12. Oktober 2008

Trier/Luxemburg

Pendlerschicksale

Von Christoph Hus, Lena Molitor



19. Juni 2006 Millionen von Touristen besuchen jährlich die Porta Nigra, das Wahrzeichen von Trier. Tausende Trierer zieht es Tag für Tag von der alten Römersiedlung weg - ins Wall-Street-Flair nach Luxemburg.

Wenn Lothar Neis morgens in Trier in den Bus steigt, hat er eine Stunde Fahrt vor sich. Eine Stunde, um sich schon einmal mental auf den Arbeitstag einzustellen. Denn Neis pendelt jeden Tag ins Büro nach Luxemburg, wo er als Programmierer bei der Großbank UBS arbeitet. Mit seinem Pendlerschicksal ist Neis in Trier eher die Regel als die Ausnahme. Täglich machen sich 17.000 Trierer zur Arbeit auf den Weg ins benachbarte Ausland - viele von ihnen nach Luxemburg.
An manchen Tagen könnte Lothar Neis im Bus bereits das erste Meeting des Tages abhalten. „Dort treffe ich schon einige meiner Kollegen“, berichtet der Programmierer.


Noch unterhalten sich fast alle auf deutsch, bevor im Büro dann jeder ins Englische wechselt. Das ist hier die verbreitete Arbeitssprache, und höchstens in der Mittagspause braucht Neis ein paar Sätze seines „Küchenfranzösisch“.

Weil in Trier nur wenige größere Unternehmen ihren Sitz haben, freunden sich die Leute hier zwangsläufig mit dem Gedanken an, im angrenzenden Luxemburg ihr Geld zu verdienen. Für viele ist das sogar besonders reizvoll: „Die Steuern sind in Luxemburg viel niedriger, und das Gehaltsniveau ist höher“, erklärt Neis. Das ist auch der Grund, warum sich der Programmierer gut vorstellen kann, noch viele Jahre lang jeden Tag zwei Stunden lang im Bus zu sitzen. „Die finanziellen Anreize überwiegen den Nachteil“, sagt der UBS-Mitarbeiter.


Luxemburg gilt als das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Im Vergleich zu Deutschland bleibt von dem höheren Bruttogehalt auch mehr übrig. Und die Rentenversicherung im Herzogtum leidet nicht so sehr wie hierzulande unter der Überalterung der Gesellschaft. Dennoch ziehen nur wenige der deutschen Pendler ihrem Job hinterher: Denn wer in Luxemburg wohnt, muß einen Großteil seines Einkommens für die Lebenshaltung ausgeben. „Für weniger als 1.000 Euro Miete findet man hier keine Wohnung“, sagt Neis. Die Pendler haben solche Sorgen nicht: In Trier sind Wohnungen günstig.

Einziges Problem ist und bleibt der weite Weg. Schneller ginge es mit dem Auto. Doch das Parken ist in Luxemburg ähnlich teuer wie das Wohnen. Selbst am Stadtrand darf niemand sein Auto ohne teuren Parkschein abstellen. „In Luxemburg gibt es fast keine kostenlosen Parkplätze“, sagt Andreas Dörfler. Der Diplom-Informatiker arbeitet beim Luxemburger Softwareanbieter Intrasoft International und nimmt an manchen Tagen das Auto, um von Trier aus zur Arbeit zu kommen.


Tagsüber geht es in der Bankenmetropole hektisch zu. Auch wenn das Stadtbild hier ähnlich anmutet wie in Trier, tickt Luxemburg anders. Im Herzogtum sind auf der Straße viele Banker in schwarzen Anzügen und mit Handy am Ohr unterwegs. Fast alle bedeutenden Kreditinstitute haben Büros in repräsentativen Gebäuden am Boulevard Royal. Die belebte Straße nahe dem Zentrum wird auch „Luxemburger Wall Street“ genannt.

In Trier dagegen kommen die Touristen in die Stadt, nachdem die Pendler fort sind. Sie schlendern durch die romantischen Gäßchen der Innenstadt und fotografieren die Porta Nigra und die Mauern der Kaiserthermen. „Während in Luxemburg alle gestreßt durch die Straßen hetzen, geht man in Trier in Ruhe einkaufen“, sagt Programmierer Andreas Dörfler. Für ihn gibt es eine klare Trennung: In Luxemburg ist er nur zum Arbeiten. Die Devise lautet: Rein in die Stadt, ran an den Schreibtisch und danach wieder raus. Dörfler steigt nach seinem Arbeitstag bei Intrasoft sofort wieder ins Auto und fährt auf direktem Wege zurück nach Trier.

Weinkönigin Tanja Daufer studiert Geschichte an der Universität in Trier.

Auf dem Weg hält er oft an einer Tankstelle kurz vor dem Grenzübergang nach Deutschland - auch wenn es wegen großen Andrangs schon mal eine Viertelstunde dauern kann, bis er drankommt. Solche Wartezeiten nimmt hier jeder gern in Kauf. Schließlich ist das Benzin deutlich billiger als in Deutschland. „Die Tankstellen auf der deutschen Seite der Grenze machen nur Geld mit Sixpacks“, sagt Dörfler.

Zum sparsamen Leben der Pendler gehört allerdings nicht nur das Tanken in Luxemburg, sondern auch das Essen in Trier. „Das Mittagessen halte ich während der Arbeit so knapp wie möglich“, erzählt Dörfler. Denn Restaurantbesuche sind in Luxemburg teurer als in Deutschland. Viele Pendler halten deshalb tagsüber mit Butterbroten den Hunger klein, bis sie abends in Trier was Richtiges zu essen bekommen.

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Ähnlich handhabt es auch Eva Kliche, die beim Luxemburger Finanzdienstleister Attrax arbeitet, einer Tochtergesellschaft der deutschen Union Investment. Auch sie wohnt wieder in Trier, nachdem sie bis vor einem halben Jahr in Luxemburg gelebt hat - allerdings ein wenig außerhalb der Stadt. Als sie näher an die City wollte, blieb die Suche nach einer Wohnung erfolglos. „Man muß richtig Glück haben, wenn man eine ordentliche Wohnung zu einem angemessenen Preis finden will“, sagt die 27jährige. Fündig wurde sie deshalb in der Trierer Innenstadt, 50 Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt. „Besonders die schöne Altstadt gefällt mir. Außerdem kann man hier abends viel unternehmen“, sagt die Pendlerin.

Doch selbst wenn die Luxemburg-Pendler ihre Freizeit in Trier verbringen, schätzen sie das internationale Flair von Luxemburg. „Man bekommt viel von der französischen Lebensart mit“, sagt UBS-Mitarbeiter Lothar Neis. Und Intrasoft-Programmierer Andreas Dörfler lobt: „Das hat längst auf Trier abgefärbt.“

Typen der Stadt

Simone Martini arbeitet im Rheinischen Landesmuseum in Trier und hat in Trier Klassische Archäologie studiert.

Ich bin seit dem vergangenen Jahr Weinkönigin in Trier. Dazu bin ich ganz zufällig gekommen. Ich habe an einer Führung durch die Weinberge in Trier teilgenommen, und dabei hat mich einer der Winzer gefragt. Die Winzerfamilien hier haben eben nicht genug Töchter, die das Amt übernehmen könnten. Um mich vorzubereiten, habe ich ein Weinseminar besucht und eine Woche lang Bücher gewälzt. Dabei hat mir geholfen, daß ich mich schon lange für Wein interessiert habe. Eigentlich bin ich eher der schüchterne Typ. Deshalb war es anfangs eine echte Herausforderung für mich, vor vielen Leuten aufzutreten. Aber ich fand es spannend, mich einmal auf eine ganz andere Rolle einzulassen. Das hat mein Selbstbewußtsein gestärkt.

Als Weinkönigin besuche ich ein bis zwei Veranstaltungen im Monat. Nebenbei muß ich mich schließlich auch auf meine Magisterarbeit im Fach Geschichte kümmern. Das Studium und die Rolle als Weinkönigin sind manchmal schwierig unter einen Hut zu bringen. Aber ich hoffe, daß sich die Anstrengung lohnt. Nach meinem Studium möchte ich gern im kulturellen Bereich arbeiten. Und als Weinkönigin konnte ich in diese Richtung schon einige interessante Kontakte knüpfen.

Mir gefällt an Trier, daß es nicht zu groß und nicht zu klein ist. Tier ist von wunderbarer Natur umgeben und weit entfernt von größeren Metropolen. Und Trier ist das wehrhafte Römerstädtchen, das sich mehrere tausend Jahre gegen den Einmarsch der Gallier gewehrt hat. Mein Lieblingsort in Trier ist natürlich die Küche meiner Mutter. Zudem liebe ich es, mir die Stadt von oben anzuschauen - zum Beispiel vom Petersberg oder vom Weißhauswald aus. Im Sommer bin ich am liebsten im Nordbad. Ich bin in Trier geboren und lebe jetzt in der Nähe von Köln auf dem Land. Wenn ich heute in meine Heimatstadt komme, gehe ich gerne zum „Schütz“ in Euren, zum „Brubacher Hof“ in Mariahof oder in die Kneipe „Aom Ecken“ zur Wirtin Rosi. Das ist meine Welt. In diesen drei Lokalitäten sollte man bei einem Besuch in Trier unbedingt einkehren.

Natürlich muß man sich auch die bekannten Römerstätten anschauen und am Moselufer vorbeischlendern. Wer sehen möchte, wie wir Trierer feiern können, sollte sich mein Weihnachtskonzert in der Europahalle nicht entgehen lassen. Auch wenn die Trierer auf den ersten Meter etwas muffelig erscheinen: Wenn wir einmal unser Herz geöffnet haben, sind wir nicht mehr zu bremsen. Am meisten liebe ich den Trierer allerdings für seinen trockenen Humor. Meine Devise lautet: Einmal Trierer, immer Trierer. Denn ich habe noch nie jemanden erlebt, dem Trier nicht gefallen hat.

Das Außergewöhnliche an Trier ist die wechselhafte Geschichte der Stadt. Deshalb bin ich hier genau richtig aufgehoben. Schließlich habe ich hier Klassische Archäologie studiert mit den Nebenfächern Geschichte und Germanistik. Schon während des Studiums habe ich regelmäßig an Projekten des Rheinischen Landesmuseums mitgewirkt. Meinen ersten Werkvertrag habe ich dort bereits 2003 bekommen. Ich habe an Ausgrabungen in Trier teilgenommen, bei denen wir mittelalterliche Funde präpariert haben. Und vor zwei Jahren habe ich bei der Organisation einer Ausstellung über römische Landwirtschaft geholfen, die aus einer Kooperation der Uni mit dem Landesmuseum und dem Landesamt für Denkmalpflege entstanden ist. Auch im vergangenen Jahr habe ich als Werksstudentin im Museum gearbeitet und Texte für die Dauerausstellung über Grabdenkmäler geschrieben. Im Moment schreibe ich an meiner Doktorarbeit zum Thema Die Treverer und das Pferd. Auch wenn die Berufsaussichten im Moment nicht gerade rosig sind: Mein Traumjob wäre eine Tätigkeit im Museum - natürlich am liebsten in meinem Fachgebiet der Treverer.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: dsa Musikproduktion GmbH, Ilona Scheffbruch, privat
 
 
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Trier ist wirtschaftlich eine Symbiose mit Luxemburg eingegangen. Das meiste Geld wird im Großherzogtum verdient, wo viele internationale Banken und bedeutende EU-Institutionen zu Hause sind. Ausgegeben wird es dafür in Trier - nicht nur, aber auch. 


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Astarix

Es gibt viele Gründe, warum Trierer nach Luxemburg pendeln. Ausgehen gehört definitiv nicht dazu, denn daraus macht der Moselstadtanwohner kein großes Aufhebens: Er ißt in Läden mit Mensa-Atmosphäre, trinkt unter Kellergewölben, tanzt in einem Kino. Und ist dabei rundum zufrieden.