11. Oktober 2008

Literatur auswählen, nach prominenten Stimmen Ausschau halten und Rundfunkarchive durchwühlen

Arbeiten in der Hörbuchbranche

Von Gunda Achterhold



18. Juni 2007 Vor allem Geisteswissenschaftler profitieren vom Boom in den Hörbuchverlagen und können sich auf jede Menge interessante Jobs freuen.

Ab und zu kommt Bewegung in die Gänge. Dann flitzt mal eben jemand aus dem Design am Empfang vorbei, oder eine der professionellen Leseratten düst in Richtung Dachterrasse ab. Auch Christiane Collorio greift gerne mal zum Roller, bevor sie sich am Schreibtisch wieder mit Harry Mulisch oder der Kunst des Flirtens beschäftigt. „Eine Idee der Chefin“, sagt die Lektorin lachend und stellt das Kickboard wieder in die Ecke. Die Chefin ist für ihre unkonventionellen Ideen bekannt. 1993, als Literatur auf Tonträgern allenfalls Senioren, Sehbehinderten und Kindern zugeordnet wurde, gründete Claudia Baumhöver in München den Hörverlag, einen Zusammenschluss renommierter literarischer Verlage wie Carl Hanser, Suhrkamp, Kiepenheuer & Witsch oder Klett-Cotta. Im Mai 1995 veröffentlichte sie ihr erstes Programm, darunter „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder. Der Rest ist Geschichte. Etwa 500 Hörbuchverlage sind heute am Markt, schätzt Simone Mühlhauser vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Etliche Verlagsgruppen setzen aufs eigene Label: Random House Audio zum Beispiel, Der Audio Verlag (Aufbau) oder Argon (Holtzbrinck-Gruppe). Hinzu kommt eine stetig wachsende Zahl an Klein- und Kleinstverlagen. Keine Frage, das Audio-Segment boomt und gilt als Hoffnungsträger der Branche. Rund 150 Millionen Euro hat der deutsche Buchhandel mit Hörversionen im Jahr 2005 erwirtschaftet, 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In einem Markt von mehr als 5 Milliarden Euro eine noch immer bescheidene Größe, aber für die nächsten Jahre erwarten Experten ein noch höheres Wachstum.

In der weiträumigen Etage des Münchener Hörverlags ist der Fortschritt längst angekommen. Mit einer Halbtagssekretärin und einem weitgehend ungeklärten Rechtefundus hatte Jungverlegerin Baumhöver angefangen. Heute sitzen 35 Mitarbeiterinnen in den lichten Büros im obersten Stock des „Lindwurmhofs“. „Als ich 1995 beim Hörverlag anfing, zunächst als Freie, waren wir noch zu zweit“, erklärt Christiane Collorio, die vom Hanser Verlag rüberwechselte. Heute betreuen fünf Lektorinnen die Belletristik, zwei das Kinderprogramm. Ein Pool aus freien Autoren arbeitet ihnen zu. Lohnt es sich, einen Text akustisch umzusetzen? Macht man eine Lesung daraus oder ein Hörspiel? Mit wem besetzen wir? Viele einzelne Schritte führen von der Vorlage zur fertigen CD. Hörbuchlektoren sollten nicht nur literarisch up to date sein und gerne ins Theater gehen, auch die Lektüre von Gala und Bunte schadet nicht. Schließlich gehört auch der Umgang mit Schauspielern, akribische Recherchen in den Archiven der Rundfunkanstalten, die Auswahl geeigneter Sprecher und die Betreuung der Studioaufnahmen zu ihren Aufgaben. „Es ist ein ganz neues Berufsbild entstanden“, sagt Collorio, die gerade an einem Originalskript für einen Flirttrainer feilt. Nach Herausforderungen wie einer fünfteiligen Bachmann-Edition und dem Beckett-Gesamtwerk eine wunderbare Abwechslung. „Man kann da so herrlich Situationen fingieren und mit O-Tönen spielen.“

Vor allem Geisteswissenschaftler profitieren von der spürbaren Belebung im Audio-Segment. Und das keineswegs nur in den Lektoraten. Politikwissenschaftler oder Germanisten finden auch in Marketing und Vertrieb ihren Platz. „Entscheidend ist das Verständnis für unsere Ware“, betont Claudia Gehre, Programmleiterin des Audio-Verlags. „Bei uns betreut eine Historikerin die Bildredaktion für die Booklets, einen Kommunikationswissenschaftler haben wir gerade für das Marketing gewonnen.“ Wie in anderen Häusern geht auch bei dem 1999 gegründeten Audio-Ableger des Berliner Aufbau-Verlags der Trend zur Diversifizierung. Gerade im Marketing entstehen allerorten neue Stellen. Die Zeiten, als Hörbuchlektoren diese Aufgaben gleich noch mit erledigen konnten, sind offensichtlich vorbei. Das Internet, als gezieltes Verkaufs- und Marketinginstrument, setzt viel in Bewegung. An den Schnittstellen von Buch- und Hörbuchverlagen koppeln sich die Töchter zunehmend ab und richten eigenständige Marketingabteilungen ein. Zwar arbeiten laut Umfrage des Börsenvereins 73 Prozent der Hörbuchverlage auch weiterhin mit der gleichen Anzahl an Mitarbeitern. Die Großen der Branche expandieren jedoch auch intern konstant. „Der Boom ist stetig und erfreulich“, bestätigt Gehre, die sich in ihrem Haus gezielt um eine effektive Nachwuchsförderung kümmert. „Die Kenntnisse im Hörbuchwesen sind sehr speziell. Man braucht viel Rüstzeug, um sich als Allrounder da hineinzudenken.“

Praktikanten werden deshalb in alle Facetten des Tagesgeschäfts eingebunden. Sie lernen die Studioarbeit kennen, machen Technikschulungen, schreiben Gutachten und haben beim morgendlichen „Prakti-Briefing“ regelmäßig Gelegenheit, auch bei der Chefin mal nachzufragen. Einigen ist es schon gelungen, auf Anhieb von ihrem Können zu überzeugen. Acht der insgesamt zwölf festen Mitarbeiter sind über Volontariat oder Praktikum an ihren Job gekommen. „Voraussetzungen sind neben soliden literarischen Kenntnissen Pragmatismus und Marktorientiertheit“, betont Gehre. „Wir müssen Titel verkaufen.“ Wer bei den Praktikanten-Castings erscheint, sollte sich einen Überblick über die Verlags- und Hörbuchlandschaft verschafft haben, sich in den Bestsellerlisten auskennen und seine literarischen Vorlieben nicht nur am Nobelpreis ausrichten. „Elitär geht bei uns gar nicht“, sagt die Programmchefin. „Wer zu spezielle literarische Vorlieben hat und in den Buchvorstellrunden nicht auf den Punkt kommt, der wird hier sicher nicht glücklich.“

„Wir haben einen gewachsenen Stamm von Allroundern, die sich nicht nur in hochgeistiger Literatur auskennen, sondern auch was vom Ton verstehen und von Schauspielern.“

„Bei uns ist der Personalbedarf absolut gestiegen“, sagt Ines Wallraff von Random House Audio - und bekommt leuchtende Augen bei dem Gedanken daran, was sich allein rein optisch in den letzten Jahren verändert hat. „Während um uns herum die Musikbranche abgestürzt ist, haben wir uns hier im Music Tower richtig breitgemacht.“ Mit zwei Mitarbeitern und einem Volontär ist das Hörbuchlabel der Verlagsgruppe Random House 2001 im Kölner Mediapark gestartet. Heute arbeiten 14 Feste im Haus, organisatorische Aufgaben wie Vertrieb und Lizenzen werden vom Random House Verlag in München übernommen. „Wir haben einen gewachsenen Stamm von Allroundern, die sich nicht nur in hochgeistiger Literatur auskennen, sondern auch was vom Ton verstehen und von Schauspielern“, so PR-Frau Wallraff. Extrem spannend sei im Moment alles, was mit den Neuen Medien zu tun habe. Rund um das Thema Download entstünden ganz neue Jobprofile. „In diesem Bereich passiert im Moment so viel, dass wir gerade dabei sind, für die Visitenkarten einen eigenen Begriff dafür zu entwickeln.“ Germanistikstudentin Christina Häse hat sogar ihr Studium abgebrochen, um als Volontärin beim Content-Management für die Download-Plattform toni.de mitzuarbeiten. Ein Internetangebot für Kinder und Jugendliche, das Random House Audio gemeinsam mit Super RTL betreibt. Die 26-Jährige ist begeistert von ihrem Job, der neben Textverständnis viel technisches Geschick erfordert. „Ich schreibe News, schneide Interviews, denke mir Aktionen aus und setze Teaser-Grafiken“, beschreibt Häse. „Das ist einfach noch mal ein ganz neuer Vertriebsweg.“

Von Arno Schmidts Romanen auf 25 CDs, gelesen von Jan Philipp Reemtsma, über die Brigitte-Edition „Starke Stimmen“ bis zu Terry Pratchetts abenteuerlichen Scheibenwelt-Romanen, vorgestellt von Comedy-Star Dirk Bach: Das Repertoire des Kölner Hörbuchlabels ist breit gefächert. „90 Prozent der Ausgaben erscheinen in gekürzter Fassung“, so Wallraff. Häufig muss kurzfristig und auf Zeit gearbeitet werden. Handelt es sich um Versionen, die vom Autor abgesegnet werden müssen, ist eine ausführliche Begründung des Kürzungsprozesses Pflicht. Eine Aufgabe, die Random House Audio gerne nach außen vergibt - wie andere Häuser übrigens auch. Doch nicht nur die Arbeit am Script, auch das Abhören und Gegenlesen der fertigen Produktionen übernehmen überwiegend freie Autoren. Sind Risse drin? Muss nachbearbeitet werden? Was die Fahnenkorrektur für den Buchlektor ist, spielt sich bei den Audio-Kollegen über die Ohren ab. „Bei uns machen das ausschließlich Geisteswissenschaftler“, sagt Petra Lölsberg vom Argon-Verlag. „Denn das haben sie nun wirklich gelernt, Texte sorgfältig zu vergleichen.“

Vom Grafiker übers Marketing bis hin zu Regisseuren, Fotografen und Autoren: Von den Wellenbewegungen, die der Boom ums Hörbuch verursacht, werden auch die Freelancer erfasst. Im Wettbewerb ums Design der kleinen, runden Scheiben zeigen sich die Verlage aufgeschlossen für innovative Ideen junger Agenturen. Sprechern, Schauspielern und Regisseuren wiederum tut sich neben der Kultur öffentlich-rechtlicher Sender ein zusätzliches Geschäftsfeld auf. Allein zehn freie Regisseure beschäftigt der Argon-Verlag regelmäßig für seine Produktionen. Einer von ihnen ist der Berliner Musiker und Produzent Dirk Schwibbert, in dessen Studios in den letzten vier Jahren über hundert Hörbücher entstanden sind. Er bekommt den Stoff, liest, wählt aus und entscheidet, ob der Text bearbeitet wird, und sucht die Schauspieler aus. Im Moment beobachtet er einen verstärkten Trend zum Feature. „Der ganze Buchmarkt mit seinen Klassikern scheint mir ein bisschen abgegrast zu sein“, so Schwibbert. Dafür gehe es jetzt mehr in Richtung Dokumentation oder Biographien aus Film und Fernsehen, über Ikonen wie Billy Wilder oder Marlene Dietrich. „Auch zu Heine oder Goethe sind schon so richtig experimentelle Sachen entstanden, zum Teil sehr musikalisch, die ganz leicht daherkommen und in Richtung Unterhaltung gehen.“ Eine Entwicklung, von der Kenner mit Spezialwissen erheblich profitieren würden. „Für Sachthemen, Features, braucht man Leute, die sich auskennen“, betont der Berliner Produzent. „Da sind Geisteswissenschaftler gefragt, die Inhalte stützen und Know-how von außen reinbringen.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007
Bildmaterial: Hörverlag
 
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Christiane Collorio, Hörverlag, Lektorin

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Stefanie Häger, Hörverlag, Rechte und Lizenzen

Die Rechteklärung zieht sich bei manchen Produktionen über Jahre hinweg. 


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