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Schwarze Rhetorik

Manipulieren und manipuliert werden

Von Christiane Habermalz




04. Januar 2007 
Wie bringt man seine Mitarbeiter dazu, freiwillig Überstunden zu machen? Wie schafft man es, bei der Projektbesprechung vom eigenen Versagen abzulenken und statt dessen den Kollegen schlecht dastehen zu lassen? Ganz einfach: Durch den geschickten Einsatz rhetorischer Mittel. Allerdings kommt man damit nicht in den Himmel.

„Wenn Sie ein guter Mensch sein wollen, dann ist die Verbotene Rhetorik nicht das Richtige für Sie. Stehen Sie zu Ihren dunklen Seiten, oder lassen Sie das Intrigieren sein“, warnt Buchautorin Gloria Beck die Leser ihres jüngst erschienenen Ratgebers „Verbotene Rhetorik - Die Kunst der skrupellosen Manipulation“. Um dann in allen Details zu erläutern, wie man einen Konkurrenten für die Position des Abteilungsleiters durch gezieltes Anwenden der „Intrigentechnik“ aus dem Weg räumt. Manipuliert werde sowieso, täglich und überall, rechtfertigt Beck ihre gezielte Nachhilfe für Mobbingtäter. Warum also nicht selber aktiv werden, bevor es die anderen tun? Andere Kommunikationstrainer sind da vorsichtiger, unterscheiden in faire und unfaire rhetorische Mittel. „Drohen, schwindeln, nicht verstehen wollen, Informationen zurückhalten, blockieren, ausweichen, verzetteln, verwässern, Scheinargumente einsetzen, die Person angreifen, erpressen, schmeicheln“, so Andreas Edmüller und Thomas Wilhelm, gehören eindeutig zu den letzteren.

Macht und Magie der Sprache als Mittel der Beeinflussung ist von alters her bekannt. Schon die antike Stadt Karthago wurde ein Opfer geschickter rhetorischer Manipulation. „Und im übrigen bin ich der Überzeugung, daß Karthago zerstört werden muß“, schloß Cato der Ältere jede seiner Reden vor dem römischen Senat - wohl wissend, daß ständige Wiederholung bei den Zuhörern am Ende zur Gewißheit wird. Einzelne Wörter, gezielt gesetzt, können zu einer positiven oder negativen Bewertung führen. Arbeiten auf deutschen Baustellen „Fremdarbeiter“ oder „Gastarbeiter“? Wurde der Anschlag von „Terroristen“ oder „Freiheitskämpfern“ verübt? Kosten werden positiver aufgenommen, wenn von „Investitionen“ gesprochen wird, ein Problem wird wohlwollender betrachtet, wenn es verbal zu einer „Herausforderung“ wird. Unpersönliche Formulierungen lenken von der eigenen Verantwortung ab: „Es wurde versäumt, rechtzeitig Informationen einzuholen“, statt: „Wir haben uns nicht rechtzeitig informiert“. Wer wird da gleich von Manipulation sprechen? Nennen Sie es doch lieber „aktive Gesprächsführung“, rät Kommunikationstrainer Karsten Bredemeier augenzwinkernd. Oder werden wir da jetzt schon wieder manipuliert?

Manipulationstechniken stehen in Rhetorikseminaren hoch im Kurs. „Viele möchten verstehen, wieso sie immer wieder Opfer von Manipulation werden, und wie sie sich dagegen wehren können.“ Bredemeier läßt seine Seminarteilnehmer unter seiner Anleitung gezielt lügen, Wörter verdrehen und polarisieren, was das Zeug hält. „Ich versuche, deutlich zu machen, daß die sprachlichen Instrumente an sich neutral sind. Erst die Intention, mit der sie verwendet werden, läßt sich ethisch bewerten.“ Und Bredemeier will die Urteilsfähigkeit seiner Rhetorikschüler schärfen - etwa, indem er in einer Übung ein und dieselbe Person als Versager („Frau Christiansen ist bemüht, die Gesprächssituation nicht aus dem Ruder laufen zu lassen!“) oder als souverän Handelnden („Frau Christiansen fordert ihre Gesprächspartner immer wieder konsequent in den Dialog!“) dastehen läßt. In anderen Übungen wird geprobt, wie ein Gesprächspartner durch ständiges Unterbrechen und Hinterfragen aus seinem Argumentationsfluß und damit aus dem Konzept gerissen wird. Unfaire Methoden? „Ich zeige, was man durch sprachliche Mittel erreichen kann“, erklärt Bredemeier. „Die Teilnehmer müssen dann eigenverantwortlich entscheiden: Will ich das tun, kann ich das verantworten oder lasse ich es?“

„Stehen Sie zu Ihren dunklen Seiten, oder lassen Sie das Intrigieren sein.“

Doch nicht alle Trainer öffnen ihre Giftschränke so freizügig wie Beck oder Bredemeier. Der Schweizer Medienberater Marcus Knill ließ seine lange Liste der Mobbing-Tricks bewußt unveröffentlicht - „weil ich nicht wollte, daß die Leute sich daraus bedienen, um es tatsächlich anzuwenden“, so der
Rhetorikexperte. Knill will seine Seminarteilnehmer zwar soweit ausrüsten, daß sie die Manipulationsversuche erkennen - aber nur zur Selbstverteidigung. „Die meisten Opfer machen den Fehler, entrüstet und emotional zu reagieren oder blind zurückzuschlagen. Doch es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, um den Manipulator dann mit fairen Mitteln abzuwehren.“ Buchautorin Beck hält es da eher mit Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht. Für gewissensgeplagte Leser hat sie für jede ihrer Manipulationstechniken eine Skala der ethischen Bedenklichkeit erstellt. Das einfache Einschmeicheln beim Chef gilt danach als ethisch unbedenklich. Wer jedoch sein Team mit einer erfundenen Konkurrenzfirma unter Druck setzt, die die eigene Firma und damit die Arbeitsplätze der Mitarbeiter gefährdet, der erreicht immerhin sieben von zehn möglichen Punkten der ethischen Bedenklichkeit - unter anderem für Lügen, hinterlistiges Vorgehen, die Arglosigkeit anderer ausnutzen und Menschen als Werkzeuge einsetzen.

LITERATURTIPS:

Gloria Beck:
Verbotene Rhetorik. Die Kunst der skrupellosen Manipulation

Eichborn, 347 Seiten, 22,90 Euro

Karsten Bredemeier:
Schwarze Rhetorik. Macht und Magie der Sprache

Mosaik bei Goldmann, 254 Seiten, 8,50 Euro

Andreas Edmüller/Thomas Wilhelm:
Manipulationstechniken erkennen und abwehren

Haufe, 128 Seiten, 6,60 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 87, 2006
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor