12. Oktober 2008

Die simulierte Simulation

Ein Assessment-Center zum Ausprobieren

Von Frauke Poganatz



21. Januar 2008 Sich fit fürs Assessment-Center machen, diesen Service bieten jetzt immer mehr Hochschulen an. An der Universität Münster können Studenten und Absolventen aller Fachbereiche sogar ein täuschend echtes Assessment-Center durchlaufen. Der Hochschulanzeiger war live dabei.

Der Eingang zur Firma „Hänkel“ ist unscheinbar: Ein graues Treppenhaus, eine blaue Stahltür - ein Firmenschild gibt es nicht. Kein Wunder: Die Firma „Hänkel“ ist nur Fiktion. Erfunden von der „Beratungsstelle für Organisationen“ (BFO) der psychologischen Fakultät an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.


Sieben „Hänkel“-Bewerber stehen an diesem Freitagmorgen um acht Uhr vor dem Eingang. Der achte kommt auf den letzten Drücker. Ob er sich das bei einem echten Assessment-Center (AC) auch getraut hätte? Tatsache ist: In den nächsten Stunden werden die Teilnehmer nicht mehr merken, dass hier das Bewerbungsverfahren nur gespielt ist. Denn hinter der Übung steht ein Profi: Seit zehn Jahren entwickelt Diplom-Psychologe Dr. Uwe Kanning mit seinen Studenten Assessment-Center - oft im Auftrag für echte Organisationen.

Daniela, die Moderatorin des Tages, gehört zu seinem Kurs „Personalauswahl“: „Herzlich willkommen bei Hänkel“, begrüßt sie die acht Bewerber. Zu besetzen ist eine Stelle im „Hänkel“-Traineeprogramm. Bevor die Teilnehmer am AC teilnehmen konnten, mussten sie alle eine komplette Bewerbungsmappe einreichen, einen Intelligenztest, den IST 2000, und ein Einstellungsinterview absolvieren. Test, Mappe, Interview und das AC bestimmen dann zusammen, ob ein Teilnehmer den Job bekommt oder nicht. Ganz schön viel Arbeit für eine imaginäre Arbeitsstelle - aber es soll ja realistisch sein.

Der Sitzkreis

Wirklichkeitsgetreu fängt das AC mit einem Sitzkreis an: Die fünf Beobachter, alle businesslike gekleidet, stellen sich mit ihrer ausgedachten Jobposition in der Firma „Hänkel“ vor: „Ich bin Cornelia und verantwortlich für die Personalauswahl.“ „Ich arbeite im Bereich Marketing für Waschmittel. Und freue mich auf den gemeinsamen Tag mit Ihnen“, und so weiter. Dr. Kanning tritt als Leiter Personalmarketing auf. Die AC-Teilnehmer sind an der Reihe: „Ich bin Sebastian, studiere Biowissenschaften.“ „Ich heiße Irina und bin VWL-Studentin.“ „Tim, Rechtsreferendar.“ Mit dabei sind noch die Biowissenschaftsstudentinnen Linda, Ulrike und Anne, der BWL-Student Tobias und die Erziehungswissenschaftsstudentin Julia.

Moderatorin Daniela erklärt den Tag: „Sie werden in allen AC-Übungen auf bestimmten Eigenschaftsdimensionen gemessen, in der Mittagspause werden Sie nicht bewertet. Wenn Sie mit einer Übung fertig sind, verraten Sie bitte den anderen Teilnehmern nichts. Bitte wundern Sie sich nicht, die Beobachter werden Ihnen keinerlei Rückmeldung geben, weder positiv noch negativ. Kekse und Getränke stehen Ihnen im Flur zur Verfügung.“

Die Gruppendiskussion

Alle Teilnehmer müssen in den Vorraum, die Beobachter setzen sich auf ihre Plätze - Gruppendiskussion! In den nächsten 20 Minuten müssen vier Teilnehmer Positionen in der Firma „Hänkel“ einnehmen und über die Abschaffung zweier Produkte wie „Pärwoll flüssig“ oder „Värnel traumhafte Frische: Tag am Meer“ diskutieren. Anne, die einzige Frau in der Runde, geht in die Offensive: „Also, ich als Frau finde …“ Dann wird hitzig über Geruchs- oder richtige Waschmittelunterschiede diskutiert. Letztendlich stimmen die vier ab, um zu einer Lösung zu kommen. Während die einen noch die Gruppendiskussion machen, müssen die anderen das „Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung“ (BIP) ausfüllen: „Passt zu Ihnen ein Satz wie ›Ich bin schlagfertig‹ oder ›Ich treffe in fast allen Situationen instinktiv den richtigen Ton?‹“

Das Kundengespräch

Nächste Aufgabe. Ein Rollenspiel. Jeder muss allein am Telefon ein Kundengespräch führen. Eine Psychologiestudentin ruft in der Rolle der „Frau Stegemann“ die „Hänkel“-Kundenhotline an - und schimpft gleich los: Das Produkt „Pärsil hautfreundlich“ ist plötzlich voll von Duftstoffen, auf die sie und auch ihr zehn Monate altes Baby hochallergisch reagieren. „Frau Stegemann“ wettert: „Sie mixen einfach Duftstoffe in ihr angeblich hautfreundliches Produkt. Das ist eine Frechheit! Ich bin übersät mit roten Punkten!“ Julia reagiert sehr verständnisvoll: „Ihr Ärgernis kann ich gut verstehen. Ich trage Ihre Beschwerde auf jeden Fall weiter!“ Nach dem Rollenspiel räumt sie lachend ein, dass es ihr als Erziehungswissenschaftlerin doch etwas schwerfalle, wirtschaftlich zu denken. Tobias hat das Rollenspiel hinter sich: „Es war lustig, aber ich fand es problematisch, dass ich nicht wusste, welche Möglichkeiten ich bei Hänkel habe, der Frau Stegemann Schadensersatz zu zahlen.“ Die anderen vertreiben sich die Zeit mit dem Leistungsmotivationsinventar (LMI) und einem Fragebogen zur Messung sozialer Kompetenzen - oder warten einfach. Assistentin Marijke bietet Zeitschriften an: „Hier, die haben wir noch gefunden. Keine Angst, es wird nicht bewertet, WAS Sie lesen!“

Die Präsentation


Sebastian ist mit den Gedanken schon woanders: „Ich befürchte, dass gleich eine Präsentation auf uns zukommt. Vor sechs Leuten mit starrer Miene und ohne Feedback zu sprechen und sich zu beweisen, ist wirklich recht unangenehm.“ Anne sieht es genauso: „Frei sprechen und zwar schlecht oder wenig vorbereitet, das mag ich nicht so gerne.“ Ulrike wartet vor der Tür, sie muss nun tatsächlich einen Vortrag halten: „Ich bin aufgeregt, aber es passt schon. Würde es wirklich um etwas gehen, wäre ich aufgeregter.“ Als Vertriebsleiter von „Hänkel“ müssen die Teilnehmer der Reihe nach in zwölf Minuten entscheiden, in welchem Land sie einen neuen Absatzmarkt für „Hänkel“-Produkte sehen und warum. Zur Wahl stehen Bolivien, Rumänien und Kanada. Mit Flipchart, Metaplanwand und Tageslichtprojektor darf die eigene Argumentation untermauert werden. „Ich stelle mich noch einmal vor. Ich bin Ihre Vertriebsleiterin“, beginnt Linda ihre Präsentation. Tim geht es strukturiert an: „Ich stelle das Ergebnis gleich vorweg!“ Endlich sind alle mit dem Vortrag durch. Anne ist skeptisch: „Der ging daneben. Erst habe ich mich falsch vorbereitet, als ich es merkte, hatte ich keine Zeit mehr und habe Panik bekommen. Aus Nervosität habe ich dann gestottert, und meine Körpersprache war dementsprechend verkrampft.“ Immerhin: Nun weiß sie, was sie vor einem echten Assessment-Center üben wird.

Die Gruppenarbeit

Nach der Mittagspause geht es stramm weiter: In einer Gruppenarbeit müssen Ulrike, Sebastian und Tobias in 20 Minuten mit Alufolie, Kleber, Knete, Zahnstocher und Co ein kleines Spaceshuttle konstruieren, das die Firma „Hänkel“ und ihre hochwertigen Produkte repräsentieren soll. Die drei basteln los. „Können wir die Zahnstocher noch einbauen?“, fragt Tobias. „Vielleicht setzen wir den „Hänkel“-Schriftzug noch aufs Modell“, schlägt Sebastian vor. Ulrike drängt: „Nur noch drei Minuten Jungs!“ Und fertig! Ein silbernes Alu-Raumschiff ist bereit zum Abheben. Die zweite Gruppe mit Linda, Anne, Tim und Irina ist ruhiger. Sie reden leise, arbeiten hochkonzentriert. Sie scheinen etwas verwundert über die Aufgabenstellung. Langsam tauen sie auf, entspannt lacht mal die eine, mal der andere. „Bitte sprechen Sie etwas lauter“, verlangt Moderatorin Daniela. Schließlich brauchen die Beobachter für ihre Bewertungen mehr Kommentare und Verhaltensweisen der Teilnehmer. Zum Schluss weicht noch ein Knetfenster einer Tür, und auch das zweite Modell steht.

Die Stegreifrede

Schnitt, nächste Aufgabe: Die sogenannte Stegreifrede. Ein paar Minuten Zeit zum Vorbereiten gibt es: Karstadt-Quelle hat herausgefunden, dass der Drogeriemarkt DM bessere Konditionen für die Produkte von „Hänkel“ bekommt. Die Teilnehmer müssen nacheinander einen Weg aus dem Konflikt finden und diesen den Vorgesetzten schmackhaft machen. Die Zeit läuft, nur fünf Minuten Audienz gewährt der imaginäre „Hänkel“-Chef. Irina erzählt lässig im Sitzen. Tim steht auf, sichert sich noch mal ab: „Sie sind alle die Vorgesetzten?“ Er stemmt die Arme in die Taille und fängt an. Dann ist Anne an der Reihe, unbeirrt schaut sie den Beobachtern beim Reden ins Gesicht. Doch eine Rückmeldung gibt es nicht. Ob Anne mit ihrer Präsentation überzeugt hat?

Das Mitarbeitergespräch

16 Uhr, die letzte Übung - ein zweites Rollenspiel: Das Mitarbeitergespräch. Jeder Teilnehmer
hat der Reihe nach als Personaldirektor die prekäre Aufgabe, Mitarbeiterin „Frau Müller“ beizubringen, dass sie etwas an ihrem Schweißproblem ändern muss. „Frau Müller“ schwitzt so stark, dass sie sich in Verhandlungsgesprächen immer wieder trocken wischen muss. Entweder sie unternimmt etwas dagegen, oder sie muss einen wichtigen Vertragsabschluss an eine sehr adrette und karrierebesessene Kollegin abtreten. Sebastian nimmt sich die Studentin alias „Frau Müller“ direkt zur Brust: „Ich schätze Sie sehr, aber auf jemanden, der zum ersten Mal auf Sie trifft, könnte es fahrig wirken, wenn Sie sich den Schweiß so oft von der Stirn abtupfen.“ „Frau Müller“ beharrt auf ihren exzellenten Fähigkeiten: „Ich sehe den Zusammenhang zwischen meinem Können und dem Schwitzen nicht.“ Auch Irina geht in die Vollen: „Ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.“ Als „Frau Müller“ uneinsichtig bleibt, hakt Irina nach und gibt ihr noch mal eine Chance: „Sie sehen also keine Möglichkeiten, etwas zu verbessern?“ Tobias wählt die charmante Tour: „Ist recht heiß hier im Raum, oder?“ Als Tim in die Rolle des Personaldirektors schlüpft, lässt er „Frau Müller“ keine Chance zum Abschweifen: „Wir müssen jetzt erst über etwas anderes sprechen!“

„Geschafft!“, Anne ist die Erleichterung anzusehen. Der Tag im „Assessment-Center“ ist fast vorbei. Dr. Kanning gibt den Teilnehmern noch einen Rat mit auf den Weg: „Bewerben Sie sich erst bei Firmen, bei denen Sie nicht arbeiten wollen. Dann bekommen Sie mehr Sicherheit!“

Das abschließende Feedback der durchlaufenen Auswahlstationen bekommen die Teilnehmer in den nächsten Wochen. Wer den Job bekommen würde, wenn es ihn wirklich gäbe - darüber entscheiden die „Beobachter“. Danach schließen sie ihre Firma „Hänkel“ wieder. Bis zum nächsten Test.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 94, 2008, Seite 52
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor
 
 
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Interview
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