22. Juni 2009 Machen statt diskutieren, Konsens statt Konfrontation. Die Studenten von heute wirken lieber im Kleinen, als sich in die große Weltpolitik einzumischen - ganz im Gegensatz zu ihren aufsässigen Vorgängern in den sechziger und siebziger Jahren.
Mörder! Mörder, skandieren die rund 2.000 Studenten hinter den Sperrgittern, als der Mercedes 600 langsam heranrollt. Freilassung der inhaftierten Studenten steht auf einem ihrer Plakate und Autonomie der Teheraner Universität. Die Limousine fährt unter einem Hagel von Eiern, Tomaten und Farbbeuteln davon. Als die Polizisten mit ihren Schlagstöcken auf die Studenten losgehen, werfen die mit Steinen. Die Gewalt eskaliert. Die Studenten werden von der Staatsmacht eingekesselt, viele brutal zusammengeschlagen. Plötzlich fällt ein Schuss, die Kugel aus der Polizeipistole trifft den Studenten Benno Ohnesorg in den Hinterkopf. Der stirbt noch am selben Abend.

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Das war am 2. Juni 1967. Im Mercedes saß das iranische Staatsoberhaupt, der Schah Mohammed Reza Pahlavi mit seiner Frau Farah Diba. Sie waren zu Besuch in Westberlin, gerade auf dem Weg zur Deutschen Oper. Die Studenten brachten mit der Demonstration ihren Protest gegen das diktatorische Regime des persischen Schahs zum Ausdruck, gegen seine Folterpraxis. Es war die Zeit, in der weltpolitische Ereignisse die Studenten emotional aufwühlten, in der an den Universitäten ständig diskutiert und demonstriert wurde, in der die Mehrheit der angehenden Akademiker hochpolitisiert war und für eine bessere Welt kämpfte. Gut 40 Jahre später haben sich die Verhältnisse an den Universitäten stark verändert. Demonstrationen sind rar geworden. Egal ob im Irak, in Afghanistan oder im Gazastreifen Bomben fallen - die Studenten studieren fleißig weiter. Die eigene Karriere interessiert sie mehr als das Elend irgendwo in Kabul. Noch nie waren die Studenten politisch so teilnahmslos wie heute, sagt der Soziologe Tino Bargel von der Universität Konstanz.
Bargel ist Leiter der von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie zum Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte der Studierenden. Die Studie basiert auf den Ergebnissen der zehn Erhebungen des Konstanzer Studierendensurvey, durchgeführt zwischen 1983 und 2007. Fast 90.000 Studenten wurden insgesamt befragt. Wie hat sich ihre Haltung in den 24 Jahren verändert? Die drastischste Veränderung betrifft das politische Interesse: Während 1983 sich immerhin 54 Prozent der Studenten als stark politisch interessiert bezeichneten, taten dies 1993 nur noch 46 Prozent. Und im Jahr 2007 gerade mal 37 Prozent.

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Der Rückgang des politischen Interesses wird begleitet von einer wachsenden Wertschätzung für den Lebensbereich Eltern und Geschwister. 2007 hielten ihn 72 Prozent für sehr wichtig, 24 Jahre zuvor lediglich 46 Prozent. Studienleiter Bargel spricht angesichts dieser Trends von einer Rückbesinnung auf die private Einbindung und Tradition. Er betrachtet die Entwicklung mit Sorge: Denn ein Vorherrschen privater Tugenden bei einem Nachlassen der öffentlichen Tugenden kann als problematisch für die Demokratie angesehen werden.
Warum wenden sich so viele Studenten vom politischen Geschehen ab? Und worin unterscheidet sich die Politikauffassung der heute Engagierten von der früherer Studentengenerationen?

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Der Asta der Uni Hamburg an einem Montagnachmittag. Asta steht für Allgemeiner Studierendenausschuss, er ist so etwas wie die Studentenregierung einer Hochschule. Auf dem Gang ist es ruhig, hier und da telefoniert jemand. Die Wände sind grün-blau-weiß gestrichen, es sind die Farben des Asta-Logos, das vor etwa einem neuen Jahr eingeführt wurde, um durch ein einheitliches Corporate Design mehr Aufmerksamkeit bei den Studenten zu gewinnen. Am Ende des Gangs ist das Zimmer von Aleksandra Syzmanski und Séverin Pabsch, die Asta-Vorsitzenden der Uni Hamburg. Sie sind ganz frisch im Amt. Den Aufkleber mit der Aufschrift Freibier statt Sozialismus haben die Vorgänger hinterlassen. Ansonsten wirkt ihr Raum wie ein gewöhnliches Büro in einem Unternehmen. Kurzes Umschauen genügt, um zu erkennen, dass hier eine Generation regiert, die ganz anders tickt als die linken Fundamentalisten, die jahrzehntelang die Vorherrschaft über den Asta innehatten - nicht nur in Hamburg, sondern im gesamten Bundesgebiet. Nirgendwo versiffte Sofas, überquellende Aschenbecher und Kampfparolen-Plakate. Stattdessen Regale, Aktenordner und Computer. Mit der destruktiven Haltung der Studentenbewegung vor 40 Jahren können wir nichts anfangen. Wir gehen den Weg des Dialogs, beschreibt der 23-jährige Jurastudent Pabsch den Politikstil des neuen Astas. Konstruktive Mitarbeit in Gremien wie dem akademischen Senat oder dem Fakultätsrat seien wirksamer als Blockaden, Proteste und Boykotts. Dialogbereitschaft heißt ja nicht, dass wir immer nur Kopfnicken. Wir versuchen, in der Diskussion mit guten Argumenten unsere Positionen durchzusetzen. Verweigerung bringt nichts, man wird dann nicht ernst genommen - weder universitätsintern noch von der Öffentlichkeit.
Pabsch ist von den Jusos, der Nachwuchsorganisation der SPD, die gemeinsam mit den Jungliberalen und den Fachschaftslisten der Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Mediziner den Hamburger Asta stellt. Diese Koalition der Gemäßigten geht nun schon in die vierte Amtsperiode. Die Zusammenarbeit klappt gut, sagt Pabsch, über den konstruktiven Kurs herrscht Konsens.
Soll heißen: Man ist sich einig, dass man nicht Politik macht, um die Welt zu verbessern. Oder das System zu verändern. Wir fordern, was auch umsetzbar ist, wir wollen, was die Studierenden wollen, und wir setzen auf Diskussion statt Konfrontation - heißt es im Programm der Hamburger Juso-Hochschulgruppe. Wir sind nicht links und nicht rechts. Wir sind parteipolitisch neutral, sagt die 22-jährige Aleksandra Szymanski. Pabschs Kollegin im Asta-Vorstand gehört zur Wiwi-Liste, die sich für bessere Studienbedingungen einsetzt. Wir möchten beispielsweise die Anwesenheitspflicht in Seminaren und Vorlesungen abschaffen und plädieren für ein notenfreies erstes Bachelorsemester, damit man sich am Anfang in Ruhe orientieren kann, sagt Szymanski. Grundsätzlich finde sie das straff strukturierte und berufsorientierte Bachelor-Master-System aber gut. Es muss nur noch besser umgesetzt werden.
Das neue junge Vorstandspärchen im Hamburger Asta versprüht Tatendrang an diesem Montagnachmittag. Die beiden sympathischen und nett aussehenden Studenten verfolgen konkrete Ziele, große Ideale haben sie nicht. Fast könnte man meinen, sie hätten bei der Ausarbeitung der jüngsten Shell-Jugendstudien Pate gestanden. Von einer pragmatischen Generation sprach die Shell-Studie schon zu Beginn des neuen Jahrtausends. Leistungsbereitschaft, Engagement und eine Orientierung an den konkreten und naheliegenden Problemen würden die Grundhaltung der heutigen Jugend prägen. In der Studie von 2006 bestätigen die Autoren den Befund - allerdings habe der große Optimismus von der Zeit um die Jahrtausendwende inzwischen einer spürbaren Skepsis hinsichtlich der beruflichen Zukunft Platz gemacht. Man spricht jetzt von einer pragmatischen Generation unter Druck. Familie und Freundeskreis würden bedeutender, die persönlichen Beziehungen dienten den jungen Menschen als Rückhalt und vermittelten ihnen Sicherheit.
Größer könnte die Diskrepanz zur Studentenbewegung der sechziger Jahre gar nicht sein. Damals rebellierten die Studenten nicht nur gegen die Verhältnisse an den Universitäten und das kapitalistische Herrschaftssystem, sondern auch gegen die Prüderie und den Konformismus ihrer zur Tätergeneration des Dritten Reichs gehörenden Eltern. Das Aufbegehren war mehr als nur Mittel zum Zweck, es war eine Lebenseinstellung.
Hochschulpolitisch setzten sie sich für die Abschaffung der althergebrachten Ordinarienuniversität ein, die dadurch geprägt war, dass die Direktoren der Institute alleinverantwortlich über deren Angelegenheiten verfügten. Die aufbegehrenden Studenten wollten die Hochschule demokratisieren und entwarfen das Konzept der Gruppenhochschule. Über wichtige das Studium und die Lehre betreffende Angelegenheiten wie Lehrpläne und Prüfungsordnungen sowie über alle Fragen der Hochschulselbstverwaltung sollten die drei Interessengruppen Professoren, Studenten und akademischer Mittelbau zusammen entscheiden. Darauf aufbauend entwickelte der Hamburger Asta-Vorsitzende Detlev Albers damals die Idee der Drittelparität: Die drei Gruppen sollten in neu zu schaffenden Selbstverwaltungsgremien gleich stark vertreten sein. In den Ländern fielen die Konzeptionen auf erstaunlich fruchtbaren Boden. Zahlreiche Professoren legten aber Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. Das Ergebnis des Konflikts: Das Konzept der Gruppenuniversität wurde realisiert, die Drittelparität blieb auf der Strecke. Stattdessen schrieb das Hochschulrahmengesetz von 1975 eine absolute Mehrheit der Professoren fest - und zwar in allen Gremien, in denen über die Forschung, die Lehre oder die Berufung von Professoren entschieden wurde.
Student zu sein bedeutete damals fast automatisch, links zu sein. In den Sechzigern war der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) das Organ der Studentenbewegung. Er war an der Anti-Schah-Demonstration beteiligt, ebenso an der Konzeption der Gruppenhochschule. Ende der sechziger Jahre wurde der SDS zunehmend von inneren Richtungskämpfen zerrissen, ein Großteil der orthodoxen Sozialisten schloss sich der Assoziation Marxistischer Studenten an, aus der später der Marxistische Studentenbund Spartakus hervorging. Andere engagierten sich in den neu entstandenen K-Gruppen, kommunistische Kaderparteien, deren ideologische Leitfigur überwiegend Mao Zedong war. Ende der siebziger Jahre verloren die K-Gruppen an Bedeutung, viele ihrer Mitglieder sammelten sich in der neuen Friedens- und Umweltbewegung und dann in der Partei Die Grünen.
Mit der destruktiven Haltung der Studentenbewegung vor 40 Jahren können wir nichts anfangen. Wir gehen den Weg des Dialogs.
Demokratisierung, Partizipation, Sozialismus, Frieden - wofür die Studenten in den sechziger und siebziger Jahren verbissen kämpften -, verloren in den folgenden Jahrzehnten zunehmend an Relevanz. In den achtziger Jahren zogen sich die Studenten aus dem öffentlichen Leben weitgehend zurück. Nur in den ostdeutschen Unis flammte im Zuge der Wiedervereinigung eine Studentenbewegung auf, die für demokratische Verhältnisse an den Hochschulen eintrat. Am allgemeinen Trend änderte diese Bewegung nichts: Die politischen Interessen der Studenten schwächten sich in den neunziger Jahren weiter ab. Solidarität und die Verbesserung der Welt interessierten sie nicht. Stattdessen traten Fragen des Berufs und des Konsums in den Vordergrund.
Heute hat die Partizipation der Studenten am politischen Leben einen Tiefpunkt erreicht, wie die Studie der Konstanzer Hochschulforscher belegt. Nur wenige wirken in einer Partei oder einer Bürgerinitiative mit. Immer weniger positionieren sich klar im Links-rechts-Spektrum. Nur noch ein Viertel der Studenten bekennt sich heute zu linken Positionen. Die Zusammensetzung der Studentenparlamente spiegelt die zunehmende Abwendung von den Parteien wider. Unabhängige Gruppierungen erhalten ein wachsendes Gewicht. Im Studentenparlament der HU Berlin etwa fallen derzeit 60 Prozent der Sitze auf parteiunabhängige Gruppierungen, in Hamburg sogar 65. Selbst in hochschulpolitischen Angelegenheiten zeigt sich das Gros der Studenten vollkommen gleichgültig. Eine Campus-Umfrage des Asta der Uni Hamburg ergab: Gerade einmal 8 Prozent der Studenten engagieren sich in der Fachschaft oder einer anderen politischen Studenteninitiative. Dass in den letzten Jahren ihre Mitwirkungsmöglichkeiten beschnitten wurden, etwa durch die Schaffung von Hochschulräten, die Überführung von Universitäten in Stiftungen öffentlichen Rechts und die Akkreditierung von Studiengängen durch privat organisierte Stiftungen, löste unter den Studenten keine wahrnehmbare Empörung aus. Die meisten Studenten scheinen gar nicht mitreden zu wollen.
Besonders problematisch ist die Distanz der heutigen Studentengeneration zu grundlegenden demokratischen Prinzipien, sagt Hochschulforscher Bargel. Immer mehr Studenten sind laut Studierendensurvey der Auffassung, dass Interessengruppen wie Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände dem Allgemeinwohl schaden. Eine wachsende Zahl steht darüber hinaus der Funktion von Opposition als Korrektiv der Regierung kritisch gegenüber. Zudem geben nur 31 Prozent der Befragten dem Recht auf Streiks und Demonstrationen Vorrang vor der Wahrung der öffentlichen Ordnung.
Mit anderen Worten: Wer auf die Straße geht, wird als Störenfried empfunden. Konsens statt Konfrontation. Einmal in den letzten Jahren war es allerdings anders. Ein einziges Mal hat ein Thema die Studenten so aufgebracht, dass sie in der Öffentlichkeit als lautstarke Aktivisten wahrgenommen wurden. Als die Landesregierungen sich anschickten, Studiengebühren einzuführen, machten in Studentenkreisen längst vergessen geglaubte Vokabeln wie Boykott, Aktionsbündnis und Rektoratsbesetzung die Runde. Genaueres Hinsehen zeigt aber auch hier, dass sich nur eine Minderheit wirklich engagierte - wie selbst der Dachverband der Studierendenvertretungen FZS bestätigt.
Wie lässt sich der Rückzug von der Politik erklären? Laut FZS sind die straff organisierten Bachelorstudiengänge dafür verantwortlich, weil sie den Studenten einfach keine Zeit für ein politisches Engagement ließen. Tino Bargel sieht die Gründe darüber hinaus in einem nachhaltigen Mentalitätswandel. Viele Studenten von heute seien einem Ordnungs- und Sicherheitsdenken verhaftet, während sie mit einer politischen Streitkultur wenig anfangen könnten. Drei Entwicklungen würden diese Haltung unterstützen: Erstens die wachsende Unübersichtlichkeit der politischen Verhältnisse durch die Europäisierung und Globalisierung. Zweitens der Stilwandel des öffentlichen Handelns von Konzept und Debatte hin zu Event und Unterhaltsamkeit. Und last, but not least die veränderte soziale Rolle der Studierenden, die sich als Kunden ihrer Universität fühlen und als Gegenwert für ihre Studiengebühren eine ordentliche Berufsqualifizierung erhalten sollen. Diese Bedingungen erschweren ein politisches Engagement. Es wird politischen Profis überlassen, während die Studenten sich darauf konzentrieren, im Wettbewerb um die Arbeitsplätze nicht als Verlierer dazustehen, so Bargel.
Michael Bürsch, der Vorsitzende des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement im Deutschen Bundestag, betrachtet die Haltung der Studenten mit weniger Sorge. Zwar würden sich nur wenige einer Partei verschreiben oder langfristig an eine Bürgerinitiative binden. Aber das heiße nicht, dass sie sich gar nicht engagierten. Etliche mischen sich ein, aber ihr Engagement ist eher kurzfristig und auf die Biographie abgestimmt. Pragmatisch wie sie sind, suchten sich die Studenten Tätigkeitsfelder, auf denen sie ihr Fachwissen anwenden können. Christina Mundlos beispielsweise hat sich im Soziologiestudium auf die Geschlechterforschung spezialisiert. Jetzt setzt sie sich im Frauenreferat der Uni Kassel für die Gleichberechtigung ein. Die Mainzer Medizinstudentin Joanna Wies kümmert sich in einer studentischen Initiative um die ärztliche Versorgung von Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung und Krankenversicherung. Und Matthias Nettlau, der in Leipzig Wirtschaftsingenieurwesen und Energiewesen studiert hat, gründete 2006 mit einigen Kommilitonen eine Initiative, die an Hochschulen klimafreundlichen Strom aus Sonnenenergie erzeugen will. Allen drei ist eines gemeinsam: Sie wollen etwas Konkretes bewegen.