02. April 2007
Immer mehr Wirtschaftsunternehmen wollen ihre Kernbelegschaft schlank halten und holen sich für anstehende Projektarbeiten Arbeitskräfte von Zeitarbeitsagenturen. Kein Wunder also, dass die Branche einen enormen Personalbedarf hat. Zumal die Fluktuation groß ist: Vor allem Hochschulabsolventen mit Karriereambitionen steigen bei Adecco und Co. ein, weil sie über diesen Weg leichter in attraktive Unternehmen rutschen.
Am Anfang war Michael Gutzeit skeptisch. Nach dem Studium in Kiel wollte er so schnell wie möglich loslegen. Aber ein Berufseinstieg über Zeitarbeit? Ich hatte ziemlich viel Negatives gehört, sagt der 31 Jahre alte Elektroingenieur. Den Schritt bereut hat er nicht. Das Personaldienstleistungsunternehmen Hays verkaufte seine Arbeitskraft an Airbus in Hamburg, wo Gutzeit als Technikexperte am größten Flugzeug der zukünftigen Welt mitarbeitet, dem A 380. Ein spannendes Projekt, das auf mindestens vier Jahre angelegt ist. Zeitarbeitsfirmen fangen heute oft die Personalplanung der großen Unternehmen auf, hat der Ingenieur festgestellt. Allein 7 der insgesamt 23 Mitarbeiter seines Teams sind über Zeitarbeitsverträge angestellt. Die Hays AG mit Sitz in Mannheim ist spezialisiert auf die Vermittlung von Ingenieuren und IT-Spezialisten. Arbeitnehmer erhalten einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit den üblichen Leistungen wie Sozialversicherungen, Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Unser Arbeitsverhältnis unterscheidet sich eigentlich überhaupt nicht von dem der Internen, so Gutzeit. Abgesehen davon, dass ich über Hays leichter in eine andere Sparte wechseln könnte, um bei Airbus noch weitere interessante Bereiche kennenzulernen.
Equal treatment, equal pay? Theoretisch ja. Seit der Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes vor zwei Jahren gilt der Grundsatz, nach dem Zeitarbeitnehmern die im Einsatzunternehmen geltenden Arbeitsbedingungen gewährt werden. Es sei denn, ein individuell vereinbarter Tarifvertrag regelt Abweichendes. In der Praxis ist die Ausnahme zur Regel geworden, sagt Arbeitsexpertin Claudia Weinkopf vom Institut für Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen. Brancheninterne Schätzungen gehen davon aus, dass 95 Prozent der Zeitarbeitsverhältnisse einzelvertraglich geregelt sind. Der magere tarifliche Stundenlohn von maximal 15,89 Euro sei für Akademiker allerdings kaum relevant. Es kommt darauf an, was jemand kann, so Weinkopf. Wirklich gefragte Leute können außertariflich bessere Bedingungen verhandeln. Eine Sache von Angebot und Nachfrage. Die Branche boomt - und buhlt um Hochschulabsolventen. Mit der gesetzlichen Neuregelung ist auch die Höchstüberlassungsdauer gekappt worden, was die Beschäftigung von Akademikern in arbeitsintensiven Projekten erheblich attraktiver macht. Vor allem der Run auf Ingenieure, IT-Experten und Finanzfachleute ist in vollem Gange. Mit speziell auf die Zielgruppe zugeschnittenen Geschäftsbereichen oder Tochterfirmen reißen sich die Marktführer um die besten Kräfte.
Ein lohnendes Geschäft: Je höher qualifiziert die Tätigkeit des Vermittelten, desto größer die Marge für den Anbieter. Die Zahlen sprechen für sich. In nur drei Jahren ist die Zahl der Zeitarbeitnehmer um 114.000 auf rund 444.000 gestiegen. Allein die Schweizer Adecco kündigt für dieses Jahr 16.000 neue Jobs in Deutschland an, davon 4.000 bei der auf Hochqualifizierte spezialisierten Tochter DIS. Selbst breit aufgestellte Anbieter wie Randstad, mit einem eher niedrigen Akademikeranteil von 5 Prozent, sind intensiv auf der Suche, um ihren Geschäftspartnern die gesamte Dienstleistungspalette präsentieren zu können. Was Zeitarbeit anbelangt, sind die Deutschen generell etwas zurückhaltender als andere Nationalitäten, stellt Ingrid Hofmann, Inhaberin der Hofmann Personal Leasing, fest. Aber auch hier hat man die Notwendigkeit eines flexiblen Arbeitsmarktes erkannt. Als Präsidiumsmitglied der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) und Vizepräsidentin des Bundesverbands Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA) kennt die Geschäftsführerin der I.K.Hofmann GmbH die Belange der Branche sehr genau. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 10 Prozent der Beschäftigten in mittleren und großen Betrieben zukünftig mit Zeitarbeitnehmern besetzt sein müssten, damit Firmen auf wirtschaftliche Veränderungen flexibel reagieren können.
Das ist ein sehr stabiler Trend, jenseits von konjunkturellen Entwicklungen, bestätigt Frank Schabel, Marketingleiter der Hays AG in Mannheim. Fusionen, Outsourcing oder Wachstumsschub: Firmen kaufen Flexibilität und halten ihre Kernbelegschaften schlank. Gehen die Zahlen wieder nach unten, können sie sich imagegefährdende Entlassungen sparen. Von der klassischen Zeitarbeit - ursprünglich darauf angelegt, kurzfristige Personalengpässe im gewerblichen Bereich zu überbrücken - grenzen sich Spezialanbieter betont ab. Die dezidierte Bedarfsanalyse und fachliche Beratung des Kunden sind ebenso selbstverständlich wie die Möglichkeit, komplexe Projekte in den eigenen Kompetenz-Centern abzuwickeln, so Marcus Pabsch vom Ingenieurdienstleister Brunel. Dass Spezialisten länger als zwei Jahre bei einem Kunden arbeiten, ist nicht unüblich. Je höher die Qualifikation, desto länger der Einsatz, rechnet Vera Calasan, Geschäftsführerin der Amadeus FiRe AG, vor. Das Unternehmen hat sich auf die Vermittlung und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften im kaufmännischen Bereich spezialisiert, ein Viertel der Beschäftigten sind Akademiker. Die Firmen nutzen unseren Dienst, um zukünftige Mitarbeiter kennenzulernen oder ihr Personal kurzfristig aufzustocken. 60 Prozent von ihnen werden übernommen, so Calasan.
Diese Stellen finden Sie sonst nirgendwo, betont Petra Timm von Randstad Deutschland. Sie werden gar nicht erst ausgeschrieben. Gerade für Absolventen sieht sie die Chance, schnell Erfahrung zu sammeln und sich so den Einstieg zu erleichtern. Denn die Fluktuation ist erheblich. Bei Manpower wechselt jeder dritte Arbeitnehmer zum Kunden in eine Festanstellung; unter ihren Ingenieuren beträgt der sogenannte Klebefaktor sagenhafte 90 Prozent. Personaldienstleistung ist ein schnelllebiges Geschäft, sagt Robin Jopp von der Düsseldorfer DIS AG. Es ist ein Fakt, dass viele die Chance nutzen, um Unternehmen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und auf diesem Weg eine Festanstellung zu finden. Bei der auf Industriedienstleistungen spezialisierten Adecco-Tochter liegt die Übernahme bei 40 Prozent. Gerade Akademiker in hochqualifizierten Projekten brauchen viel Input in der Einarbeitungsphase, so Jopp. Wenn eine Firma diese Zeit in einen Mitarbeiter schon investiert hat, wird sie ihn bei Bedarf gerne übernehmen.
Die Firmen nutzen unseren Dienst, um zukünftige Mitarbeiter kennenzulernen oder ihr Personal kurzfristig aufzustocken. 60 Prozent von ihnen werden übernommen.
Auch wenn die Chancen groß sind, selbstverständlich ist der Wechsel nicht. Ingenieur Horst Hoogestraat hat nach anderthalb Jahren Projektarbeit in Wilhelmshaven den Einsatzort gewechselt und ist derzeit über Spezialdienstleister Brunel bei der Meyer-Werft in Papenburg beschäftigt. Der Job passt eigentlich noch besser, stellt der Norddeutsche fest. Vorher habe ich mich als Programmierer mit Automobilkränen beschäftigt, jetzt geht's um Technikräume auf einem Luxusliner. Eine stark auf Teamarbeit ausgerichtete Tätigkeit, in der wir über Fachrichtungen hinweg diskutieren. Das Projekt läuft zunächst über zwölf Monate. Das ist auf der Werft so üblich, sagt Hoogestraat. Der entscheidende Unterschied liegt für ihn in der wechselnden Projekttätigkeit. Die Einsätze sind abhängig von den Kundenanfragen. Auf der anderen Seite hat er auch die Vorteile schon am eigenen Leib erfahren, denn zwischen den beiden Projekten lag eine Zeit des Leerlaufs. Brunel zahlte ihm das Gehalt auch in der Übergangszeit ohne Beschäftigung weiter.
Zeitarbeit wird als Instrument der Arbeitsmarktpolitik nicht nur immer bekannter, wie eine Umfrage der GFK Marktforschung im Auftrag von Hofmann Personal Leasing (HPL) zeigt. Auch unter den Hochschulabsolventen steigt inzwischen die Akzeptanz. 40 Prozent der befragten Akademiker mit Abschluss befürworteten den Job auf Zeit auch als berufliche Einstiegsmöglichkeit für sich selbst. Doch während IT-Spezialisten, Techniker und Wirtschaftswissenschaftler mit offenen Armen empfangen werden, haben es Absolventen der weichen Fächer auch bei den Personaldienstleistern schwer. Berufseinsteiger ohne praktische Erfahrungen werden von vornherein ausgesiebt. Trotzdem sieht Andreas Pallenberg vom Wissenschaftsladen Bonn in der Zeitarbeit auch für Geisteswissenschaftler ein geeignetes Vehikel, um den beruflichen Durchbruch zu meistern. Gerade in der Projektarbeit seien nicht nur Spezialisten gefragt. Sie müssen - neben ihren methodischen Fähigkeiten - auch die Bereitschaft signalisieren, sich in kaufmännischen Gefilden zu bewegen. Dazu könne jeder Ferienjob in einem Unternehmen geeignet sein. Wir haben in den Semesterferien immer viele Studenten, die mit Zeitarbeitsjobs Geld verdienen und gleichzeitig praktische Erfahrungen in Betrieben sammeln, bestätigt Stefanie Buchandt von der Hofmann Personal Leasing (HPL), die sich immer wieder wundert, dass Geisteswissenschaftler diese Möglichkeit so selten nutzen.
Gründliche Personalauswahl und intensive Betreuung sind die Voraussetzung für den Erfolg beim Kunden. Wir brauchen Leute, deren Können möglichst genau zu den Anforderungen der angebotenen Stellen passt, betont Adecco-Manager Andreas Buchelt. Entscheidend für uns ist das Potential, nicht der Abschluss. In Berlin entsteht unter seiner Leitung der neue Geschäftsbereich Sales, Marketing & Events, über 500 Mitarbeiter sind bislang in den Projekten beschäftigt. Gerade in der Zeitarbeit haben viele Führungskräfte selbst als Quereinsteiger angefangen, so Buchelt. Den Geschäftsbereich Marketing sieht er als einen geeigneten Tummelplatz für die unterschiedlichsten Karrieretypen - sofern sie projektorientiert sind, aufgeschlossen und auf Kunden zugehen können. Events und zeitlich befristete Promotions sind für Studenten bestens geeignet, um sich auszuprobieren, Geschäftspartner kennenzulernen und die Einstiegsschwelle ›Berufserfahrung‹ zu minimieren, so Buchelt. Neben dem Projektgeschäft werden wir aber auch immer mehr zu Vermittlern und Begleitern von Karrieren. Wir beraten Berufseinsteiger und zeigen ihnen, wie man an bestimmte Stellen herankommt.
Anja Siemß hatte zwei Monate nach einem Job gesucht, als sie auf eine Anzeige der Deutschen Industrie Service AG stieß. Sie wollte nach dem Studium der Wirtschaftsinformatik in Stralsund unbedingt in die Südhälfte Deutschlands. Sie bewarb sich online, gab dazu ihr Profil ein und schickte Zeugnisse mit. Ich wurde eingeladen und bekam eine persönliche Beraterin an die Seite gestellt, die mit mir zusammen besprach, welche Einsatzmöglichkeiten denkbar wären, erzählt die 26 Jahre alte Datenexpertin. Nach wenigen Tagen kamen immer wieder Anrufe. Sie hat mir alle möglichen Stellen angeboten, Termine für mich gemacht und sie so gebündelt, dass ich nicht ständig die weiten Strecken fahren musste. Drei Wochen nach dem Vorstellungsgespräch fing sie als Junior Controllerin bei einem Lebensmittelkonzern in Wiesbaden an, wo sie Datenbanken betreute und Reportings verfasste. Es war als Projekt angesetzt, aber das Pensum ist so groß, dass es noch weit länger dauern wird. Nur sechs Monate stand sie bei der DIS AG in Lohn und Brot. Seit Januar ist Anja Siemß beim Konzern festangestellt. Im Grunde hat sich dadurch nichts verändert, stellt sie fest. Ich bekomme ein bisschen mehr Geld. Und doch fühle es sich anders an. So eine richtige Zugehörigkeit empfinde ich erst jetzt, sagt die Wirtschaftsinformatikerin. Ich habe meinen Job vorher genauso gut gemacht. Aber wenn man weiß, man geht nur auf Zeit dorthin, ist es schwerer, eine Identität aufzubauen.