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Islamwissenschaft studiert und dann?

Von Mechthild Bruns




02. April 2007 
Serie: Geisteswissenschaften studiert und dann?

1. Folge: Zum achten Mal seit dem Jahr 2000 rufen das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Initiative Wissenschaft im Dialog ein Wissenschaftsjahr aus. Diesmal im Visier: die Geisteswissenschaften. Für uns Anlass genug, ein Jahr lang den Berufsaussichten von Geisteswissenschaftlern auf den Grund zu gehen. In dieser Ausgabe widmen wir uns den Islamwissenschaftlern und fragen nach, wofür die Welt sie eigentlich braucht.

Gut 1.300 Studierende sind hierzulande in Islamwissenschaft eingeschrieben. Sie lernen Arabisch und Persisch, unternehmen historische und kulturwissenschaftliche Streifzüge in verschiedenste Epochen des Islam und widmen sich muslimischen Gesellschaften von heute. Aber kann man damit anschließend auch Geld verdienen?

Ganze zwei Stellenangebote. Mehr hat die Datenbank der Bundesagentur für Arbeit beim Suchbegriff Islamwissenschaft nicht zu bieten. Gibt es tatsächlich keine Arbeit für jene 1.338 Studierenden, die laut Statistischem Bundesamt letztes Jahr an deutschen Unis Islamwissenschaft studierten? Und was lernen die eigentlich? „Die Islamwissenschaft zählt zu den kleinen Fächern. Ihrem Gegenstand nach ist sie allerdings eines der ganz Großen“, stellt Professorin Gudrun Krämer, Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin klar. Vergleichbar sei ihr Fach allenfalls mit Abendlandskunde - wenn es sie gäbe. Islamwissenschaftler beschäftigen sich mit so unterschiedlichen Fragen wie Urbanität, Bekehrung oder mit Migration von Muslimen, mit islamischer Rechtsprechung, Kunst, Medien oder Wirtschaft. „Dieses weite Feld lässt sich in drei Jahren Studium nur anreißen“, sagt Dr. Jan-Peter Hartung, der am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Uni Bonn Islamwissenschaft lehrt. Zumal ein Gutteil der Zeit dem Arabisch-, Persisch- oder Türkischunterricht gewidmet sei. Sein Fazit: „Islamwissenschaftler wird man nicht in drei Jahren“.

Hartung spielt darauf an, dass das Studium in der Regelstudienzeit kaum zu schaffen ist und dass sich das Fach als „verschulter Bachelorstudiengang“ kaum eignet. Denn Islamwissenschaft lebt immer auch vom Experiment. Studenten, die nicht aus islamisch geprägten Regionen oder Familien stammen, lassen sich meist auf etwas völlig Neues ein. Viele springen auch ab. „Sie kommen mit romantischen Vorstellungen und bekommen Grammatik“, beschreibt Hartung die Desillusionierung. Auch würden junge Muslime oft eine Religionswissenschaft vermuten, wo sich tatsächlich eine Geisteswissenschaft bemüht, Phänomene und Entwicklungen islamischer Gesellschaften empirisch zu fassen.

Islamwissenschaftler, die durchhalten, machen das Fach in der Regel zu ihrem Hauptfach. Denn der Aufwand ist groß. „Gerade für den Spracherwerb braucht man Selbstdisziplin. Ich musste mich teils ganz schön durchbeißen“, berichtet Natascha Zupan, die in Gießen, Marburg und Bonn studiert hat. Dafür fand sie - anders als in ihrem Nebenfach Germanistik - sehr gute und enge Betreuung an den kleinen Instituten. Ein weiterer Vorteil sei die per se internationale Perspektive. Denn um die nötigen Sprachkenntnisse zu erwerben, seien Studienaufenthalte im Ausland bei Islamwissenschaftlern gang und gäbe. Dafür werden Sprachkursstipendien angeboten - etwa beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der damit Aufenthalte an der Uni Kairo oder Sprachkurse in Tunis fördert.

Klare Karriereperspektiven nach dem Studium gibt es nicht. Der Weg in den Beruf scheint ebenso von Experimenten geprägt wie schon die Studienwahl. Zupan wollte in die Medien und landete über die Stationen Palästina, Bern und Mazedonien als Koordinatorin einer friedenspolitischen Arbeitsgruppe in Bonn. Andere gehen in den diplomatischen Dienst, in die Wissenschaft, politische Stiftungen oder an Kulturinstitute im In- und Ausland. Auch kirchliche Organisationen und Unternehmen haben durchaus Bedarf an Islamexperten, wobei das Studium nur ein Baustein der Berufsplanung sein sollte.

„Islamwissenschaftler sollten ihre Nebenfächer strategisch wählen“, rät der Freiburger Publizist und Islamexperte Dr. Ludwig Ammann. Wer politisch arbeiten wolle, sollte unbedingt eine systematische Sozialwissenschaft dazu studieren, die Kombination mit Religionswissenschaft eröffne ebenfalls viele Türen, und schöngeistiges Interesse am Islam sei durch Literaturwissenschaft oder Kunstgeschichte gut flankiert.

„Islamwissenschaftler sollten ihre Nebenfächer strategisch wählen.“

Gerade betriebswirtschaftliche Ergänzung macht Islamwissenschaftler auch für international agierende Unternehmen interessant. Denn das Studium in kleinen Seminarteams, die Auslandsaufenthalte in der islamischen Welt und die Vertiefung in fremde Denkmuster und Sprachen vermitteln ihnen Soft Skills, die beileibe nicht jeder Bewerber mitbringt. So konnte sich auch der Essener Orientalist Eberhard von Manteuffel zwischen Jobangeboten aus verschiedenen Branchen entscheiden, nachdem er zusätzlich zu seinem Master of Oriental Studies einen MBA-Studiengang an der Steinbeis-Hochschule in Berlin absolviert hatte.

Von Manteuffel hat einen Studiengang absolviert, der Unternehmenspraxis gleich mitliefert. Das ist in normalen islamwissenschaftlichen Studiengängen natürlich nicht der Fall. Deshalb rät das Institut für Orientalistik der Uni Gießen auf seinen ausgesprochen informativen Webseiten unbedingt zu Praktika, die sich schon am späteren Berufswunsch orientieren - und liefert gleich eine lange Liste potentieller Praktikumsanbieter mit. Darunter Amnesty International, Akademische Auslandsämter von Universitäten, die Bundesstelle für Außenhandelsinformation oder die Deutsche Welle. Auch kirchliche Organisationen, politische Stiftungen, Medienunternehmen und Handelsorganisationen oder Museen sind gelistet. „Oft entwickeln sich erst in Praktika und Volontariaten konkrete Ideen, in welche Richtung es beruflich gehen könnte“, sagt Ludwig Ammann. Eine Lebensstelle kommt allerdings nur selten dabei heraus - viele Stellen werden als Projekt ausgeschrieben und sind zeitlich begrenzt. Trotz bester Referenzen unter anderem als Beraterin der Schweizer Regierung und nunmehr zehn Jahren Berufserfahrung im In- und Ausland hangelt sich auch Natascha Zupan von einem befristeten Vertrag zum nächsten.

Fünf Vorurteile und was davon stimmt

These 1: Islamwissenschaften? - Das studieren überwiegend junge ausländische Männer.

Realität: Im Wintersemester 2005/6 waren laut Statistischem Bundesamt 1.338 Studierende in den Islamwissenschaften eingeschrieben, davon 817 Frauen und 521 Männer. Die kleinste Gruppe stellten ausländische Männer (123). Dagegen waren die 682 Islamwissenschaftlerinnen mit deutschem Pass klar in der Mehrheit. Auch bei den Studierenden im ersten Fachsemester liegen sie eindeutig vorn. Von 250 Erstsemestern waren 135 Frauen mit deutschem Pass. Dagegen schrieben sich nur zehn ausländische Männer in den Islamwissenschaften ein.

These 2: Seit dem 11. September 2001 haben die Islamwissenschaften mehr Zulauf.

Realität: „Stimmt“, bestätigt das Institut für Islamwissenschaft der FU Berlin. An vielen Instituten habe sich die Zahl der Studienanfänger verdoppelt. So auch in Berlin, wo es wegen des Ansturms mittlerweile einen NC von 1,9 gibt. „Wir können längst nicht alle Interessenten aufnehmen“, meldet das Institut.

These 3: Die Zahl der Studienabbrecher ist sehr hoch.

Realität: Richtig. Konkrete Zahlen gibt es wegen der großen Zahl an „Karteileichen“ nicht. Aber in den ersten zwei Semestern ergreifen viele Studenten wegen der hohen sprachlichen Hürden - sie lernen zwei (!) nicht indogermanische Sprachen - die Flucht. Abhilfe sollen Bachelorstudiengänge schaffen, in denen die Studenten mehr an die Hand genommen werden.

These 4: Wer Islamwissenschaften studiert, ist auf der Suche nach einer (neuen) religiösen Heimat.

Realität: „Kommt vor, ist aber eher die Ausnahme. Wer auf der religiösen Suche ist, schaut sich eher in islamischen Gemeinden um als an der Hochschule“, hat man am Berliner Institut die Erfahrung gemacht. Die Mehrheit der Studenten sei nichtmuslimisch und bleibe dies auch, die Minderheit sei muslimisch und bleibe dies ebenfalls. Gelegentlich gibt es Konvertiten, bei denen das Studium aber in der Regel der Konversion folge.

These 5: Für Islamwissenschaftler gibt es sowieso keine Stellen.

Realität: Fachbezogene Stellen sind tatsächlich rar, aber ergänzt durch andere Fächer ergeben sich oft sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 89, 2007
Bildmaterial: Labor