16. Mai 2006 Nach mageren Jahren hat sich die Unternehmensberatung heute wieder zum attraktiven Einstiegsfeld gemausert: Die Zahl der gesuchten Hochschulabsolventen steigt ständig. Bei welcher Beratung man anklopft, scheint egal zu sein, denn am Ende ist die Arbeit doch bei allen gleich. Tatsächlich?
Die Big Champions
McKinsey, Boston Consulting Group, Roland Berger - diese Namen lassen die Augen vieler Bewerber erwartungsvoll aufleuchten: Wer beste Abschlußnoten vorweisen kann und es auf eine Karriere in der deutschen Wirtschaft anlegt, versucht es traditionell bei den Big Champions unter den Strategieberatungsfirmen. Diese Ausstrahlungskraft haben die Großen zu Recht, weiß Dietmar Fink, Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg und Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung. Es gibt kein besseres Sprungbrett für eine spätere Laufbahn im Management. Der ausgewiesene Kenner des Consultingmarkts sieht aber zwischen den Big Champions der Branche erhebliche kulturelle Unterschiede.
Ein zentrales Merkmal ist die Intensität, mit der das Up-or-Out-Prinzip praktiziert wird, faßt Fink zusammen. Je höher die Reputation einer Unternehmensberatung, desto stärker muß man dort kämpfen, um weiterzukommen. Das ist jedoch nur ein Unterscheidungsmerkmal unter vielen: Jede einzelne Consultingfirma zeichnet sich durch ihr ganz spezifisches Arbeitsklima und durch ihre Reputation in der Wirtschaft aus.
Wer beispielsweise Wert auf eine möglichst schnelle Karriere nach der Zeit als Consultant legt, ist laut Dietmar Fink bei McKinsey gut aufgehoben. Denn diese Unternehmensberatung habe in den Managementetagen der deutschen Wirtschaft mit den besten Ruf. Intellektuelle Herausforderungen und die Chance, kreativ zu arbeiten, finde man als Berater am ehesten bei der Boston Consulting Group. Das heißt jedoch nicht, daß das Up-or-Out-Prinzip dort weniger hart praktiziert werden würde, weiß Fink. Bei Roland Berger hat mit dem Aufrücken von Burkhard Schwenker an die Unternehmensspitze ein entscheidender Führungswechsel stattgefunden: Deshalb zeichnet sich diese Beratung durch eine ausgeprägte Aufbruchstimmung aus, findet Fink. Allerdings muß der neue Chef erst noch zeigen, daß er Roland Berger erfolgreich in die Zukunft führen kann.
Die Verfolgergruppe
Hinter den drei führenden Managementberatungen macht Dietmar Fink eine Verfolgergruppe aus, die den Großen zunehmend Konkurrenz machen. Dazu zählt er unter anderem Booz Allen Hamilton und Bain & Company. Es ist erstaunlich, wie leise, still und heimlich sich Booz Allen in den letzten Jahren emporgearbeitet hat. Wer ein angenehmes Umfeld suche, werde dort am ehesten fündig: Das Ellbogenprinzip hat sich bei Booz Allen nicht so stark durchgesetzt wie in anderen Unternehmensberatungen, findet der Consultingexperte. Bain & Company habe in jüngster Zeit viel in den Ausbau des deutschen Geschäfts investiert. Das zahlt sich jetzt aus. Das Unternehmen hat eine starke Stellung im Markt, als Einsteiger hat man dort gute Startvoraussetzungen. berichtet Fink.
Die Aufsteiger
An der Umsatz- und Mitarbeiterzahl gemessen, zählen weiterhin Mercer Management Consulting, A.T. Kearny und Deloitte zu den zehn größten Unternehmensberatungen. Auch hier macht der Consultingkenner Fink kulturelle Unterschiede aus: Bei A.T. Kearny herrscht derzeit eine enorm positive und ehrgeizige Stimmung. Denn das Consultingunternehmen war bis Januar eine Tochter des EDS-Konzerns, hat sich nun freigekauft und ist entschieden, als eigenständige Unternehmensberatung in die Spitze der Branche aufzurücken. Deloitte Consulting sieht Dietmar Fink als interessante Alternative zu den klassischen Unternehmensberatungen. Denn als Tochter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bietet Deloitte Einsteigern ein umfassenderes Kompetenzbündel an, das weit über die Beratertätigkeit hinausgeht. Wer die besten Aufstiegschancen nicht in der Wirtschaft, sondern innerhalb der Beraterbranche sucht, sei bei Mercer Management Consulting nicht schlecht bedient. Denn die sind zwar im Vergleich zu den ganz Großen des Marktes noch etwas kleiner, werden aber in nächster Zeit stark wachsen, prognostiziert Fink.
Die Stimmungsmacher
Daß sich Unternehmensberatungen in ihrer Firmenkultur unterscheiden, hat nicht unbedingt etwas mit gezielter Steuerung zu tun. Unternehmenskulturen, die sich über Jahre herausgebildet haben, setzen sich irgendwann ganz von selbst und fast unbewußt fort, so Fink. Aber sicherlich spielten einzelne Persönlichkeiten für die Prägung eines Unternehmensstils eine entscheidende Rolle. So zum Beispiel der langjährige Deutschland-Chef bei McKinsey Herbert A. Henzler oder Bolko von Oetinger, der erste deutschsprachige Berater der Boston Consulting Group. In diese Reihe der Koryphäen gehörte auch Roland Berger, der seinem Unternehmen über Jahrzehnte seinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt hat.
Große Unterschiede zwischen deutscher und US-amerikanischer Unternehmenskultur sieht Dietmar Fink dagegen nicht: Ich glaube, das spielt gerade bei den international agierenden Unternehmensberatungen keine große Rolle. Interessant sei vielmehr, daß in den einzelnen Landesbüros unterschiedliche Stimmungen herrschten.
Die Kundenlieblinge
Dietmar Fink und sein Team vom Bonner Institute of Management and Consulting Sciences überprüfen Unterschiede zwischen den Consultingfirmen noch in anderer Hinsicht: Regelmäßig befragen sie Hunderte von deutschen Führungskräften nach ihren Erfahrungen und ihrer Zufriedenheit mit den Beratern. Die Ergebnisse zeigen, wer aus Sicht der Kunden im Beratungsgeschäft die Nase vorn hat.
An der Spitze der Untersuchung ist das Ergebnis seit Jahren dasselbe: Die Boston Consulting Group und McKinsey sind unangefochtene Platzhirsche der strategischen Beratung. Egal ob Autoindustrie, Chemiebranche oder Banken - sie alle stecken das meiste Vertrauen in diese beiden Unternehmensberatungen.
Der Grund: Beide Häuser besitzen aus Sicht der Kunden eine umfassende Branchenkompetenz. Wer neben ihnen bestehen will, muß sich in einer Nische breitmachen, so ein Ergebnis der Fink-Studie.
Was Consultingexperte Fink ebenfalls regelmäßig mit seiner Studie herausfindet, ist die abweichende Akzeptanz von Beratern in unterschiedlichen Branchen: Während beispielsweise das Management von Handelsunternehmen sehr skeptisch sei, schätzen Autokonzerne sowie Banken und Versicherungen den Rat der Consultants sehr hoch ein. Deshalb halten sich hier oft Teams gleich mehrerer Unternehmensberatungen über Jahre im Hause auf. Vor allem bei den Finanzdienstleistern steige der Beratungsbedarf weiter an, denn die Konsolidierungswelle in der Branche sei noch nicht ausgelaufen.
Die Branchensieger
IIm Detail zeigte die letzte Aktualisierung der Studie des Institute of Management and Consulting Sciences vor anderthalb Jahren die Verschiebungen zwischen den wichtigsten Big Champions: Dabei haben BCG und Roland Berger auf Kosten von A.T. Kearney zugelegt, und zwar besonders bei Banken und Versicherungen. Bei Konsumgüterkonzernen überholte Roland Berger BCG, in der pharmazeutischen Industrie hat Arthur D. Little zugelegt. Und im Maschinen-, Anlagen- und Fahrzeugbau waren A.T. Kearney und Mercer klare Gewinner, während BCG und Roland Berger in dieser Branche leicht verloren. In der Telekom-, IT-, Medien- und Elektroindustrie haben indes McKinsey und BCG die vorderen Plätze getauscht.
Zwei Wachstumsbranchen gibt es laut der Studie, in denen Unternehmensberatungen in Zukunft gute Geschäfte machen könnten: das Gesundheitswesen und die öffentliche Hand. Während die Consultants im Health-Care-Bereich durchaus ihre Chancen erkennen, sind sie bei Behörden und Ministerien eher zurückhaltend. Die Gefahr, in den Mühlen politischer Auseinandersetzungen in die Kritik zu geraten, ist vielen zu groß. Bei allen Unterschieden in Kompetenzbeurteilung und Branchenruf ist hingegen der Auftrag an alle Unternehmensberater in den unterschiedlichen Branchen nahezu derselbe, dies ist ein weiteres Ergebnis von Dietmar Finks Studie Management Consulting: Insgesamt geht es fast immer um die Reorganisation von Geschäftsprozessen, die Verschlankung von Fertigungsprozessen, den Ausbau von E-Business und die Entwicklung von Wachstumsstrategien.
Die Hidden Champions
Der Stempel großer Unternehmensberatungen zahlt sich für eine steile Karriere immer noch am besten aus. Doch für Bewerber lohnt sich der Blick auch auf kleinere, renommierte Consultingfirmen. Der Vorteil dieser Hidden Champions sind die internen Entwicklungsperspektiven, sagt Prof. Dietmar Fink. Hier können Sie als Einsteiger in einem Maße mit den Unternehmen mitwachsen, das bei den Big Playern nicht mehr gegeben ist.
Der Consultingexperte nimmt deshalb nicht nur die großen Player der Branche unter die Lupe: Aktuell erstellt er auch eine Studie über die zukunftsträchtigsten Hidden Champions in Deutschland. Um als solche bezeichnet zu werden, setzte Fink das Kriterium an, in mindestens einer Beratungsdisziplin von Kunden besser bewertet zu werden als BCG, Roland Berger und McKinsey: Nur acht oder neun von 40 Unternehmen werden dies voraussichtlich schaffen, berichtet Fink. Seine Ergebnisse will der Betriebswirtschaftsprofessor voraussichtlich im Juni im Manager Magazin veröffentlichen.