29. Oktober 2007
Wie sehen Kinder ihr Land und ihre Herkunft? Mit dieser Frage hat sich Nicola Hens schon oft beschäftigt. In ihrem Abschlussfilm Shalom Salam ebenso wie in der mehrfach preisgekrönten Doku Omulaule heißt Schwarz, über die DDR-Kinder aus Namibia. Nach dem Studium der Mediengestaltung und Visuellen Kommunikation an der Bauhaus-Uni in Weimar und an der École des Beaux-Arts de Toulouse in Frankreich ging sie 2006 für drei Monate in den Senegal. Im Rahmen des ASA-Programms drehte die heute 28-Jährige mit Schülern einer senegalesischen Mittelschule Kurzfilme, die inzwischen als Videobriefe um die halbe Welt gereist sind.
Ich dachte, ich hätte schon viel gesehen. Aber meine drei Monate im Senegal waren so intensiv, wie ich mir das nie vorgestellt hätte. Als ich vor einem Jahr als ASA-Stipendiatin nach Kolda kam, einer kleinen Stadt mit 7.000 Einwohnern, war ich völlig überrascht: Das typische Afrikaklischee gibt es wirklich! Kolda liegt im Süden Senegals, in der Casamance, einer landwirtschaftlich geprägten Region. Überall stehen traditionelle Rundhütten aus Lehm, umgeben von jeder Menge Ziegen, Kühen, Schweinen und vielen, vielen Kindern. Sogar kleine Affen tollen dort manchmal herum. Direkt daneben und zwischendrin gibt es auch viele europäisch anmutende Häuser - eine sehr skurrile Mischung! Nur die Hauptstraßen, die sich durch den Ort ziehen, sind geteert. Die anderen Wege verwandeln sich nach den tropischen Regengüssen, die dort während der Regenzeit wie Wasserfälle vom Himmel stürzen, in kleine Seen. Eselskarren fahren hin und her, aber auch Busse und Taxen. Es ist immer etwas los - ein lautes, buntes Leben. Da stand ich also auf einmal in so einer Fremde und fand spontan überhaupt keinen Anknüpfungspunkt zu etwas, das mir bekannt vorkam. Es hat lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte: Ich bin angekommen.

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Vielleicht war es deshalb gar nicht so schlimm, dass der Ramadan unsere Pläne erst einmal völlig über den Haufen warf. Gemeinsam mit Anne Dorth, einer Frankreichwissenschaftlerin aus Berlin, kam ich im Oktober, mitten im Fastenmonat, in Kolda an. Im Collège d'Enseignement Moyen, der Mittelschule, trafen wir zunächst niemanden an. Die Schüler, mit denen wir Kurzfilme über ihr Leben und ihren Alltag drehen wollten, blieben während der gesamten Fastenzeit zu Hause. Unser Projekt musste also notgedrungen warten. Aber so hatten wir wiederum reichlich Zeit, um uns an unsere neue Umgebung zu gewöhnen. Daran, dass wir unseren Trinkwasserhaushalt lange im Voraus planen mussten, dass uns von Kinderstimmen ständig Toubab (Weiße) hinterhergerufen wurde, und daran, dass wir unsere Klamotten nach dem Tragen zum Trocknen aufhängen mussten. Die Hitze war zu Beginn unglaublich und gerade im Ramadan sehr anstrengend. Sogar für uns, obwohl wir gar nicht zu fasten brauchten. Trotzdem haben wir versucht, nicht in der Öffentlichkeit zu essen oder zu trinken. Wie haben wir die muslimischen Senegalesen bemitleidet, die auch in der schlimmsten Mittagshitze keinen Schluck Wasser zu sich nehmen durften und stattdessen nur auf einem kleinen Stock herumkauten. Kurz vor Sonnenuntergang sind die Straßen dann wie leergefegt. Der Grund: la coupure - Fastenbrechen. Um Mitternacht wird noch einmal gegessen, und einige stehen auch schon vor Sonnenaufgang auf, zum Frühstücken. Es herrscht ein subtropisches Klima, selbst in der Nacht waren es am Anfang nie weniger als 30 Grad. Ohne Ventilator hätten wir gar nicht schlafen können. Für 5 Euro am Tag wohnten wir bei Tony, einem ehemaligen Journalisten, der irgendwann aus Togo in den Senegal gekommen war, als die französischen Kolonien in Westafrika noch eins waren. Heute ist er in Rente und Präsident von FODDE, einer einheimischen Nicht-Regierungsorganisation und unserem Partner vor Ort. Nachdem wir bei unserer Zwischenstation in Dakar bei einer Großfamilie untergebracht gewesen waren, hatten wir nun ein eigenes Zimmer und sogar eine richtige Toilette und eine Dusche für uns allein. Allerdings gab es auch nur ein einziges Bett, das wir jeden Abend mit Moskitonetzen in ein Himmelbett verwandelt haben.
Eigentlich hatte ich mir die Projekte des ASA-Programms angesehen, weil ich nach meinem Diplom für eine Zeitlang nach Lateinamerika wollte, um meine Spanischkenntnisse zu verbessern. Aber als ich das Angebot in Kolda gesehen hatte, wusste ich, dass es wie für mich gemacht war. Ich würde viel aus meinem Studium einbringen und mich zugleich im medienpädagogischen Bereich ausprobieren können. Das Projekt Videobriefe Deutschland - Senegal hat sich aus einer Schulpartnerschaft zwischen Kolda und der Integrierten Gesamtschule in Magdeburg entwickelt. Ein persönlicher Austausch ist wegen des hohen Aufwands und der Kosten nicht möglich. Deshalb ist die Idee eines audiovisuellen Austauschs in Form von selbstgedrehten Kurzfilmen entstanden. Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, Jugendliche aus den achten und neunten Klassen an das Medium Film heranzuführen und anschließend mit ihnen Videos nach ihren eigenen Ideen zu drehen. Im Juli 2006 hatten wir bereits mit Schülern in Magdeburg einen Film gedreht, den wir wiederum den Kindern in Kolda zeigten, als wir im Herbst dort ankamen. Die fanden es sehr interessant, wie anders Schule in Deutschland aussieht. Die Bildungspolitik ist im Senegal ein großes Thema. Ein Ziel des Bildungsministeriums ist es zum Beispiel, dass bis 2010 die Hälfte aller Grundschüler die weiterführenden Schulen besucht. Das bedeutet, die Schülerzahlen steigen stetig, doch die räumlichen Kapazitäten sind seit Jahren unverändert. Allein 1.500 Schüler besuchen die Mittelschule in Kolda, die natürlich aus allen Nähten platzt.

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Das Videoprojekt war eines der ganz wenigen Freizeitangebote, die es in Kolda gibt. Mit entsprechendem Feuereifer waren die Schüler dabei. Auch die Familien haben sich sehr interessiert angeschaut, was die beiden weißen Mädels da so machen. Wurde bei den Schülern zu Hause gedreht, war es ganz selbstverständlich, dass wir zum Essen blieben. Die Schüler haben selbst Themen vorgeschlagen, Dialoge geschrieben und Storyboards entwickelt. Eine Geschichte handelt zum Beispiel von Ramatoulaye, einer guten Schülerin, die Lehrerin werden möchte, aber gegen ihren Willen verheiratet wird. Eine andere von Moussa, der illegal nach Europa auswandert, um von dort aus seine Familie zu unterstützen. Ziemlich prekäre Konflikte, die von den Kindern zur Sprache gebracht wurden. Bei der Abschlusspräsentation konnte man allerdings vor lauter Lachen kaum etwas verstehen. Der große Saal im Katholischen Gemeindezentrum Centre Social de Six Jarres war proppenvoll. Fünf Filme haben wir gezeigt - auf einer richtigen Leinwand, mit einem modernen Beamer. Erst als ich die ganze Aufregung spürte, wurde mir bewusst, dass die meisten Besucher tatsächlich zum ersten Mal Filme in Kinoatmosphäre sehen konnten. Das einzige Kino in Kolda hat immerhin schon vor 15 Jahren dichtgemacht.
Situationen wie diese haben mich immer wieder wachgerüttelt. Es gibt so viele Dinge, die uns als Europäer selbstverständlich vorkommen. Wie man sich begrüßt, zum Beispiel, oder gewisse Höflichkeitsfloskeln. In der Landessprache Wolof gibt es so etwas nicht - und wird daher von vielen auch im Französischen nicht benutzt. Ich war am Anfang fast beleidigt, wenn es immer nur hieß: Gib mir das! oder Mach die Tür auf!. Auf der anderen Seite waren Anne und ich sicher auch häufig extrem unfreundlich, ohne es zu wollen. Sich mal eben auf die Schnelle eine Schere beim Schuldirektor auszuleihen - das geht nicht so einfach. Erst mal wird sich auf einen Stuhl gesetzt, es wird gefragt, wie es geht, wie die Arbeit läuft, was die Gesundheit macht, wie es der Mutter geht ... Ich musste erst lernen, wie ausdauernd die Begrüßungsrituale der Senegalesen sind, und eigentlich bis zum Schluss ist es mir schwergefallen, hier die Ruhe zu bewahren. Doch ohne ein Schwätzchen kommt man an niemandem vorbei. Walla Bock war das erste Wort, das wir gelernt haben. Das heißt Was geht und gehört zur Begrüßung der Jugendlichen. Wir wurden oft ganz ungläubig befragt, ob es stimme, dass man in Deutschland nebeneinander lebt und seine Nachbarn nicht kennt. Für Afrikaner eine völlig unglaubliche Vorstellung. Selbst zwei Fremde würden nie an einer Bushaltestelle stehen und schweigen. Gerade der Senegal gilt als Land der Taranga, die Gastfreundschaft ist sprichwörtlich.

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Unsere erste Einladung zum Ende des Ramadan führte uns zur Familie Bayo. Sie ist Grundschullehrerin, er arbeitet am Forschungszentrum für Landwirtschaft, einem Gelände am Rande Koldas, wo viele der Mitarbeiter auch leben. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen, mit Bananenstauden beschenkt und wie selbstverständlich auch in allen Nachbarhäusern vorgestellt. Beim Essen - es gab ausnahmsweise einmal nicht das in zig Varianten anzutreffende Nationalgericht Reis und Fisch, sondern Kartoffelbrei mit Fleisch und gebratenen Zwiebeln - fühlten wir uns trotzdem sehr unbehaglich. Während wir am Tisch saßen, schön europäisch mit Messer und Gabel und jede von ihrem eigenen Teller essend, aßen die Männer im Flur und die Frauen in der Küche jeweils zusammen von einer großen Platte. Mit der Hand natürlich. Wir kamen uns allein im Wohnzimmer ein bisschen wie abgeladen vor - bis wir später erfuhren, dass es die größte Ehre ist, einem Gast einen ruhigen und gemütlichen Platz zum Essen zu geben.
In den drei Monaten habe ich mich häufig gefragt, wie lange ich in einer Gesellschaft leben könnte, die so anders ist und in der ich vieles nicht verstehe. Und dann ist da ja noch die Hautfarbe. Immer auffallen, nie in der Masse eintauchen. Spannend war die Begegnung mit Susanne Bieberbach, einer Mitarbeiterin der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie ist vor 28 Jahren über ASA in den Senegal gekommen und beschäftigt sich mittlerweile mit der Friedensbildung im Casamance-Konflikt. Von ihr haben wir viel über die Rebellenkämpfe gehört, die seit Jahrzehnten immer wieder aufflammen, aber auch über ihre Arbeit und ihr Leben als Entwicklungshelferin. Selbst nach so vielen Jahren hat sie nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Wir trafen sie in Ziguinchor, einer der größeren Städte am Meer. Genau- genommen hatte uns der Frust dorthin verschlagen. Die Schule in Kolda hatte mal wieder dichtgemacht - jetzt streikten die Lehrer - und um nicht schon wieder tatenlos herumzusitzen, brachen wir nach Cap Skiring auf. Dort wollten wir vor allem eines genießen: Strand, Strand, Strand. Die Reise dorthin ist nicht ungefährlich, immer wieder werden Autos von Rebellen überfallen. Deshalb haben wir die vom Militär bewachte Südroute genommen - 160 Kilometer in fünf Stunden, von einem Schlagloch zum anderen. Sehr komfortabel ist das nicht. Aber trotzdem ist das Reisen mit den Taxi-Sept-Places einfach cool. Jeder Ort hat so einen kleinen Taxibahnhof. Man kauft einen Platz und wartet, bis sich fünf weitere Mitfahrer gefunden haben. Das kann dauern. Wir hatten manchmal stundenlang Zeit, das Treiben an senegalesischen Busbahnhöfen zu beobachten. Doch die Fahrt entschädigt für die Warterei sofort. Wir konnten uns gar nicht sattsehen an den ganzen exotischen Pflanzen, den fast neongrünen Reisfeldern, den riesigen Baobab-Bäumen und den Affen, die einfach am Straßenrand stehen. Außerdem haben wir immer nette Leute kennengelernt, die rührend dafür gesorgt haben, dass wir auch richtig umsteigen und dass uns die Taxifahrer nicht über den Tisch ziehen. Der Aufpreis für das Gepäck ist nämlich reine Verhandlungssache. Die beiden arbeiten hier und zahlen auch nicht mehr. Punkt. So wurde das für uns geregelt. Sonst hätten wir sicher das Zehnfache bezahlt.

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Ich habe einiges verstanden während der Zeit im Senegal. Aber ich habe auch angefangen, einiges zu hinterfragen. Die Entwicklungszusammenarbeit, zum Beispiel, finde ich nach wie vor interessant. Aber ich habe viele Initiativen gesehen, die letztlich reiner Selbstzweck sind. Mit unserem kulturellen Projekt haben wir einen Austausch auf Augenhöhe angestrebt, bei dem beide Seiten etwas geben können. Sehr erfreulich fand ich deshalb die Reaktionen auf unsere senegalesischen Videobriefe, die wir nach unserer Rückkehr in Magdeburg gezeigt haben. An den Fragen konnten wir erkennen, wie genau die deutschen Schüler die im Film beschriebenen Traditionen und Probleme beobachtet haben. Auch wenn ihre Motivation nicht mit dem Eifer der afrikanischen Kinder zu vergleichen ist, da sie so viele andere Hobbys und Freizeitbeschäftigungen haben. Aber die 15 Teilnehmer des Workshops waren wirklich interessiert und haben sich gemeinsam überlegt, welche Themen in Deutschland eine Antwort auf die afrikanischen Beiträge sein könnten. Einer ihrer Filme befasst sich zum Beispiel mit Homosexualität - wie so ein heikles Thema in der senegalesischen Provinz aufgenommen wird, ich bin schon gespannt. Wir suchen gerade nach einer Finanzierung für eine weitere Reise nach Kolda und finden dabei große Unterstützung beim Land Sachsen-Anhalt. Wir wollen die neuen drei Videobriefe präsentieren und Reaktionen dazu einzufangen. Auch mir selbst sind während der Zeit in Kolda immer wieder Themen über den Weg gelaufen, die das Potential für einen Dokumentarfilm hätten. Und nach allem, was ich dort mitbekommen habe, würde ich total gerne irgendwann in Kolda ein Filmfestival veranstalten.
Senegalische Kuriositäten
Weiße Toubaba müssen sich daran gewöhnen, dass...
.... man morgens Nescafé mit Milchpulver trinkt.
.... Taxifahrer oft mit Freunden spazieren fahren - ein Taxi also nicht zwangsläufig besetzt ist, wenn ein Beifahrer drinsitzt.
.... Pommes mit Brathuhn als leichte Mahlzeit angesehen wird.
.... es keine Schokolade gibt. man im Vorübergehen Heiratsanträge macht: Ich liebe deutsche Frauen. Bist du schon verheiratet? Ja. Schade. Und deine Freundin?
.... fast alles importiert ist: Zwiebeln aus Holland, Kekse aus der Türkei, Ananas aus Thailand, Milch aus Frankreich.
.... einem immer alle helfen wollen und man tatsächlich immer willkommen ist.
.... sich an den Straßen kleine private Müllverbrennungsanlagen befinden.
.... man in der Bank Wartenummern zieht, die Reihenfolge aber egal ist.
.... sich das Leben draußen und auf der Straße abspielt - sogar der Fernseher, um den sich abends die ganze Familie versammelt, steht im Hof.
.... 15 Grad Celsius kalt sind und man fünf Liter am Tag trinken kann.
.... alle Oliver Kahn und die Scorpions kennen.