12. Oktober 2008

Hauptstadt des Multikulti

»Melting Pot« Mannheim

Von David Selbach



16. Mai 2006 Mannheim ist stolz auf seine Ausländer, gönnt sich eine „Istanbuler Straße“ und die größte Moschee Deutschlands. Vor allem haben die Einwanderer die Soul- und Hip-Hop-Szene der Stadt geprägt.

Michael Scheuermann pflegt einen pragmatischen Umgang mit den Türken in seinem Kiez. „Wenn mir zu Ohren kommt, daß ein Mädchen aus religiösen Gründen nicht mehr beim Schwimmunterricht mitmachen soll, gehe ich persönlich zum Imam und frage, was da los ist“, sagt der Sozialarbeiter. Scheuermann ist Leiter des „Jungbusch-Zentrums“ im gleichnamigen Viertel im Mannheimer Nordwesten. Zwischen altem Hafen und zwei Fernstraßen leben hier mehr Ausländer als in jedem anderen Bezirk der Stadt. Ihr Anteil liegt bei schätzungsweise 65 Prozent der Bevölkerung, die allermeisten davon sind Türken.


Daß die Uhren im Jungbusch anders gehen als in Berlin-Neukölln oder Köln-Mülheim, ist Scheuermann ein wichtiges Anliegen. „Wir fördern die Migranten - aber wir fordern von ihnen auch ein Engagement.“ Seit 1995 steht mitten in der Mannheimer City die größte Moschee Deutschlands - mit Minarett. „Das war eine kluge Entscheidung“, findet Scheuermann. „Früher gingen die Einwanderer in irgendwelche Hinterhofmoscheen, und wir wußten nicht, was dort passiert.“ Der Vorbeter, erzählt Scheuermann, schickt sein Kind in einen katholischen Kindergarten. „Weil es da eine so gute interreligiöse Erziehung gibt.“

Mannheim wird von seinen türkischen Einwanderern geprägt: In den H-Quadraten der City reihen sich türkische Brautmoden-Shops an Schleier-Boutiquen, die Sesambrot-Bäckerei bietet ihre Teigkringel gleich neben unzähligen türkischen Reisebüros und dem Döner-Restaurant „Taksim“ feil. Im Volksmund wird die Gegend „Ö-Quadrate“ genannt oder einfach „Istanbuler Straße“. Wirklich stören tut sie keinen - im Gegenteil: Der Bürgermeister darf bei jeder Gelegenheit stolz den „Melting Pot“ Mannheim rühmen. Und die Honoratioren erwähnen auch gerne, daß der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig hier schon Mitte des 17. Jahrhunderts ein multikulturelles Experiment gewagt habe: Damals lebten in der durchgeplanten Stadt, deren geometrischer Grundriß später das Vorbild für New York und Washington werden sollte, Franzosen, Polen, Portugiesen, Niederländer und Schweizer, Mennoniten, Calvinisten und Juden friedlich zusammen.


Michael Scheuermann ist mit seinem Jungbusch-Zentrum für die Einwanderer von heute verantwortlich. In einem Wohnhaus mitten im Viertel gibt er türkischen und italienischen Familien Lebenshilfe bei Schulproblemen, klärt Erziehungsfragen oder hilft beim Streit mit dem Vermieter. Und er macht Jugendarbeit. „Das funktioniert prima über Hip-Hop“, sagt der Pädagoge. „Die deutschen Meister im Freestyle haben im Jungbusch-Zentrum ihre ersten Übungen gemacht.“

Das ehemalige Hafenviertel Jungbusch, in den Sechzigern und Siebzigern für seine Rotlichtbars und Bordelle bekannt, hat sich wegen seiner günstigen Mieten in den vergangenen zehn Jahren nämlich nicht nur zum Lieblingsviertel von Künstlern und Studenten entwickelt, sondern auch zu einer Art Musik-Mekka. Hier wird in Hinterhofstudios deutsch-türkischer Hip-Hop produziert. Nicht umsonst haben die „Pop Akademie Baden-Württemberg“ und der „Musikpark Mannheim“ hier ihren Sitz.


Die „Söhne Mannheims“, heißen so, weil sich die Türken, Italiener und Kurpfälzer in der Musikszene eben zuallererst als Mannheimer fühlen.

Der „Mannheimer Stil“ ist eine Mischung aus schwarzer US-Musik und den Themen von Einwandererkindern. „Mehr als die Hälfte der Musiker, die ich kenne, sind Ausländer“, sagt Michael Herberger. Er ist Mitglied der Band „Söhne Mannheims“ und schreibt gemeinsam mit dem Sänger Xavier Naidoo einen Großteil von dessen Songs. „Daß Soul und Hip-Hop hier so stark sind, liegt am Einfluß der amerikanischen GIs“, sagt Herberger. Die „Söhne Mannheims“, erklärt der Musiker, heißen aber so, weil sich die Türken, Italiener und Kurpfälzer in der Musikszene eben zuallererst als Mannheimer fühlen. „Es gibt ein sehr starkes Wir-Gefühl.“


Heinz Reinders würde das, was Herberger beschreibt, wahrscheinlich „Ko-Kulturation“ nennen. Der Pädagoge erforscht an der Mannheimer Universität, wie Freundschaften zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen funktionieren. In Tausenden von Interviews mit Mannheimer Schülern hat er herausgefunden, daß die sich nicht über ihre Herkunft definieren, sondern über ihre Clique - und über die gemeinsame Musik, meist eben Soul und Hip-Hop. „Die schaffen sich ein eigenes System von Subkulturen“, sagt Reinders. Vor allem für die deutschen Jugendlichen ist das gut, meint der Pädagoge. „Dadurch lernen sie, mit anderen Kulturen umzugehen, und werden toleranter.“

In Mannheim findet er für seine Forschungen zur deutsch-türkischen Freundschaft ein ideales Tätigkeitsfeld, sagt Reinders. „Zuerst habe ich das in Berlin-Neukölln beobachtet. Aber es bietet sich hier natürlich auch an.“ Vor allem, so betont der Wissenschaftler, liegt in Mannheim alles viel dichter zusammen: Das Ausländer- und Szene-Quartier Jungbusch, die „Istanbuler Straße“ und die gutbürgerliche Oststadt sind nur einen Spaziergang voneinander entfernt. „Mannheim ist eben weder Großstadt noch Kleinstadt“, sagt auch der Musiker Michael Herberger. „Weißt Du, wir haben hier eine Band, die ›Groove Guerillas‹. Der Keyboarder ist der Sohn von meinem alten Musiklehrer. Mit dem DJ war ich auf derselben Schule, und die Sängerin stammt aus Südafrika. Das ist typisch für Mannheim: Überall sind Ausländer dabei. Und irgendwen kennt man immer.“

TIPS ZUM WEITERLESEN

Thomas Baumann: Quadratschädel - Ein Leitfaden für Mannheim und den Rest
Emons, 2005, 239 Seiten, 9,80 Euro
Thomas Baumann betrachtet Land, Leute und Geschichte auf amüsante Art.

Hansjörg Probst: Kleine Mannheimer Stadtgeschichte
Pustet Verlag, 2005, 168 Seiten, 12,90 Euro
Die 400 Jahre junge Residenzstadt wird unter die historische Lupe genommen.

Töne Mannheims: Nicole Simon, Texte: Georg Spindler
Edition Braus im Wachter Verlag, 2004, 216 Seiten, 45,00 Euro
Nicole Simon hält die Mannheimer Musikszene in Bildern fest.

David Depenau: Bloomäulern, Lellebollern und Neckarschleimer - Die Ortsnecknamen in Heidelberg, Mannheim und dem Rhein-Neckar-Kreis
Verlag Regionalkultur, 2002, 128 Seiten, 13,90 Euro
Aus alten Quellen stammen die Spitznamen von Heidelbergern und Mannheimern, die David Depenau zusammengetragen hat.

Janda Elsbeth und Hermann G. Klein: Mannheimer Impressionen
Klein Verlag, 2004, 128 Seiten, 15,80 Euro
Dichter, Denker, Diplomaten, Künstler, Reisende und Maler aus vier Jahrhunderten sehen die Stadt Mannheim. Der Sammelband lädt ein zum literarischen Ausflug in die Stadt.

ZAHLEN ZUR STADT MANNHEIM

Einwohner: 324.849
Beschäftigte: 158.432
Arbeitslosenquote: 11,8 % (Januar 2006)
Zahl der Studenten: rund 25.000
Zahl der Straßenquadrate: 144

Text: Hochschulanzeiger Nr. 84, 2006
Bildmaterial: Ilona Scheffbuch
 
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