12. Oktober 2008

Das EU-Stipendium wird sein eigenes Opfer

Die Erasmus-Lüge

Von Ingmar Höhmann



29. Oktober 2007 Europas Hochschulen schicken ihre Studenten quer durch die ganze Union. Das Ziel: junge Menschen fit machen für den europäischen Arbeitsmarkt. Doch mit den Sitten und Gebräuchen des Gastlandes kommen Erasmus-Studenten kaum noch in Berührung. Vor allem in den großen UniStädten bleiben sie eher unter sich und bauen ihre ganz eigene Parallelkultur auf.

Köln. Marie ist eine Karrierefrau. Im vergangenen Wintersemester bestand sie alle Prüfungen an ihrer deutschen Heimatuniversität. Offiziell hat sie in dieser Zeit zwar gleichzeitig sechs Monate an der Universität von Barcelona studiert und ihre Spanischkenntnisse von radebrechend auf sehr gut aufpoliert. Doch während auf ihrem Lebenslauf ein Erasmus-Semester prangt, war sie nur zweimal für ein paar Tage in Spanien: zur Immatrikulation und um die Anwesenheitsbescheinigung abzuholen. Nun kann sie ein Erasmus-Zertifikat, 480 Euro Stipendium und einen blitzblanken Lebenslauf vorweisen. Nachgeprüft hat das niemand. „So bin ich bei meinem Freund geblieben und kann ein Auslandssemester nachweisen“, freut sich die 21-Jährige heute.

Geschichten wie die von Marie hört in Europa niemand gerne. Denn das Hochschulprogramm Erasmus ist Europas Vorzeigeprojekt und eines der wenigen, das sich quer durch alle Mitgliedsstaaten vorbehaltloser Unterstützung erfreut. In diesem Jahr feiert die Europäische Union das 20-jährige Bestehen ihres Lieblingsprogramms. Bildungspolitiker und EU-Befürworter sonnen sich in einem ganzen Feuerwerk von Festveranstaltungen in dessen Erfolg. „Das Erasmus-Programm ist ein wunderbares Beispiel dafür, was koordinierte europäische Aktionen im Bildungsbereich bewirken können“, lobt Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan freut sich: „Hier wächst eine ›Generation Erasmus‹ heran, die fit ist für den globalen Wettbewerb und die ich als zukunftsweisend für die europäische Wissensgesellschaft betrachte.“

Auf den ersten Blick ist die Feierstimmung gerechtfertigt: Denn Jahr für Jahr eilen die Teilnehmerzahlen von Rekord zu Rekord. Fast 25.000 deutsche Studenten zieht es mittlerweile jährlich für einen Studienaufenthalt per EU-Stipendium ins Ausland. Für viele soll es die Initialzündung für die Karriere werden: International und mobil, kulturell aufgeschlossen und fremdsprachenversiert kehren sie zurück und haben bei den Personalchefs leichtes Spiel.

So weit die Theorie. Denn während Politik und Wirtschaft ihre neuen schönen Europastudenten feiern, fällt das Vorzeigestipendium nach und nach seinem eigenen Erfolg zum Opfer. Mittlerweile gibt es so viele Erasmus-Studenten, dass in den großen EU-Städten die Teilnehmer in eine ganz eigene Welt eintauchen, die mit der Kultur des Gastlandes herzlich wenig zu tun hat. Immer weniger Stipendiaten finden in Barcelona, Paris oder Rom überhaupt noch Anschluss an die Einheimischen. Erasmus - das ist vielerorts zum Namen für eine Parallelkultur geworden, die ihren ganz eigenen Regeln folgt.

Die Betreuer an den Hochschulen lesen in den Erfahrungsberichten der Wiederkehrer immer wieder die gleichen Geschichten. „Es ist bekannt, dass an vielen großen Massenuniversitäten die Erasmus-Studenten meistens eher unter sich bleiben. Dort sprechen sie oft nur Englisch“, sagt Susanne Maraizu, Erasmus-Hochschulkoordinatorin an der Universität Bonn. Auch Gretlies Haungs, Leiterin des Akademischen Auslandsamtes der Universität Trier, weiß um das Problem. „Inzwischen gewinnt diese Erasmus-Kultur auch in kleineren Städten eine gewisse Eigendynamik. Überall gibt es Cliquen von Studenten, die das ganze Jahr zusammenhängen und die gleiche Sprache sprechen.“

So lernen die deutschen Studenten zwar neben ihren Landsleuten auch die Erasmus-Ausflügler aus anderen Staaten kennen - nur aus dem Gastland ist meistens niemand dabei. Sprachprobleme, fehlende Vorbereitung und mangelnde Kontrolle machen es leichter, in die offene und feierfreudige Erasmus-Kultur einzutauchen, als sich über langwierige Anbiederungsversuche einheimische Freunde zu verschaffen. Viele lernen so neben einem Grundwortschatz in der Landessprache höchstens ein paar Brocken Englisch dazu.

„Deutschen aus dem Weg zu gehen war extrem schwierig“, berichtet beispielsweise die Trierer Medienwissenschaftlerin Britta Schorr, die im englischen Colchester studiert hat. Über Einführungsveranstaltungen sei sie zwangsläufig in die Erasmus-Gemeinschaft gerutscht. Auch Politikstudentin Judith Rachel hat während ihres zehnmonatigen Aufenthaltes in Istanbul die meiste Zeit Englisch gesprochen - und natürlich Deutsch. „Ich hatte schließlich das Gefühl, es wimmelt nur so von Deutschen. Mein Türkisch hat eigentlich nur für den Einkauf gereicht“, sagt die 24-Jährige.

Eines haben die Erasmus-Studenten allerdings gemeinsam: Missen möchte die Erfahrung niemand. Und kaum jemand gibt zu, nicht kulturell offener geworden zu sein oder nicht seine Fremdsprachenkenntnisse verbessert zu haben. Ulrich Teichler, Professor für Berufs- und Hochschulforschung an der Universität Kassel, betont regelmäßig die Erfolge des Programms. „Wer ein Auslandssemester gemacht hat, sieht die Realität durch eine andere Brille“, sagt Teichler. Befragungen haben ergeben, dass sich die Erasmus-Rückkehrer selbst so gut wie immer ein höheres akademisches Wissen, bessere Fremdsprachenkenntnisse und eine bessere Arbeitseinstellung attestieren.

Zu einer ganz anderen Einschätzung kommt hingegen eine aktuelle Studie des Bildungsforschers und Berner Universitätsprofessors Stefan Wolter. Er kennt die Kasseler Lehrmeinung - und hält nicht viel davon. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich nie jemand die Mühe gemacht, die Auswirkungen des Auslandsstudiums mit „harten Facts“ zu untersuchen, sagt Wolter. „Alle diese Untersuchungen beruhen auf Selbsteinschätzungen. Wenn sie jemanden nach einem Auslandssemester fragen, ob es ihm etwas gebracht habe, wird er ihnen nie sagen, dass er nur auf der faulen Haut gelegen habe - alleine schon, um vor sich selbst geradezustehen.“ Während Bildungspolitiker nur allzu gern auf die Ergebnisse aus Kassel verweisen, hinterfragt kaum jemand deren Aussagekraft. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich Europa nur noch über Erasmus definiert. Auslandsaufenthalte sind politisch zu einem derartigen Muss aufstilisiert worden, dass es niemand wagt, etwas dagegen zu sagen“, sagt Wolter.

Vor allem die Wirtschaft fordert Internationalität im Studium. Der Tenor ist eindeutig: Studenten brauchen internationale Erfahrung, damit sie für die Arbeitswelt taugen. Ohne Auslandssemester habe kaum noch jemand Chancen auf einen Top-Job in der Wirtschaft, sagt Sörge Drosten, Geschäftsführer bei der Personalberatung Kienbaum. „Für die allermeisten Studenten ist es definitiv notwendig, ein Praktikum oder ein Semester im Ausland zu verbringen. Für Betriebswirte gehört ein Auslandsaufenthalt heute einfach dazu, um sich von der Masse abzuheben“, sagt Drosten. Diese Sichtweise kennt auch die EU - und setzt voll auf die Karrierekarte. Erasmus sei ein „Schlüsselfaktor bei der Arbeitsplatzsuche“, wirbt die Union auf ihrer Internetseite. Und: „Heutige Arbeitgeber betrachten einen Studienaufenthalt im Ausland als wertvolle Erfahrung.“

Die Folge: Damit McKinsey und Co. den perfekten Lebenslauf vorfinden, schieben die Studenten kurz vor Ende des Studiums noch ein Erasmus-Semester ein - und verlängern so ihre Studienzeit. Untersuchungen haben ergeben, dass deutsche Studenten im Gegensatz zu Erasmus-Stipendiaten aus anderen Ländern im Ausland dort weit weniger Prüfungen ablegen. „Ich kenne Beispiele, bei denen Studenten ihr Studium eigentlich abgeschlossen haben und trotzdem über Erasmus ins Ausland gehen. Da frage ich mich, was sie dort machen. Studieren können sie ja offensichtlich nicht mehr“, sagt Bildungsexperte Wolter. Das sei fast so, als ob die EU mit dem Stipendium ein Feriensemester bezahle. Mit dem eigentlichen Erasmus-Ziel, das akademische System eines anderen EU-Landes kennenzulernen und dort zu studieren, hat dies wenig zu tun.

„In Deutschland gibt es Schablonen für den Lebenslauf. Absolventen müssen auf jeden Fall einen Auslandsaufenthalt absolviert haben. Das Wie und Wo ist da erst einmal zweitrangig.“

Bei den Arbeitgebern stoßen solche Aussagen auf taube Ohren. Die Unternehmen halten an ihrer lieb- gewonnenen Einstellungspraxis fest, die wie in keinem anderen EU-Land auf starren Kriterien beruht. Experten sehen darin ein typisch deutsches Phänomen. „In Deutschland gibt es Schablonen für den Lebenslauf. Absolventen müssen auf jeden Fall einen Auslandsaufenthalt absolviert und ein Fach wie Betriebswirtschaftslehre oder Jura studiert haben. Das Wie und Wo ist da erst einmal zweitrangig“, sagt Autor Holger Friedrich, der in seinem Buch „Die Herausforderung Zukunft“ das Dilemma der jungen Generation beschreibt.

Als Folge davon richten die Studenten immer häufiger ihr Studium nach den Vorstellungen der Arbeitgeber aus. Um die Anforderungen zu erfüllen, geht die Wahrheit im Lebenslauf schnell verloren. „Das führt dann dazu, dass eine Italienreise schnell zu einem Studientrip aufgeblasen wird“, sagt Friedrich. Gerade bei Sprachkenntnissen gebe es viel Spielraum. Schnell werden einige Brocken in einer anderen Sprache zu „guten bis sehr guten Sprachkenntnissen“ umgedeutet. „Ich bin schockiert, wie viele Leute sagen, dass sie sehr gut Englisch könnten, und dann nicht in der Lage sind, einen Brief zu schreiben“, sagt Friedrich.

Dabei ist es sogar zweifelhaft, ob sich ein Auslandsaufenthalt überhaupt auf den beruflichen Erfolg auswirkt. Die Forscher aus Bern haben Überraschendes herausgefunden: Hochschulabsolventen, die während des Studiums ins Ausland gehen, verdienen nur geringfügig mehr als die Graduierten ohne internationale Erfahrung. Und selbst dieser Unterschied sei nicht auf den Auslandsfaktor zurückzuführen, sondern habe ganz andere Gründe, erklären die Wissenschaftler. Denn in der Regel können es sich nur die finanziell besser dastehenden Studenten leisten, für eine Zeit ihr Studium zu unterbrechen - und die haben im Schnitt auch die besseren Noten und damit bessere Arbeitsmarktchancen. Einen Zusammenhang zwischen Auslandsaufenthalt im Studium und Einstiegsgehalt, so die Studie, lasse sich nicht beweisen.

Marie, die eigentlich Deutschland noch nie für lange Zeit verlassen hat, will sich trotzdem mit ihrem aufgepeppten Lebenslauf bei einer Investmentbank oder einer Unternehmensberatung um ein Praktikum bewerben. Zwar verfügt sie nach den Kurzvisiten in Barcelona weiterhin nur über mittelmäßige Spanischkenntnisse aus ihrer Schulzeit. Doch: „Die großen Firmen nehmen ohne Auslandserfahrung niemanden mehr“, ist sie sich sicher. Ihren richtigen Namen will Marie natürlich nicht in der Zeitung sehen. „Den könnte ja jemand googeln“, sagt sie - und den Karriereturbo Erasmus zum Fehlzünder machen. Studierende wie Marie wird es in Zukunft wohl noch mehr geben: Die EU-Kommission will die Anzahl der Erasmus-Studenten in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Das sind gute Nachrichten für Deutschlands Arbeitsmarkt: Denn zumindest die Lebensläufe der Bewerber werden dann noch einmal eine ganze Note besser aussehen.

Erasmus-Fans

Deutsche Hochschulen, die mehr als 500 Erasmus-Studenten im Hochschuljahr 2004/2005 ins Ausland gesendet haben:
Humboldt-Universität Berlin: 692
Freie Universität Berlin: 600
Universität Leipzig: 575
Universität Freiburg: 553
Universität Mainz: 537
Universität Göttingen: 506
Universität Münster: 500

Quelle: DAAD

Schwindender Vorteil

Nicht einmal jeder sechste Erasmus-Student glaubt noch an einen positiven Effekt auf sein Einkommen.
1995: 25 Prozent
2000: 22 Prozent
2005: 16 Prozent

Quelle: Universität Kassel

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007
 
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