16. Mai 2006 Mannheim ist stolz auf seine Ausländer, gönnt sich eine Istanbuler Straße und die größte Moschee Deutschlands. Vor allem haben die Einwanderer die Soul- und Hip-Hop-Szene der Stadt geprägt.
Michael Scheuermann pflegt einen pragmatischen Umgang mit den Türken in seinem Kiez. Wenn mir zu Ohren kommt, daß ein Mädchen aus religiösen Gründen nicht mehr beim Schwimmunterricht mitmachen soll, gehe ich persönlich zum Imam und frage, was da los ist, sagt der Sozialarbeiter. Scheuermann ist Leiter des Jungbusch-Zentrums im gleichnamigen Viertel im Mannheimer Nordwesten. Zwischen altem Hafen und zwei Fernstraßen leben hier mehr Ausländer als in jedem anderen Bezirk der Stadt. Ihr Anteil liegt bei schätzungsweise 65 Prozent der Bevölkerung, die allermeisten davon sind Türken.

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Daß die Uhren im Jungbusch anders gehen als in Berlin-Neukölln oder Köln-Mülheim, ist Scheuermann ein wichtiges Anliegen. Wir fördern die Migranten - aber wir fordern von ihnen auch ein Engagement. Seit 1995 steht mitten in der Mannheimer City die größte Moschee Deutschlands - mit Minarett. Das war eine kluge Entscheidung, findet Scheuermann. Früher gingen die Einwanderer in irgendwelche Hinterhofmoscheen, und wir wußten nicht, was dort passiert. Der Vorbeter, erzählt Scheuermann, schickt sein Kind in einen katholischen Kindergarten. Weil es da eine so gute interreligiöse Erziehung gibt.
Mannheim wird von seinen türkischen Einwanderern geprägt: In den H-Quadraten der City reihen sich türkische Brautmoden-Shops an Schleier-Boutiquen, die Sesambrot-Bäckerei bietet ihre Teigkringel gleich neben unzähligen türkischen Reisebüros und dem Döner-Restaurant Taksim feil. Im Volksmund wird die Gegend Ö-Quadrate genannt oder einfach Istanbuler Straße. Wirklich stören tut sie keinen - im Gegenteil: Der Bürgermeister darf bei jeder Gelegenheit stolz den Melting Pot Mannheim rühmen. Und die Honoratioren erwähnen auch gerne, daß der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig hier schon Mitte des 17. Jahrhunderts ein multikulturelles Experiment gewagt habe: Damals lebten in der durchgeplanten Stadt, deren geometrischer Grundriß später das Vorbild für New York und Washington werden sollte, Franzosen, Polen, Portugiesen, Niederländer und Schweizer, Mennoniten, Calvinisten und Juden friedlich zusammen.

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Michael Scheuermann ist mit seinem Jungbusch-Zentrum für die Einwanderer von heute verantwortlich. In einem Wohnhaus mitten im Viertel gibt er türkischen und italienischen Familien Lebenshilfe bei Schulproblemen, klärt Erziehungsfragen oder hilft beim Streit mit dem Vermieter. Und er macht Jugendarbeit. Das funktioniert prima über Hip-Hop, sagt der Pädagoge. Die deutschen Meister im Freestyle haben im Jungbusch-Zentrum ihre ersten Übungen gemacht.
Das ehemalige Hafenviertel Jungbusch, in den Sechzigern und Siebzigern für seine Rotlichtbars und Bordelle bekannt, hat sich wegen seiner günstigen Mieten in den vergangenen zehn Jahren nämlich nicht nur zum Lieblingsviertel von Künstlern und Studenten entwickelt, sondern auch zu einer Art Musik-Mekka. Hier wird in Hinterhofstudios deutsch-türkischer Hip-Hop produziert. Nicht umsonst haben die Pop Akademie Baden-Württemberg und der Musikpark Mannheim hier ihren Sitz.
Die Söhne Mannheims, heißen so, weil sich die Türken, Italiener und Kurpfälzer in der Musikszene eben zuallererst als Mannheimer fühlen.
Der Mannheimer Stil ist eine Mischung aus schwarzer US-Musik und den Themen von Einwandererkindern. Mehr als die Hälfte der Musiker, die ich kenne, sind Ausländer, sagt Michael Herberger. Er ist Mitglied der Band Söhne Mannheims und schreibt gemeinsam mit dem Sänger Xavier Naidoo einen Großteil von dessen Songs. Daß Soul und Hip-Hop hier so stark sind, liegt am Einfluß der amerikanischen GIs, sagt Herberger. Die Söhne Mannheims, erklärt der Musiker, heißen aber so, weil sich die Türken, Italiener und Kurpfälzer in der Musikszene eben zuallererst als Mannheimer fühlen. Es gibt ein sehr starkes Wir-Gefühl.

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Heinz Reinders würde das, was Herberger beschreibt, wahrscheinlich Ko-Kulturation nennen. Der Pädagoge erforscht an der Mannheimer Universität, wie Freundschaften zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen funktionieren. In Tausenden von Interviews mit Mannheimer Schülern hat er herausgefunden, daß die sich nicht über ihre Herkunft definieren, sondern über ihre Clique - und über die gemeinsame Musik, meist eben Soul und Hip-Hop. Die schaffen sich ein eigenes System von Subkulturen, sagt Reinders. Vor allem für die deutschen Jugendlichen ist das gut, meint der Pädagoge. Dadurch lernen sie, mit anderen Kulturen umzugehen, und werden toleranter.
In Mannheim findet er für seine Forschungen zur deutsch-türkischen Freundschaft ein ideales Tätigkeitsfeld, sagt Reinders. Zuerst habe ich das in Berlin-Neukölln beobachtet. Aber es bietet sich hier natürlich auch an. Vor allem, so betont der Wissenschaftler, liegt in Mannheim alles viel dichter zusammen: Das Ausländer- und Szene-Quartier Jungbusch, die Istanbuler Straße und die gutbürgerliche Oststadt sind nur einen Spaziergang voneinander entfernt. Mannheim ist eben weder Großstadt noch Kleinstadt, sagt auch der Musiker Michael Herberger. Weißt Du, wir haben hier eine Band, die ›Groove Guerillas‹. Der Keyboarder ist der Sohn von meinem alten Musiklehrer. Mit dem DJ war ich auf derselben Schule, und die Sängerin stammt aus Südafrika. Das ist typisch für Mannheim: Überall sind Ausländer dabei. Und irgendwen kennt man immer.