12. Oktober 2008

Nichts für Touristen

Dresden – heile Welt mit Randale

Von André Schmidt-Carré



21. Januar 2008 In Dresden verdrücken sich Studenten und Berufsanfänger in Nischen zwischen saniertem Barock und Plattenbau. Der größte Rückzugsraum ist die „äußere Neustadt“. Unter der Woche ein idyllisches Viertel zum Wohlfühlen. Nur an den Wochenenden wird's hier manchmal ungemütlich.

Die Kunststudenten Hannes Bröcker und Claudia Schötz haben für das barocke Dresden wenig übrig. Dabei gehört ihre Hochschule direkt neben der Frauenkirche zu den Vorzeigebauten der Altstadt. Das Denkmal wurde für viele Millionen Euro saniert - und darf entsprechend nur mit Samthandschuhen angefasst werden: „Wenn wir ohne Genehmigung Löcher in die Wand hauen, kann das Ärger geben“, sagt Schötz. Deshalb haben sich die beiden wie viele ihrer Kommilitonen zusätzlich außerhalb der Stadt Atelierräume angemietet: unsaniert, groß, billig und mit Platz für die Kunst. Die Reduktion aufs Wesentliche ist nämlich nicht die Stärke des Barocken: „Die Räume in der Hochschule sind imposant: hohe verzierte Decken, Oberlichter“, sagt Bröcker. „Aber sie stehlen der Kunst die Schau.“


Frauenkirche, Zwinger und Semperoper: Dresden ist eine Kulisse, durch die jedes Jahr Millionen von Touristen strömen. Doch die heile Welt zwischen der schick sanierten Kunsthochschule, Volkswagens „Gläserner Manufaktur“ und den Chip-Herstellern Infineon und AMD ist schnell zu Ende, sobald man die Gründerzeitbauten des ehemaligen Elbflorenz hinter sich lässt: Hinter der Altstadt reißen triste Ausfallautobahnen den Horizont auf. Mit grauen Plattenbauten links und rechts. Hier beginnt das Umland, wo im Schnitt 18 Prozent der Erwachsenen arbeitslos sind. Im nah gelegenen Görlitz ist mehr als jeder Fünfte offiziell arbeitssuchend.

Studenten und Berufsanfänger zieht es deshalb in die wenigen Nischen zwischen Barock und Plattenbau: Meistens in das ehemalige Arme-Leute-Viertel Neustadt. Hier gründete die alternative Szene 1990 offiziell ihren eigenen Staat: Die bunte Republik Neustadt, deren schwarz-rot-goldene Flagge statt Hammer und Zirkel Mickey Mouse im Ährenkranz trägt. Die alten Gründer- und Jugendstilviertel am Stadtrand waren im Krieg nicht ausgebombt worden, und zu DDR-Zeiten galt es als schicker, in Plattenbauten mit funktionierender Heizung und Warmwasser zu leben. Nach der Wende begann die Renaissance der Altbauten. Jugendstilvillen mit Parkett, Stuck und Kohleofen waren hier für die Miete einer Kölner Souterrain-Wohnung zu haben. Neustadt rühmt sich bis heute, der jüngste Stadtteil Deutschlands zu sein. Der Altersdurchschnitt liegt, je nach Quelle, irgendwo zwischen 30 und 35 Jahren. Seit den 90er Jahren haben Bauherren und öffentliche Hand kräftig in die Neustadt investiert. Zentralheizung und Thermopen-Fenster ersetzten jetzt vielfach Ofen und Einfachglas.


Auch Yves Mutsch landete hier, als er vor einem Jahr aus Stuttgart nach Dresden zog. Der angehende Bauingenieur hatte nach dem Vordiplom genug vom teuren Schwabenländle. Er freut sich jetzt über sein parkett im Altbau, die er sich mit zwei Mitbewohnern teilt. Verglichen mit westdeutschen Großstädten sind die Mieten konkurrenzlos günstig, 190 Euro warm zahlt er im Monat: „Nach Stuttgart bin ich immer von meiner Heimatstadt Tübingen aus gependelt, weil die Wohnungen einfach zu teuer waren.“ Der 27-Jährige fühlt sich wohl in Dresden. Oder besser gesagt: Er fühlt sich wohl in der Neustadt. „Ich bin aus dem Viertel fast noch nie herausgekommen. Wozu auch? Freunde treffen, feiern, einkaufen - das geht in der Neustadt am besten.“ Sein Bier kauft er nicht im Supermarkt, sondern fast genauso billig und bis tief in die Nacht hinein im „Spätshop“. Die kleinen Buden an der Ecke werden abends zum Tresen, die Straße mutiert zur Kneipe. „Irgendwen kennt man immer“, sagt Mutsch. Im Sommer geht's zum Grillen in den Alaunpark, und die Geschäfte haben sich mit Bioware auf ihre jung-alternative Kundschaft eingestellt. Dass der Tante-Emma-Laden an der Ecke um halb zehn Uhr abends immer noch Fertigpizza verkauft, findet Mutsch besonders praktisch. „Weil wir kein Tiefkühlfach haben.“

Nur am Wochenende wird die heile Welt gestört, denn dann kommt die ostdeutsche Plattenbau-Realität zu Besuch: Dann machen nicht nur jugendliche Feiertouristen aus den ehemaligen Arbeitervierteln Prohlis und Gorbitz die Neustadt unsicher. Dann paradieren auch Skinheads mit Baseball-Schlägern durch die Straßen. Und wenn die Altpunker gegenüber vor der Scheune, dem Kulturzentrum und Nabel der Neustadt-Welt, Position beziehen, gibt's schon mal Kloppe. Dann wird das Viertel ganz unstudentisch zum Brennglas einer Großstadt im Osten, in dem es eben doch noch reichlich Probleme gibt.


„Ärger kriegt man aber nur, wenn man danach sucht“, beeilt sich Mutschs Freundin Kati Finaske zu sagen. Die Diplompädagogik-Studentin kommt gebürtig aus Dresden und will sich von ein bisschen Randale die gute Laune nicht verderben lassen. Dabei sind die Schlägereien längst zum Politikum geworden. Die Spätshops müssen neuerdings am Wochenende schon um 22 Uhr schließen. Und die örtliche CDU will Kameras installieren, damit die Polizei bei Schlägereien am Wochenende schneller reagieren kann. Doch die Bewohner wollen sich nicht überwachen lassen.

An den Randlagen des Viertels geht es ohnehin ruhiger zu. Hier wohnen die Berufstätigen, die nachts auch mal eine Mütze Schlaf brauchen. So wie Ralf Becker. Der Chemiker ist vor drei Jahren nach seinem Promotionsstudium von Bochum nach Dresden gezogen und hat beim Chiphersteller Infineon angefangen. „Mir waren die Leute in der Neustadt sehr sympathisch“, sagt Becker. Dennoch: Irgendwann wurde es ihm am Wochenende einfach zu laut: Vergangenes Jahr ist der 35-Jährige mit Frau und neugeborener Tochter in den ruhigeren Stadtteil umgezogen. Auf die Seite der Elbe, nach Striesen - wo die Welt ebenfalls noch ein bisschen in Ordnung ist.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 94, 2008, Seite 76
Bildmaterial: Tim Wegner
 
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Ein bisschen wie früher
Wohin, wenn's dunkel wird?

Auch Dresdens Nachtleben konzentriert sich auf die Neustadt. Die Clubs und Bars rund um die Alaunstraße erinnern an die 90er Jahre: Gitarrensound, Reggae und billiges Bier. 

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Ob im Gesundheitswesen, im Baugewerbe, in der Dienstleistungsbranche oder in der Industrie: Auch britische Unternehmen sorgt der Nachwuchsmangel, und Hochschulabsolventen aus Deutschland werden mit Handkuss genommen. Wer beruflich im Vereinigten Königreich Land gewinnen will, muss jedoch ein paar Spielregeln berücksichtigen.