30. August 2008

Pharmariesen setzen auf Biotech-Zwerge

Neue Pillen braucht die Branche

Von Maxim Kireev



29. Oktober 2007 Fusionen und Übernahmen prägen das Bild der Pharmabranche, die immer größere Schwierigkeiten hat, neue „Blockbuster“-Medikamente auf den Markt zu bringen. Jetzt setzt die Industrie auf eine Forschungsoffen-sive - und die Biotechnologie. Das bedeutet gute Jobaussichten für Mediziner, Biologen, Biochemiker und Ökonomen.

Wenn ein klassischer Pharmakonzern seine Forschungsabteilung anwirft, wird ein großes Rad gedreht. Ein Heer von Robotern testet dann so lange immer neue Stoffvarianten, bis irgendwo ein grünes Lämpchen angeht: Treffer! Die Anlagen sortieren, portionieren, mischen und messen geduldig bis zu 200.000 Substanzen am Tag - jede 200. bis 1.000 Substanz zeigt überhaupt einen Effekt. Eine Herkulesaufgabe, die nur finanzkräftige Weltkonzerne bezahlen können.

Doch seit einigen Jahren werden Medikamente auch anders erfunden. Bei Biotechnologie-Firmen sind die Substanz und ihr Wirkprinzip in der Regel schon entdeckt. Das Problem der kleinen Start-ups ist es vielmehr, dieses Wissen zu einem Medikament zu machen. Und so gehen Pharma-konzerne und Biotech-Firmen immer häufiger Partnerschaften ein - oder die Großen übernehmen die Kleinen gleich. Das macht die Biotech-Branche für Absolventen zum Sprungbrett in die Pharmaindustrie. So übernahm die Darmstädter Merck KGaA unlängst das Schweizer Biotech-Unternehmen Serono, um seine Produktpalette zu verbreitern, etwa mit Seronos Medikamenten gegen Multiple Sklerose und Krebs.

„Die meisten pharmazeutischen Innovationen werden aus der Biotech-Branche kommen“, prognostiziert Kai Bindseil, Vorsitzender des Clusterverbunds BioTOP Berlin-Brandenburg. Die Biotechnologie stellt komplizierte Wirkstoffe aus Zellkulturen oder Bakterien her. „Hier gibt es Möglichkeiten, bislang unheilbare Krankheiten mit ganz neuen Methoden anzugehen“, erklärt Bindseil. Die Forscher entwickeln zum Beispiel Medikamente gegen Krebs, Herzkreislauferkrankungen und Alzheimer oder „orphan-drugs“ - Medikamente gegen sehr seltene Krankheiten. „Die Zeiten von Blockbustern sind vorbei“, meint Volker Booten, Pharmaexperte der Unternehmensberatung Pricewaterhouse- Coopers. Die Zukunft liege in Medikamenten für kleinere Patientengruppen. In diesen Bereichen seien die Biotechnologie-Unternehmen gut aufgestellt. Rund 30 Prozent aller neuen Wirkstoffe weltweit werden mit biotechnologischen Verfahren hergestellt. In Deutschland gibt es
etwa 20 aussichtsreiche Biopharmazeutika, die in den nächsten Jahren die Zulassung bekommen könnten.

Die deutsche Biotech-Branche liegt in Europa mit ihren 350 Unter-nehmen und rund 1 Milliarde Euro Umsatz auf Platz eins, so die Angaben des Verbandes BIO Deutschland. Die Wachstumsraten betragen jährlich rund 10 Prozent. Ein Großteil der Biotech-Unternehmen sind Ausgründungen aus Universitäten und konzentrieren sich fast ausschließlich auf Forschung. Die Wissenschaftler arbeiten meist in kleinen Gruppen ohne hierarchische Strukturen. „Kleine Biotech-Firmen können daher effizienter und billiger forschen als große Konzerne“, erklärt Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland.

Der Reiz für die Pharmaindustrie, Kooperationen mit Biotech-Unternehmen einzugehen, liegt auf der Hand. „Die großen Hersteller können die Entwicklung den kleinen Biotechs überlassen und damit das eigene Risiko verringern“, erklärt Booten. „Später können sie vielversprechende Innovationen einkaufen.“ Und der BioTOP-Vorsitzende Kai Bindseil freut sich: „In Zukunft wird die Zahl der Kooperationen zwischen Pharmakonzernen und Biotech-Firmen wachsen.“ Knapp 12.000 Menschen arbeiten laut BIO Deutschland derzeit in der Biotech-Branche, und der Trend geht leicht nach oben.

In der klassischen Pharmaindustrie dagegen wird die Beschäftigtenzahl, die 2006 bei 115.000 Menschen lag, leicht sinken. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse der Wiesbadener Unternehmensberatung RSVP. „Fusionen und große Veränderungen im Marketing und Vertrieb kosten viele Arbeitsplätze“, sagt RSVP-Vorstand Michael Klingler. So strich Bayer allein bei Schering in Berlin mehr als 1.200 Stellen; Nycomed will rund 800 Altana-Mitarbeiter entlassen. Der Umsatz der deutschen Pharmabranche wird 2007 den Vorjahreswert von 27 Milliarden Euro voraussichtlich kaum übersteigen.

Hochschulabsolventen sind wieder gefragt, weil die Unternehmen in die Entwicklung neuer Medikamente investieren müssen.

Die wichtigste Ursache ist die zunehmende Regulierung der Preise und Vertriebswege, so eine Untersuchung, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) 2007 für den Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) durchgeführt hat. „Die Rahmenbedingungen gefährden die ansonsten äußerst zukunftsfähige Pharmaindustrie. Dieses Votum der Experten sollte von der Politik als Warnschuss verstanden werden“, urteilt IW-Direktor Michael Hüther. Peter Behner von der Strategieberatung Booz Allen Hamilton sieht das anders. Er meint, die Reformen wirkten nur kurzfristig als Dämpfer. Viel gravierender seien zukünftige Probleme. „Es kommen einfach zu wenig neue Medikamente auf den Markt“, sagt Behner.

Auch Volker Booten glaubt, dass der Mangel an neuen Produkten das größte Problem der Pharmaindustrie ist - nicht nur in Deutschland. „Deutsche und internationale Konzerne haben ihr Geschäft in der Vergangenheit auf einigen sogenannten Blockbuster-Präparaten aufgebaut, also Medikamenten, die jährlich mehr als 1 Milliarde Euro Umsatz bringen“, erklärt er. Aber in den nächsten vier bis fünf Jahren laufen die Patente auf viele dieser Präparate aus, preiswertere Nachahmerpräparate, sogenannte Generika, treten an ihre Stelle. „Und Nachschub an neuen Medikamenten ist nicht in Sicht.“ Altana, bis vor kurzem noch ein Vorzeigeunternehmen der Branche, verkaufte im vergangenen Jahr sogar seine Pharmasparte an den dänischen Konkurrenten Nycomed, weil das Unternehmen kein Nachfolgemedikament für sein umsatzstärkstes Produkt, das Magenmittel Pantoprazol, finden konnte.

Für Mediziner, Biologen, aber auch für Biochemiker und Betriebswirte stehen die Jobchancen langfristig dennoch gut. Erstens werden die Menschen in den westlichen Industrienationen immer älter - und die Pharmaindustrie profitiert davon. Bis 2020 könnte sich ihr weltweiter Umsatz verdoppeln, schätzen Experten. Schon seit Jahren wächst er jährlich um durchschnittlich 10 Prozent; 2007 liegt er bei etwa 540 Milliarden Euro. Zweitens sind Hochschulabsolventen wieder gefragt, weil die Unternehmen in die Entwicklung neuer Medikamente investieren müssen. „Erfahrungsgemäß werden bei Fusionen erst mal Stellen gestrichen. Nach einigen Jahren aber suchen die Unternehmen wieder Personal, beispielsweise für neue Forschungsprojekte“, erklärt Unternehmensberater Klingler. Im Vertrieb etwa würden in Zukunft zwar weniger, dafür aber besser qualifizierte Mitarbeiter gesucht - was heißt: Immer mehr Mediziner und Pharmazeuten werden den klassischen Pharmareferenten ersetzen.

Bayer
Sitz:
Leverkusen (Bayer Healthcare), Berlin (BayerScheringPharma)
Umsatz 2006: 11,724 Mrd. Euro, davon 3,082 Mrd. Schering
Kerngeschäft/Forschung: Diagnostische Bildgebung, Hämatologie/Kardiologie, Onkologie, Primary Care, Spezial-Therapeutika, Women's Healthcare
Einstellung Hochschulabsolventen: k.A.
Kontakt für Bewerber: http://www.mybayerjob.de

Boehringer Ingelheim
Sitz:
Ingelheim am Rhein
Umsatz 2006: 10,57 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Atemwege, Herz/Kreislauf, des zentralen Nervensystems sowie Stoffwechsel-, Immunerkrankungen und Onkologie
Einstellung Hochschulabsolventen: 120-130 jährlich
Kontakt für Bewerber: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, Abteilung Personal, Manfred Hund, 55216 Ingelheim am Rhein

Merck
Sitz:
Darmstadt
Umsatz 2006: 4,199 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Neurologie, Onkologie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes, Unfruchtbarkeit, Dermatologie und Stoffwechselerkrankungen
Einstellung Hochschulabsolventen: ca. 30 jährlich
Kontakt für Bewerber: http://www.cometomerck.de

Nycomed (Altana Pharma)
Sitz:
Konstanz
Umsatz 2006: 2,57 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Kardiologie, Gastroenterologie, Osteoporose, Atemwegserkrankungen, Schmerztherapie
Einstellung Hochschulabsolventen: derzeit keine geplant
Kontakt für Bewerber: http://www.nycomed.com

Ratiopharm
Sitz:
Ulm
Umsatz 2006: 1,52 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Herz-Kreislauf, Magen-Darm, Onkologie, Schmerztherapie
Einstellung Hochschulabsolventen: ca. 30 jährlich
Kontakt für Bewerber: Ratiopharm GmbH, Graf-Arco-Str. 3, 89079 Ulm, (07 31) 4 02-02, -78 32, job@ratiopharm.de

Hexal
Sitz:
Holzkirchen
Umsatz 2006: 1,1 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schmerztherapie, Magen-Darm-Erkrankungen, Onkologie, Gynäkologie
Einstellung Hochschulabsolventen: 30 bis 50 jährlich
Kontakt für Bewerber: Hexal aG, Industriestr. 25, 83607 Holzkirchen, 0 80 24/9 08-0, -12 90, bewerber@hexal.com

Schwarz Pharma
Sitz:
Monheim
Umsatz 2006: 1 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma, Neurologie und Urologie Einstellung Hochschulabsolventen: ca. 30 jährlich
Kontakt für Bewerber: Schwarz Pharma, Human Resources, Sven Zeising, Alfred Nobel Str. 10, 40789 Monheim

Berlin-Chemie
Sitz:
Berlin
Umsatz 2006: 0,878 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionserkrankungen, Entzündungen, Onkologie
Einstellung Hochschulabsolventen: ca. 15-20
Kontakt für Bewerber: Berlin-Chemie aG, Personalwesen, Uwe Heyer, Glienicker Weg 125, 12489 Berlin

Grünenthal
Sitz:
Aachen
Umsatz 2006: 0,813 Mrd. Euro
Kerngeschäft/Forschung: Schmerztherapie, Gynäkologie
Einstellung Hochschulabsolventen: ca. 20
Kontakt für Bewerber: Grünenthal GmbH, Unternehmensbereich Personal, Andrea Lenzen, 52099 Aachen

Merz
Sitz:
Frankfurt am Main
Umsatz 2006: 0,3 Mrd. Euro Kerngeschäft/Forschung: Zentrales Nervensystem, Dermatologie Einstellung Hochschulabsolventen: k.A.
Kontakt für Bewerber: Merz Pharma GmbH & Co. Kgaa, Personalabteilung, Eckenheimer Landstraße 100, 60318 Frankfurt am Main, recruiting@merz.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007
Bildmaterial: Moni Port, Labor
 
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