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Krakau

Zwei Semester auf der Piazza Polens

Von Mischa Täubner



Judith Stumptner in ihrer Lieblingsbar bei Großmutter Malina.
19. Juni 2006 
Es sollte ein unbekanntes Land sein, eines, das nicht ganz oben auf der Hitliste deutscher Studenten steht wie etwa England, Frankreich oder Spanien. Judith Stumptner entschied sich für Polen. Sie ging an die Jagiellonien-Universität in Krakau, und wenn sie erzählt, gerät sie ins Schwärmen. Auch weil das Leben dort ein bißchen so ist wie in Italien.

Krakau ist traumhaft schön. Absolutes Highlight ist der Marktplatz im Renaissance-Stil, größer noch als die Piazza San Marco in Venedig. Und ebenso belebt. Die Stadt wimmelt vor jungen Leuten aus aller Welt. Das liegt wohl an den berüchtigten Krakauer Kellerbars. Mal sind sie sehr gemütlich, mit Gewölbedecken und Kuriositäten an den Wänden wie Kuckucksuhren und Phantasiefiguren. Es gibt aber auch superschicke, ausstaffiert mit Spiegeln, Lack und Sofas aus rotem oder weißem Leder. Tolle Konzerte kann man hier erleben, Jazz oder polnischen Hip-Hop. Einmal war ich mit einem amerikanischen Freund in „Harris Pianobar“, einer der bekannten Jazzadressen, wir saßen oben auf der Galerie und tranken „Piwo sokiem“. Das ist Bier mit Himbeer- oder Ingwersirup, ein typisches Krakauer Getränk. Plötzlich kam ein italienischer Freund zu uns und sagte: Wißt ihr, wer gerade da unten spielt? Der Baßgitarrist von den Scorpions und der Keyboarder von Jamiroquai.

Die Zwei-Bett-Zimmer im Wohnheim: spartanisch und eng

Das Leben hier ist angenehm, aufregend und für mich dazu noch ziemlich günstig: Eine üppige warme Mahlzeit kostet zwischen vier und sechszehn Zloty, also ein bis vier Euro. Für das Studentenwohnheim, wo ich anfangs lebte, habe ich rund 70 Euro Monatsmiete gezahlt. Jetzt wohne ich mit einer deutschen Freundin zusammen in einem Altbau mitten im Zentrum, wir zahlen jede 200 Euro für gut 40 Quadratmeter, möbliert und mit Internetanschluß.

Auch das Studieren macht in Krakau Spaß. Das historische Hauptgebäude der Uni ist ein Prachtbau. Und die über die Innenstadt verteilten Institute haben ihren Sitz zumeist in schönen alten Herrenhäusern. In Erlangen studiere ich Theater- und Medienwissenschaft, hier belege ich querbeet alle möglichen Kurse. Beispielsweise eine Übung in Geschichte über die Verarbeitung des Holocaust, einen Kurs über die Medienpolitik der EU und einen zu „Polen und die EU“. Rund 40 Kurse werden in den verschiedenen Fakultäten auf Englisch angeboten. Mittlerweile besuche ich sogar zwei Kurse auf Polnisch. Alles verstehe ich natürlich nicht.

In Erlangen ist mir so etwas noch nie passiert.

Die Universität von Krakau

Es geht hier verbindlicher zu als an deutschen Unis. Man muß sich im voraus für die Kurse anmelden, wer häufiger fehlt, bekommt keinen Schein. Für jeden Schein muß ich eine Klausur schreiben und ein Referat halten. Ich habe also allerhand zu tun. Und Polnisch lerne ich ja auch noch. Die Uni bietet Sprachkurse an, die rund 100 Euro pro Semester kosten. Die Klassen sind klein und die Lehrer gut.

Mittags gehen wir in eine der zahlreichen Bars, wo es für wenig Geld reichlich zu essen gibt. Wie in Italien trifft sich da das ganze Volk: Studenten, Hausfrauen, Bauarbeiter, Rentner. Am liebsten esse ich bei Großmutter Malina, wo man auf mit Schafsfellen belegten Bänken sitzt und typisch polnische Küche bekommt, etwa Bigos (Sauerkrauteintopf mit Fleisch und Pilzen), Barszcz (Polens leckere Nationalsuppe mit roten Rüben) oder Pierogi (Gefüllte Teigtaschen). Es gibt auch viele Bars, die vegetarisches Essen anbieten. Toll sind auch die zahlreichen Cafés, in denen man stundenlang sitzen und lesen kann.

Der Krakauer geht gerne aus.

Daß ich mich hier einmal so wohl fühlen würde, hätte ich anfangs nicht gedacht. Der Auftakt war nämlich alles andere als gelungen. Als ich am ersten Tag nach langer Zugfahrt müde ankam, hatte ich nur den Wunsch, mich ins Bett zu verkriechen. Von wegen! Im Studentenwohnheim mußte ich für die Anmeldung zwei Stunden Schlange stehen. Als ich endlich mein Zimmer betreten konnte, stellte ich fest, daß das Fenster keine Scheibe hatte. Also zurück zur Anmeldung, wieder anstellen, Formular ausfüllen, neuer Schlüssel. Ich trete in mein Zimmer, öffne das Fenster, drehe mich herum - und die Lampe fällt krachend herab und zersplittert in tausend Teile.

Das Studentenwohnheim war gewöhnungsbedürftig. Man teilt sich zu zweit einen Raum, für 30 Studentinnen gibt es nur ein Bad. Die meisten Austauschstudenten suchen daher so schnell wie möglich eine andere Bleibe. Ich bin fünf Monate geblieben. Wegen Basia, meiner polnischen Zimmergenossin, mit der ich mich trotz radebrechender englisch-polnischer Kommunikation von Anfang an bestens verstand. Eine große Hilfe war für mich am Anfang auch Anja, meine Mentorin. Sie hat mich gleich am ersten Abend in ein Restaurant ausgeführt und mir ein paar touristische Highlights von Krakau gezeigt. Vor allem der Formalkram, wie Konto eröffnen, bei der Stadt anmelden und in der Uni den Studentenausweis beantragen, wäre ohne sie schwierig gewesen, denn bei den Behörden spricht kaum einer Englisch.

Leute kennenlernen ist hier ziemlich einfach. Einmal im Monat findet eine Erasmus-Party statt. Außerdem gehe ich etwa alle zwei Wochen zu einem studentischen Stammtisch in einer Kneipe. Da gibt es nach Sprachen sortierte Tische: Will man polnisch reden, setzt man sich an den entsprechenden Tisch. Man kann sich aber auch an den deutschen, englischen, spanischen oder italienischen Tisch setzen. Ich entscheide mich meistens für den polnischen. Bemerkenswert finde ich, wie religiös die Polen sind, auch die jungen. Meine Mentorin etwa geht zur Fastenzeit in den sechs Wochen vor Ostern in keine Bar. An Allerheiligen pilgern die Krakauer mit der ganzen Familie zu den Friedhöfen, wo sie im Schein von Tausenden Kerzenlichtern der Verstorbenen gedenken.

Dem Vorurteil von der slawischen Rauheit entsprechen hier höchstens die Kassiererinnen in den Supermärkten. Die meisten Krakauer sind fröhliche Menschen. Einmal, ich kam gerade mit einer Horde anderer Studenten von einer Party, begegneten uns morgens um vier Uhr zwei ältere Herren, wir plauderten ein bißchen und schließlich führten die beiden uns polnische Volkstänze vor. In Erlangen ist mir so etwas noch nie passiert.

Buchtip:

Radek Knapp:
Gebrauchsanweisung für Polen

Piper Verlag, 2005,
160 Seiten, 12,90 Euro.

Die Uni
Die bereits 1364 gegründete Jagiellonien-Universität gilt gemeinsam mit der Universität Warschau als die renommierteste Hochschule Polens. Sie bietet verschiedene Vollstudiengänge auf Englisch an, zudem gibt es für Austauschstudenten zahlreiche englischsprachige Kurse in den Bereichen Interdisziplinäre Sozialwissenschaften, Soziologie und Psychologie, Interdisziplinäre Naturwissenschaften sowie Wirtschaft und Kommunikation. Die Anrechnung von Studienleistungen erfolgt über das European Credit Transfer System ECTS. Für ausländische Studenten organisiert die Universität am Anfang des Semesters eine Orientierungswoche. Über das Studienangebot informiert das International Office unter
www.uj.edu.pl/ISOffice/courses_in_english.pdf

Die Austauschprogramme
20 Hochschulen in Deutschland haben Kooperationsabkommen mit der Jagiellonien-Universität. Um welche es sich handelt, erfährt man unter der Internetadresse www.uj.edu.pl/IRO/Wspolpraca/agreementslist_en.html
Mit 14 deutschen Hochschulen existieren Erasmus-Programme. Wer nicht an einem Austauschprogramm teilnimmt, kann sich als sogenannter „free mover“ einschreiben und Kurse aus dem „non-degree“-Programm (Aufenthalt maximal ein Jahr) belegen. Diese sind zum Großteil gebührenpflichtig, Polnischkenntnisse sind nicht notwendig. Aufgeführt sind diese Angebote unter
www.uj.edu.pl/ISOffice/courses_foreign_en.html

Die Kosten
Für Erasmus- und andere Austauschstudenten fallen keine Studiengebühren an. Alle anderen ausländischen Studenten zahlen Gebühren, die von 40 Euro für einen 15-Stunden-Kurs bis zu 500 Euro für einen 50-Stunden-Kurs oder für ein Semester reichen. Wer ein einjähriges Masterprogramm belegt, zahlt 5.000 Euro. Ein Platz in einem Zweibettzimmer im Wohnheim kostet monatlich zwischen 70 und 100 Euro. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) veranschlagt für einen Studienmonat in Polen rund 250 bis 350 Euro - eine bescheidene Lebensweise vorausgesetzt.

Die Stadt
Krakau liegt an der oberen Weichsel im südlichen Polen, rund 250 km südlich der Hauptstadt Warschau. 750.000 Menschen leben in der Stadt, die für ihr ausgeprägtes Nacht- und Kulturleben bekannt ist. Mehr als 100.000 davon sind Studenten. Krakau gilt als eine der schönsten Städte Europas. Nützliche Informationen findet man unter www.krakow.pl/en/ oder www.cracow-life.com

Allgemeine Informationen
Über das Studium in Polen informiert der Deutsche Akademische Austauschdienst unter www.daad.de/ausland/index.de.html (Studienmöglichkeiten/Länderinformationen/Polen). Die Verständigung erleichtert das deutsch-polnische Online-Wörterbuch unter: www.dep.pl/plde

Adresse der Uni:
Collegium Novum (Hauptgebäude)
ul. Golebia 24, 31-007 Krakow
Tel.: (00 48)12/4 22-10 33
Fax: (00 48)12/4 22-32 29
rektor@adm.uj.edu.pl

Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: Felix Rößger, Monika Griebeler