14. Dezember 2009

Zirkuswagen und Holzhäuschen

»Für eine Wagenburg sind wir vielleicht schon spießig«

Von Ulf Schubert



14. Mai 2009 Für die einen sind es Bretterbuden, für andere Wohnhäuser. In der Wagenburg am Stadtrand von Berlin leben seit 15 Jahren Studenten, Schüler, Freiberufler und Arbeitslose mitten im Grünen, fast wie in einem Dorf. Mit vielen Kindern, Hunden, Katzen, Rieseneseln, Hühnern und Schweinen. Das ist für sie der größte Luxus: Sitzen am Lagerfeuer und im Winter draußen unterm Sternenhimmel heiß baden.

Glaubst du an Gott? „Nein. Obwohl, da ist was ... na ja.“ Die Tür schlägt hinter ihr zu, sie geht raus, Holz hacken für den Ofen. Draußen ist es kalt, drinnen auch. Als sie wieder im Raum steht, mit Holzscheiten in den Händen, ist Gott vergessen. Bald steigt die behagliche Wärme vom Ofen in den Raum. Die Abschlussarbeit für die Universität ist so gut wie fertig. Theologie. Sie war mal mit einem Pfarrerssohn zusammen, die Menschen in der Kirche, das ganze Drumherum faszinierte sie. Da war halt so eine Neugierde, eigentlich hatte sie anfangs keine Vorstellung von Theologie.

Idylle mit Feuerlöschteich: Ein Wagenanbau in der Pankgräfin-Wagenburg.

Stephanie Metzner, 29, wohnt zusammen mit ihrem Freund, seinem Sohn und ihrer Tochter in einer Wagenburg am Stadtrand von Berlin. Stephanie lebte vorher in einer Wohnung in der Stadt, ist mitten in Berlin aufgewachsen. Aus Liebe kam sie vor fast fünf Jahren mit ihrer Tochter in die Wagenburg. Sie ist gerne am Rand der Stadt: „Wenn ich aus der Universität wieder nach Hause komme, hier an den Fluss, und die Panke überquere, dann habe ich Feierabend, lasse alles hinter mir, bin in der Natur.“ Eine Stunde dauert der Weg zur Universität, quer durch Berlin. Sie mag die Fahrten. Da hat sie Zeit zu lesen.

Bis vor kurzem hatten sie Hühner, die hat sich der Raubvogel geschnappt, hinter ihrem Zirkuswagen steht eine Hundehütte, aber die Hunde wollen nicht alleine sein, sie schlafen auch lieber im Wagen. Rechts steht ein Bett, links ein Ofen, Schreibtisch mit Laptop, viele Bücher. An den Zirkuswagen haben sie einen Vorbau aus Holz angebaut. Häufig sitzen sie hier alle zusammen in der Küche, sie ist so etwas wie der Mittelpunkt ihres kleinen Hofes, auf dem alle in der Familie auch noch ihre eigenen Wagen zum Schlafen haben - zwischen Kräutern und Bäumen. Neben der Hütte steht eine Pflanzenkläranlage für das Abwasser, gegenüber steht ein Häuschen mit einer Kompost-Toilette. Auf dem Gelände der Wagenburg leben um die 100 Menschen, davon 20 Kinder. Jede Parzelle ist ungefähr 160 Quadratmeter groß.

Der tut nichts: Stephanie Metzner mit ihrem Hund.

Dieses Jahr war der Winter kalt. Draußen, zwischen den Wagen, steht die Badewanne der Familie. Eingemauert, unter der Wanne eine Feuerstelle. „Das ist für mich der größte Luxus, im Winter draußen zu baden, das Wasser ist heiß, oben ist die Wanne zugezimmert, der Kopf guckt raus, du dampfst und über dir der Sternenhimmel und Schnee drum herum. Dann fühle ich mich sau-sau-wohl. Und wenn du wieder in den Wagen kommst, knistert der Ofen, und du machst dir einen Tee.“ Stephanie sagt über den Vorbau, es sei ein zusammengeschustertes Ding. „Aber es gibt hier auch Leute, die planen ihre Bauten von Anfang an, manche haben fließend warmes Wasser und sogar eine Spülmaschine. Für eine Wagenburg sind wir vielleicht schon spießig.“ Spülmaschinen, fließendes Wasser, das gibt es in vielen Wagenburgen nicht. „Je nachdem, wie lange du hier lebst, richtest du dich ein. Wenn man einigermaßen Wohnqualität haben will, kostet das. Wenn du mehr Geld hast, kannst du dir zum Beispiel einen Warmwasserboiler kaufen, manche haben sogar eine Fußbodenheizung. Aber auf jeden Fall hast du hier die Möglichkeit, auch mit wenig Geld schön zu wohnen. Wir füllen unser Wasser an einer Wasserstelle in Kanister, andere haben sich Wasserleitungen verlegt. Für uns ist der Holzvorbau schon was Besonderes.“ Für ihre Wagen zahlt die Familie ungefähr 90 Euro im Monat an Betriebskosten und noch was für Strom, Telefon und Gas. „Dazu kommen noch die Kosten für Wagen, Baumaterial, Pflanzenkläranlage, Biowaschmittel, was halt so nötig ist, um hier einigermaßen vernünftig zu leben. Insgesamt kostet das Leben in der Wagenburg so viel, wie wir an Miete in einer günstigen Ofenheizungswohnung in der Stadt zahlen müssten.“

Stephanie steht vor dem Herd und kocht Kaffee. Die Menschen ein paar Kilometer weiter hatten am Anfang Vorurteile gegenüber den Leuten aus der Wagenburg. Im Supermarkt im Ort würden sie nicht denken, dass Stephanie eine aus der Wagenburg ist. Keine Ahnung, was sie für Vorstellungen über Wagenburgbewohner haben, vielleicht: Dreadlockmoppel, Haare seitlich rasiert? Punk? Techno? Hippie? Kapuzenpullover, Caps? So ein urbaner, harter und zugleich betont lockerer Stil? Lederband um den Hals? Du sollst dir kein Bildnis machen, aber häufig haben Wagenburgbewohner einfach einen gewissen Stil bezüglich Typ und Kleidung. Die Uniformität einer kleinen sozialen Gruppe. Wie auch immer: schön, hässlich, gestrig oder Avantgarde - oder einfach gar nichts, weil es ihnen vielleicht auch egal ist. Stephanie sieht toll aus, groß, lange, dunkle Haare, die Augen hübsch, schlau, helle. So, wie viele Studentinnen eben aussehen - aber eben nicht so, wie Klischees über Wagenburg-Freaks es vorgeben. Man kann sich ruhig ein Bildnis machen, aber man sollte sich mehrere Bilder auch wirklich genau anschauen. Jede Wagenburg hat ihren eigenen Charakter, je nachdem welche Leute dort wohnen.

Klopf, klopf: Wagenburgbewohner besuchen sich in aller Regel ohne große Vorankündigung.

Ungewöhnliches kann mit der Zeit gewöhnlich werden. So anders ist das Leben hier nicht einmal. Schlafen, aufstehen, arbeiten - oder auch nicht. Leben. Oberflächlich betrachtet, wohnen die Menschen hier wie in einer Kleingartenkolonie. Es gab auch mal Zeiten, in denen Menschen in Deutschland in solchen Hüttendörfern gewohnt haben, zunächst illegal, später sogar mit lebenslangem Wohnrecht. Und heute noch wohnen Menschen, zumindest im Sommer, in Kleingartenanlagen. Man sagt den Kleingärtnern nach, dass sie ihre Nachbarn häufig kontrollieren, dass sie Regeln und Gesetze einhalten. Auch hier in der Wagenburg, die sie „Pankgräfin“ genannt haben - weil die Straße hier so ähnlich heißt und der Fluss nebenan „Panke“, achten die Leute darauf, dass Gesetze eingehalten werden. „Was hier überhaupt nicht toleriert wird, sind Drogen und Gewalt. Und Lautstärke ist auch schon mal ein Problem. Wir holen hier nicht gern die Polizei, die sollte so etwas nicht regeln. Aber wenn Leute sich hier immer wieder über andere Leute beschweren - und nichts passiert, was soll man machen? Punks aus einer anderen Wagenburg, die regeln Konflikte anders. Die hauen sich eher auf die Schnauze, und das Problem ist gelöst.“ Draußen vor dem Haus greift Stephanie aus einer Kiste ein paar alte Brote. Eine Maus mit einem schwarzen Streifen auf dem Rücken flüchtet in ein Loch. „Aber: Der Geduldsfaden ist bei uns sehr, sehr lang. Hier herrscht ein hohes Maß an Toleranz, Geduld und Respekt gegenüber der Andersartigkeit und Ansichten, die man nicht nachvollziehen kann. Mit Sturheit kommt man hier nicht weit. Entschieden wird bei uns nach dem Mehrheitsprinzip.“ Stephanie schmeißt das Brot in das Gehege, wo die Wollschweine leben, eine große, fast ausgestorbene Hausschweinrasse. Ihr strubbeliger, schwarzer Hund läuft ihr hinterher. Neben der Wagenburg beginnt das Naturschutzgebiet, die Wildgänse sind gerade wieder eingetroffen.

Kleingärtner wollen kolonialisieren, die Natur in den Griff bekommen. Gartenzwerge als Zeichen der Herrschaft über Unkraut, wildes Dickicht - alles, was nicht in die eigene Ordnung passt. Die Leute aus der Wagenburg wollen die Natur nicht in den Griff bekommen, sie wollen mit ihr leben. Manche hier in der Wagenburg lassen Bäume durch ihre Hütten wachsen, haben die Dächer ihrer Häuser um den Baumstamm herum gebaut. Hecken, Büsche und Kräuter umschließen die Hütten und Zirkuswagen. Wagenburgbewohner haben keine Gartenzwerge als Symbol - sie stellen sich Sachen wie aus Stahl geschweißte Mutantenwesen oder Tierschädel in ihre Gärten. Kleingärtner stehen vor einem Grill, Wagenburgbewohner sitzen am Lagerfeuer. Beide Parteien lieben es, auf ihrer eigenen Parzelle zu stehen, die Erde mit Händen zu bearbeiten, sie leben beide sehr eng mit ihren Nachbarn zusammen. Wagenburgbewohner imitieren nicht den Baumarkt-Billig-Bungalowstil. Sie haben eine besondere Vorstellung von Architektur, als hätten Maulwurf und Eichhörnchen gemeinsam ihren Traum vom Wohnen verwirklicht - eine Symbiose aus Höhlen und luftigen Baumhäusern, inmitten verschlungener Äste und Bauhausarchitektur. Die Leute aus Wagenburgen haben gestalterisch und experimentell einen eigenen künstlerischen Ausdruck.

Postmodern: Briefkästen in der Pankgräfin-Wagenburg

Wagenburgbewohner bekommen häufig Probleme mit Ämtern und Investoren, werden immer mal wieder als Bedrohung des gesellschaftlichen Ordnungssystems angesehen. Mitte der neunziger Jahre schrieb das Bezirksamt Berlin-Mitte, es läge bei den Wagenburgen ein Verstoß gegen ungeschriebene gesellschaftliche Verhaltensregeln und Wertvorstellungen vor, die als unerlässliche Voraussetzung für ein gedeihliches staatsbürgerliches Zusammenleben anzusehen seien. „Das Äußere der Wagenburg wird von der Anhäufung baurechtswidriger Bau- und Wohnwagen sowie Bretterbuden geprägt. Dies widerspricht den modernen Vorstellungen von einem geordneten Zusammenleben in einer Großstadt.“ Für die einen sind es Bretterbuden, für andere Wohnhäuser. Erstaunlich, wie einfach schönes Wohnen mit einem eigenen Garten sein kann. In Deutschland wird beim Hausbau immer sehr viel Wirbel gemacht. In Kanada oder in den USA, wo Winter auch kalt sind, leben viele Menschen in besseren Spanplattenhäusern mit Plastikverkleidung als Holzimitat. Bei Umzügen werden die Häuser auf Lastwagen gehoben und an einem anderen Ort wieder abgeladen. Leute, die nicht viel Geld haben, leben dort selbstverständlich in Wohnwagen.

Das Leben in der Wagenburg verläuft fast wie in einem kleinen Dorf. Stephanie läuft über die Hauptstraße und grüßt ein paar Leute, links und rechts führen Wege zu den Parzellen. Die Leute aus der Wagenburg haben einen Verein gegründet. Studenten, Selbständige, Heilpraktiker oder welche, die von Hartz IV leben. Seit zwei Jahren arbeitet sie neben dem Studium in der Verwaltung des Vereins, hat dort so eine Art Minijob. Am Eingang des Geländes ist das Büro - in einem ehemaligen Gebäude eines Schweinestalls. Viele bunte Briefkästen hängen an der Mauer. Früher lebten die Leute aus der Pankgräfin-Wagenburg direkt auf dem heutigen, Potsdamer Platz. Als nach dem Mauerfall die Bauarbeiten dort losgehen sollten, mussten sie mit der Wagenburg von diesem Ort verschwinden. Dafür hat ihnen die Stadt 1994 dieses Gelände am Stadtrand zur Verfügung gestellt. Früher war hier mal eine ehemalige DDR-Schweinemastanlage. Heute ist hier Campingplatz-Atmosphäre. Am Eingang hinter dem Büro sind ein Café und eine Bibliothek mit Computer und Internetanschluss. „Manchmal stellen Leute aus dem Dorf auf unserem Parkplatz ihren Müll ab, Sofas und Klamotten, keine Ahnung, vielleicht meinen sie es gut, aber es nervt. Deshalb überlegen wir auch, am Eingang einen Zaun zu bauen.“ Auf der Dorfstraße hängen Zettel an einem Schwarzen Brett. Auf einem Zettel steht, dass die Hunde woanders scheißen sollen, auf einem anderen wirbt eine Yoga-Lehrerin für ihren Unterricht. Am Wochenende kommt immer eine feste Truppe zusammen und spielt Fußball auf dem Platz nebenan. In das Menstruationszelt geht Stephanie nicht. „Das ist mir zu viel an Spiritualität. Ich habe genug mit Theologie zu tun.“ In der Wagenburg wurden schon Kinder geboren, und irgendwo steht ein andalusischer Riesenesel. Jedes Jahr organisieren die Leute aus der Wagenburg Konzerte und ein Kinderfest. „Wir sind strukturiert, wollen nach außen verträglich gegenüber der Umwelt erscheinen und unsere Müll- und Grundversorgung sowie Pacht geregelt wissen und nicht geräumt werden.“ Der Pachtvertrag für das Gelände läuft bis zum Jahr 2014.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 102, 2009, Seite 70
Bildmaterial: Zeitenspiegel, Kathrin Harms
 
Artikel-Service
DruckenDrucken
VersendenVersenden
Lesezeichen
Vorherige SeiteVorherige Seite
 
Leute
Studenten im Portrait

Wir stellen Studentinnen und Studenten vor, die neben ihrem Studium etwas tun. Das kann etwas Wichtiges für Mitmenschen sein oder etwas Ausgefallenes, auf jeden Fall ist es aber etwas Interessantes. 

Nicole Haustein
Unter der Sonne Kaliforniens
Studieren in Los Angeles

An keiner öffentlichen US-Uni gehen jährlich so viele Bewerbungen ein wie an der University of California, Los Angeles (UCLA), die zu den renommiertesten Universitäten der USA zählt. Unter den Bewerbern befinden sich jedes Jahr auch viele deutsche Studenten. Deren Aussichten auf einen Studienplatz sind jedoch um einiges aussichtsreicher als die ihrer amerikanischen Kommilitonen - schließlich bleiben sie hier in der Regel nur für ein oder zwei Auslandssemester. 

Wer in Hollywood studiert, sollte unbedingt einen Abstecher nach Universal City machen. Hier befinden sich die Produktionsstudios des Filmunternehmens Universal Studios, die inmitten eines riesigen Vergnügungsparks liegen.
Sozialkompetenz als Pflichtfach
Weichspül-Programme für Studenten

Die Hochschulen bereiten in Soft-Skills-Seminaren ihre Studenten auf die harte Berufswelt vor. Staat und Wirtschaft begrüßen das als „Erwerb von Schlüsselkompetenzen“. Kritiker sind skeptisch: Persönlichkeit entstehe nicht durch Trockenübungen in Massenvorlesungen.