18. Juni 2007 Während die großen Konzerne der Kosmetikindustrie in den verschiedensten Bereichen einen hohen Bedarf an jungen Akademikern vermelden, haben es Uni-Absolventen, die in die Modebranche einsteigen wollen, schon um einiges schwerer. Hier sieht es nicht nur im Kreativbereich mau aus.
Kaum eine Branche hat hierzulande einen vergleichbaren Abstieg hinter sich wie die Textil- und Bekleidungsindustrie. Wo einst in alten Spinnereien und Textilfabriken Nähmaschinen und Webstöcke ratterten, sind längst Büros und Kulturbetriebe untergebracht. Bis in die 80er Jahre bot die Branche mehrere 100.000 Arbeitsplätze, 1995 waren immerhin noch über 100.000 Beschäftigte hier tätig. Heute sind es gerade einmal 40.000 Arbeiter und Angestellte, die in 400 Betrieben ihr Geld verdienen. Sie fertigen noch ganze 5 Prozent der hierzulande verkauften Mode - der Rest kommt aus Asien, der Türkei und Osteuropa.
Doch für einen Abgesang auf die deutsche Modebranche ist es zu früh. Denn in letzter Zeit machen es einige Häuser vor, wie sich in Zeiten globaler Konkurrenz erfolgreich wirtschaften lässt. So etwa die Peek & Cloppenburg KG, die inzwischen 90 Häuser im In- und Ausland betreibt, kräftig expandiert und den Modehandel mit selbst entwickelten Eigenmarken beliefert. Oder die Gerry Weber AG, die im Geschäftsjahr 2005/2006 mit 442,8 Millionen Euro und damit einer Steigerung um 13,6 Prozent den höchsten Umsatz und Ertrag ihrer Geschichte einfuhr. Dieses Jahr rechnen die Westfalen gar mit über 500 Millionen Euro Umsatz. Die Nachfrage nach ihren Produkten ist so stark, dass sie im laufenden Jahr 70 neue Filialen eröffnen wollen.
Der Erfolg beruht auf der engen Verzahnung von Produktion und Verkauf. Das Modehaus betreibt 130 eigene Houses of Gerry Weber, daneben Shops der Eigenmarken Taifun, Samoon und Gerry Weber Edition sowie Shop-in-Shop-Flächen im Einzelhandel, um seine Kollektionen unters Volk zu bringen. Produziert und eingekauft wird jeweils dort, wo es am günstigsten ist: in Rumänien, China oder in der Türkei. Großer Vorteil des Eigenvertriebs: Die Markenstrategen behalten stets im Blick, welche Teile laufen und welche liegen bleiben. So lernen wir die Wünsche unserer Kunden immer genauer kennen und können in den folgenden Kollektionen gezielt darauf eingehen, erklärt Pressereferentin Kirsten Rahmann.
Mit den global verteilten Produktions-, Liefer- und Verkaufsketten verändern sich die Aufgaben in den Modehäusern. Designer und Bekleidungstechniker arbeiten eng mit den Produzenten in Asien und Osteuropa zusammen, Einkäufer behalten die dortigen Beschaffungsmärkte im Blick, Logistiker planen die globalen Warenströme und hierzulande liegt es oft in den Händen studierter Betriebswirte, die Produkte und Filialen zu managen oder die Vermarktung zu steuern.
Gerry Weber baut kräftig Personal auf, um seine starke Expansion zu bewältigen und bindet laut HR-Manager Jürgen Pistol etwa 40 Hochschulabsolventen jährlich ein. Solche Zahlen sind in der hiesigen Bekleidungsbranche aber eher die Ausnahme. Zwar erklärte der Geschäftsführer des Modeverbandes GermanFashion, Thomas Rasch, die Talsohle der Branche Anfang 2007 nach 6,3 Prozent Wachstum im Vorjahr für durchschritten. Doch der vermeintliche Aufschwung schlägt sich nicht in Stellen nieder - schon gar nicht für Jungakademiker. Auf den Webseiten der Verbandsmitglieder sind zwar hier und da Stellen ausgeschrieben, doch meist für gelernte Kräfte.
Für Hochschulabsolventen ist dagegen nur bei wenigen renommierten Marken wie Hugo Boss, Gerry Weber oder Puma etwas zu holen. Sie suchen teils Textil- und Bekleidungstechniker, aber vor allem Betriebswirte und Wirtschaftsingenieure. Für Kreative gibt es dagegen nur wenige Angebote. Ihnen bleibt der Ausweg in die Modemetropolen Frankreichs und Italiens oder auch das Gründen eines eigenen Labels. Für beides brauchen sie Durchhaltevermögen und viel Fleiß. Wer die 35-Stundenwoche anstrebt, sollte um Prêt-à-porter und Haute Couture einen großen Bogen machen. Denn im Schatten der glamourösen Modewelt müssen gerade Berufsanfänger knochenhart arbeiten.
Die großen Namen der Modeszene - und da treffen sich die Mode- und Kosmetikbranche - sind heute universelle Zugpferde. Ihr Glanz zieht weit mehr Kunden in den Bann als ihre Kleider. Während die Haute Couture kaum Mode verkauft, sondern nur Entwicklung anregt, und Prêt-à-porter- Modelle meist wohlhabenden Kunden vorbehalten sind, bevölkern die Namen ihrer Labels die Badezimmer auch der kleinen Leute. Um Duftwässer, Cremes und Lotionen an Frau und Mann zu bringen, setzt die Kosmetikindustrie auf den schönen Glanz der Modewelt. L'Oréal führt die Marken Giorgio Armani oder Ralph Lauren, Unilevers Marketing bediente sich lange der Namen Cerruti, KL und Scherrer, ehe das Parfümgeschäft 2005 für 800 Millionen US-Dollar an die amerikanische COTI Inc. ging, und Procter & Gamble verführt mit Düften namens Hugo Boss oder Laura Biagiotti.
Die drei genannten Konzerne machen den deutschen Kosmetikmarkt mit sechs weiteren Giganten fast unter sich aus. Die vermeintliche Vielfalt in Drogerien und Parfümerien beschränkt sich auf Marken, hinter denen die immer gleichen Konzerne stehen. Ihre wichtigsten Produkte: Haarpflege, Hautpflege, dekorative Kosmetik sowie Zahn- und Mundpflege. Allein diese vier Posten machen gut zwei Drittel des Marktes aus, der laut Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) hierzulande 45.000 Menschen Arbeit gibt. Die Umsätze beliefen sich im letzten Jahr auf 11,4 Milliarden Euro. Erstmals nach fünfjähriger Durststrecke wuchsen sie wieder um knapp 3 Prozent.
Die vermeintliche Vielfalt in Drogerien und Parfümerien beschränkt sich auf Marken, hinter denen die immer gleichen Konzerne stehen.
Doppelt so stark legte die Düsseldorfer Henkel KGaA zu, bei der 12,7 Milliarden Euro in den Kassen klingelten, gut ein Fünftel davon im Konzernbereich Kosmetik und Körperpflege. Laut HR-Managerin Annette Günther schlägt sich die gute Geschäftslage durchaus in Startpositionen für junge Akademiker nieder. Henkel wird dieses Jahr in Deutschland etwa 100 Absolventen aufnehmen, sagt sie.
Gerade im Kosmetikbereich starten bei Henkel bis auf Forscher und Entwickler grundsätzlich alle Einsteiger im Außendienst. Sie sollen diese Seite unseres Geschäfts sechs bis neun Monate kennenlernen, bevor sie in den Innendienst wechseln, erklärt Christiane Plate, HR-Managerin in der Kosmetiksparte. Das stoße zwar anfangs nicht bei allen jungen Akademikern auf Gegenliebe, weil sie mit Außendienst Klinken putzen assoziieren. Doch nach dem halben Jahr sehe ihre Meinung darüber meistens ganz anders aus.
Auch bei der Hamburger Beiersdorf AG reißen sich Jungakademiker nicht gerade um Tätigkeiten im Außendienst. Es ist schwierig, Absolventen dafür zu begeistern. Erfahrungsgemäß vor allem deshalb, weil sie falsche Vorstellungen davon haben, berichtet HR-Managerin Barbara Mielke. Die Hochschulen würden sie auch kaum auf Tätigkeiten im Sales-Bereich vorbereiten, kritisiert sie. Dabei böten sich gerade hier sehr spannende und verantwortungsvolle Jobs mit Zukunft. Aufgrund der Internationalisierung des Handels, der heute oft nationale oder sogar europaweite Rahmenverträge mit seinen Lieferanten anstrebt, um die Konditionen zu verbessern, bräuchte auch die Kosmetikbranche aufgeweckte Fachkräfte im Key-Account-Management. Sie müssten die Kunst beherrschen, trotz der oft hart geführten Verhandlungen und unterschiedlichen Interessenlage langfristig tragfähige und partnerschaftliche Beziehungen zu den Handelspartnern aufzubauen.
Während die Konzerne Beiersdorf, Henkel und L'Oréal jährlich dutzendweise Hochschulabsolventen einstellen, scheint der Bedarf bei Zulieferern, die der Branche Duft- und andere Inhaltsstoffe für ihre Kosmetika liefern, eher gering. Weder die Holzmindener Symrise AG, die zu den Top 5 der globalen Zulieferer zählt und mit 5.000 Beschäftigten 1,3 Milliarden Euro erwirtschaftet, noch die ebenfalls führende Drom Fragrances KG aus Baierbrunn melden auf Nachfrage Bedarf an Jungakademikern.