22. Juni 2009
MBA sollen Mitarbeiter zu Top-Managern ausbilden. Doch seit die Vorstandselite im Kreuzfeuer steht, geraten auch die Managementschulen in die Kritik, weil sie ihre Schützlinge zu stromlinienförmig ausgebildet hätten. Ganz neu sind solche Einwände allerdings nicht.
Die Dekanin der Business School Lausanne (BSL) hat eine klare Meinung zu den Ursachen der aktuellen Wirtschaftslage: Es gibt zwei Hauptgründe für die aktuelle Krise, sagt Katrin Muff. Erstens sind wir alle einem ausgeprägten Wachstumsdrang erlegen. Zweitens fehlte eine dazu notwendige Unternehmenskontrolle, um Risiken realistisch zu bewerten. Künftig will Muff ihre Studenten besser vorbereiten, gerade mit Blick auf die Finanzbranche: Wir müssen lernen, nicht mehr nur auf Zahlen zu schauen, sondern das Geschäftsmodell dahinter zu verstehen. Profit ist gut. Aber dauerhaft ist er nur, wenn er auch mit einem gestiegenen Kundennutzen einhergeht, sagt die Wissenschaftlerin.
Die erste Adresse, um sich in Sachen Finanzmanagement auf den neuesten Stand zu bringen, sind immer noch die renommierten Business Schools: Doch deren Abschlüsse, vor allem der Master of Business Administration (MBA), sind im Rahmen der aktuellen Wirtschaftskrise selbst unter Beschuss geraten. Schließlich gehören vor allem im angelsächsischen Raum Investmentbanken zu den Großkunden der Schulen. Und viele der jetzt gescholtenen Top-Banker sind Zöglinge der renommiertesten MBA-Schulen wie Harvard, Columbia Business School oder Chicago Graduate School of Business. Kritiker lasten den MBA-Kaderschmieden eine Mitschuld an der jetzigen Wirtschaftslage an: Niemand kann sagen, die aktuelle Krise sei nicht vorhersehbar gewesen, sagt etwa Birger Priddat, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Ökonomie an der Privatuni Witten Herdecke (UWH). Es gab genügend Warner, vor allem unter den Volkswirten. Birger kennt sich in der Hochschullandschaft aus, war bis Ende vergangenen Jahres selbst Präsident der UWH. Für ihn sind MBA bislang zu wenig auf reflektierendes und kritisches Denken ausgelegt: Dort wird häufig mit bestimmten Modellen gearbeitet. Aber es wird viel zu wenig darüber gesprochen, unter welchen Bedingungen diese überhaupt funktionieren. Stattdessen herrschte vor allem an den Banking-Schools lange Zeit die Devise: Wir beherrschen jedes Risiko.
Ganz neu ist die Kritik an den Manager-Abschlüssen nicht. Vor allem im MBA-Mutterland USA ist seit Jahren eine Diskussion um den richtigen Aufbau des Managerstudiums im Gange. Henry Mintzberg, Managementpapst und Organisationsforscher an der Uni McGill im kanadischen Montreal, wirft den Schulen vor, ungeeignetes Führungspersonal auszusuchen und obendrein unzureichend auszubilden. Dabei geht es unter anderem um den Nutzen der Fallstudien, die Manager in den Studiengängen haufenweise durcharbeiten. Die wurden zuletzt immer konstruierter, um möglichst viele Problemstellungen abzudecken. Stattdessen sollen die Studenten jetzt wieder verstärkt ihre eigenen, echten Praxisfälle einbringen. Die Fallstudien sind immer wieder kritisiert worden, weil sie nicht die Realität abbilden würden, sagt Katty Ooms-Suter, Marketing-Direktorin beim renommierten MBA-Anbieter IMD in Lausanne. Das stimmt zwar, aber dennoch sind sie ein guter erster Anhaltspunkt, um etwas über die Unternehmenspraxis zu lernen. Daneben müssen sich die Studenten regelmäßig in kleinen Projekten als Unternehmer beweisen. Und bekommen obendrein Feedback zu ihrem Führungsverhalten.
Die WHU in Vallendar mag sich nicht allein auf die Praxis verlassen: Wir setzen auf einen Ausgleich zwischen theoretischen Kernfaktoren und einem umfangreichen Praxisanteil, formuliert Jürgen Weigand, akademischer Leiter und Mitbegründer des dortigen MBA-Programms. Nur mit dieser Kombination können sich unsere Studenten zu General Managern entwickeln. Um deren Fähigkeiten zur Reflektion zu stärken, hat die WHU als Reaktion auf die gegenwärtige Diskussion einen neuen Leadership-Block ins MBA-Programm aufgenommen. Darin sollen die Manager lernen, welche Verantwortung sie für ihre Mitarbeiter tragen. Und wie sie Untergebene richtig motivieren. Denn einig sind sich die Experten darin, dass die bisherigen Anreizsysteme mit Belohnungen von kurzfristigen Erfolgen in den Unternehmen zu den Hauptursachen der Krise zählen. Die MBA-Anbieter sehen ihrerseits nur einen begrenzten Einfluss auf die Verhaltensweise ihrer Absolventen im späteren Berufsleben, solange dort nur das schnelle Geld zählt: Die Fehler im System waren die kurzfristigen und rein monetären Profitziele. Die Mitarbeiter verhalten sich gemäß solcher Vorgaben, Ausbildung hin oder her, stellt Christian Homburg klar, Präsident der Mannheim Business School (MBS). Deshalb liegt dort auch der Ansatz für die Zukunft. Und an dem könnten auch die MBA-Anbieter mitwirken, schließlich sind es ihre Absolventen und angehenden Top-Manager, die künftig in den Unternehmen die Anreizsysteme installieren. Die MBS will deshalb auch das soziale Bewusstsein ihrer Schützlinge fördern. Zum Beispiel muss jeder MBA-Anwärter während seines Studiums ein gemeinnütziges Projekt auf die Beine stellen.
Aller Kritik zum Trotz: An den guten Berufschancen der MBA-Absolventen hat sich bislang nicht viel geändert: Das Image mag in der Öffentlichkeit angekratzt sein, sagt Personalberater Patrick Schild von Odgers Berndtson. Als Postgraduate hat der MBA aber noch längst nicht ausgedient. Ganz im Gegenteil, einige Unternehmen fragen gezielt nach solchen Absolventen, um eine Stelle zu besetzen. Dabei darf es durchaus auch ein europäischer Anbieter sein, solange das Renommee stimmt: Die Amerikaner haben nicht mehr das Monopol auf den MBA, sagt Schild. Auch die Anbieter hoffen auf eine treue Kundschaft: Die Krise hat Unternehmen wachgerüttelt, auf die Qualität ihrer Manager zu achten. Und für die Mitarbeiter selbst ist ein MBA ein Investment in die eigenen Fähigkeiten, wirbt BSL-Dekanin Muff. Das bringt Sicherheit in schwierigen Zeiten. Sabine Vinck, stellvertretende Dekanin der renommierten London Business School (LBS), argumentiert mit nackten Zahlen: 2008 hatten mehr als 90 Prozent unserer Studenten innerhalb von drei Monaten nach dem Abschluss ihres MBA einen neuen Job. Und zwar nicht die schlechtesten. Ihr Durchschnittsgehalt lag bei fast 145.000 US-Dollar.
WHU - Otto Beisheim School of Management
Kosten: 35.000 Euro
Durchschnittsverdienst der Absolventen: k. A.
http://www.whu.edu
Business School Lausanne
Kosten: Euro 29.900
Durchschnittsverdienst der Absolventen: 85.000 Euro
http://www.bsl-lausanne.ch
IMD
Kosten: 80.000 CHF
Durchschnittsverdienst der Absolventen: 87.000 Euro Jahresgehalt, zzgl. 20.000 bis 28.500 Euro Bonuszahlungen sowie Sachleistungen (Stand: Dezember 2008)
http://www.imd.ch
Mannheim Business School
Kosten MBA: 29.000 Euro
Durchschnittsverdienst der Absolventen: 73.500 Euro
http://www.mannheim-business-school.com
London Business School
Kosten: 45.500 Britische Pfund
Durchschnittsverdienst der Absolventen: 144.918 US-Dollar (Quelle: Financial Times Global MBA Ranking 2008)
http://www.london.edu