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| Bar du Nord |
10. Dezember 2007
Hamburgs Nachtleben ist eine unvergleichliche Mischung aus Seemannsromantik, Künstlerkolonie und Cocktailbar. Echte wie Wahlhamburger wechseln cool und souverän die Fronten.
In der Barbara Bar ist Hamburg zu Hause. Das rot ausgeleuchtete Lokal auf dem Hamburger Berg nahe der Reeperbahn gibt sich als ehemalige Kiez-Kneipe. Von damals sind wahrscheinlich die steinalten, gelackten Mustertapeten übriggeblieben und die rustikalen Eckkneipen-Barhocker mit Lehne. Auch die Disko-Kugel könnte noch von früher stammen, als sich hier Huren von unternehmungslustigen Messebesuchern aushalten ließen.
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| Omas Apotheke |
Doch die ausgesessenen, fadenscheinigen Sperrmüllsofas sind definitiv Neuanschaffungen. Genauso wie die Blumenlichterketten und das DJ-Pult, das hinter einer Pressspanwand mit künstlichem Tigerfell aufgestellt ist und aus dem feine Elektroklänge perlen. Unter der rosafarbenen Trockenhaube, die als optischer Gag am Schwenkarm in den Raum ragt, stehen derweil nicht nur Jungs mit Wollmütze und Mädchen mit silbernen 80er-Jahre-Turnschuhen. Sondern ganz selbstverständlich auch ein paar After-Work-Anzugträger. Alle mit Astra-Knolle in der Hand. So heißt die typisch norddeutsche, bauchige Bierflasche der Hausmarke von St. Pauli.
Selbst wenn viele Hamburger von sich sagen, dass sie wegen der vielen Touristen und Junggesellenabschiede nicht mehr auf den Kiez gehen - der Geist seiner rotlichtigen Bars und Clubs zeigt sich überall. Im Nachtleben der Hafenstadt regiert eine unvergleichliche Mischung aus Astra, Bionade und gepflegten Cocktails. Ein bisschen Hafenstadt, ein bisschen Kreativen-Metropole und immer auch die reiche Bürgerstadt - ständig mischen sich die Milieus.
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| Barbara Bar |
Zum Beispiel können sich alle auf die Strandperle einigen. Unterhalb der Elbchaussee zwischen Oevelgönne und Blankenese erstreckt sich an der Elbe ein breiter Sandstrand. Auf dem sitzen im Sommer die Hamburger, grillen und bestaunen den Sonnenuntergang über den gewaltigen Hafenkränen auf dem anderen Ufer, die Ozeanriesen und Containerschiffe. Die Strandperle ist nicht viel mehr als eine Bude am Elbstrand, mit ein paar Tischen, auf denen rote Petroleumlampen stehen. Die meisten Besucher holen sich Pommes, Bockwurst, Fischfrikadelle und Chili auf die Faust und nehmen Longdrinks und Flaschenbier mit an den Strand. Von März bis Oktober dauert die Herrlichkeit, und der erste Frühlingsabend in der Strandperle läutet für viele Hanseaten die Saison ein.
Natürlich gibt es in den Vierteln Spezialitäten für den besonderen Geschmack. In Winterhude, wo sich zwischen unzähligen kleinen Wasserläufen und Kanälen schneeweiße Gründerzeit-Bürgerhäuser aneinanderreihen, heißen Kneipen Bar du Nord und kommen als Zweitwohnzimmer für besserverdienende Anwohner daher. Erleuchtet von Kerzen prangen hier in der Dorotheenstraße im Souterrain braunstichige Fotodrucke an den Wänden, schimmern Spiegel über die ledergepolsterten Sitzbänke und Hocker und plätschert smarter House-Jazz aus den versteckten Boxen. Allerdings lässt sich die Bar du Nord auch als Startrampe in den Abend benutzen: Zur Happy Hour von 18 bis 21 Uhr gibt es alle Cocktails für 5 Euro.
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| China Lounge |
Eine stadtbekannte After-Work-Party steigt jeden Donnerstag im Café Schöne Aussichten am Stadtpark Planten un Blomen zwischen Hamburger Messe und S-Bahnhof Dammtor. Auf Holzplanken und unter Zeltplanen tanzen die Anzugträger. Die Schlipse verschwinden in der Jackett-Tasche, die Hemdkragen gehen bis zur Brust auf. Aber um ein Uhr ist Zapfenstreich.
Da geht es auf der Schanze weitaus lockerer zu. Das Dreieck um die Straßen Schulterblatt, Schanzenstraße und Sternschanze ist eigentlich kein eigenes Viertel, sondern gehört teilweise zu St. Pauli und Rotherbaum - und ist der Lieblingsspielplatz von Hamburgs Kreativen. Hier treffen Mädchen mit Stiefeln und Bierflasche in der Hand Jungs mit John-Lennon-Pony und Cordhose. Früher ein heruntergekommenes Altbauviertel, platzt die Schanze heute vor Szene-Bars, Restaurants und Designer-Läden. Wenn die alte Reeperbahn, auf die alle so stolz sind, die Seele des Hamburger Nachtlebens ist, dann schlägt sein Herz an der Kreuzung Schulterblatt und Susannenstraße, gegenüber der buntbemalten Roten Flora, einem ehemaligen Varieté-Theater, in dem die letzten Hausbesetzer der Stadt ausharren.
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| Café Schöne Aussichten |
Eine der Lieblingsanlaufstellen ist Omas Apotheke, in der die Nachtschwärmer vor einem dunkelbraunen, alten Apothekenschrank mit echten Tiegeln sitzen. Hier gibt es Kölsch und Zwiebelsuppe, amerikanische Diner-Küche und dazu Yogi-Tee. Weiter hinten auf dem Schulterblatt liegt der Saal II, der aussieht wie eine ausgediente Metzgerei, die zuletzt in den 40er Jahren renoviert wurde. Die meterhohen Wände sind mit leicht abgeschlagenen Kacheln verkleidet, von der Decke hängen psychedelische Lüster. Das DJ-Pult ist halbhoch in das Treppenhaus über der Bar eingebaut. An der Theke, in der Bionade und Bonbongläser stehen, hocken Koteletten mit Hornbrille und Trainingsjacke, das alte Schaufenster ziert ein naiv gemalter Hund mit Hut. Wer es schnieker mag, marschiert ein paar Straßen weiter. Ja, Richtung Reeperbahn. Denn zwischen Laufhäusern, Bordellen und Striptease-Schuppen haben in den vergangenen Jahren einige noble Clubs Platz gefunden. Männliche Nachtschwärmer müssen es zwar zuerst an Prostituierten und professionellen Aufreißern vorbei schaffen, die vor den verbliebenen Original-Rotlicht-Läden Spalier stehen. Dafür finden sie dann etwa die China Lounge, praktisch an der Ecke Große Freiheit und Reeperbahn gelegen.
Das ehemalige China-Restaurant wurde 2004 vom Musiksender MTV zum besten Club Europas gekürt. Angeblich gehen hier Fußballstars, Models und Schauspieler ein und aus. Der Laden ist eine Schau: Auf mehreren Ebenen erstrecken sich weiße Sitzwürfel neben Kieselbrunnen, Schwarz-Weiß-Videos flackern über Großleinwände. Die Ecken sind mit geschnitzten, goldenen Holzdrachen vom Vorbesitzer verkleidet, ein gewaltiger Buddha lacht den Catwalk an, auf dem die Mädchen tanzen, damit alle sie sehen können. Der Lounge-Bereich im Obergeschoss wartet mit noch sanfteren Ruhekissen und Lunger-Matratzen auf dem Boden auf. Man wird den Verdacht nicht los, dass in diesem bunt gekachelten Treppenhaus früher ebenfalls die Huren gelaufen sind.
Ein bisschen Hafenstadt ist Hamburg eben überall. Und besonders im Silbersack, wo die Hiesigen sich einen stilechten Absacker genehmigen. Unter Neonlicht und Hafen-Gemälden sitzen die Gäste hier an lauter Stammtischen zusammen - zum Teil komplett mit Wimpel. Sie trinken Schnaps zum Astra-Pils, singen gerne alte Lieder. Und fühlen sich ganz wie zu Hause.