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Dubai

Als Praktikantin im Übermorgenland

Von Johann Wagner




19. Juni 2006 
Die 24jährige Psychologiestudentin Lisa Camen-Weller macht ein Praktikum in Dubai, dem glitzernden Emirat am Arabischen Golf. Während der gewöhnliche Besucher die Sonne genießt und die schier endlosen Attraktionen der Stadt entdeckt, sammelt sie erste Eindrücke hinter den Kulissen.

Dubai ist weit weg und doch in aller Munde. Auch in Deutschland vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Fernsehsender über ein neues Megaprojekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) berichtet, ein exaltierter Scheich porträtiert wird oder ein millio-nenschwerer Deal Schlagzeilen macht. Das einzige Sieben-Sterne-Hotel der Welt, die größten künstlich aufgeschütteten Inseln als Ferienparadies, Skifahren bei 46 Grad im Schatten sowie Wachstum, Strände und Sonne ohne Ende - Dubai fasziniert. Bei Lisa Camen-Weller hat sich die Liebe zu Dubai mehr oder minder natürlich weiterentwickelt und einen handfesten Grund: „Mein Freund lebt und arbeitet seit vier Jahren hier“, sagt sie und schiebt ihre Sonnenbrille auf die Stirn. „Mittlerweile lege ich in Deutschland meine Seminare und Vorlesungen in der Uni so, daß ich spätestens am letzten Tag des Semesters abfliege und auch ziemlich pünktlich zu Semesterbeginn erst wieder zurückkehre.“ Abgesehen davon, daß sich wahrscheinlich jeder gerne in warmen Gefilden aufhält, bietet sich Dubai für die 24jährige Psychologiestudentin noch aus einem weiteren Grund an: „Ich habe Mukoviszidose, und warmes Meeresklima hilft mir beim Atmen sehr. Aufgrund der hohen Temperaturen im Sommer muß ich jedoch die Monate von Juni bis September meiden. Diese Hitze ist auch für gesunde Menschen nur schwer erträglich.“

„Hier geht alles, wenn man Beziehungen hat“.


Als Camen-Weller den Entschluß faßte, neben der touristischen Seite von Dubai auch die Arbeitswelt kennenzulernen, war dies zunächst gar nicht so einfach. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind Praktika nicht institutionalisiert, und die Voraussetzungen für die Erteilung eines Arbeitsvisums sind sehr kompliziert. Doch die Münchnerin machte sich ein wesentliches Merkmal der arabischen Geschäftswelt zu eigen und hatte Erfolg: „Hier geht alles, wenn man Beziehungen hat. Nach einer gründlichen Internetrecherche habe ich meinem Freund eine Firma gezeigt, die mit Coaching und Personalberatung genau das macht, was ich später vorhabe. Mein Freund wiederum kannte die Inhaberin, und ein erstes Vorstellungsgespräch war sofort arrangiert.“ Daß das Praktikum wegen der Visa-Formalitäten nicht vergütet wird, stört Camen-Weller nicht. „Auch bei uns werden viele Praktika nicht bezahlt. Ich war darauf vorbereitet und denke, daß die vielen Einblicke und Erfahrungen ohnehin schwer aufzuwiegen sind. Das muß man in Kauf nehmen.“

Dubai ist eine ausgesprochen moderne und liberale Stadt. Im Gegensatz zu anderen Golfstaaten sind Frauen in das Arbeitsleben vollständig integriert. Das Wirtschaftsministerium der VAE wird beispielsweise von einer Frau geleitet, die früher Vorstandsvorsitzende der emiratischen Telekom war. Es gibt auch keine besonderen Vorschriften hinsichtlich der Kleidung. „In Deutschland werde ich oft gefragt, ob ich mich in Dubai denn nicht verschleiern oder eine Abaya, den traditionellen Umhang für Frauen, tragen muß.“ Sie habe hier genau die gleichen Sachen wie zu Hause an, es gebe jedoch Dinge, die sie einfach im Schrank lasse, wie Tops oder Miniröcke. „Sich den allgemeinen Gepflogenheiten des Gastlandes anzupassen halte ich für völlig normal“, findet Camen-Weller.

„Um Arabisch zu lernen, ist Dubai der falsche Ort. So komisch das klingt.“


In einem Land, in dem die Einheimischen mit 20 Prozent die absolute Minderheit ausmachen, treffen beruflich wie privat Menschen aus aller Welt zusammen. „Wir sind in unserem Büro zehn Mitarbeiter aus sieben verschiedenen Ländern. Hier wird jeder quasi nebenbei auch noch zum interkulturellen Kommunikator ausgebildet.“ Die geostrategische Lage Dubais bringt es mit sich, daß in nahezu allen Branchen das internationale Geschäft eindeutig überwiegt. Somit werden die unterschiedlichen Sprachkenntnisse von Mitarbeitern sinnvoll genutzt und schaffen einen wesentlichen Standortvorteil im globalen Wettbewerb. Dennoch versinkt die Stadt nicht in einem babylonischen Sprachgewirr. Englisch ist die dominierende Sprache, obwohl sich die VAE im Zentrum des Mittleren Ostens befinden. Vor zwei Jahren habe sie einen Arabischkurs gemacht, erzählt Camen-Weller, doch leider habe sie seither zu wenig Gelegenheit zum Üben gehabt. „Um Arabisch zu lernen, ist Dubai der falsche Ort. So komisch das klingt.“

Ein so buntes Völkergemisch bringt verständlicherweise auch unterschiedliche Herangehensweisen im Berufsalltag mit sich. Ein Engländer leitet ein Projekt anders als ein Australier. Eine Inderin setzt in einer Präsentation andere Schwerpunkte als eine Französin. Ein Emirati verfolgt eine andere Verkaufsstrategie als ein Libanese. Was allen gemeinsam zu sein scheint, ist ihr Verhältnis zur Zeit, was wiederum als typisch emiratisch gelten kann: Warten bis zum Schluß. Bei allen Projekten, die Camen-Weller bisher verfolgen konnte, warte der Kunde immer bis zum letzten Moment, und dann müsse alles gestern geschehen sein. „Ich würde meine Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Pünktlichkeit nicht unbedingt als rein deutsche Eigenschaften bezeichnen, doch diese Taktik des Wartens und Verzögerns ist für mich immer noch ganz schön gewöhnungsbedürftig“, gibt Camen-Weller zu. Andererseits ist schon im Stadtbild von Dubai schwer zu übersehen, daß man hier Dinge hundertprozentig macht, wenn man sich erst einmal dazu entschieden hat. „Wir arbeiten viel für emiratische Firmen, und wenn sie eine Entscheidung getroffen haben, dann ist es meist ein sehr umfassender Auftrag. Es ist eben eine lokale Eigenheit. Wenn wir glauben, der Emirati verzögert, prüft er meistens noch. So weit habe ich die Mentalität schon durchschaut.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: privat