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Die „iPodisierung“ schreitet voran

Von Thomas Röbke




02. April 2007 
Sogenannte Podcasts machen es möglich, die Vorlesungen des Professors nicht nur im Hörsaal, sondern überall auf Abruf per Computer oder MP3-Spieler zu verfolgen. Die Studenten finden es toll. So mancher Hochschullehrer fürchtet hingegen um sein Publikum. Ist die Uni der Zukunft virtuell?

Die „Peperoni-Strategie für Frauen“ erfreut sich großer Beliebtheit. Der Vortrag von Jens Weidner, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (Untertitel: „Wie Sie Männern Feuer unterm Hintern machen“) hat von den mehr als 50 Angeboten unter http://www.podcampus.de de mit die höchsten Zugriffszahlen. Auf dieser Internetplattform bieten die Hamburger Hochschulen seit ein paar Wochen Vorlesungen und Veranstaltungen als Audio- und Videodateien an, sogenannte Podcasts. Jeder kann sie kostenlos herunterladen und auf seinem Computer oder einem mobilen MP3-Spieler anschauen und anhören. Das geschieht durchschnittlich fünfhundertmal am Tag - zugegriffen wird sogar aus Australien, Japan, Thailand und Malaysia.

Die gemeinsame Plattform für wissenschaftliche Inhalte ist landesweit bisher einmalig und deshalb ein wichtiger Schritt bei der „iPodisierung“ der deutschen Hochschulen. Denn was in den USA vor ein paar Jahren seinen Anfang nahm, findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Auch wenn die Zahl der Podcasts im Vergleich zu den „realen“ Vorlesungen noch verschwindend gering ist - die Neugier und Experimentierfreude ist an vielen Instituten geweckt. Allerdings ist das Vorgehen bisher relativ unstrukturiert. Einige Podcasts sind - aus urheberrechtlichen Gründen, wenn beispielsweise Lehrmaterial von Dritten verwendet wird - nur uni-intern zugänglich. Andere sind über die Webseiten der Institute oder Professoren erreichbar, wieder andere über Apples iTunes-Store abrufbar.

In Deutschland ist das „Zentrum zur Unterstützung virtueller Lehre“ der Universität Osnabrück (Virtuos) einer der Vorreiter. Es erforscht seit zwei Jahren zusammen mit der FH, wie sich mit Audio- und Videodateien die Lehre verbessern lässt. Virtuos-Leiter Andreas Knaden hat festgestellt, dass der Podcast-Einsatz schon jetzt „für viele Studenten ein wichtiges Entscheidungskriterium für den Standort Osnabrück ist“. Podcasts sind praktisch, helfen bei der Nachbereitung. „Eine Vorlesung können sie aber nur im Notfall ersetzen“, ist Knaden überzeugt. „Der Sozialkontext spielt eine wichtige Rolle, das Live-Erlebnis und die Möglichkeit, nachfragen zu können.“ Alles sei über Podcasts nicht machbar: „So bekommen Sie keine gut ausgebildeten Leute. Das Studium soll ja befähigen, neue Problemlösungen anzugehen.“ Knadens Team hat das Aufzeichnen von Vorlesungen und Umwandeln in podcast-fähiges Material automatisiert, so dass der Personalaufwand gering gehalten wird. Trotzdem muss, wer Podcasts anbieten will, natürlich in Kameras, Tonanlagen und Rechnerkapazitäten investieren.

Aber liegt im Sammeln der Vorlesungen auf dem Rechner nicht die Versuchung, sich den Weg zur Uni zu sparen? „Versuchung klingt so negativ“, findet Marcell Dietz (24), der den Algorithmen-Podcast von Professor Oliver Vornberger abonniert hat. Er sieht sich die Veranstaltungen oft lieber als Live-Stream an, auch wenn die Technik gelegentlich nicht funktioniert. „Vor allem im ersten Semester geht es im Hörsaal oft unruhig zu, da bringt es sowieso nichts, dort zu sitzen. Außerdem habe ich vorher zwei Stunden frei, da kann ich auch gut nach Hause gehen.“ Er freut sich über die größere Flexibilität, die die Technik schafft: „Wenn ich feststelle, ich hänge in Mathe hinterher, dann kann ich Informatik auch aufs Wochenende schieben.“

Die Informatiker an der Uni Freiburg haben ihre Aufzeichnungen schon ins Netz gestellt, als es noch keine iPods gab (anzuschauen über einen Webbrowser), oder verteilten sie auf CD-ROM. Mehr als 2.000 Stunden Vorlesungen sind mittlerweile zusammengekommen, das gesamte Curriculum. „Die Podcasts sind jetzt nur eine Variante, die wir zusätzlich anbieten“, sagt Professor Thomas Ottmann. Natürlich seien die Hörsäle seit Beginn der Aufzeichnungen leerer geworden, jedoch immer noch so ausreichend gefüllt, dass die Dozenten ein gewisses Feedback bekommen.

„Viele Profs haben Angst, dass keiner mehr in die Vorlesung kommt.“

Ottmann hat verschiedene Studententypen ausgemacht: „Die einen kommen immer, die wollen das Live-Erlebnis. Andere kommen aus Bequemlichkeit nie, und wieder andere können gar nicht kommen, weil sie Stundenplanüberschneidungen haben. Für die bedeutet das einfach eine größtmögliche Flexibilität.“ Durch Angebote wie Übungen und Tutorien bleibe das Studieren ein sozialer Vorgang. Die Studierenden möchten auf das Angebot jedenfalls nicht mehr verzichten: „Wenn ein Kollege das mal nicht anbietet, machen sie ihm Druck“, weiß Ottmann.

Momentan läuft in Freiburg eine kleine Evaluation, wie die Studenten die Podcasts nutzen. Die meisten scheinen sie am liebsten am Computer auf dem Schreibtisch anzuschauen - so sind Aufzeichnungen griffbereit, sie können notieren und nachschlagen. Es gibt aber auch einige, die die Podcasts intensiv in der Straßenbahn nutzen, weil sie hier Zeit haben, sich mit dem Stoff zu beschäftigen.

Andere Institute nutzen Podcasts ausschließlich für Zusatzangebote. Die wirken dann wie kleine, flott gemachte Radiomagazine. Laura Dierking (27), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Münster, betreut gleich zwei davon. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über Rechtsfragen im Podcasting: „Dabei kam die Idee auf, selber mal so etwas zu machen.“ Im „jCast“ führt sie alle zwei Wochen ein Gespräch zu medienrechtlichen Themen und erzielt damit bis zu 1.000 Downloads. Seit Beginn des Wintersemesters erstellt sie außerdem wöchentlich den Podcast Informationsrecht. Professor Thomas Hoeren spricht nach jeder Vorlesung eine Art „Best of“ seines Vortrags für den Podcast ein. Vier Stunden später ist das halbstündige Magazin online und kann am Rechner geschaut oder auf CD gebrannt werden: „Die meisten hören es sich später auf dem Handy an“, weiß Dierking. Sie kennt die Vorbehalte der Lehrkräfte aus erster Hand: „Viele Profs haben Angst, dass keiner mehr in die Vorlesung kommt.“ Außerdem: „In einer Vorlesung machen sie schon mal den einen oder anderen lockeren Spruch. Diese Spontaneität geht verloren, wenn der Prof fürchten muss, dass jedes Wort von ihm aufgezeichnet und gespeichert wird.“

Es geht aber auch völlig anders: „Ich habe meine Lehre radikal geändert. Ich hatte keine Lust, immer wieder das Gleiche zu erzählen. Das halte ich für eine Ressourcenverschwendung“, sagt Professor Karsten Morisse von der FH Osnabrück. Im vergangenen Semester hatte er seine Vorlesung „Audio- und Videotechnik“ noch eins zu eins ins Internet gestellt. Die Zuhörerzahl vor Ort sank daraufhin von 30 auf 8; „erst bei der letzten Veranstaltung hatte ich wieder ein volles Haus“. Mit diesem Wintersemester hat er einen neuen Weg gewählt: „Ich habe das Material neu zusammengeschnitten, thematisch gebündelt.“ So sind mittlerweile 35 Folgen von 7 bis 40 Minuten Länge entstanden.

Morisse vergibt jetzt Coaching-Termine, zu denen jeder Student kommen und Fragen stellen kann. Um das Wissen anzuwenden, haben die Studenten außerdem ein DVD-Projekt als Semesterarbeit zu erfüllen. Martin Welling, 25, findet das ideal. Er studiert im siebten Semester und schaut sich Morisses Podcasts am heimischen Computer an: „Das ist eine komprimierte halbe Stunde, dazu hat man noch die Folien. Man muss halt den inneren Schweinehund überwinden und sich wirklich hinsetzen.“ Bequemer als auf dem harten Uni-Gestühl ist es allemal: „Ich kann mir das auf den Fernseher legen und vom Sofa aus anschauen.“ Allerdings gibt er zu: „Wenn der Termin zur Fragestunde ansteht, kann es auch schon mal vorkommen, dass man am Abend vorher zwei, drei Folgen am Stück guckt.“ Durch die Fragestunden auf dem ehemaligen Vorlesungstermin und die Projektarbeit gibt es genug Kontakt mit den Kommilitonen - wahrscheinlich sogar mehr als vorher.

Angesichts so vieler positiver Erfahrungen scheint sicher: Der Student der Zukunft hat einen Knopf im Ohr - die Kopfhörer seines MP3-Spielers. Nicht um Musik zu hören, sondern um zu lernen. Zumindest meistens. Denn wer Oliver Vornbergers Algorithmen-Vorlesungen bei iTunes aufruft, erfährt, dass „Hörer auch Folgendes abonniert haben: ›7 Zwerge - der Wald ist nicht genug‹“. Aber Otto ist ja auch gut.

Infos im Internet

- http://www.podcampus.de : Plattform für Vorlesungen und Veranstaltungen aus den Hamburger Hochschulen

- http://www.itunes.de : Wissenschaftliche Podcasts sind unter Suchwörtern zu finden wie Uni, Hochschule, Fachhochschule, Institut, Campus, TU. Auch die Podcasts der Fraunhofer-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren sind hier aufgeführt. - http://www.itunesu.com : Die Plattform iTunes U betreibt Apple mit sechs US-Hochschulen und der Queen's University im kanadischen Kingston.

- http://www.uni-koblenz.de/ ~dkauwaer/blogline: Linksammlung

- http://www.der-podcaster.net : Informationen für Macher

- http://www.virtuos.uni-osnabrueck.de : Zentrum für Informationsmanagement und virtuelle Lehre

Was ist ein Podcast?

Ein Podcast ist eine Audio- oder Videodatei, die über das Internet produziert und vertrieben wird. Der Begriff setzt sich zusammen aus „iPod“ (dem populärsten MP3-Spieler) und „Broadcasting“ (engl. für Rundfunk).

Podcast im Ausland

In den USA setzen einige Universitäten bereits seit vier Jahren MP3-Spieler wie den iPod ein, um den Stoff zu vertiefen. Vorreiter war die Uni Stanford. Sie betreibt ein eigenes Internetportal, über das Vorlesungen als Audiodatei abonniert werden können. Die Georgia College & State University (GCSU) in Milledgeville hat sich gar zur ersten „iPod-Universität“ ausgerufen, stellt 400 Leihgeräte zur Verfügung. Sie legt Wert darauf, dass ausschließlich Zusatzmaterial angeboten wird, und besteht auf Anwesenheit im Hörsaal. In einer „iColony“ sollen sich darüber hinaus Studenten elektronisch vernetzen.

Auch in Großbritannien verteilen einige Universitäten iPods; das South Kent College in Dover kaufte gerade Geräte für 35.000 Euro ein. Sie werden allerdings nur an Studenten ausgegeben, die in Anwesenheit und Pflichterfüllung eine weiße Weste haben.

In der Schweiz gibt es ebenfalls schon etliche Uni-Podcasts (St. Gallen, Zürich, Bern). Peter Frey von der Medizinischen Fakultät der Uni Bern: „Viele Filme wurden bereits über 1.600 Mal heruntergeladen, obwohl pro Jahr nur 150 Medizinstudierende eingeschrieben sind. Wir bekommen viele Dank-Mails aus Deutschland.“ Die iPodisierung der Hochschulen ruft indes auch Kritiker auf den Plan: Lernen findet durch Interaktion, Diskussion, kritisches Fragen und Meinungsaustausch statt, sagt Donna Qualters, Leiterin des Zentrums für effektives Lehren an der Northeastern University in Boston. „Das lässt sich nicht auf einen iPod übertragen. Man muss schon anwesend sein, um Lernen zu erleben.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 89, 2007
Bildmaterial: Dana Zimmerling