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Arbeiten bei russischen Firmen in Deutschland

Von Margarete Hucht




29. Oktober 2007 
Die Zahl der russischen Firmen in Deutschland ist gering, doch es werden mehr. Junge IT-Unternehmen gründen Niederlassungen in der Bundesrepublik. Und reiche Unternehmer aus dem einstigen Zarenreich kaufen Anteile an westlichen Firmen aller Art. So rücken hier und da die Schreibtische von Deutschen und Russen enger aneinander.

Auf dem Ural hat Barbara Scharrer zum ersten Mal ein Stück Bärenfleisch gegessen. „Es schmeckte streng“, erinnert sich die Marketingfrau. „Den Wodka danach habe ich gern getrunken.“ Die 35-jährige Brand Managerin aus dem Schwäbischen arbeitet seit Jahren in der Kosmetikbranche - intensiv kümmert sie sich um den russischen Markt. Wenn sie ihre Kollegen in Jekatarinenburg besucht, steht Buntes und Schillerndes für die Damenwelt auf der Tagesordnung. Es geht um neue Kollektionen für Lippenstifte, Lidschatten, Eyeliner - kurz um alles, was die Frauenhaut schöner macht und aus dem Hause Dr. Scheller Cosmetics in Eislingen stammt. Hier verantwortet Scharrer die Make-up-Marke „Manhattan“, die auch in Russland erfolgreich werden soll.

Die Drähte von Eislingen ans Ende Europas sind eng geknüpft. Denn drei Viertel der Anteile an Dr. Scheller Cosmetics hält seit gut einem Jahr der russische Kosmetik- und Haushaltsprodukte-Hersteller Kalina mit Firmensitz in Jekatarinenburg. Scharrer berichtet direkt an den dortigen Marketingdirektor und die Geschäftsführung, gelegentlich reist sie dorthin. Ein regelmäßiger Jour fixe zwischen dem „Scheller-Team“ und dem „Kalina-Team“ findet zudem einmal im Monat in Eislingen statt.

Scharrer musste mit den Russen erst einmal warm werden. „Die Manager haben fast alle internationale Studiengänge absolviert und MBAs gemacht, trotzdem spürte man am Anfang eine deutliche Distanz“, sagt sie. „Bei Meetings saßen alle weit auseinander. Und während wir Deutschen uns sonst bunt gemischt um den Tisch versammelten, fanden sich nun auf der einen Seite die Führungskräfte und auf der anderen die Mitarbeiter ein.“ Das habe sich mittlerweile von allein gelockert, sagt die Marken-Managerin. „Und neulich hat mir der Marketingdirektor nach einer erfolgreichen Sitzung sogar fest die Hand geschüttelt.“

So eine Geste ist im Umgang mit Russen nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Frauen dürfen in Russland nicht einmal zur Begrüßung mit einem Handschlag rechnen - der ist eher „Männersache“. „Im Ausland sind die russischen Manager aber um Anpassung bemüht“, sagt Unternehmensberater Radik Valiullin, der deutsche und russische Unternehmen zu seinen Kunden zählt. Auch streng hierarchische Denkweisen und Strukturen, wie sie das Arbeitsleben in der Russischen Föderation prägen, können sich international tätige Business-Leute aus dem östlichen Riesenreich nicht leisten. So zieht es viele Russen auch deshalb nach Europa, weil sie hinzulernen möchten. Das gilt für das Geschäftsgebaren, aber auch für das gesamte Erfahrungs- und Wissensspektrum, was den Erfolg westlicher Produkte ausmacht. „Know-how-Transfer und Imagegewinn sind die zentralen Motive für russische Akquisitionen und Engagements im Ausland“, sagt Valiullin.

Viele Deutsche erleben die Zusammenarbeit mit Russen als sachorientiert und kühl. Dafür ist nicht zuletzt eine ganz andere Firmenkultur verantwortlich. „Traditionellerweise steht in Russland der Generaldirektor an der Spitze des Unternehmens“, erklärt Thilo Beyer, interkultureller Berater bei der Icunet AG in Passau. „Wenn er ruft, dann springen die Mitarbeiter.“ Im einstigen Sowjetreich gibt es sie noch, die sechs Meter langen Tische und die Räume mit den lederbeschlagenen Türen, in denen der Direktor thront. „Offene Meetings oder ein Vorschlagswesen, das die Mitarbeiter beteiligt, sind außerhalb der Metropolen Moskau oder St. Petersburg eher unbekannt“, sagt Beyer.

Die einzelnen Abteilungen in den Firmen haben ebenfalls nur geringen Handlungsspielraum. Das hat auch Barbara Scharrer zu spüren bekommen, seit sie für den Kalina-Konzern arbeitet. „In Deutschland sind die einzelnen Abteilungen gut vernetzt. Absprachen zwischen Vertrieb und Marketing können zügig getroffen und umgesetzt werden“, sagt sie. „In Russland ist der Aufwand an schriftlicher Dokumentation größer. Es muss genau beschrieben werden, warum was wann wie geändert werden soll. Häufig kommen dann auch noch Nachfragen aus den verschiedenen Geschäftsbereichen.“

Für Dr. Scheller Cosmetics und Kalina ist es daher besonders wichtig, die Arbeitsabläufe für die beiden Produktionsstätten zügig auf einen Nenner zu bringen. Dazu wurde eigens ein Projektteam aufgestellt.

„Small Talk kann man sich sparen. Die Russen mögen keine oberflächlichen Gespräche.“

Der Kontakt zwischen den russischen und deutschen Kollegen ist in dieser Phase des Zusammenwachsens von zarter Neugier geprägt. Insgesamt herrsche ein sehr herzlicher Ton, sagt Scharrer. „Wir reden auch über private Dinge - über die Schulzeit, die Ausbildung oder die Wohn- und Lebensverhältnisse.“

Nur für wenige Deutsche ist es derzeit möglich, über den Beruf Kontakte nach Russland zu knüpfen. Es sind einfach zu wenige russische Firmen in der Bundesrepublik tätig. Bei einer Erhebung in Nordrhein-Westfalen wurden 200 russische Unternehmen mit einer Kapitalbeteiligung von über 50 Prozent gezählt. Diese beschäftigen aber insgesamt nur rund 800 Mitarbeiter. „Russische Firmen, die viele Mitarbeiter haben und hier lange etabliert sind, gibt es eigentlich nicht“, sagt Radik Valiullin.

Etwas einfacher ist der Sprung auf die globalen Märkte für junge russische Unternehmen aus der IT- und Computerszene. Das Moskauer Software-Haus Abbyy hat beispielsweise in München sein „Europa-Büro“. Hier arbeitet die Deutsche Lisa Strixner als Sales Managerin. Die 34-Jährige findet die Unterschiede zwischen Deutschen und Russen im beruflichen Miteinander halb so wild. „Das mag auch an der Branche liegen“, sagt Strixner. „Die IT-Welt ist eben sehr international ausgerichtet.“ Zuvor habe sie bei einem nordamerikanischen Unternehmen gearbeitet, und sehr viel anders sei ihr Arbeitsalltag nun auch nicht.

Abbyy ist in Russland der erfolgreichste Anbieter elektronischer Wörterbücher und begann, wie viele Start-ups, als Studentenprojekt, aus dem das erste digitale Dictionary Russisch-Englisch hervorging. Heute hat Abbyy insgesamt rund 500 Mitarbeiter.

„Wir arbeiten sehr selbständig. Die russische Unternehmensführung schätzt unsere lokale Marktkenntnis und lässt uns im Detail freie Hand“, betont Strixner. Den Kontakt zu den Verantwortlichen im Moskauer Produktmanagement hält sie mit Conference-Calls und per Mail. Diese Kontakte Richtung Osten erlebt sie, wie sie sagt, als „nüchtern“ und manchmal etwas langwierig. Die Mails aus Moskau hätten einen recht formalen Touch. „Diskutiert wird sehr geschäftsbezogen. Punkte macht man hier vor allem mit analytischem Denkvermögen und klaren Lösungen.“ Wenn die Qualität der Arbeit stimme, dann steigt aber auch das Vertrauen enorm, sagt die Vertriebsfrau. „Die Russen wollen verstehen, was wir machen, da wird Transparenz eingefordert.“

Man muss den Russen Zeit geben, sich zu öffnen. Das hat auch Magnus Kalkuhl gemerkt. Der 32-jährige Virenanalytiker ist eine Art Kriminalpolizist fürs Internet und arbeitet bei der Kaspersky Labs GmbH in Ingolstadt. 800 Mitarbeiter gehören weltweit zum Moskauer Unternehmen, das sich seit zehn Jahren die Jagd auf virtuelle Würmer und Trojaner auf die Fahnen geschrieben hat.

Kalkuhl glaubt, dass manchmal auch einfach Hemmungen und Befangenheiten zwischen Deutschen und Russen im Spiel sind. „Ich habe zum Beispiel einen Kollegen in Moskau, der Englisch gut versteht, es aber nicht so gern spricht“, sagt Kalkuhl. „Seit wir das gemerkt haben, kommt immer eine Kollegin dazu, die ihn aus dem Russischen übersetzt.“ Da müsse man sensibel sein, findet er. Das Motto des Virenspezialisten für gute russisch-deutsche Zusammenarbeit lautet daher so: „Small Talk kann man sich sparen. Die Russen mögen keine oberflächlichen Gespräche. Besser fährt man mit echtem Interesse.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor