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Milliardenschwere Deals, riskante Aktiengeschäfte, ausgefeilte Anlagestrategien

Ausbildung zum Finanzmarktanalysten

Von Ingmar Höhmann




23. Juni 2008 
Wer seine Zukunft als Geldjongleur im Finanzwesen plant, kann sich jetzt gezielt dafür ausbilden lassen. Der US-amerikanische Chartered Financial Analyst (CFA) und der deutsche Certified International Investment Analyst (CIIA) weisen Hochschulabsolventen als kompetente Finanzanalysten aus.

Die Prüfungsangst kommt aus dem Nichts. Dabei ist Helge Bouchain gut vorbereitet: Seit Monaten opfert er seine Wochenenden, um den Stoff auswendig zu lernen. Die drei Wochen vor der Prüfung hat er sich sogar beurlauben lassen, und jetzt kann er die Aufgaben fast im Schlaf beantworten. Die ersten beiden Stufen des dreigeteilten Examens hat er bereits gemeistert, doch kurz vor der Abschlussprüfung bricht ihm der Schweiß aus.

„Stressig“ sei das gewesen, sagt der 31-Jährige heute, ein halbes Jahr später. „Ich musste auf den Punkt die Antworten parat haben und unter Zeitdruck schreiben.“ Thema Marktanalyse: US-Anleger haben japanische Anleihen gekauft. Steigt die Rendite, wenn der Dollarkurs fällt und die Zinsen steigen? Oder war es umgekehrt? 120 Fragen in drei Stunden, einmal morgens, das Gleiche noch einmal am Nachmittag. „90 Sekunden pro Frage sind zu wenig, um bei einer Antwort ins Zweifeln zu kommen, da muss das Gelernte sitzen, sagt Bouchain.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Seit Herbst 2007 trägt Helge Bouchain den Titel eines Chartered Financial Analyst (CFA). Außer Diplom-Wirtschaftsmathematiker ist er nun zusätzlich zertifizierter Finanzmarktanalyst mit einem Abschluss des renommierten CFA Institute aus dem US-Bundesstaat Virginia. Das neu erlangte Wissen kommt ihm bei seiner Arbeit zugute: Als Rentenmarktanalyst untersucht er für die HSH Nordbank die Anleihenmärkte und schätzt Kurs- und Renditechancen ein. Dass Bouchain ein Händchen für sicheres Geld hat, davon zeugen nun drei neue Buchstaben auf seiner Visitenkarte.

Der CFA-Test ist eine der härtesten Prüfungen der Welt. Jedes Jahr fällt etwa die Hälfte der Kandidaten durch. Wer sich jedoch erfolgreich durch die Ausbildung kämpft, hat einen Eintrittsschein in die Eliteliga der Finanzbranche sicher, denn die großen Investmentbanken setzen auf die Absolventen. Eine Umfrage der Beratungsfirma Russell Reynolds Associates unter amerikanischen Investmentfachleuten mit mehr als zehnjähriger Berufserfahrung ergab, dass CFA-Inhaber 18 Prozent mehr verdienen als Berufskollegen mit einem MBA-Abschluss.

Doch es geht derzeit weniger um Geld als um einen sicheren Job. Denn die Finanzmarktkrise schlägt sich auch im Arbeitsmarkt nieder: In den USA sind Jobs in der Branche längst rar geworden, weil die Banken Kosten einsparen. Auf der Jagd nach Rendite haben viele Kreditinstitute ihr Risikomanagement vernachlässigt. Die Fast-Pleite der ehemals angesehenen Investmentbank Bear Stearns im März und der folgende Notverkauf an den Konkurrenten JP Morgan ist nur ein Beispiel. Auch in Deutschland hinterlässt die Krise Spuren: Eine ganze Reihe von Kreditinstituten musste viel Geld abschreiben, das sie in unsichere US-Hypothekenanleihen investiert hatten - und ein Ende der Abwärtsspirale ist noch nicht abzusehen.

Um die Krise zu meistern, suchen die Banken nun verlässliches Personal - und das muss gute Referenzen vorweisen können. „Die Krise auf den internationalen Finanzmärkten bietet auch Chancen“, sagt Klaus Biermann, Geschäftsführer der auf Finanzdienstleistungen spezialisierten Personalberatung Smith & Jessen. Uni-Absolventen mit einer CFA-Zusatzausbildung seien jetzt gefragte Leute. „Der Druck auf die Mitarbeiter der Banken ist gestiegen, sich selbst noch mehr zu qualifizieren“, sagt der Headhunter. Ein Master in Finance oder ein CFA sei für einige hoch dotierte Jobs schon fast eine Grundvoraussetzung. Qualifikation wird immer wichtiger, denn nur ein anerkannter Titel bietet eine gewisse Garantie, dass ein Mitarbeiter die Mechanismen der Finanzmärkte auch richtig einschätzen kann. Die Welt sei komplexer und riskanter geworden, sagt Peter König, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA). „Wegen der Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten ist im Markt das Bewusstsein gewachsen, dass die Absolventen andere Fachkenntnisse brauchen als noch vor zwanzig Jahren.“

Das normale Studium an einer Universität reicht dazu nicht mehr aus. Experten wie König bemängeln seit langem die fehlende Praxisnähe der akademischen Ausbildung. Auch Klaus Röder, Professor für Finanzdienstleistungen an der Universität Regensburg, sieht Verbesserungsbedarf: „Derzeit kommt die Finanzanalyse in den allermeisten Studiengängen zu kurz. Die Studenten bekommen breite Kenntnisse in der Betriebswirtschaftslehre vermittelt, die aber nicht unbedingt für den Alltag in der Finanzanalyse-Abteilung einer Bank ausreichen.“

Kein Wunder, dass der Postgraduierten-Studiengang zum CFA mittlerweile zum Dauerbrenner geworden ist - und zwar weltweit. Nachdem sich im Jahr 1990 erst knapp 10.000 Kandidaten prüfen ließen, waren es 2006 bereits mehr als 84.000. Mittlerweile macht sich die Masse bemerkbar: Studien zufolge nimmt in den Wochen vor dem Examen sogar der Handel an der Wall Street ab, da sich viele Broker eine Auszeit zum Lernen nehmen. Und auch in den Tagen danach lahmt der Umsatz - weil sich die Examenskandidaten erholen müssen. Nicht nur in New York sorgt der CFA für Prüfungsstress. Mehr als die Hälfte der Anwärter kommt inzwischen aus Ländern außerhalb der USA. Das Interesse steigt vor allem in Asien. In Deutschland ist die Nachfrage dagegen vergleichsweise gering. Während nach Angaben des CFA Institutes in Hongkong und Singapur fast jeder zweite Investmentprofi einen CFA-Abschluss besitzt, liegt die Quote in der Bundesrepublik bei weniger als 2 Prozent.

Der Grund dafür ist die starke Position der hiesigen Konkurrenzorganisation DVFA. Diese bietet seit Jahrzehnten eine eigene Zusatzausbildung an. Vor fünf Jahren hat die Standesvereinigung ihre Ausbildung an die Globalisierung der Finanzmärkte angepasst und das Diplom des „Certifid International Investment Analyst“ (CIIA) eingeführt, das 27 Verbände weltweit anerkennen. In Deutschland machen jährlich etwa 160 Investmentprofis einen solchen Abschluss.

Der Vorteil des CIIA liegt vor allem in der kürzeren Ausbildungsdauer. Während das amerikanische Pendant als Fernstudium mindestens drei Jahre dauert, drillt die DVFA ihre Studenten in Blockseminaren mit Präsenzunterricht in nur sieben Monaten. Unterschiedlich sind auch die Inhalte: Beim CIIA behandelt beispielsweise ein Fünftel des Unterrichtsinhalts das deutsche Kapitalmarktrecht. Die Konkurrenzausbildung hingegen konzentriert sich vor allem auf das amerikanische Recht.

Die DVFA lässt sich ihre Veranstaltungen gut bezahlen: Selbst wer einen Frühbucherrabatt bekommt, muss mit 10.900 Euro rechnen. Der CFA dagegen kostet nur knapp 2.000 Euro. Doch die Mehrausgaben lohnen sich, denn beim CIIA fallen nur 5 Prozent der Anwärter beim ersten Versuch durch. Der größte Nachteil war bis vor kurzem die fehlende Akzeptanz in den angelsächsischen Ländern. Wer beispielsweise am größten europäischen Finanzplatz London als Anlageberater arbeiten will oder in einer Investmentbank Kundenkontakt hat, muss erst eine Spezialausbildung absolvieren. Ein erster Schritt ist nun getan: Im vergangenen August gewährte die Londoner Aufsichtsbehörde Financial Services Authority nach langem Zögern dem CIIA ihre Anerkennung. Damit sparen sich die Absolventen zumindest in Großbritannien eine Doppelprüfung.

Ob der DVFA-Abschluss allerdings dem Platzhirsch CFA auf Dauer den Rang ablaufen kann, ist eher fraglich. Zu groß ist der Bekanntheitsgrad des amerikanischen Titels, zu fest ist er als Standard in der internationalen Finanzszene verankert. Sogar DVFA-Geschäftsführer König sieht das ein: „Derjenige, der in einer amerikanischen Investmentbank arbeitet und dort Karriere machen will, wird zum CFA neigen, weil dieser in den angelsächsischen Ländern etablierter ist.“

Damit gilt: Wer auf einen lukrativen Job an der New Yorker Wall Street schielt, sollte vom CIIA lieber die Finger lassen. „Je internationaler die Häuser werden, desto höher ist die Erwartung, dass Bewerber einen CFA-Abschluss besitzen“, sagt Headhunter Biermann. Anders sieht es hingegen bei Finanzprofis aus, die an eine Karriere im Ausland keinen Gedanken verschwenden - und in ihrem Beruf vor allem die Gepflogenheiten des deutschen Marktes kennen müssen.

Ausbildungsangebote

Certified International Investment Analyst
Den Abschluss zum Certified International Investment Analyst (CIIA) bietet der Branchenverband Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) an. Die Ausbildung ist gedacht für Hochschulabsolventen mit erster Berufserfahrung oder für erfahrene Praktiker. Für 10.900 Euro bekommen die Teilnehmer Seminare mit Präsenzunterricht angeboten, die sie in sieben Monaten auf die Abschlussprüfung vorbereiten. In vielen Fällen übernehmen die Arbeitgeber die Ausbildungskosten. Die Durchfallquote beträgt nur knapp 5 Prozent.

Chartered Financial Analyst
Wer sich zum Chartered Financial Analyst (CFA) weiterbilden will, braucht einen Hochschulabschluss oder vier Jahre Berufserfahrung an den Finanzmärkten. Anbieter ist das CFA Institute in den Vereinigten Staaten. Die Ausbildung zieht sich über mindestens drei Jahre hin, da die Teilnehmer jedes Jahr nur einen Teil des dreistufigen Examens absolvieren können. Da es keine Seminare gibt, müssen sich die Kandidaten zu Hause auf die Prüfung vorbereiten und selbst für ihre Prüfungsunterlagen aufkommen. Zusammen mit den Anmeldegebühren kommen sie aber mit insgesamt etwa 2.000 Euro weitaus günstiger weg als mit dem CIIA. Wer allerdings durch eine Prüfung fällt, muss erneut zahlen - und das ist bei Durchfallquoten von 50 Prozent keine Seltenheit.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 112
Bildmaterial: Dana Zimmerling