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| Stefan Gesthüsen will definitiv kein Schauspieler werden. |
10. Dezember 2007
Nach seinem Jurastudium hat Stefan Gesthüsen als Praktikant drei Monate lang Erfahrungen in der Filmbranche gesammelt. Stars sind ihm zwar nicht auf Schritt und Tritt begegnet. Trotzdem hat er festgestellt, dass in der Hauptstadt des Entertainment nur ein einziges Thema existiert: das nächste Filmprojekt.
Als Stefan Gesthüsen im April nach Hollywood kam, war der erste Gedanke: Wow, das sieht ja wirklich aus wie in Baywatch! Etwa 40 Kilometer zieht sich der Sunset Boulevard von der pazifischen Küste bis Downtown. Überall sieht man Palmen und Böschungen, hinter denen dicke Villen stehen, erzählt der Jurist und Musikwissenschaftler. Ständig kommen einem Porsches und Ferraris entgegen. Unmittelbar nach Staatsexamen und Magisterarbeit hatte er die Koffer gepackt, um als Praktikant bei der katholischen Family Theater Productions drei Monate lang ins Filmgeschäft zu schnuppern. Wie im Film lief auch sein erster Tag in der kalifornischen Metropole ab. Kaum war der Münsteraner auf dem Los Angeles International Airport gelandet, fand er sich auch schon vor den Sierra Towers wieder. Ein Angestellter riss sofort die Türen auf, ein anderer ergriff das Gepäck, erzählt der 28-Jährige. In dem Moment dämmerte ihm, wie komfortabel er die ersten Tage in L.A. verbringen würde. Das extravagante Nobel-Hochhaus am westlichen Ende des Sunset Strip gehört zu den hippsten Adressen in der ganzen Stadt. Ein Freund vom Boss hatte dem jungen Gast eines seiner beiden Luxusappartements zur Verfügung gestellt. Eine Woche lang wohnte der junge Deutsche in nächster Nähe zu Celebrities wie Cher oder Friends-Star Matthew Perry. Gesehen habe ich aber keinen von ihnen, lacht Gesthüsen. Dafür wurde er bei seiner Ankunft in der Wohnung gleich von der Assistentin seines Gastgebers begrüßt, einer aus der Serie Power Rangers bekannten Schauspielerin. So muss es wohl sein, dachte sich der Ankömmling - und genoss die spektakuläre Aussicht auf die Beverly Hills. Es hat aber schon gedauert, bis ich mich an den ganzen Komfort gewöhnt hatte, sagt er. Und dass es in den Wohnungen gut versteckte Bediensteteneingänge gibt, damit die Angestellten möglichst unauffällig kommen und gehen, hat mich anfangs ganz schön irritiert. Als er seinen Müll selbst herunterbringen wollte und den Portier telefonisch um Auskunft bat, kam umgehend ein dienstbarer Geist aus dem untersten Stockwerk geeilt, um die unangenehme Aufgabe für ihn zu erledigen.

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Hollywood gilt als Synonym für die gesamte US-amerikanische Filmbranche. Wer kennt sie nicht, die berühmten Buchstaben in den Hollywood Hills? Es kommt einem alles sehr schnell vertraut vor, weil man schon so viele Bilder von den Straßen und Orten gesehen hat, stellt Stefan Gesthüsen fest. Gleich zu Beginn war er kreuz und quer in der Hauptstadt des Entertainment unterwegs - und das sehr bequem, in den gut gepolsterten Sitzen einer Limousine. Mein Gastgeber hat mich in seinem dicken Mercedes mitgenommen und mir unterwegs sehr viel über Hollywood erzählt. Warum der als Traumfabrik bekannte Stadtteil schon immer als Sündenbabel galt, zum Beispiel. Während Los Angeles und Beverly Hills als eigenständige Städte auch über eine eigene Polizei verfügten, war es in Hollywood viel leichter, an Alkohol und Drogen zu kommen. Erst seit 1910 gehört der Ort zum Stadtgebiet von L.A., einer ursprünglich mexikanischen Gemeinde. Man sieht bis heute viel mehr Latinos auf den Straßen als Weiße. Was den Juristen bei diesen Rundfahrten besonders beeindruckte, war die Lässigkeit, die selbst in den gehobenen Restaurants am Sunset Strip herrschte. Anzüge sieht man dort kaum, so Gesthüsen. Auch sein Wohnungsgeber, ein gut verdienender Fondsmanager, war bevorzugt in Shorts und ausgewaschenem T-Shirt unterwegs. Wer ihn so sieht, käme nie auf die Idee, dass er einen Multimillionär vor sich hat, erzählt der Deutsche. Man konnte mit ihm reden wie mit einem Kumpel.
Überhaupt, die legendäre Offenheit der Amerikaner scheint unter den Angelinos besonders ausgeprägt zu sein. Jeder, wirklich jeder spricht einen sofort an, erzählt Gesthüsen. Ich finde das eigentlich sehr sympathisch. Dabei gehe es immer um das eine. Alle haben hier irgendwie mit Film zu tun oder wollen dahin und erzählen, was sie schon alles gemacht haben, mit wem sie gearbeitet haben und welches Projekt gerade ansteht. Nebenbei schlagen sich die aufstrebenden Stars mit Jobs als Taxifahrer, Kellner oder Busfahrer durchs Leben. Sie wirken aber nicht frustriert oder verbittert, sondern vermitteln einem das Gefühl, es wirklich bald zu schaffen. Alle seien ständig auf der Suche - dabei komme durchaus etwas herum.
Alle haben hier irgendwie mit Film zu tun oder wollen dahin und erzählen, was sie schon alles gemacht haben.
Unzählige Varianten von Network-Events dienen nur dem einen Zweck, Produzenten, Regisseure, Drehbuchschreiber, Stars und Sternchen zusammenzubringen. Als Mitarbeiter der Family Theater Productions hatte auch Stefan Gesthüsen die Gelegenheit, auf diversen Network Meetings dabei zu sein. Bei diesen Veranstaltungen suchen Produktionsfirmen ganz gezielt nach Leuten. Wir brauchten zum Beispiel gerade Darsteller, die Spanisch sprechen, und haben sie dort auch gefunden. Das Prozedere ist immer ähnlich. Die Leute zahlen Eintritt, eine berühmte Persönlichkeit erzählt, wie sie es geschafft hat. Dann
geht's über zum entscheidenden Teil: Jeder steht auf und stellt sich kurz vor. Foto und Lebenslauf haben natürlich alle parat, um sie beim anschließenden Networking bei Bedarf in die Hand zu drücken. Jeder läuft herum und ist superfreundlich zu jedem, auch die Produzenten und Regisseure, so Gesthüsen. Es könnte ja ein neuer Spielberg unter den Gästen sein.
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| Die flache Stadt:Die Grundstückspreise um Los Angeles herum sind moderat - das ist der Grund, warum das gesamte Stadtgebiet sehr weitläufig ist. Lediglich in der teuren Innenstadt machen sich immer mehr Wolkenkratzer breit. |
Auch er selbst hat es vor die Kamera geschafft. Allerdings eher aus Kostengründen. Die von einem Priester geleitete Family Theater Productions existiert seit gut 60 Jahren und bietet das volle Programm: TV, Radio und Film. Die Botschaften sind positiv und familienaffin. Doch im Moment fehlt das große Geld. Spielfilme sind nicht drin im Budget, allenfalls Zwanzig- bis Dreißigminüter. Also bekam auch der deutsche Hospitant seine Chance und durfte in einem Trailer für ein Studentenfestival die Minirolle eines arbeitslosen Drehbuchschreibers übernehmen. Gott sei Dank hatte ich nicht viel Text, sagt Gesthüsen und lacht. Ich war es einfach nicht gewohnt, dass ich immer in so eine Linse gucken musste. Schauspieler - das wäre definitiv nichts für mich! Zu seinen Aufgaben gehörte es deshalb auch in sehr viel höherem Maße, bei der Organisation des Rosary-Bowl mitzuhelfen. Ein religiöses Spektakel, für das ein Stadion angemietet und ein Rahmenprogramm gestaltet werden musste. Den Mittelpunkt des Events bildet ein Rosenkranz, den die Zuschauer gemeinsam beten. Das ist natürlich sehr beeindruckend, die innige Frömmigkeit der Menschen zu sehen, die teilweise aus Mexiko und den Philippinen anreisen. Aber meiner Vorstellung von Religiosität entspricht das nicht. Eingeladen war auch Hollywood-Schauspieler Jim Caviezel, der Jesus-Darsteller in Mel Gibsons Passion Christi. Eines der wenigen bekannten Gesichter, denen Gesthüsen während der drei Monate begegnet ist. Es war ganz nett, aber ich hatte auch nicht erwartet, hier auf Schritt und Tritt Prominente zu treffen. Sich in die langen Schlangen am Hollywood Boulevard einzureihen, um einen Blick auf Premierengäste zu erhaschen, kam für ihn gar nicht in Frage. Natürlich kriegt man in einer katholischen Filmproduktion mit elf Festangestellten nicht das Big Business mit, erklärt er. Aber dafür lernt man sehr viel kennen. Alle arbeiten Tür an Tür, und ich konnte überall mitmachen.
Besonders interessant war für ihn natürlich die Rechtsabteilung. Steckenpferd des Juristen und Musikwissenschaftlers, der inzwischen in Köln als Rechtsreferendar begonnen hat, ist das Medienrecht. Ein Fachgebiet, auf dem sich seine Studienfächer gut ergänzen. In seiner Magisterarbeit hat sich Gesthüsen zum Beispiel mit der GEMA beschäftigt. Vom amerikanischen Urheberrecht dagegen hatte er vor seinem Aufenthalt keine Ahnung. Ich bin auch jetzt nicht der Rechtsgigant im Copyright Law, aber ich habe damit gearbeitet - und das ist schon mal gar nicht schlecht. Dass er sich beruflich in Zukunft stärker international ausrichten möchte, ist ihm während der Zeit in Hollywood klar geworden. Das Praktikum hat mich viel selbstbewusster gemacht. Ich weiß jetzt, dass ich locker mit kulturellen Unterschieden umgehen kann und auch sprachlich fit bin.
Ich konnte es kaum glauben, aber selbst in gehobenen Läden kriegt man ›doggy bags‹, um die Reste mitzunehmen.
Mit anderen ins Gespräch zu kommen war kein Problem. Denn auch die Kollegen zeigten sich ausgesprochen kontaktfreudig und interessiert. Alle fragen, was du machst, und laden dich zum Essen ein, erzählt Gesthüsen. Und vermittelten by the way gerne, was unbedingt dazugehört, um richtig amerikanisiert zu werden. Bei Starbucks Kaffee kaufen und dauernd Fast Food essen, zum Beispiel. Auch an den Wochenenden war er häufig mit Leuten aus dem Job unterwegs, im Getty Centre zum Beispiel oder auf einem Fest des republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Sam Brownback gilt als Außenseiter, der sich bei den Wahlen im Zwei-Prozent-Bereich bewegen dürfte. Für den deutschen Besucher war die Party trotzdem ein Lehrbeispiel amerikanischer Wahlkampfpolitik. Sie fand in Orange County statt, in einer Gated Community für Schwerreiche. Das ist ein Verbund von Nachbarschaften, die zu ihrer Sicherheit das Areal umzäunen und einen privaten Sicherheitsdienst engagieren. Der Senator stellte als Gastgeber seine Villa zur Verfügung, und jeder, der dort anwesend sein wollte, bezahlte zwischen 2.000 und 3.000 US-Dollar. Dafür wurden die Gäste von mehreren Sushi-Köchen verwöhnt. Ich kam umsonst rein, weil eine Freundin den Wahlkampf in Kalifornien mitorganisiert. Im Großen und Ganzen lief es ab wie eine normale Party, nur dass der Senator zwischendurch eine Rede hielt mit anschließendem Frage-und-Antwort-Spiel.
Nach dem spektakulären Einstieg mitten im Zentrum von L.A. hatte es den Deutschen inzwischen an den äußersten Stadtrand verschlagen. In Sherman Oaks, nördlich der Hollywood Hills im San Fernando Valley, war der Praktikant bei Mönchen untergekommen, die dort eine High School betreiben. Mein normaler Abend war nicht gerade von Highlights gekennzeichnet, abgesehen von Besuchen im Fitness-Studio, sagt Gesthüsen und grinst. Dafür war die Bleibe günstig. 500 Dollar pro Monat zahlte er den Patres für Unterkunft und Verpflegung - für immerhin zwei Zimmer und ein eigenes Bad. Keine Selbstverständlichkeit in einer Stadt, in der zwölf Quadratmeter plus Badbenutzung für gut und gerne 700 Dollar angeboten werden. Ich hatte es von Münster aus auf eigene Faust probiert. Aber mir war nach einer Stunde klar, dass mir sowohl die Ortskenntnisse als auch die finanziellen Mittel fehlen. Abgesehen von vermögenswirksamen Leistungen hat Gesthüsen den Aufenthalt aus eigener Tasche bezahlt. Insofern war er froh, dass die Family Theater Productions die Sache für ihn in die Hand nehmen wollte. Das Leben in L.A. ist sehr teuer - auch wenn im Frühjahr der Dollar schlecht stand und ich mir alles schöngerechnet habe, so Gesthüsen. Extrem sind die Preise für Lebensmittel. Für Gemüse zahlt man fast das Doppelte wie hier. Die Preise in den Restaurants sind dagegen einigermaßen vergleichbar, aber die Portionen sind viel größer. Ich konnte es kaum glauben, aber selbst in gehobenen Läden kriegt man ›doggy bags‹, um die Reste mitzunehmen.
Auf andere Fragen des täglichen Lebens war er vorbereitet. Über das Mentorenprogramm der Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung (DAJV) hatte Stefan Gesthüsen bereits von Deutschland aus Kontakt mit einer Anwältin aufnehmen können, die schon lange in San Franciso lebt. Sie hat ihm im Vorfeld bei bürokratischen Angelegenheiten geholfen.
Es ist schon sehr nützlich, wenn man jemanden hat, den man um Rat fragen kann. Den ein oder anderen Zahn hat ihm die Amerikakennerin gleich gezogen. Mit dem Fahrrad durch L.A.? Kein Thema. Das verbietet sich wie von selbst, wenn man erst mal da ist, hat denn auch Gesthüsen schnell erkannt. Das auf knapp über 1.300 Quadratkilometer verteilte Stadtgebiet ist durch ein verzweigtes System von Schnellstraßen miteinander verbunden, es herrscht die größte Kraftfahrzeugdichte der Welt. Die Abhängigkeit vom Auto ist enorm. Selbst für Bankautomaten gibt es ›Drive Throughs‹, kleinste Distanzen werden mit dem Wagen zurück-gelegt. Auch in puncto Smog gehört die Metropole zu den US-amerikanischen Spitzenreitern. Der Himmel war fast immer grau, sagt Gesthüsen. Ist er morgens schon blau, dann wird es sehr heiß, und in einer Betonstadt wie Los Angeles, wo kein Wind weht, ist es kaum auszuhalten. Ausgerechnet in Kalifornien, wo die Temperaturen nie unter 20 Grad liegen, hat der Westfale das deutsche Wetter schätzen gelernt. Dort fängt man an, die Jahreszeiten und die Wolken zu vermissen.
Infos im Internet
Goethe-Institut Los Angeles
http://www.goethe.de/ins/us/los
Website L.A.
http://www.ci.la.ca.us
Deutsches Generalkonsulat L.A.
http://www.germany.info/relaunch/info/missions/consulates/losangeles/losangeles.html
Los Angeles Times
http://www.latimes.com
L.A. Weekly
http://www.laweekly.com
L.A. Guide
http://www.la.com