15. Dezember 2009

Unberechenbare Bachelorstudenten

Der große Run auf den Master

Von Leonie Seifert und Vanessa Köneke



19. Januar 2009 Die Mehrzahl der Bachelorabsolventen wird direkt nach dem Studium auf den Arbeitsmarkt drängen - so hatten es sich jedenfalls die Hochschulreformer gedacht. Doch mittlerweile ist klar: Die meisten wollen lieber erst noch den Master dranhängen. Die Unis sind überfordert und sieben gnadenlos aus.

„Corporate Social Ability“ - das ist der Arbeitstitel der Bachelorarbeit, an der Jörg Langbein gerade feilt. Der 23-jährige VWL-Student aus Münster wird in einem Semester seinen BA in der Tasche haben. Doch was ihm dieser Abschluss bringt, das fragt er sich schon. „Ein bisschen Grundwissen habe ich jetzt“, sagt er. „Aber welchem Arbeitgeber reicht das schon?“ Dass es auf jeden Fall sinnvoll wäre, noch einen Masterabschluss zu machen, da ist er sich sicher. Doch helfen tut ihm diese Erkenntnis nicht, denn wenn er Pech hat, gibt es für ihn kein Zurück mehr an die Uni.


Jörg Langbein wäre damit nur einer von vielen. Die Kultusminister der Bundesländer haben nun einmal beschlossen, dass die Mehrzahl der Studierenden mit dem Bachelor, dem „ersten berufsqualifizierenden Abschluss“, die Hochschule verlassen und ins Berufsleben starten soll. Daher bleibt einigen Universitäten gar nichts anderes übrig, als zu filtern und nur den Besten den Übergang vom Bachelor zum Master zu ermöglichen. Nach Bedingungen, die jede Hochschule selbst festlegen darf.

Die Folge ist ein Dschungel aus Kriterien: Die Anforderungen reichen von einem bestimmten Notendurchschnitt im Bachelor über Berufserfahrung, fachliche und sprachliche Kenntnisse bis hin zu Auswahlgesprächen, Motivationsschreiben, Aufnahmeprüfungen oder Quoten. Offiziell dienen solche Auswahlkriterien dazu, das Niveau der Lehre zu sichern. Ulrich Welbers, Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik, vermutet weniger idealistische Motive: „In Wirklichkeit wäre ein Master für alle einfach zu teuer“, sagt Welbers. Momentan müssten die Universitäten ihre finanziellen und personellen Mittel für die Breitenbildung einsetzen. Und das heißt: der Bachelor für viele, Spezialisierung durch den Master hingegen nur für wenige.

Mit den Wünschen der Studierenden scheint das nicht übereinzustimmen. Erste Erfahrungen deuten darauf hin, dass in den meisten Studienfächern deutlich weniger als die Hälfte der Bachelorabsolventen auf den Arbeitsmarkt will. Die große Masse möchte an der Uni bleiben- und ihre Grundkenntnisse aus dem Bachelorstudium wissenschaftlich erweitern oder sich in einem anderen Bereich spezialisieren. Den Hochschulexperten Welbers wundert das nicht: „Der Master gehört zu einer akademischen Ausbildung dazu. Wenn man die Wahl hat, einen Master zu machen, sollte man ihn machen.“ Zumal in vielen Berufen Führungspositionen eher mit einem Master zu erreichen seien (siehe Gehaltstabelle).

„Viele Studenten fühlen sich ausgesiebt“, bestätigt Anja Gadow, Vorstandsmitglied im Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften. „Es ist ungerecht, dass Studenten, die beispielsweise neben dem Studium jobben müssen und dann schlechtere Noten haben, die Chance auf Master und Karriere verwehrt wird.“

Auch manche Lehrstühle, vor allem in den eher bachelorkritischen Ingenieurwissenschaften, bestehen allen Kultusministern zum Trotz auf dem höheren Abschluss. „Der berufsqualifizierende Abschluss ist für uns der Master“, sagt etwa Manfred Hampe, der Maschinenbauprofessor aus Darmstadt. In einer kürzeren Zeit seien die Inhalte nicht zu vermitteln. Die Uni garantiert deshalb, dass alle Bachelorabsolventen in Maschinenbau auch einen Platz im Masterstudium bekommen - sofern sie wollen.

Es gibt aber auch andere Stimmen: Laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages sind rund zwei Drittel aller Unternehmen mit dem neuen System zufrieden. „Wir machen gute Erfahrungen mit den neuen Abschlüssen“, sagt Frank Stefan Becker, Hochschulexperte von Siemens. „Je früher die Absolventen in den Betrieb einsteigen, desto schneller können sie die Praxis kennenlernen und Karriere machen“, so Becker. Ob jemand einen Bachelor- oder einen Masterabschluss mitbringe, ob er seinen Master an der FH oder an der Uni gemacht habe - darauf komme es am Ende gar nicht an. So fordert Siemens in Stellenausschreibungen nur die Qualifikation „Studium“, nicht einen bestimmten akademischen Abschluss.

Ähnliche Beobachtungen macht Thorsten Koletschka, Personalberater bei der Kölner Access AG. Vor allem große Unternehmen hätten die neuen Abschlüsse bereits voll akzeptiert. Immer mehr von ihnen böten eine innerbetriebliche Weiterbildung für BA-Absolventen an. „Für die Unternehmen ist es ein Vorteil, dass sie heute viel früher eine feste Bindung zu guten Mitarbeitern aufbauen und sich den Nachwuchs heranzüchten können“, so Koletschka.

Bachelorabsolvent Jörg Langbein hat sich jedenfalls entschieden, erst einmal ins Ausland zu gehen, sobald er seine Bachelorarbeit abgegeben hat. Und anschließend, da ist der Student aus Münster zuversichtlich, wird er seinen Master machen. An irgendeiner Uni wird es schon klappen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 100, 2009, Seite 58
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor
 
 
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