bei ihnen fast ausschließlich im Marketing. Jetzt suchen die Kopisten zunehmend Nachwuchs fürs Labor: Denn sie beginnen schon vor Patentende mit dem Nachbau der Wirkstoffe. Und kopieren inzwischen auch anspruchsvolle Biotech-Medizin.

Vielleicht sind Jan und Jörn aus Hamburg oder Lisa und Laura aus Berlin im Juli wieder dabei, wenn die Ulmer Pharmafirma Ratiopharm ihr alljährliches Zwillingstreffen feiert. Jan und Jörn, Lisa und Laura - das sind die bekanntesten Werbe-Aushängeschilder des Unternehmens, vielen Deutschen aus den TV-Werbespots bekannt. Mit Zwillingen kennt sich Ratiopharm bestens aus: Seit 1974 stellt das Unternehmen Medikamente her, deren Patentschutz abgelaufen ist, sogenannte Generika. Darunter die Schmerztablette ASS-Ratiopharm mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) als Zwillingsbruder von Bayers Aspirin.

Wer bewährte Medikamente nachbaut, kann sich die Forschungsabteilung im Prinzip schenken. „Die meisten Angestellten arbeiten in Marketing und Vertrieb“, erklärt Hermann Hofmann, Geschäftsführer des Vereins Pro Generika, in dem sich die großen Generika-Hersteller zusammengeschlossen haben. Die meisten - das entspricht immer noch über 75 Prozent der Beschäftigten. Wer als Hochschulabsolvent in der Generika-Branche arbeiten will, konnte sich deshalb bis vor kurzem ziemlich sicher sein, mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang wie BWL oder VWL wärmstens aufgenommen zu werden.

Erst vor zwei Jahren wurden Generika-Firmen für weitere Hochschulabgänger als Arbeitgeber interessant: Gefragt sind nun zunehmend Naturwissenschaftler, Chemie- und Pharmaingenieure, Mediziner und Pharmazeuten. Seit September 2005 dürfen die Unternehmen nämlich hierzulande auch an Produkten arbeiten, deren Wirkstoffe noch unter Patentschutz stehen. Vorher mussten sie auf den Tag warten, an dem das Patent ausläuft, oder nach Osteuropa oder Indien ausweichen. „Vor allem große Hersteller wie Ratiopharm, Hexal und Stada haben die Entwicklung im Ausland betrieben“, erläutert Hofmann. Als das Patentgesetz geändert wurde, freuten sich Gesundheitspolitiker: So würden Arbeitsplätze nach Deutschland zurückgeholt.

Zuerst war auch Hermann Hofmann von Pro Generika voller Zuversicht. Doch das neue Arzneimittelspargesetz, das im Rahmen der Gesundheitsreform im Mai 2006 in Kraft trat, hat seinen Optimismus gebremst. „Die Generika-Branche ist bei Neueinstellungen vorsichtiger geworden“, sagt er. Das gilt sowohl für den klassischen Sektor Marketing und Vertrieb als auch für die neuen Jobs in den Forschungsabteilungen. Denn die Gesundheitsreform bescherte den Nachahmern unerwartete Belastungen. Gesenkte Festbeträge, 6 Prozent Abschlag für Medikamente ohne Festbetrag, 10 Prozent Zwangsherstellerrabatt - das schmerzt. „Die Margen werden immer geringer“, klagt Hofmann.

Eine Marktbereinigung ist die Folge. „Kleine und mittelständische Unternehmen werden mit ihren Bauchläden nicht mehr lange überleben“, erwartet Roland Lederer vom Marktforschungsinstitut Insight Health. Jeder Hersteller, der nicht mit Masse überzeugen könne, müsse sich eine Nische suchen, dort zum Experten werden und sich als solcher gegenüber den Kassen verkaufen. Denn im Pharmamarketing sind weniger die klassischen Klinkenputzer gefragt, die Ärzte in ihren Praxen besuchen und sie dazu bringen, die Medikamente des Auftraggebers zu verschreiben. Vielmehr trete der direkte Kontakt zu den Krankenkassen in den Vordergrund des Pharmamarketings, so Lederer. Klasse statt Masse: Gut geschulte Key-Accounter seien gefragt, die clever verhandeln und verkaufen können. Viele Pharmafirmen setzen derzeit darauf, die bisherigen Mitarbeiter weiterzubilden, statt neue Leute in die Marketing-abteilungen zu holen.

Der Umbruch in der Branche sorgt aber auch für neue Herausforderungen. Denn wer überleben will, muss wachsen - und zwar vor allem, indem Konkurrenten gekauft werden. Fressen oder gefressen werden, lautet die Devise. Den Anfang hat der Schweizer Pharmariese Sandoz vor zwei Jahren mit dem Kauf der bayerischen Hexal gemacht. Dadurch hat sich ein Generika-Riese entwickelt, dessen Management eine Herkulesaufgabe ist.

Wer überleben will, muss wachsen - und zwar vor allem, indem Konkurrenten gekauft werden. Fressen oder gefressen werden, lautet die Devise.

Stefan Glombitza leitet das globale Projektmanagement von Sandoz/Hexal. Bei ihm laufen jetzt 600 Entwicklungsprojekte aus aller Welt zusammen - Nachbauten von Medikamenten, deren Patente in der nächsten Zeit auslaufen. Wo zwei Große fusionieren, steigt auch die Produktpalette, der Organisationsaufwand ist fast um das Dreifache gewachsen. Mit seinem Pharmaziestudium hat das alles wenig zu tun, im Gegenteil: „Mit vielem, was man in der Uni gemacht hat, kann man im Beruf meistens wenig anfangen. Der Beruf ist ein stetiger Lernprozess. Bei jedem Projekt passiert etwas Unvorhergesehenes, auf das man vor allem mit Kreativität reagieren muss“, erzählt Glombitza.

Schon zwei bis drei Jahre vor Patentablauf reichen die Bayern die Unterlagen über Nachahmerpräparate bei Zulassungsbehörden in aller Welt ein, um am Tag eins nach Patentablauf auf den Markt gehen zu können. In weit mehr als 90 Prozent der Fälle klappt das auch. Doch der eine oder andere Hustensaft fließt dennoch den Bach runter und schafft es nicht bis zur Markteinführung. „Wenn alles nach Plan läuft, können wir mit ein und demselben Produkt in bis zu 100 verschiedene Märkte gehen“, erläutert Glombitza. Das sei aber mit hohem Aufwand verbunden, da die Anforderungen der nationalen Behörden immer umfangreicher werden. Die vielen Tests machen die globale Generika-Einführung komplex, aufwendig und teuer.

Die Studien laufen in acht globalen Entwicklungszentren, die rund um die Welt verteilt sind. Stefan Glombitza hält in Holzkirchen die Fäden zusammen. Morgens bearbeitet er E-Mails, über 80 landen pro Tag auf seinem Mail-Account. Bis zum Mittagessen führt er Meetings und trifft strategische Entscheidungen. Nach dem Mittagessen schreibt er Projektreports und stellt die Kennzahlen für Analystenberichte zusammen. Solch ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag gefällt dem promovierten Apotheker. Glombitza ist die Schnittstelle zwischen den Abteilungen, die zentrale Anlaufperson für Fragen rund um die Generika-Entwicklung. Sandoz steht inzwischen auch als Firmenname auf dem Gehaltsscheck von Glombitza, der seine Karriere bei Hexal im bayerischen Holzkirchen begonnen hat. Er sieht die Zusammenlegung inzwischen positiv. Es gebe zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten und professionelle Fortbildungsangebote in einem modernen Pharmaunternehmen wie Novartis, unter dessen Dach die beiden Marken Hexal und Sandoz vereint sind. Vor allem: „Wir sind stärker geworden, denn wir haben nun einen schlagkräftigen Konzern im Rücken.“ Und das sei neben der internationalen Präsenz angesichts der raschen Konsolidierung im Generika-Geschäft ganz wichtig.

Trotz aller Probleme, die Generika-Branche hat eine Zukunft: die Biotechnologie. Hier wird zurzeit investiert, hier entstehen neue Jobs. Und zwar nicht im Marketing, nicht im Vertrieb, sondern im klassischen Bereich eines Pharmakonzerns: dem Labor. Denn während sich klassische Medikamente wie der Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure oder das fiebersenkende Paracetamol relativ leicht kopieren lassen, erfordern moderne Biotech-Medikamente viel Know-how. Viele neuartige Wirkstoffe sind große Moleküle, meist Proteine. Sie werden nicht chemisch-synthetisch, sondern biotechnisch mit genetisch veränderten Bakterien-, Hefe- oder Säugetierzellen hergestellt. „Biopharmazeutika sind im Nachbau enorm kompliziert“, betont Hofmann von Pro Generika.

Denn selbst wenn die Nachahmer die gleichen Zellen verwenden wie der Originalanbieter, erhalten sie nicht unbedingt dasselbe Produkt. Weichen die Herstellungsbedingungen - etwa die Temperatur oder die Zusammensetzung der Nährstoffe - nur minimal ab, liefert die Zelle das gewünschte Biomolekül vielleicht in einer anderen Variante oder verunreinigt. Das aber kann fatale Nebenwirkungen zur Folge haben. Pharmazeuten, Chemieingenieure, Biochemiker und Mediziner sind deshalb vor allem gefragt.

Der Boom dieser Berufsgruppen steht in der Generika-Branche zurzeit noch am Anfang. Gerade erst hat Ratiopharm in Ulm ein großes Biotech-Zentrum gebaut, andere Hersteller stehen ebenfalls in den Startlöchern. „Die Herstellung von Biogenerika gilt weltweit als eines der interessantesten Wachstumsfelder überhaupt in der Pharmaindustrie“, verkündete Ratiopharm-Chef Philipp Daniel Merckle zur Einweihung seines neuen Juwels. Im Gegensatz zu Merckle verwenden Branchenkollegen den Begriff „Biogenerikum“ nur ungern. Sie sprechen lieber von „Biosimilars“ - die Wortschöpfung berücksichtigt Kopierfehler im Bioreaktor. Ratiopharms Werbekampagne mit den Zwillingen passt dafür in Zukunft umso besser. Schließlich sind Lisa und Laura hervorragende Beispiele für Biosimilars: zum Verwechseln ähnlich, aber eben nicht identisch.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor