14. Dezember 2009
Business-Knigge 
Englischtest 

Leben als Experiment

»Das ganze Haus ist eine WG«

Von Ulf Schubert



Plenum in der WG: Vor den Gesprächen eine Kürbiscremesuppe zum Abendessen.
14. April 2009 
Sie drehen Filme, lieben Partys, beherbergen Gäste aus aller Welt, schaffen Raum für Künstlerateliers und soziale Projekte - und wohnen zusammen: Ein Dutzend Studenten und andere junge Kreative eines Berliner Künstlerkollektivs haben sich ihren Traum vom selbstbestimmten Leben und Arbeiten verwirklicht. In Berlin, in einer ehemaligen Fabrik. Weil ihre Wohnungen so besonders sind, wurden hier schon viele Filme gedreht. Wie neulich erst wieder. Da kamen die Leute von StudiVZ und drehten die Webserie „Piet-Show“.

Berlin. WG. L32, altes Fabrikgebäude. Auf dem Dach wachsen Bäume. Von hier oben hat man einen guten Blick über die Stadt. Schwarze Schrift auf weißem Hintergrund an der Hauswand: Why are we here? Erster Hof: Graffiti: Augen, Rüssel, Raketen. Weiß, Blau, Schwarz, Rosa. Durchfahrt: „Be happy on Sunday Morning.“ Durchgang zum zweiten Hof, Schrift an der Wand: „Nie war mehr Anfang als jetzt.“ Das Leben als Experiment.

Ein guter Ort für den Sommer: Felix Seeger auf dem Dach der L32-WG.

L32. Arbeiten, Feiern, Liebe. Freunde gleich Leben. Schnell geschnitten, wie in Filmen. Remix. Eine Künstlerwohngemeinschaft in einem alten Fabrikgebäude. Zwölf Leute in einem Haus, pro Wohnung vier Leute. Das war die Idee, ein Künstlerkollektiv. Ein Ort zum Arbeiten und Wohnen. Felix Seeger, einer der zwölf Bewohner, studiert Webdesign und Development an der SAE, einer Privatschule für Medientechnik. Von Düsseldorf ging Felix nach Stuttgart und von Stuttgart nach Berlin. Ein Glücksfall. Er landete sofort in dieser WG, Lichtenrader Straße, Berlin-Neukölln. Ein Knotenpunkt. „Hier kriegste Leute aus allen Bereichen zusammen. Entweder du verdienst viel Geld, beschäftigst Leute, die du für dein Projekt immer brauchst, oder du hilfst dir gegenseitig.“ Als Felix hier einzog, gab es die WG schon eine Weile, so konnte er die bereits vorhandenen Strukturen nutzen.

Der Himmel über Berlin ist grau im November, Dezember, Januar. Regen sprüht auf die schmutzige Fassade des tristen Mietshauses in einer ebenso tristen Gegend. Die meisten Menschen in diesem Viertel, na ja, Neukölln in Berlin: Billige Wohnungen, viel Raum, eine Menge Ausländer, Künstler und Studenten, Hartz IV, Kleinkriminelle, Alkoholiker en masse. Liebe oder hasse es. Die Menschen in der WG, im L32, lieben Neukölln. Herzen auf der Mülltonne im Hinterhof und in ihren Gedanken. „Ein Herz für Neukölln.“

Arbeitszimmer: Kai und Felix haben aufgeräumt. Nach der letzten Party stand hier mit der Ausrüstung alles voll.

Neben der Theke steht ein Klavier hinten im Wohnraum, ein riesiges, weißes Sofa und ein Beamer. Felix: „Fernsehen interessiert uns nicht mehr, nur noch Sachen aus dem Internet. Wir hören auch nur noch Radio aus dem Internet.“ Hinter einem Vorhang liegt das Büro. Dort stehen um die sechs Flatscreens, auseinandergenommene Computer, Stifte, volle Aschenbecher, an der Wand hängt der Plan für den nächsten Film - für das nächste Projekt unter Freunden. Vor fünf Jahren haben sich ein paar Leute aus der WG bei den Dreharbeiten für einen Studentenfilm kennengelernt. Einer von ihnen, der schon im Haus wohnte, sagte: „Der zweite Stock steht frei.“ Da sind die vier Leute nachgezogen. Sie wohnen in kleinen Einheiten auf viel Platz. Aus der Wohnung über ihnen wummern Bässe. Elektronische Musik. Kai, Maria und Felix sitzen in ihrem Loft, an der Theke ihrer offenen Küche. Aufträge, die hat Felix schon während des Studiums. Er arbeitet viel für die Musik-, Film- oder Modebranche, entwickelt Programme und realisiert die Umsetzung von Designkonzepten. Und heute muss er einen Auftrag fertigbekommen.

„Es ergeben sich hier immer Projekte“, sagt Felix. Jeder steuert was bei. Vernissage, Ausstellungen, Lesungen, Livemusik. Die Leute hier haben ähnliche Interessen, aber unterschiedliche Fähigkeiten. Sie machen Musik, Filme, Grafik, organisieren Veranstaltungsreihen und Partys. Aus der ursprünglichen Wohngemeinschaft wurde immer mehr ein informelles Netzwerk. Seit rund sieben Jahren kommen hier im Haus Kreative aus aller Welt zusammen. Die Leute aus der L32 sagen über das Haus und den Verein: „Die Auflösung der Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit setzt neue Wege der Zusammenarbeit und Vernetzung frei.“

Der »kollektive Kleiderschrank« der WG im 4.Stock: Dennis (28, rechts) "Wir haben uns gedacht. Klamotten raus aus den Zimmern. Jetzt haben wir einen kollektiven Kleiderschrank."

Sie - die L32, Lichtenrader Straße 32 - zitieren in einer Selbstdarstellung den Maler und Objektkünstler Marcel Duchamp, den Wegbereiter des Dadaismus und Surrealismus. „Der Kontext bestimmt den Text.“ Der Künstler in Abhängigkeit der Gesellschaft. Damit sich die Gruppe besser in der Öffentlichkeit darstellen kann, haben sie einen Verein, den L32 e.V. gegründet, das ist für Fördergelder oder die Zusammenarbeit mit Institutionen hilfreich. „Ein e.V. hinter dem Namen ist immer hilfreich“, sagt Kai Seeking. „Wir konnten uns und unsere Arbeit einfach besser präsentieren. Wer oder was wir sind, das haben wir immer schon versucht, greifbar zu machen.“ Neben Verein und Kollektivdenken verfolgt jeder Bewohner auch seine eigenen Ziele. Felix: „Einer unserer Mitbewohner studiert jetzt Modedesign in Tokio.“

Das Haus, in dem sich die Bewohner über zwei Höfe ausgebreitet haben, befindet sich in der Zwangsverwaltung und wird in nächster Zukunft versteigert werden. Ob die jungen Bewohner weiter im Haus wohnen und arbeiten können werden, ist ungewiss. Eigentlich wollten sie das Haus kaufen. „In den letzten fünf Monaten haben wir uns jeden Tag zusammengesetzt und überlegt, was wir eigentlich wollen. Jeder ist gerade in einer Übergangsphase, will sich in seinem speziellen Bereich professionalisieren.“ Die Kaufpläne waren schon ziemlich konkret, bis zu Überlegungen, wie viel Eigenkapital sie aufbringen können und ob sie bereit sind, Kredite aufzunehmen. „In diese Überlegungen floss viel Energie ein. Aber viele fühlten sich doch zu jung, wollten sich dann doch nicht so festlegen.“ Felix ist 25 Jahre alt, Maria 31 und Kai 32.

Robert (26) Psychologiestudent und Extremsportler (klettert unter anderem gerne Wände hoch) möchte diese Interessen im Beruf verbinden.

Bis vor kurzem beherbergte L32 Gäste aus aller Welt: im leerstehenden Vorderhaus, dem Flamingo Beach Lotel, einem Low-Price-Hotel. 15 Zimmer wurden von 42 internationalen Künstlern gestaltet. Im Sommer kamen viele Leute, aber der Heizungsschaden machte das Wohnen im Winter unmöglich. Neben vielen Ideen und Projekten aus dem sozialen Bereich sollen im Haus zukünftig auch mehrere Ateliers eingerichtet werden, in denen ausgewählte Künstler für einen bestimmten Zeitraum leben und arbeiten können.

Maria: „Ich lebe hier zusammen wie in einer Familie, nur dass ich zusammen mit der Familie keine Filme drehen kann. Das ganze Haus ist eine WG, wir würden die Türen offen stehen lassen, wenn wir damit nicht schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Manchmal kommen in der Nacht die Penner oder Junkies von der Straße und scheißen in den Hausflur.“ Das Haus erweckt Neugierde. Nein, eine so gute Gegend sei das hier nicht. Man wird blöd angemacht, und ständig werden Fahrräder geklaut. „Und bei so vielen Leuten hier denkst du schon mal, wie toll wäre es, eine eigene Wohnung zu haben. Aber wegziehen, das will ich dann doch nicht.“

Im Wohnzimmer eine Badewanne: Nina Juric ist Grafikerin im Multimediabereich. Weil sie mal was anderes entwickeln wollte, entstand aus Spaß die Laptoptasche. Auf ihr steht: »Alter Hase – Altern ist nix für Feiglinge«.

Maria: „Letztens hatten wir ein Musikprojekt in der Schule, hier in der Gegend. Ich fragte einen Freund, ob wir nicht auch noch ein Musikvideo draus machen wollen. Im Moment haben wir um die 10.000 Klicks. Schau mal auf Youtube. NSK 44.“ Eine ehemalige Mitbewohnerin hat mit den Rütli-Schülern was zusammen gemacht. Und immer wie-der veranstalten die Bewohner Partys. Die Bewohner lieben die Feiern. Auf der letzten Party waren um die 1.000 Leute. „Wenn wir durch unsere Partys Gewinn machen, fließt der in die Vereinskasse, das deckt die Unkosten, oder wir können neue Projekte finanzieren. Vor kurzem wurde bei uns Piet-Show, die neue Webserie von StudiVZ gedreht. Über eine Motivagentur fanden schon einige Filmdrehs in der WG statt. „Bei Freunden von Filmhochschulen ist das okay, aber wenn es zu viele kommerzielle Drehs werden, ist das auch nervig.“

Auf dem Kühlschrank steht mit schwarzem Edding: „I am now a Vegetarian.“ Das hat Kai geschrieben, und der isst schon wieder Fleisch. Alle Bewohner kaufen sich ihr eigenes Essen, es gibt keine gemeinsame Essenskasse. Felix: „Hier herrscht gegenseitiger Respekt, du rockst nicht den anderen die Sachen weg.“

Im Zimmer: Kai Seekings plant sein nächstes Projekt. Ein Spielfilm über das Nachtleben und der überraschenden Erfahrung, Vater zu werden.

In ihrer Wohnung viel Weiß, weiße Platten, weiße Wände. Mauern haben sie beim Einzug selbst hochgezogen. Kai: „Da musst du erst einmal Vertrauen zur Wand aufbauen, bist gespannt, ob die hält. Mauern ist gar nicht so einfach.“ Vor kurzem stand hier mal eine Maus in der Haustür, und jemand aus der WG sagte, guckt mal, die hat einen abgebissenen Schwanz. Und dann meinte jemand, das sei ein Goldhamster. Seitdem lebt der Goldhamster in zwei großen Aquarien, die mit einem alten Rohr verbunden sind und baut sich Tunnel in die Erde. Maria steht in der Tür, die Katze läuft vorbei, sie ist auch irgendwann im Haus aufgetaucht.

„The future is illustrated“ steht an der Wand in Felix' Zimmer. Und immer wenn was entsteht, bleibt irgendwas zurück. Die pinkfarbenen Streifen, die irgendjemand draußen im Innenhof über den Asphalt gezogen hat. In großen Töpfen stehen dort Bäume neben einem alten Sofa. Und vom Himmel baumelt eine Diskokugel, befestigt an dünnen Drahtseilen. Leben kann bunt und wirr sein.

http://www.L32.de

Die Leitlinien des Kollektivs L32

Erstens: Soziales
Wir arbeiten nicht nur im Neuköllner Kiez, sondern sind vor allem mit und für unser direktes Umfeld aktiv.

Zweitens: Kunst
Kunst als kulturelle Erkenntnisproduktion, als Alltagskonzept, frei von klassischen Kunstinstitutionen, die Kreativität des Netzwerks, Projekte Querbeet zwischen Film, Grafik, Mode, Multimedia, Malerei, Konzeptkunst, Literatur, Freizeitkultur und Musik.

Drittens: Wohnen
Die Abkehr von der Zweckwohngemeinschaft und die Auflösung der Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit, Kollegen und Familie ist Teil unseres Lebensmodells. Die unmittelbare Verknüpfung von Lebensraum und Kulturwerkstatt. Das permanente gemeinsame Denken von Ideen und deren direkte Umsetzungsmöglichkeit in Projekten ist eine einmalige Chance.

Viertens: Arbeiten
Räumliche und persönliche Nähe verkürzt Kommunikationswege, fördert die Vernetzung und schafft neue Impulse und Synergie-Effekte.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 101, 2009, Seite 70
Bildmaterial: Zeitenspiegel, Kathrin Harms