27. Juli 2007 Vielleicht wird es bald keine armen Studenten mehr geben. Denn wenn sich der Trend fortsetzt, werden bald nur noch diejenigen studieren, deren Eltern es sich leisten können. Doch noch ist es nicht so weit.
So viel Widerstand war lange nicht. In Freiburg kampierten Studenten länger als eine Woche mit Schlafsack, Teekocher und Stullen im Uni-Rektorat und rappten stimmgewaltig gegen die Studiengebühren. In Münster stürmten Studenten eine Senatssitzung. In Bielefeld warfen sie Kuhfladen ins Büro eines Professors. Streiks, Demos und Straßenblockaden störten die Alltagsruhe in nahezu allen Teilen der Republik. In Baden-Württemberg lösten die Gebühren eine Klagenflut aus. In Karlsruhe weigerten sich viele Studenten zu zahlen, in Hessen und Hamburg wird ein Boykott vorbereitet.
Nicht immer sind die Reaktionen auf die Studiengebühren so laut und offensichtlich. Manche Studenten äußern ihre Empörung und Verzweiflung lieber anonym in Internetforen. Hallo, würde gerne studieren. Leider muss ich ja da 500 Euro blechen. Nun ist meine Mum arbeitslos und mein Vater selbständig, schreibt beispielsweise bei studis-online.de eine Abiturientin mit dem Pseudonym Annika19.
Wird das Studium zum Luxusgut? Billig war es noch nie. Ein Studium kostet durchschnittlich 40.000 Euro, errechneten Experten schon vor zwei Jahren. Doch jetzt wird es vielerorts teurer denn je. Denn zu den Lebenshaltungskosten und Semesterbeiträgen gesellen sich seit diesem Sommersemester in fünf Bundesländern Studiengebühren. In Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern müssen die Studenten 500 Euro pro Semester berappen. Ab dem Wintersemester werden die Gebühren auch in Hessen und im Saarland fällig. Wer als Langzeitstudent gilt, zahlt in einigen Bundesländern sogar noch mehr.
500 Euro pro Semester, gut 80 Euro im Monat: Was bedeuten die Mehrkosten für den einzelnen Studenten? Sind sie zumutbar? Oder zwingen sie Studenten, so viel nebenbei zu jobben, dass sie sich nicht mehr auf ihr Studium konzentrieren können? Wie sieht studentisches Leben heute aus?
Auskunft über die Lebensbedingungen der Studenten geben die Sozialerhebungen, die das Hochschul-Informations-System (HIS) im Auftrag des Deutschen Studentenwerks regelmäßig durchführt. Die Ergebnisse der 18. Sozialerhebung aus dem Jahr 2006 liegen noch nicht vor, ab 20. Juni sind sie unter http://www.sozialerhebung.de abrufbar. Schon jetzt ist aber bekannt, dass sich wichtige, in den Sozialerhebungen von 2000 und 2003 identifizierte Trends fortgesetzt haben:
1. Die soziale Herkunft wird immer wichtiger. In keinem vergleichbaren Land hängt die Entscheidung für ein Studium so stark von den sozialen Verhältnissen der Eltern ab wie in Deutschland. So ergab die 17. Sozialerhebung, dass mehr als 60 Prozent aus der gehobenen oder hohen Sozialschicht stammten, während nur 12 Prozent der Studenten der unteren Schicht angehörten. Somit waren 2003 an den Hochschulen doppelt so viele Studenten aus hoher Sozialschicht anzutreffen wie 1982. Umgekehrt reduzierte sich der Anteil aus dem unteren Sozialmilieu auf fast die Hälfte. Die Ergebnisse der 18. Sozialerhebung - so viel steht jetzt schon fest - werden zeigen, dass sich die soziale Zusammensetzung der Studenten weiter in Richtung der höheren Schichten verändert.
2. Eine wachsende Zahl von Studenten sorgt sich um die Finanzen. 2003 gingen zwei Drittel der Studenten davon aus, dass der Lebensunterhalt während des Studiums sichergestellt ist. Die Erhebung von 2006 zeigt, dass sich der Kreis der Unsicheren vergrößert. Damals war schon die Einführung von allgemeinen Studiengebühren abzusehen, und für Langzeitstudenten hatten einige Bundesländer bereits eine Campus-Maut eingeführt.
3. Hinsichtlich des zur Verfügung stehenden Geldes gibt es sehr große Unterschiede innerhalb der Studentenschaft: 2003 konnten auf der einen Seite 23 Prozent der Studenten monatlich auf über 900 Euro im Monat zurückgreifen, auf der anderen Seite mussten 27 Prozent mit weniger als 600 Euro auskommen. Diese Schere beim studentischen Einkommen bleibt laut Erhebung von 2006 erhalten.
Was lässt sich angesichts dieser Trends über die möglichen Auswirkungen von Studiengebühren sagen? Zunächst einmal, dass sich die Frage nicht allgemein beantworten lässt. Nur ein geringer Teil der Studenten verfügt über so viel Geld, dass die Studiengebühren kaum ins Gewicht fallen. Viele werden sich einschränken müssen. Und für jene, die mit weniger als 600 Euro im Monat auskommen müssen, sind sie kaum zu bewältigen, sagt der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde.
Knapsen müssen laut Statistik vor allem Studenten aus ärmerem Elternhaus, jene, die auf Bafög angewiesen sind. Für die wird es jedes Jahr schwieriger, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Denn das Bafög wurde seit 2001 trotz steigender Lebenshaltungskosten nicht erhöht. Mit maximal 585 Euro werden jene Studenten heute gefördert, die nicht mehr im Elternhaus wohnen und deren Eltern so wenig verdienen, dass sie ihre Kinder überhaupt nicht unterstützen können. Das reicht in der Regel nicht zum Leben, so Meyer auf der Heyde. Es sei zu befürchten, dass sich aufgrund der Studiengebühren künftig noch weniger Kinder aus ärmeren Familien für ein Studium entscheiden.
Die meisten Studenten beziehen ihr Geld aus verschiedenen Quellen. Fast 90 Prozent werden vom Elternhaus unterstützt, mit durchschnittlich 435 Euro im Monat. Rund ein Drittel bekommt Bafög, im Schnitt 370 Euro. Fast zwei Drittel der Studenten arbeitet nebenbei. Das Auskommen eines Studenten hängt jedoch nicht nur von seinen Einnahmen ab. Ganz entscheidend ist, ob es in seiner Stadt günstigen Wohnraum gibt. Denn die Mieten sind der weitaus größte Posten auf der Ausgabenseite. Die Unterschiede sind gewaltig. Besonders teuer sind laut einer aktuellen Erhebung des Studentenmagazins Unicum die westdeutschen Großstädte, besonders günstig die Kleinstädte im Osten der Republik. In Frankfurt am Main zahlen die Studenten durchschnittlich 338,70 Euro für ihre Bleibe, im thüringischen Ilmenau gerade mal 188,95 Euro.
Nicht ganz unerheblich wirkt sich auch die Wahl des Fachs auf den Geldbeutel aus. Die Sozialerhebung von 2003 besagt: Wer Medizin oder Jura studiert, gibt im Schnitt 51 Euro pro Monat für Lernmittel aus, auch Kunststudenten investieren mit 48 Euro recht viel. Maschinenbauer oder Elektrotechniker hingegen berappen für Lernmittel nicht mal 30 Euro. Teuer kann es zudem werden, wenn zum Studium mehrere Exkursionen gehören, wie etwa in Geographie, Geowissenschaften, Biologie und Archäologie.
Das finanzielle Wohl und Wehe der Studenten hängt also von verschiedenen Faktoren ab. Die Studiengebühren sind nur eine von vielen Lasten. Dennoch schrecken sie manche regelrecht ab. So verzeichneten die Unis in den Gebührenländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zuletzt weniger Einschreibungen. Dass in Niedersachsen zudem die Zahl der Bafög-Anträge sinkt, weist auch darauf hin, dass einige der sozial Schwachen vor den Hörsälen kehrtmachen. Was sie stattdessen tun, lässt sich aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit lesen: Im letzten Jahr bewarben sich 9 Prozent mehr Abiturienten um eine Lehrstelle. Dass die Studierfreude nachlässt, zeigen auch die HIS-Befragungen unter den Studienberechtigten. Nach 73 Prozent im Jahr 2002 und 71 Prozent im Jahr 2004 lag die Studierquote 2005 nur noch bei 69 Prozent. Zwei Drittel der Uni-Verschmäher begründeten dies mit dem Wunsch, möglichst bald finanziell unabhängig zu sein. Jeder Vierte fühlte sich für den Fall, dass Studiengebühren eingeführt werden, finanziell überfordert.
Offenbar zielen die Argumente der Gebührenbefürworter an der Lebenswirklichkeit vieler junger Menschen vorbei. Dass die Gebühren der Verbesserung der Lehre zugute kämen; dass ein Studium eine Investition für die Zukunft sei; dass man ruhig einen Studienkredit aufnehmen könne, weil man ja später gut verdienen werde; dass am Ende ein durch Gebühren beschleunigtes Studium sogar billiger werde, weil man früher in den Beruf starten und mehr Geld verdienen könne - nichts davon zieht bei jenen, die mit Ach und Krach über die Runden kommen. Sie haben vielmehr Angst vor einer unkalkulierbaren Verschuldung.
Für die Masse der Studenten sind die Studiengebühren freilich kein Grund, alles hinzuschmeißen. Aber für viele wächst der Druck. Der Braunschweiger Informatikstudent Quoc Thien Vu beispielsweise hat sich wegen der Studiengebühren noch einen zusätzlichen Nebenjob aufgebürdet - wodurch sich seine Hochschulausbildung verlängert und immer teurer wird. Andere plündern ihr Erspartes oder streichen den Urlaub.
Es sind aber nicht allein die Finanzen, die die heutige Studentengeneration stressen. Leistungsdruck kommt hinzu. Eine HIS-Umfrage vom letzten Jahr ergab: Mehr als die Hälfte der Befragten sieht das Studium keineswegs als unbeschwerte Zeit. 88 Prozent glauben, ihre Generation müsse immer flexibler und besser ausgebildet sein. Die Zeiten, in denen die Universität als Experimentierfeld für die Selbstfindung galt, sind vorbei. Von Bachelorstudenten wird erwartet, dass sie schnell und zielorientiert studieren. Wobei die Studenten am Ende nicht nur gute Noten vorweisen sollen, sondern auch Praktika, Auslandserfahrungen und Soft Skills. Kann das gutgehen? Achim Meyer auf der Heyde vom Studentenwerk ist skeptisch: Der Zulauf in unseren psychologischen Beratungsstellen deutet darauf hin, dass sich eine wachsende Zahl von Studenten überfordert fühlt.