13. Oktober 2008

Von Gothic Lolita bis Dienstmädchen

Manga-Fans sind meistens weiblich

Von Hilmar Poganatz



23. Juni 2008 Aus japanischen Comics ist eine ganz neue Jugendkultur entstanden. Vor allem Mädchen und junge Frauen verfallen den Zeichnungen mit den Kulleraugen. Im Extremfall werden sie „Cosplayer“ - Rollenspieler in teuren Manga-Kostümen.

Yuka und Luisa sind aufgeregt. Beide kichern. Yuka redet ohne Unterlass. Gleich ist ihr Auftritt: „Welches Kostüm sollen wir zuerst anziehen?“ Sie schwenkt ein schwarz-weißes Hausmädchenkleid. „Oder lieber was mit gelb?“ Ein weißes Zeremoniengewand käme auch noch in Frage. „Meinen Kimono hab ich leider zu Hause gelassen, der ist zu schwer.“ Also wählt Yuka ihr Lieblingskostüm, ein schwarzes Dienstmädchenkleid mit weißer Schürze. So etwas tragen die Kellnerinnen in japanischen Kaffeehäusern. Und so etwas tragen Manga-Fans wie Yuka und Luisa.


Yuka Cai und Luisa Chan sind Cosplayer. Mit ihren Verkleidungen hauchen sie ihrer Leidenschaft für Manga und Anime Leben ein. Auf Messen und Partys, auf dem Zimmer und im Comic-Shop schlüpfen sie in ihre Kostüme - und verwandeln sich in ihre Lieblingsfiguren aus Büchern, Filmen und Computerspielen. Wenn Jungs Cosplayer sind, tragen sie meist martialische Rüstungen und Waffen. Die Mädchen hingegen stehen auf aufreizende Kleidchen. Im Otaku Store in Berlin-Reinickendorf hängen daher vor allem Lolita- oder Dienstmädchenkostüme an der Stange. Die meisten Manga-Fans sind Mädchen und junge Frauen.

Yuka ist 27 Jahre alt und studiert Biotechnologie in Berlin. In Hongkong geboren, hat sie den Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht. Genau wie ihre Cousine Luisa. Die ist 17 und geht noch zur Schule. Beide sind mit der japanischen Jugendkultur groß geworden. So wie amerikanischer Hip-Hop seit den 1980er Jahren den Stil einer Generation geprägt hat, so fährt heute eine neue Generation auf Japan ab: Sie lesen Mangas, spielen Anime-Computerspiele und hören J-Pop oder J-Rock. Der neue Stil heißt Visual Kei, eine Art Glamrock für Manga-Fetischisten. Die Bandmitglieder sehen aus, als seien sie einem Comic entsprungen. Als cool gelten nur die „echten“ VK-Bands aus Japan wie „The Gazette“ oder „Girugämesh“ - nicht „Cinema Bizarre“ oder „Tokio Hotel“. Auf die Namen der deutschen Nachahmer reagiert die sonst so schweigsame Luisa mit einem künstlich gequälten „Uh nee ...“


Chun Yu Wu betritt den Laden. Der 30 Jahre alte Informatik-Student hat den Otaku-Store im Nordwesten Berlins im Sommer 2006 eröffnet. Draußen stehen schon drei Sechstklässler, die darauf warten, dass der Laden öffnet. Sie wollen schnell noch ein paar neue Packungen für das Sammelkartenspiel p Yu-Gi-Oh kaufen. „Das spielen teilweise schon Fünfjährige“, sagt Wu. Andere Kunden seien hingegen schon 30 oder älter. Zum Beispiel die, die sich für die kleinen und großen Sammelfiguren interessieren, die seine Glastheken bevölkern: Blutjunge Manga-Mädchen in kurzen Röcken und aufreizenden Posen, manche mit martialischen Waffen, andere in Schuluniformen oder als Kellnerinnen gekleidet. „Nein, die sind nicht zum Spielen“, stellt Wu klar, „die sind zum Aufstellen“. Nur für Erwachsene.

Als er den Shop aufsperrt, lassen die Zwölfjährigen die süßen Mädchenfiguren links liegen und stürzen sich auf den Spielkartenständer. Yuka Cai begrüßt den Ladenbesitzer mit einer gut einstudierten Verbeugung. Wu ist seit zehn Jahren ihr Freund. Schon damals haben sie zusammen „Dragonball“ geschaut, und wenn sie heute ihr Dienstmädchenkostüm trägt, spielen beide ihre Rollen. Mit einem Augenzwinkern: „Cosplay ist wie ein Rollenspiel“, erläutert Yuka. Viele vergäßen eben, dass Cosplay nicht bloß eine Verkleidungsparty ist: „Die cossen nur, aber playen nicht.“


Wenn Yuka und Luisa „cossen“ und „playen“, dann meist im Laden. Manchmal auch zu Hause beim Kuchenbacken und Kartenspielen. Am liebsten aber auf Cons. Vom Otaku-Store aus planen sie ein Cosplay-Café, in dem sie als Bedienungen auftreten würden. „Und wenn das Wetter schön ist und man ganz plemplem ist, geht man auch schon mal auf die Straße.“ Das dann aber nur in einer Gruppe, sagt Yuka. Luisa lächelt nur scheu. Sie weiß, dass die Verkleidungsspiele manchmal anzügliche Kommentare ernten. „Vor allem bei den Gothic Lolitas“, stellt Yuka klar. Die kleiden sich nämlich bewusst sexy, mit kurzen Röcken und viel Tüll und Spitze. Das ist nichts für Yuka Cai, sie trägt ihr Kleid grundsätzlich über Knielänge: „Wir wollen ja damit keine Männer anmachen.“ Auffallen wollen die Cosplayer aber allemal. Es sei ein wenig wie in der Punk-Szene, meint Yuka, auch wenn die Musik ganz anders sei.

Im Gegensatz zur Punkbewegung sind die Manga-Fans jedoch alles andere als konsumkritisch. Das Hobby hat fast immer etwas mit Sammeln zu tun, und sammeln heißt kaufen: Comics, Karten, Computerspiele. Oder im Extremfall Kostüme: „Das ist ein sehr teures Hobby“, gesteht Yuka ein. Die Dienstmädchenkleider kosten zwischen 80 und 200 Euro, und eine Kampfrüstung im Akira-Style kann bis zu 600 Euro kosten. Der Berliner Experte für Jugendkulturen Klaus Farin erkennt darin ein Muster: „Manche Szenen bauen ganz auf Konsum auf, so wie die Manga-Szene“, sagt Farin. Trotzdem entwickele sich daraus häufig ein eigener, kreativer Zugang: „Wenn etwa ein japanischer Manga-Zeichner mal zur Signierstunde kommt, dann stehen da Hunderte von Fans in der Schlange, und viele haben ihre eigenen Bücher und Zeichnungen dabei.“


Sie zeigen den Stars, was sie selbst gemacht haben. So wie Luisa, die stolz ihre bunte Zeichnung zur Serie „One Piece“ von der Wand nimmt. So wie Yukas Cousin, der gerade erst sein Abitur gemacht hat und schon zwölf Kostüme entworfen hat, die er bald in Japan nähen lassen will. Oder so wie die jungen, deutschen p Mangaka. Die haben ihre Strips zunächst auf Fan-Portalen wie Animexx veröffentlicht. Heute sind sie gefeierte Szene-Stars.

Viele von ihnen befinden sich noch im Studium. Dorota „Reami“ Grabarczyk studiert im sechsten Semester Kunstgeschichte in Bonn, ihre Partnerin Olga „Asu“ Andryienko belegt in Hamburg im vierten Semester Kommunikationsdesign. Zusammen nennen sie sich „DuO“. In ihrer ersten Geschichte „MonStar Attack“ bekämpfen ihre Comic-Alter-Egos ein Manga-Mädchen, das das gesamte Universum erobern will. Die Frankfurter Japanologie-Studentin Christina Plaka will ausnahmsweise nicht die Welt retten. In ihren Mangas geht es um J-Pop-Bands und Nippon-Punks. Noch im Grundstudium befindet sich Olivia Vieweg. Als „VenusKai“ zeichnet sie leise, märchenhafte Geschichten. Als Olivia studiert sie Visuelle Kommunikation in Weimar. Und die 25 Jahre alte Judith Park schmiss sogar ihr Biologiestudium, um preisgekrönte Comics wie „Dystopia“ zu produzieren. Dass sie in ihrem Traumfach Grafikdesign nie einen Studienplatz erhalten hat, konnte sie da ganz gut verkraften.


Yuka Cai und Luisa Chan kaufen sich allerdings keine deutschen Mangas. „Die sind noch nicht so weit“, findet Yuka: „Zu amerikanisch alles. Sie bevorzugt die erotisch aufgeladenen Bilder des Manga-Meisters Satoshi Urushihara. Vielleicht kopiert ja demnächst einer ihrer deutschen Freunde den Stil der p Hentai-Ikone. Die kritzeln nämlich fleißig D jinshi und stellen diese „Fan-Art“ ins Internet. Die nächsten deutschen Mangaka werden nicht auf sich warten lassen. Und vielleicht liefern sie Yuka und Luisa ja ein paar schöne neue Vorlagen für verrückte Kostüme.

Heidi, Dragonball und Ero-Mangas: Die Geschichte der Mangas

Als Heidis große Augen erstmals den Geißenpeter anstrahlten, ahnten die Fernsehzuschauer noch nicht, was sie da sahen: Manga - „spontane Zeichnungen“ aus Japan. Es war 1974, und der große Boom für japanische Comics und Zeichentrickfilme war weit entfernt.


Dabei waren Mangas in Japan schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitet. Die Comics, die auch als „ungezügelte Bilder“ übersetzt werden können, entstanden zunächst als Karikaturen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurden sie zu Fantasy-Seifenopern auf Wegwerfpapier. Heute sind 40 Prozent der japanischen Druckerzeugnisse billige Mangas, die nach dem Lesen in der U-Bahn liegenbleiben oder im Papierkorb landen. „Kimba, der weiße Löwe“ (1977) aus den Händen des Manga-Urvaters Osamu Tezuka und „Captain Future“ (1980) waren die nächsten Animes, die in Deutschland Erfolge feierten. Anfang der neunziger Jahre war der in einer dunklen Zukunft spielende Comic „Akira“ die erste komplett veröffentlichte Manga-Serie in Deutschland. Anders als die Originale erschien „Akira jedoch weder auf Billigpapier noch schwarzweiß. Auch die japanische Lesrichtung von hinten nach vorne wurde westlichen Gewohnheiten angepasst.

Ein größeres Publikum erreicht erst die TV-Serie „Sailor Moon“ (1995). Das tollpatschige Mädchen Bunny Tsukino muss die Welt retten - natürlich in Schuluniform. Und weil die in Japan einem Matrosenanzug gleicht, heißen die weiblichen Helden „Sailor“ (Seeleute). Plötzlich weiß jeder, was Anime ist. Vor allem junge Mädchen sind begeistert, ebenso wie bald darauf die Jungs. 1997 erscheint der Shnen-Manga „Dragonball in japanischer Aufmachung: preiswert, handlich, und innen schwarz-weiß. Son-Goku, der kleine Junge mit dem Affenschwanz, muss ebenfalls die Welt retten, ab 1999 auch auf RTL II. Mangas sind jetzt auch in Deutschland Populärkultur und überflügeln mit ihren Millionenauflagen die klassischen Comics von Batman bis Micky Maus. Eine ganze Palette deutscher Mangaka, meist junge Frauen, veröffentlicht erfolgreich eigene Serien. Jedes Publikum findet sein eigenes Genre: Shjo und Shonen sind meist Abenteuerstorys. Ausgerechnet bei Mädchen liegen Shonen-Ai im Trend, Liebesgeschichten zwischen Jungen. Sehr erfolgreich sind schlüpfrige Hentai und homosexuell-pornographische Yaoi. So bieten die Nippon-Comics ein ganzes Universum. Die Manga-Welt kann niedlich und romantisch sein. Häufig ist sie aber auch brutal und pervers.

Japanisch für Anfänger

Anime: Animierte Mangas, also Zeichentrickfilme oder Computerspiele im Manga-Stil

Cons: Conventions. Messen, auf denen die Fans sich treffen. Die bekannteste ist die alljährliche „Mega Manga Con“ in Berlin.

Cosplay: Vom englischen „costume play“, Kostümspiel. Das spielerische Verkleiden mit Kostümen aus Manga-Comics und Anime-Filmen

D jinshi: Von Fans gezeichnete Amateur-Comics, häufig Erweiterungen bekannter Serien

Gothic Lolita: Modestil für Mädchen, der sich an viktorianischer Trauerkleidung orientiert.

Hentai: Der japanische Ausdruck für „pervers“ bezeichnet im Westen Animes und Mangas mit pornographischen Inhalten.

J-Pop: Japanische Popmusik, häufig mit starkem Synthesizer-Einsatz

J-Rock: Japanische Rockmusik

Manga: Der japanische Begriff für Comics. Das Wort setzt sich aus dem japanischen „man“ („spontan, ziellos“) und „ga“ („Bild, Zeichnung“) zusammen.

Mangaka: Professionelle Manga-Zeichner und -Zeichnerinnen

Otaku: Wörtlich so etwas wie „Stubenhocker“, bezeichnet „Otaku“ extreme Fans, die japanische Form des „Nerds“. Hier: Leidenschaftliche (Manga-)Sammler.

Shjo-Manga: „Mädchen“-Manga, in denen häufig Heranwachsende Superkräfte entwickeln und die Welt retten, manchmal aber auch einfach Alltagsprobleme bewältigen.

Shonen: „Jungen“-Manga, das männliche Gegenstück zu den Shjo-Comics

Shonen-Ai: „Jungen-Liebe“. Meist von weiblichen Mangaka gezeichnete, sanfte Liebesgeschichten zwischen Boys. Der Sex steht dabei nicht im Vordergrund.

Visual Kei: Sammelbezeichnung für Bands, die sich vor allem über ihr auffälliges Äußeres definieren. Die Bezeichnung setzt sich aus dem englischen „visual“ und dem japanischen „Kei“ (System) zusammen. Häufig kommt dabei eine androgyne Glamrock-Anmutung heraus.

Yu-Gi-Oh: Ein klassischer Shonen-Manga, in dem ein Sechzehnjähriger gemeinsam mit einem wiederbelebten Pharao die Welt rettet. Aus der Serie entstand das gleichnamige Sammelkartenspiel, eine Art „Magic“ für Manga-Fans.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 138
Bildmaterial: Hilmar Poganatz
 
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