14. Mai 2009
Die Hochschulen bereiten in Soft-Skills-Seminaren ihre Studenten auf die harte Berufswelt vor. Staat und Wirtschaft begrüßen das als Erwerb von Schlüsselkompetenzen. Kritiker sind skeptisch: Persönlichkeit entstehe nicht durch Trockenübungen in Massenvorlesungen.
Manuel Blechschmidt weiß jetzt ganz genau, wie man Frauen kennenlernt. Vor kurzem hat es ihm ein professioneller Flirt-Trainer beigebracht. Es war aber nicht Einsamkeit, die den angehenden IT-Ingenieur dazu trieb, den Kurs zu belegen. Kontaktaufnahme mit dem weiblichen Geschlecht sei ihm noch nie schwergefallen, sagt Blechschmidt. Doch beim Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) in Potsdam, wo er studiert, ist das AufreißTraining Pflicht.
Flirtstrategien auf Partys, flotte Sprüche für E-Mails und SMS, schnelle Frustverarbeitung nach einer Abfuhr: Blechschmidt und 300 Kommilitonen lernten jeden Kniff. Die Vorlesung ist Teil des Soft-Skills-Kolloquiums, und das muss jeder durchlaufen, der in Potsdam einen Masterabschluss machen will. Eine ganz tolle Sache sei die Flirtvorlesung, verteidigt HPI-Prokurist Timm Krohn die Veranstaltung. Sie trage dazu bei, dass seine Studenten die besten Sozialkompetenzen in ganz Deutschland erwerben. Die sogenannten Soft Skills seien heute wichtiger als Fachwissen - und ohnehin das grundlegende Element des humboldtschen Bildungsideals.
Flirten statt pauken: An den deutschen Unis hält eine neue Leichtigkeit Einzug. Die meisten Hochschulen verpflichten ihre Studenten inzwischen zu Veranstaltungen, die Soft Skills vermitteln. Sie reagieren damit auf den wachsenden Druck von Staat und Wirtschaft, die zunehmend darauf drängen, dass Absolventen mehr als trockenes Fachwissen mitbringen. Doch ob Crash-Kurse das richtige Mittel sind, um allseits gefällige Alleskönner zu formen, ist fraglich. Soziale Kompetenz ist schön und gut, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Doch so, wie derzeit Soft Skills vermittelt werden, funktioniert es nicht. Es ergibt keinen Sinn, in einer Vorlesung mit 300 Studenten Teamfähigkeit zu lehren.
Gruppenarbeit und frühzeitige Praxiserfahrung im Beruf - das nennt Meyer auf der Heyde als die besten Wege, um an der Persönlichkeit zu arbeiten. Viele Universitäten hingegen pferchen ihre Studenten dazu in überfüllte Hörsäle. Denn die Zeit drängt: Bis 2010 müssen sie die Vorgaben des Bologna-Vertrages der Europäischen Union umgesetzt haben. Darin vorgesehen ist nicht nur, einen einheitlichen Hochschulraum zu schaffen. Studenten sollen dann auch Selbständigkeit, Kreativität und Verantwortungsbereitschaft lernen - und so nach dem Studium fit für den Arbeitsmarkt sein.
Nicht nur der Zeitdruck verleitet die Hochschulen zu Schnellschüssen. Die Vorgaben von Bologna sind vage, die Unis auch deshalb mit der Umsetzung heillos überfordert. Vom Fremdsprachenkurs über Bewerbertrainings, von Nachhilfe in Geschichte bis hin zum Anmach-Spezial ist alles im Angebot, was sich irgendwie unter dem Stichwort Schlüsselqualifikation einordnen lässt. Viele Hochschulen machen es sich zu leicht, sagt Christian Kramberg, Geschäftsführer der Personalberatung MSW & Partner. Sie fragen bei den Professoren nach, wer sich mit sozialen Kompetenzen auskennt. Der erste, der sich meldet, hält dann die Vorlesung dazu.
Oft bleibt dabei der Bezug zum jeweiligen Fach auf der Strecke. Die Hochschulen müssten die Inhalte der Soft-Skills-Veranstaltungen viel stärker auf die Anforderungen der späteren Berufe ausrichten, sagt Kramberg. Ein Informatiker braucht keinen Knigge-Kurs in Geschäftsetikette, sondern eher ein Kommunikationstraining. Flirtvorlesungen wie in Potsdam seien ganz sicher fehl am Platz. Kopfschütteln erntet die Ziellosigkeit des universitären Vorgehens auch bei professionellen Trainern. Bei einigen Hochschulen beschränkt sich die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen auf eine Ringvorlesung. Das kann natürlich nicht funktionieren, sagt Peter Legner, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und Coach für soziale Kompetenzen. Statt Fakten zu lernen, müssten die Studenten ein Gefühl für Situationen entwickeln - etwa in Rollenspielen und Teamprojekten. Es ist etwas anderes, ob ich als Dozent fachliche Inhalte vermittle oder ob ich jemandem beibringe, wie er mit anderen Menschen umzugehen hat, sagt Legner. Wenn ich ein Referat darüber gehört habe, wie ich Konflikte lösen kann, dann heißt das noch lange nicht, dass ich das auch automatisch umsetzen kann.
Wer allerdings in der Freizeit an seinen sozialen Fähigkeiten feilt, der stößt bei den Hochschulen auf Ignoranz. Der freiwillige Zeitaufwand erspart ihnen nicht den akademischen Soft-Skills-Marathon - denn die Hochschulen erkennen außeruniversitäres Engagement als Ersatz für ihre eigenen Veranstaltungen nicht an. Das ärgert viele Studenten, die sich von ganz allein eine hohe Sozialkompetenz aneignen, indem sie viel Zeit für Ehrenamt und soziale Projekte außerhalb der Universität aufwenden.
Einer von ihnen ist Christian Berg, Vize-Präsident des Deutschen Studentenwerks und ehemaliges Vorstandsmitglied in der Studentenvertretung FZS. Der 27-jährige Politikstudent hat in vielen Jahren selbst gelernt, wie er sich in den verschiedenen Interessengruppen der Hochschulpolitik durchzusetzen hat. Nachhilfe bei Teamarbeit und Konfliktmanagement hat er nicht mehr nötig - erst recht nicht in Massenvorlesungen an der Universität. Man kann zwar die Theorie der Sozialkompetenz lernen, sagt er. Aber die Praxis gibt es nur außerhalb der Hörsäle. Ihm selbst sind die Soft-Skills-Kurse allerdings erspart geblieben, da sie in seinem Studiengang noch nicht integriert waren. Ein Glück sei das gewesen, sagt Berg, dafür hätte ich überhaupt keine Zeit gehabt.
Die Anforderungen der Wirtschaft an die Absolventen - und damit auch an die Unis - steigen. Seit Jahren fordern Personaler von den deutschen Bildungseinrichtungen, mehr Wert auf Persönlichkeitsentwicklung zu legen. Soziale Nieten, so der Tenor, haben bei den Arbeitgebern ausgedient. Einer Studie der Personalberatung Kienbaum zufolge erwarten die Unternehmen von Hochschulabsolventen mittlerweile eine ganze Liste an Soft Skills; ganz oben stehen Lernbereitschaft, Eigenmotivation und Teamfähigkeit.
Immer blumiger formulieren auch Personalverantwortliche ihre Stellenanzeigen - danach, so scheint es, suchen viele Betriebe heute eher hyperaktive Plaudertaschen als fachlich versierte Mitarbeiter. So verlangt die Unternehmensberatung Roland Berger vor allem Energie und Dynamik, Kollegialität und Empathie, Internationalität und Erfolgswillen, der Elektrotechnik-Konzern Siemens will vertrauensvolle Partner für unsere Kunden, die sich in nationalen und internationalen Beratungsprojekten wohl fühlen, aktuelle Herausforderungen annehmen und es als Bereicherung ansehen, neue Netzwerke aufzubauen.
Kein Wunder, dass sich viele Universitäten heute eher als Persönlichkeitsschmieden verstehen denn als Bildungseinrichtungen. Soft-Skills-Veranstaltungen an deutschen Hochschulen belegen teilweise schon mehr als ein Fünftel des Lehrplans. Zwar sei die Idee im Prinzip nicht falsch, sagt Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes, der Berufsvertretung der Universitätslehrer. Doch einige Hochschulen schießen über das Ziel hinaus. Wenn Soft Skills zum Selbstzweck werden, bleibt die Wissenschaft auf der Strecke.
Wirkung statt Wissen: Als Geschäftsleute profitieren Karrieretrainer vom universitären Streben nach Schlüsselqualifikationen - es hat ihnen einen ganz neuen Markt eröffnet. Händeringend suchen die Hochschulen nach Experten, die ihre Studenten auf weiche Fähigkeiten drillen. Die Nachfrage der Hochschulen ist riesig, sagt Coach Legner. Weil sie selbst nicht wissen, wie sie Soft Skills vermitteln sollen, engagieren sie nun Trainer von außen. Nutznießer sind auch Weiterbildungsanbieter wie die Technische Lehranstalt Atlop in Berlin. Die Einrichtung hat eigens eine Ausbildung für die neuen Soft-Skills-Experten geschaffen. Bereits 90 Trainer haben dort einen Abschluss als Hochschuldozent für Schlüsselqualifikationen gemacht.
Die Hochschulen greifen gerne auf die Experten zurück - verlangt die Lehre von Soft Skills doch eine gänzlich andere Didaktik als die von Fachwissen. Einige Hochschulen haben dies schon früh erkannt. Einer der Vorreiter ist die Ruhr-Universität Bochum. Sie gehörte als einzige staatliche Universität zu den Siegern des bundesweiten Wettbewerbs Schlüsselqualifikationen plus im Jahr 2006, den der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Stiftung Mercator ausgeschrieben hatten. In Bochum orientieren sich sowohl Inhalte als auch Vermittlung konsequent an den Anforderungen im Beruf: So eignen sich die Studierenden außerfachliche Kompetenzen beispielsweise in den Bereichen Fremdsprachen, Präsentation und Argumentation an.
Als Vorbild gilt auch die Universität Hamburg: Bei den Lehrveranstaltungen zu Schlüsselqualifikationen steht die Berufsnähe im Vordergrund. Am Ende eines Seminars müssen praxisbezogene Kompetenzen stehen, nicht nur Fachwissen, sagt Frank Schätzlein, stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Studium und Beruf an der Universität. Entsprechend sehen auch die Prüfungen aus: Projekte, Fallbeispiele und praktische Tests ersetzen hier die reine Wiedergabe von auswendig gelerntem Buchwissen. Bestandteil ist in Hamburg auch ein Praktikum. Dort sehen die Studenten, wo sie mit ihren Kompetenzen stehen und wo sie Defizite haben, die sie dann durch entsprechende Kurse ausgleichen oder vertiefen können, sagt Schätzlein.
Die Studentenschaft zweifelt noch, ob die in Hochschulseminaren erworbene Sozialkom- petenz wirklich zum Karrieresprungbrett wird. Dass Soft Skills im Berufsleben wichtig sind, ficht auch der Potsdamer Student Blechschmidt nicht an, ganz im Gegenteil: Ein sicheres Auftreten beispielsweise habe immense Vorteile, sagt er. Blechschmidt spricht aus Erfahrung: Neben seinem Masterstudium arbeitet der 22-Jährige bereits in einem Vollzeitjob als Software-Entwickler. Für einen Make-up-Produzenten hat er einen Internetshop aufgebaut, für einen Modehersteller einen elektronischen Newsletter konzipiert. Wenn ich eine Online-Plattform für eine halbe Million Euro verkaufen will, muss ich einen sicheren Eindruck machen und nicht nur vor Fachwissen strotzen, sagt der Student.
Die Bemühungen der eigenen Hochschule um seine sozialen Fähigkeiten nimmt Blechschmidt allerdings eher locker. Während einige Veranstaltungen ganz sinnvoll seien, sieht er im Frontalkurs im Anmachen nur eine Spaßveranstaltung, die man nicht zu ernst nehmen sollte. Seine Berufschancen habe sie natürlich nicht verbessert, sagt der Student. Aber dafür habe ich im Hörsaal eineinhalb unterhaltsame Stunden verbracht.