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Vorurteile und Klischees, Respekt und Bewunderung

Business alla italiana

Von Margarete Hucht




29. Januar 2007 
Die Beziehung zwischen Italienern und Deutschen bringt eine wilde Mischung von Gefühlen füreinander mit ins Spiel. Im eher sachlichen Geschäftsleben ist das nicht immer ganz so einfach. So schwärmen die einen und stöhnen die anderen über die lieben Italiener.

Bella Italia, perfekte Arbeitswelt? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Zum Beispiel Florian Schäfer, 30 Jahre jung und Jurist, fühlt sich wohl bei der Fiat Automobil AG in Frankfurt. Das sagt er so, und es klingt ehrlich. „Ich war zuvor in einer Kanzlei angestellt und habe dort hart mit Paragraphen kämpfen gelernt. Bei Fiat muss ich meine akademischen Ellbogen nicht ganz so intensiv einsetzen“, findet der Syndikus aus der Rechtsabteilung. Bei Kulanzfragen und Auseinandersetzungen mit Händlern könne er auch schon mal „unjuristische“ und „pragmatische“ Lösungen anbieten. „Wenn wir anrufen, fahren die Händler nicht gleich zusammen und rufen wiederum ihren Anwalt an“, sagt er. Das gebe ihm Spielräume und binde ihn mit seiner ganzen Persönlichkeit an seinen Beruf.


Auch sonst lässt es sich offenbar gut arbeiten bei Fiat in Frankfurt. Da sind zum Beispiel die silbernen Maschinen, aus denen auf den Fluren jedes Stockwerks leckerer Espresso tröpfelt und die auch ein wenig die Atmosphäre versüßen. Dann gibt es die Möglichkeit, die Mittagspause „auf Vertrauensbasis irgendwann zwischen 11.30 und 14 Uhr“ zu nehmen, erzählt Schäfer. Mit einem Firmenzuschuss zur Mahlzeit gehen er und seine Kollegen dann zum Essen ins „Ristorante“ um die Ecke. Fast so wie in Italien! Denn eine Kantine gibt es in der deutschen Fiat-Zentrale nicht. Womöglich fänden die Mitarbeiter sie zu anonym und ungemütlich.

Nicht ganz so euphorische Erfahrungen hat Inge Schneider* gemacht. Sie hat in den letzten acht Jahren für eine italienische Modemarke den deutschen Einzelhandelsmarkt aufgebaut - und mitunter gestöhnt. Folglich zieht sie ein strengeres Fazit über die Zusammenarbeit mit den Italienern. „Es gibt gewaltige Mentalitätsunterschiede“, sagt sie und legt los. „Die Italiener haben eine nicht sehr stark entwickelte Kritikkultur. Wenn im Restaurant das Essen versalzen, die Atmosphäre rundherum aber sehr schön war, dann gehen sie dort einfach nicht mehr hin. Auf die Idee, dem Koch einen Hinweis zu geben, kommen sie nicht.“ Ebenso rigoros fällt ihr Urteil über die südländischen Kompetenzen im alltäglichen Business aus: „Sie haben große Schwierigkeiten, Probleme zu lösen, weil sie diese einfach nicht anpacken“, findet die Geschäftsführerin und nennt ein Beispiel: „Es gibt Verzögerungen, der Kunde hat sich schon beschwert und nichts passiert. Jetzt nimmt niemand auf italienischer Seite den Telefonhörer in die Hand und bespricht die Situation offen und ehrlich, weil sich niemand eine Lösung ausgedacht hat - etwa dem Kunden Skonto anzubieten.“

„Es gibt gewaltige Mentalitätsunterschiede.“


In solchen, scheinbar ausweglosen Situationen habe sie dann bisweilen die Waffen einer Frau eingesetzt und sich gegenüber den italienischen „Macho-Männern“ ganz hilflos gestellt, gesteht Schneider. „Wenn du als Frau rüberbringst, dass du alleine nicht mehr weiterweißt, dann geht plötzlich was“, sagt sie. Doch wie hält man solche Reibereien acht Jahre aus? „Ich könnte für kein anderes Unternehmen arbeiten. Die Marke und das Produkt stimmen einfach“, sagt Schneider und gibt mit einem Augenzwinkern zu: „Die Italiener machen zwar einiges falsch, aber es funktioniert trotzdem. Und sie sind wahnsinnig kreativ. In der Mode ist ihr Umgang mit Farben, mit Stoff, mit Volumina einfach klasse.“

Das Band zwischen der italienischen und der deutschen Wirtschaft ist eng gewoben. Deutschland ist mit einem Anteil von 13 Prozent an den Exporten und 17 Prozent an den gesamten Importen der wichtigste Handelspartner Italiens. Schon deshalb macht die Zusammenarbeit zwischen den kleinen und größeren Playern beider Nationen stetig Fortschritte. Dass die Italiener unpünktlich oder chaotisch seien, will Cristina Mattedi von der Fachhochschule München nicht mehr hören. „Wir sollten nicht bei den Stereotypen stehen bleiben“, sagt die Professorin für Italienische Sprache und Kultur. „Durch die Internationalisierung verändern sich beide Länder stark und bewegen sich aufeinander zu.“ Auch die Englischkenntnisse der Italiener würden in großen Schritten besser.

Immerhin ist die italienische Volkswirtschaft die sechstgrößte der Welt. Vor allem wegen der großen Erfolge als Urlaubsland boomt der Dienstleistungssektor und ist die Stütze der italienischen Wirtschaft schlechthin, während der Außenhandel derzeit eher die Achillesferse darstellt. Die Arbeitslosenquote liegt unter der deutschen bei weniger als 8 Prozent, wobei in vielen nördlichen Provinzen nahezu Vollbeschäftigung herrscht, während in den Landesteilen südlich von Rom die Arbeitslosenzahlen auf 20, 30 und mehr Prozent hochschnellen.

Allein der Nordwesten mit den Regionen Piemont, Lombardei und Ligurien ist industriegeprägt. Hier erstarkten in den 50er und 60er Jahren die Auto-, Chemie- und Maschinenbaubranche. Der Nordosten, die Toskana und die mittleren Regionen erlebten ihren Aufschwung erst in den 80er Jahren. Der Motor hier: kleine und mittlere Unternehmen, die zumeist Möbel, Schmuck, Schuhe, Textilien oder Lebensmittel produzieren. „80 Prozent der Unternehmen in diesen Landesteilen haben nur rund fünf Mitarbeiter“, sagt Mattedi.

Das bringt einen oft hierarchischen Führungsstil mit sich. Und das nicht nur in Familienbetrieben, er findet sich auch in großen Firmen. Die Mitarbeiter richten ihre ganze Arbeit auf den Chef aus, der dadurch die zentrale Verantwortung trägt und Entscheidungen gern allein trifft - ganz gleich, wie lange sie dauern. „Die Mitarbeiter vergewissern sich immer wieder“, sagt Mattedi. „Es wird nicht als übertrieben empfunden, bei vielen kleinen Dingen nach der Erlaubnis oder einer Freigabe zu fragen.“ Inge Schneider findet diese fehlende Teamwork-Kultur eher bedauerlich. „Jeder ist ein Einzelkämpfer, man ist misstrauisch. Informationen werden oft bewusst zurückgehalten - da geht nichts über den Schreibtisch“, sagt sie.

Globalisierung hin, Globalisierung her - auch bei Fiat werden die Entscheidungen über das Wohl und Wehe des Turiner Automobilkonzerns selbstverständlich in Italien getroffen. Wer als Deutscher in wichtige Prozesse eingebunden ist, hat da recht schnell auch mit den Kollegen im Piemont zu tun. „Das gilt insbesondere für den Bereich Marketing und Werbung“, sagt Schäfer. Doch auch für den Jurist steht bald eine Firmenreise über die Alpen an. Nach zwei Jahren im Unternehmen soll er die Vorgesetzten im italienischen Mutterhaus persönlich kennenlernen. Der Rechtsanwalt, der gerade fleißig Italienisch paukt, freut sich auf das Treffen: „Ich werde mich mit meinen Sprachkenntnissen schon durchschlagen“, sagt er. „Denn wenn die Kollegen merken, dass man versucht, in ihrer Muttersprache zu sprechen, sind sie schon positiv gestimmt.“
*Name von der Redaktion geändert

Text: Hochschulanzeiger Nr. 88, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor