20. November 2006 Die deutsche Automobilbranche macht den Spagat: Einerseits will sie ihren Heimatmarkt nicht aufgeben, andererseits verkaufen sich Autos im Ausland immer besser. Gesucht ist der sprachgewandte, flexible Globetrotter-Ingenieur.
Philipp Martini ist glücklich. Er hat nach seinem Studium an der TU Berlin sofort einen gutbezahlten Job in dem Unternehmen bekommen, zu dem er schon immer wollte. Seine Arbeit macht ihm Spaß, das Gehalt stimmt. Der 27jährige Maschinenbauingenieur arbeitet für Daimler- Chrysler. Aber nicht in Stuttgart, sondern seit etwa drei Monaten in Troy im US-Bundesstaat Michigan. Dort betreibt der Konzern gemeinsam mit seinen Konkurrenten BMW und General Motors ein Hybridhaus, in dem Ingenieure an der Entwicklung von Hybrid-Motoren tüfteln, die sowohl mit Benzin als auch mit Gas laufen können.
Ein halbes Jahr in China? Wieso, hier in Erlenbach ist es doch so schön.
Die deutsche Fahrzeugindustrie befindet sich in einem Spagat: Einerseits will sie ihren Heimatmarkt nicht aufgeben, andererseits ergeben sich Wachstumschancen vor allem im Ausland. Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer verweist in dem Zusammenhang auf die höheren Arbeitskosten und das geringere Wachstum hierzulande. Dagegen wird nach Berechnungen von Dudenhöffers Institut B&D-Forecast, das Prognosen für den Automobilmarkt erstellt, die Nachfrage in den nächsten Jahren in Asien, Lateinamerika und Osteuropa drastisch zunehmen. Im vergangenen Jahr gingen von rund 54 Millionen verkauften Autos 70 Prozent in etablierte Märkte. 30 Prozent landeten in Wachstumsregionen, bis 2020 wird deren Autokaufanteil auf 42 Prozent gestiegen sein. Darauf reagiert die deutsche Fahrzeugindustrie, indem sie neue Kapazitäten vor allem in Asien und Amerika aufbaut.
Beispiel Mexiko: Nach Angaben der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) ist die Automobilindustrie dort eine der wichtigsten Wachstumsbranchen. Im vergangenen Jahr wurden in Mexiko etwa 1,7 Millionen Autos produziert, 7 Prozent mehr als im Jahr davor. Für dieses Jahr prognostiziert die bfai noch deutlich größere Zuwachsraten. Die wichtigsten Exportmodelle Mexikos sind der VW New Beetle und der PT Cruiser von DaimlerChrysler. Der Stuttgarter Konzern hat seit dem Jahr 2000 insgesamt 2,3 Milliarden US-Dollar in zwei Werke gesteckt. In diesem Jahr investiert Daimler über eine Milliarde US-Dollar, unter anderem in neue Industrieparks für seine Zulieferer.
Eines der international aufgestellten deutschen Zulieferunternehmen ist die Firma Hella. Sie zählt zu den 100 größten deutschen Industrieunternehmen und beschäftigt weltweit rund 24.000 Menschen in mehr als 65 Fertigungsstätten, Tochtergesellschaften und Joint Ventures. Mehr als 2.900 Ingenieure und Techniker arbeiten bei Hella in Forschung und Entwicklung. Während Hella Ende 2005 hierzulande 6 Prozent weniger Menschen beschäftigte als ein Jahr zuvor, stieg die Mitarbeiterzahl im selben Zeitraum in Asien um 7 Prozent, in Amerika sogar um 15 Prozent. Die Verlagerung von Entwicklungsaufgaben an ausländische Standorte diene mittelfristig der Wachstumssicherung des Unternehmens und erhalte damit Arbeitsplätze in Deutschland, sagt Hella-Sprecherin Janka Gruschczyk. Trotz hoher Lohnnebenkosten setze man zwar weiter auf den Standort Deutschland - Wachstum werde es aber wohl nur im Ausland geben. Zurzeit arbeiten etwa 110 Mitarbeiter, vorwiegend Ingenieure, beispielsweise in Indien, Rumänien und Korea.
Bevor Ingenieure allerdings ihr Glück außerhalb Deutschlands suchen, müssen sie sich gut vorbereiten - berufliche Qualifikation alleine reicht da nicht aus. Bei aller fachlichen Kompetenz ist Fremdsprachen-Fitness unbedingt erforderlich, heißt es bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung, der internationalen Abteilung der Bundesagentur für Arbeit. Besonders gründlich geht Daimler-Chrysler bei der Mitarbeitervorbereitung vor, das Unternehmen hat dafür ein International Transfer Center gegründet. Vom Sprachtraining über Seminare zu den kulturellen Besonderheiten bis hin zu Schnupperbesuchen des Einsatzlandes wird hier eine Menge geboten. Nicht alle Ingenieure lassen sich davon überzeugen, sagt der Stuttgarter Personalberater Wolfgang Eckelt: Viele wollen gar nicht ins Ausland. Die sind oft äußerst bodenständig und sagen sich: Ein halbes Jahr in China? Wieso, hier in Erlenbach ist es doch so schön.
Wer sich für einen Auslandsaufenthalt interessiert, sieht darin die Chance, sich schneller persönlich und fachlich weiterentwickeln zu können, sagt Gabi Rujoub, Sprecherin der Firma Brose, Weltmarktführer bei Fensterhebern und Türsystemen. Das Coburger Unternehmen ist in 19 Ländern an fast 40 Standorten vertreten. Welche Bedeutung der globale Markt für Brose einnimmt, läßt sich an der Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres ablesen: 2005 erwirtschaftete der Konzern erstmals mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Ausland. Bevorzugte Länder für Ingenieure sind die USA, Kanada, Mexiko, Spanien, Brasilien, China und Japan, sagt Gabi Rujoub. Die Kandidaten müßten zumindest Englisch fließend sprechen, über eine hohe interkulturelle Kompetenz verfügen, sehr flexibel sein und eigenständig arbeiten können.
Diese Qualifikationen verlangt auch der Zulieferer Dräxlmaier von seinen grenzüberschreitenden Mitarbeitern. Das Unternehmen war unter anderem an der Entwicklung der Luxuslimousine Maybach beteiligt, verantwortete die Entwicklung des kompletten Bordnetzsystems und Interieurs. Weltweit hat das Unternehmen mit Hauptsitz im niederbayerischen Städtchen Vilsbiburg auf vier Kontinenten 42 Standorte mit über 25.000 Mitarbeitern. Nur zwölf der Standorte mit etwa 5.000 Mitarbeitern befinden sich in Deutschland. Besonders viele Bewerber melden sich für einen Einsatz in den USA und in Mexiko.
Daß viele Ingenieure deshalb ins Ausland wollen, weil sie sich davon einen Karrieresprung erhoffen, glaubt Hella-Sprecherin Gruschczyk: Doch Philipp Martini, der für DaimlerChrysler in Michigan an den Hybrid-Motoren tüftelt, schätzt den Anteil der Auslandsarbeit am Karrierekuchen nüchtern ein. Das hängt von vielen Dingen ab - unter anderem, wie erfolgreich das Projekt war, an dem man mitgearbeitet hat. DaimlerChrysler-Sprecherin Verena Müller bestätigt das kurz und knackig: Ein Auslandsaufenthalt ist keine zwangsläufige Beförderungsgarantie.