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Fürs Praktikum nach China

„Die Wachstumsraten sind ein Wahnsinn“

Von Gunda Achterhold



Wo ist noch ein Plätzchen frei? Jeden Sommer strömen mehrere Tausend Menschen an den Badestrand von Qingdao.
23. Juni 2008 
Gleich zweimal hat es den deutschen Betriebswirt Dominik Schäfer schon ins chinesische Qingdao gezogen. Bei einem französischen Logistikunternehmen sammelt der Praktikant Know-how im Supply-Chain-Management.

In Qingdao stehen die Zeichen auf Olympia. Die Küstenstadt im Osten der Volksrepublik China bereitet sich auf die olympischen Segelwettbewerbe vor, die den Badeort in diesem Sommer in den Ausnahmezustand versetzen werden. Gleich von drei Seiten ist Qingdao vom Gelben Meer umgeben. Doch nicht nur am Wasser sind die Bauarbeiten in vollem Gange. „Man hat den Eindruck, dass in der ganzen Stadt ein Wolkenkratzer nach dem anderen entsteht“, stellt Dominik Schäfer fest. Seit Anfang April arbeitet der Betriebswirt als Praktikant bei einem französischen Unternehmen, das Waren aus Stein wie Marmor, Granit oder Basalt kauft und verkauft. Das Diplomstudium in Köln hat er so gut wie abgeschlossen. „Bevor ich ins Berufsleben starte, wollte ich unbedingt noch mal ins Ausland“, sagt der 26-Jährige. Europäische Länder wie England oder Frankreich reizten ihn nicht. „Ich wollte eine ganz andere Kultur kennenlernen“, betont er. „Außerdem wird China als Wirtschaftsmacht immer wichtiger, die Wachstumsraten sind ein Wahnsinn“. Auch Qingdao hat sich nach der politischen Öffnung des Landes rasant entwickelt. Schon Ende 2006 war Dominik Schäfer vier Monate lang als Praktikant in der chinesischen Küstenstadt. „Qingdao besitzt den drittgrößten Frachthafen Chinas und ist bedeutend für die Industrie und den Güterverkehr der gesamten Provinz Shandong“, so der Wirtschaftswissenschaftler, der sich im Studium schwerpunktmäßig mit Produktionswirtschaft und Logistik beschäftigt hat. Nach dem ersten Praktikum bei einer koreanischen Transportfirma in Qingdao hat er sich deshalb wieder für ein Logistikunternehmen entschieden.

Menschenmassen bevölkern vor allem am Wochenende den Platz des 4. Mai mit dem feuerroten Wahrzeichen der Stadt am Ufer des Gelben Meeres und vor der Skyline von Qingdao.

In seinem Praktikum bekommt Dominik Schäfer gerade mit, wie eine komplett neue Supply-Chain-Schiene aufgebaut wird. Eine äußerst spannende Angelegenheit, wie er findet. „Mein Chef ist häufig auf Messen in ganz China unterwegs, hauptsächlich jedoch in Xiamen und Shanghai. Die dort gekauften Brunnen, Skulpturen oder Tische werden dann von uns weiterverkauft, an Privatkunden ebenso wie an Einzelhändler.“ Geplant ist, alle Transporte nach Hamburg und Le Havre auszulagern und einem externen Anbieter zu übertragen. „Wir haben eine Quotierung gestartet, für die ich zuständig bin“, beschreibt der deutsche Mitarbeiter seine Aufgaben. „Ich hole Angebote ein, vergleiche, analysiere und bereite die Daten für meinen Chef vor.“ Der ist selbst erst 29 Jahre alt, Franzose und sitzt nur fünf Meter vom Schreibtisch des deutschen Praktikanten entfernt. In dem fünfköpfigen Team sind alle per Du. „Es lief hier von Anfang an rund“, sagt Schäfer. „Aber ich hatte natürlich auch schon bei meinem letzten Chinaaufenthalt Erfahrungen gesammelt, und auch mein Chinesisch ist seitdem um einiges besser geworden.“ Mit wenigen Brocken, die er sich mühsam über einen Internetsprachkurs angeeignet hatte, kam er das erste Mal in Qingdao an.

„Die Gastfreundlichkeit der Menschen hier war von Anfang an eine der positivsten Erfahrungen.“

Kolonialhaus vor Wolkenkratzer: Von 1897 bis 1914 stand Qingdao unter deutscher Herrschaft. Aus dieser Zeit sind viele Bauten erhalten.

„Es ist lustig, die Chinesen sind ganz begeistert, wenn sie Englisch sprechen können - sogar auf der Straße sprechen sie einen manchmal an“, erzählt der Betriebswirt. „Aber trotzdem ist es eine Illusion zu glauben, man käme hier allein mit Englisch klar. Die Probleme fangen schon im Taxi an. Dominik Schäfer nutzt deshalb die Gelegenheit und besucht jeden Vormittag einen Sprachkurs. „Die Schriftzeichen sind unglaublich kompliziert!“, stöhnt er. „Dafür sind wir in der Klasse nur zu zweit, das ist fast wie Privatunterricht.“ An diesem Abend ist er bei seiner - Englisch sprechenden - Lehrerin zum Essen eingeladen. „Es ist keine Seltenheit, von Chinesen ganz spontan für den Abend eingeladen zu werden, betont Schäfer. „Die Gastfreundlichkeit der Menschen hier war von Anfang an eine der positivsten Erfahrungen.“

Bei seinem ersten Aufenthalt war Dominik Schäfer in einer Gastfamilie untergebracht. Die dreiköpfige Familie nahm ihn sofort in ihre Mitte auf. Mit größter Selbstverständlichkeit wurde der deutsche Gast zu Familienfesten eingeladen, wie Hochzeiten oder dem Geburtstag des Großvaters, gemeinsamen Familienessen am Wochenende oder einem Besuch in der Bar mit Freunden der Familie. „So lernt man nicht nur die privaten Seiten des Landes kennen, es ist auch die mit Abstand preiswerteste Lösung“, sagt der Kölner. Für Kost und Logis hat er umgerechnet 150 Euro im Monat gezahlt. Ein erheblicher Pluspunkt, denn Praktika werden in China grundsätzlich nicht vergütet. Die geringen Lebenshaltungskosten machen die Auslandserfahrung jedoch erschwinglich. Busfahrten, Lebensmittel und Getränke sind für wenige Cents zu haben. Ein mehrgängiges Mittagessen mit einem Getränk kostet umgerechnet etwa 2 Euro. „Selbst wenn ich mit dem Taxi von der Arbeit nach Hause fahre, kostet mich das nicht mehr als einen Euro.“ Trotz der positiven Erfahrungen in der Gastfamilie hat er sich dieses Mal für eine eigene Wohnung entschieden. „Es ist nicht so einfach, etwas Geeignetes zu finden, denn die Ansprüche unterscheiden sich in China erheblich von westlichen Standards. Toiletten mit einem einfachen Loch im Boden sind auch in mittelständischen Haushalten absolut üblich.“

Jeder bedient sich bei einem traditionellen chinesischen Essen von dem, was in der Mitte des meist runden Tisches angerichtet steht – vom gekochten Gemüse bis zu frittierten Hornissenlarven.

Deshalb hat sich Dominik Schäfer auch bei seinem zweiten Besuch auf die Dienste des International Business Exchange Centers verlassen, einem Start-up in deutscher Hand. Frank Lenhardt, Gründer und Geschäftsführer des Business Exchange Centers, hat vor drei Jahren selbst als Praktikant in Qingdao angefangen und kennt die Tücken aus eigener Erfahrung. Gegen eine Gebühr von 150 Euro vermittelt die Agentur nicht nur Praktika in der Küstenstadt, sondern auch Unterbringung und Sprachunterricht. „In vier Wochen war alles geregelt, und ich hatte den Praktikantenvertrag auf dem Tisch“, so Schäfer. Einer der großen Vorteile: Alle Arbeitgeber und alle Unterkünfte werden persönlich überprüft. „Dieses Mal hätte ich auch selbst versuchen können, eine Wohnung zu finden, denn ich hatte noch gute Kontakte zu den ehemaligen Kollegen, aber man kann eben auch sehr schnell Pech haben.“ Über Business Exchange hatte Schäfer die Fotos diverser Wohnungen in Deutschland gleich auf dem Schirm. Mit einer anderen Praktikantin teilt er sich nun eine 60 Quadratmeter große Wohnung im Osten der Stadt, eine Viertelstunde von seiner Firma entfernt. Möbliert, mit Fernseher, Anlage und Karaoke-System für 220 Euro im Monat. „Karaoke ist in China wirklich der Freizeitsport!“ - Schäfer denkt dabei nur ungern an seinen ersten Auftritt zu chinesischer Popmusik. „Es gibt überall KTV, da geht man rein, zahlt für eine Stunde, und dann geht's los - meistens auch noch mit Popcorn und Bier. Sehr gewöhnungsbedürftig!“

Bier ist in Qingdao sehr beliebt. „Es wird gerne und viel getrunken“, so Schäfer. „Besonders mit ausländischen Gästen, denn man ist hier schon etwas Besonderes.“ Jedes Jahr im August findet das in China sehr bekannte „Beer Festival“ statt - ein Überbleibsel deutscher Kolonialherrschaft. Auf den Etiketten des berühmten Tsingtao-Bieres ist eine Abbildung des Zhan-Qiao-Piers zu sehen, dem Wahrzeichen von Qingdao. Über den hölzernen Steg zogen vor gut hundert Jahren deutsche Truppen ein, bis 1914 stand die Küstenstadt unter deutscher Herrschaft. Aus dieser Zeit sind viele Bauten erhalten. Ein Bahnhof, eine katholische und eine protestantische Kirche und eben die Brauerei, die natürlich längst unter chinesischer Führung steht. „Sogar ein deutsches Restaurant gibt es, in dem man auch mal eine Currywurst oder ein Jägerschnitzel essen kann“, sagt Dominik Schäfer, der wider Erwarten auch das chinesische Essen sehr zu schätzen gelernt hat. Nur an die asiatische Art zu frühstücken kann er sich nicht gewöhnen. „Die Chinesen essen morgens eine Art Reissuppe oder auch das aufgewärmte Abendessen vom Vortag, bei dem es sich dann auch um warmen Fisch in Milch handeln kann“, beschreibt der Deutsche „Da besorge ich mir lieber ein paar Kekse. Seine Lieblingsbäckerei liegt im Westen der Stadt, nahe der Sprachenschule, die er jeden Tag bis zum Mittag besucht.

Dominik Schäfer unternimmt oft Wanderungen durch das nahe der Stadt gelegene Naturschutzgebiet.

Hier, in der malerischen Altstadt, befinden sich die meisten Gebäude im europäischen Stil. Inzwischen ist der Bau von Hochhäusern verboten, so dass der Charakter aus der Kolonialzeit erhalten geblieben ist. „Zwei meiner Kollegen haben mir und anderen Studenten in ihrer Freizeit viele der Parks und Tempelanlagen gezeigt“, sagt Dominik Schäfer. „Man vergisst fast, dass man in einer Stadt mit fast acht Millionen Einwohnern ist - immerhin 2,1 Millionen davon wohnen direkt im Stadtkern. Weiter im Osten beherrschen Wolkenkratzer das Bild, in deren Schatten sich die meisten Büros und Firmen niedergelassen haben. „Dort ist alles sehr kompakt“, so Schäfer. Jeden Tag fährt er mit dem Bus von der Sprachenschule dorthin ins Büro. Er hat einen Halbtagsjob, sein Dienst beginnt am frühen Nachmittag. „So ist es ideal - ich mache eine interessante berufliche Erfahrung und kann nebenbei mein Chinesisch perfektionieren.“

Nicht nur die Stadt, auch die Region hat es dem Deutschen angetan. „Qingdao ist irgendwann schon mal zur schönsten Stadt Chinas gewählt worden, so Schäfer. „Es liegt in einem wunderschönen Naturschutzgebiet, eingebettet von Hügeln.“ Mit Kollegen unternimmt er häufig Ausflüge in die Umgebung. Zum Beispiel auf den Heiligen Berg Lao, der Geburtsstätte des Taoismus. „Die Aussicht von dem 1.133 Meter hohen Berg ist spektakulär - vor allem nach einem Regentag, wenn man viele kleine Wasserfälle sehen kann. Oder er setzt sich in den Zug. „Wir waren auch schon am Tai Shan, der liegt ein paar Stunden entfernt bei Tai An“. Wer die 6.666 Stufen zum Palast des Jadekaisers erklimmt, so die Legende, wird mindestens hundert Jahre alt. Für Dominik Schäfer stehen die Aussichten gut: „Wir haben sechseinhalb Stunden gebraucht.“

Oktoberfest auf Chinesisch: Das internationale Bierfestival von Qingdao findet immer am zweiten Wochenende im August statt.

Das Herumreisen ist in China kein Problem. „Flüge nach Hongkong, Shanghai und Peking sind sehr preiswert, aber es gibt auch viele kleinere Orte zu entdecken. Man darf nicht vergessen, dass fast jede der einzelnen Provinzen sehr viel größer ist als Deutschland“, sagt Dominik Schäfer. Deshalb sind nach den drei Monaten Praktikum auch noch zwei Wochen Entdeckungsreise angesagt. So schlägt er drei Fliegen mit einer Klappe. „Da mir noch ein paar Noten und Bestätigungen fürs Studium fehlten, konnte ich mich bislang ohnehin noch nicht bewerben“, so der Betriebswirtschaftler. „Die Zeit hier in China macht sich deshalb gut im Lebenslauf, ich gewinne wertvolle Erfahrungen für mich persönlich und Urlaub ist auch noch drin, bevor es dann mit dem Job losgeht.“

Chinesische Unternehmen ticken anders

Das „Guanxi“, die persönliche Beziehungspflege, gilt in China als A und O der Unternehmenskultur. Wer als Europäer in China arbeiten will, tut also gut daran, sich vorab darüber zu informieren, worauf Chinesen im persönlichen Umgang Wert legen.
http://www.chinaculture.org
http://www.chinapage.com/china.html
http://www.chinaknowledge.de

Deutscher Start-up vermittelt Praktika in Qingdao

Containerterminal im Hafen von Qingdao in China

Unternehmenspraktika sind in der östlichen Hemisphäre noch ein recht neues Phänomen. Die Suche auf eigene Faust gestaltet sich entsprechend schwierig. Schneller geht's mit der Vermittlungsagentur International Business Exchange, die Praktikumsaufenthalte und Unterkünfte in Qingdao organisiert. Alle Vertragspartner, Gastfamilien und Appartements werden von der Agentur persönlich auf Qualitätsstandards überprüft. Geschäftsführer Frank Lenhardt kennt die Probleme, die in chinesischen Unternehmen auftauchen können, aus eigener Erfahrung. 2005 ist der Deutsche als Praktikant nach Quingdao gekommen. Nach zwei Jahren als Manager bei einer Agentur für die Vermittlung von Praktika hat er sich selbständig gemacht. „Unsere Praktikanten haben alle einen Tutoren in der Firma, der Englisch spricht“, so Lenhardt. „Wenn es jedoch anhaltende Probleme gibt, vermitteln wir innerhalb einer Woche eine neue Firma. Wer lieber ein westlich orientiertes Praktikum absolviert, dem empfiehlt Lenhardt einen der internationalen Partner. In diesen Firmen arbeitet mindestens ein Ausländer - meistens der Geschäftsführer oder der Tutor der Praktikanten.
http://www.internchina.org

Olympische Sommerspiele in Qingdao

Das maritime Klima, die reizvolle Küstenlage und ein interessanter Mix aus europäischer und chinesischer Architektur machen Qingdao nicht nur zu einem beliebten Urlaubsziel. Das günstige wirtschaftliche Umfeld hat viele ausländische Investoren angezogen, darunter mehrere Top-500-Unternehmen wie Coca-Cola, Degussa oder Nescafé. Als Austragungsort der Olympischen Segelwettbewerbe 2008 erhält die an der Ostküste Chinas gelegene Hafenstadt einen weiteren Schub. Von den Investitionen in Stadtentwicklung und Infrastruktur wird der Wirtschaftsstandort noch lange profitieren. Mit dem Bau einer neuen Startbahn hat sich zum Beispiel die Kapazität des örtlichen Flughafens seit Anfang des Jahres verdoppelt. Alle Hauptstraßen rund um den Yachthafen sind runderneuert, der vor hundert Jahren von der deutschen Kolonialmacht errichtete Bahnhof rekonstruiert worden. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht das neu errichtete „Qingdao International Sailing Center. Auf einer Fäche von 450.000 Quadratmetern sind zahlreiche Bauten an Land, ein Hafen und Regattastrecken entstanden. Die Gebäude sollen auch nach 2008 genutzt werden, das zweitürmige Olympiadorf etwa wird anschließend als Luxushotel weitergeführt. „Der an der Küste gelegene Teil von Qingdao profitiert weitaus am meisten von Olympia“, stellt Bert Chi fest, der für die deutsche Sport Media Service SMS GmbH vor Ort in Qingdao arbeitet. „Rund um das Sailing Center liegen die Immobilienpreise inzwischen bei über 2.000 Euro pro Quadratmeter - dieser Anstieg beeinflusst aber natürlich auch das Preisniveau der ganzen Stadt.
http://www.chinasports.de/olympia.htm

Text: Hochschulanzeiger Nr. 97, 2008, Seite 134
Bildmaterial: dpa, privat