07. Oktober 2008

Leben und Arbeiten

Big Business in Aachen

Von Sibylle Schikora



30. Oktober 2006 Auf den ersten Blick ist Aachen eine traditionsreiche Stadt mit viel alter Architektur und noch mehr Touristen. Auf den zweiten Blick entpuppt sie sich als ein wahres Eldorado für Forscher, Gründer und High-Tech-Pioniere.

Wenn sich Frank Kensy die Teilnehmerlisten nordrhein-westfälischer Businessplan-Wettbewerbe ansieht, fällt ihm eins gleich auf: Eigentlich hätten sein Partner Carsten Müller und er Fahrgemeinschaften bilden können. Denn jedes zweite Team kommt wie die beiden jungen Biotech-Unternehmer aus Aachen. „In der Region gibt es viele Gründer mit neuen Ideen und viel Engagement“, sagt Kensy. „Das merkt man auf Wettbewerben ganz besonders.“

Björn Rauschenbach und Maira Magnani

Fast alle High-Tech-Unternehmen arbeiten mit der Hochschule zusammen, wurden von Absolventen gegründet oder beschäftigen Studenten.

Die Region ist zu einem regelrechten High-Tech-Standort geworden. Allein zwischen 2001 bis 2004 entstanden 150 neue Unternehmen. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) spielt dabei eine zentrale Rolle. Fast alle High-Tech-Unternehmen arbeiten mit der Hochschule zusammen, wurden von Absolventen gegründet oder beschäftigen Studenten. Daß bei Businessplan-Wettbewerben ein hoher Prozentsatz der Bewerber aus Aachen kommt, ist deshalb kein Zufall. In Aachen unterstützen viele Einrichtungen Neugründer. Zudem bietet zum Beispiel das Gründerkolleg der RWTH Seminare zum Thema Selbständigkeit an.

Carsten Müller (links) und Frank Kensy

Ein solches Seminar hat auch die Jungunternehmer Kensy und Müller dazu gebracht, sich ernsthaft mit dem Thema Unternehmensgründung auseinanderzusetzen. „Wir hätten uns das allein nie getraut, wären wohl nicht einmal auf die Idee gekommen“, sagt Müller. Derzeit fahren sie noch zweigleisig: Seit November läuft ihr Unternehmen m2p-labs. Gleichzeitig promovieren beide noch an der RWTH in Bioverfahrenstechnik. Kensy und Müller haben Mikrobioreaktoren entwickelt, die zum Standard in Biotechnologielaboren werden sollen. Einen Prototypen gibt es schon: Eine graue Box von der Größe eines Laserdruckers. In ihm lassen sich in winzigen Phiolen bis zu 96 Zellvarianten gleichzeitig testen - und nach kurzer Zeit zeigt das Gerät, welche Zellvariante den gewünschten Eiweißstoff am schnellsten und effizientesten produziert hat. Die optimalen Produktionsbedingungen für solche Nutz-Enzyme zu finden, die zum Beispiel Waschmittel verfeinern oder den Effekt von Stonewashed Jeans erzeugen, dauert in herkömmlichen - mehrere Liter umfassenden Fermentern - bis zu hundertmal länger.

Kensy und Müller hatten bei der Gründung den Vorteil, daß private Investoren unter anderem aus Aachen sie fördern. „Hier ist es häufig so, daß ehemalige Firmengründer neue Ideen unterstützen, weil sie wissen, welches Potential in manchen Innovationen steckt“, sagt Müller. Das Netzwerk von Forschungsinstituten, der Hochschule und Unternehmen hat noch weitere Vorteile. Kensys und Müllers Büro ist im Fraunhofer-Institut, und bis ihr eigenes Labor fertig ist, können sie die Geräte des Instituts benutzen.

Aachen hat indes nicht nur in Deutschland einen guten Ruf als High-Tech-Standort. Die Brasilianerin Maira Magnani kam 1999 hierher, um an der RWTH zu promovieren. Eine Reihe von Zufällen brachte sie schließlich zu Ford. Mittlerweile arbeitet sie im konzerneigenen Forschungszentrum in Aachen. Dort entwickeln Forscher unter anderem Motoren und Materialien für neue Modelle von Ford, Jaguar und Volvo. Magnani kümmert sich um die Entwicklung umweltfreundlicher Naturfasern. Auch im kalten Deutschland fühlt sich die Brasilianerin wohl. Sie findet die Vorurteile gegenüber Deutschland in Aachen jedenfalls nicht bestätigt: „Hier sind die Menschen offen und aufgeschlossen. Sogar auf der Straße kommt es vor, daß man Freundschaften schließt.“ Ihre Heimat Brasilien vermißt sie nicht - meistens jedenfalls. „Ich kann mir schon vorstellen, irgendwann wieder zurückzugehen“, gibt sie zu und lacht. „Das kann sich aber gerne etwas hinauszögern - bis ich in Rente bin.“ Erst nachdem sie in Aachen wohnte, fiel ihr auf, wie vorteilhaft die Lage im Dreiländereck ist. „Die Stimmung in Aachen ist sehr international“, sagt Magnani.

Diese Internationalität genießt auch Björn Rauschenbach. Vor drei Jahren zog er von München nach Aachen, um bei DocMorris in Heerlen zu arbeiten. Das Pharmazieunternehmen verkauft über das Internet Medikamente. Bis vor kurzem war es der Firma nicht erlaubt, aus Deutschland den Versand zu betreiben. In der niederländischen Kleinstadt Heerlen schon, und deshalb liegt dort direkt hinter der Grenze seit der Gründung im Jahr 2000 der Hauptsitz des Unternehmens. Bei DocMorris arbeiten hauptsächlich Deutsche, Rauschenbach braucht nur 20 Minuten von Aachen zur Arbeit. „Das hat schon was von Globetrotter“, amüsiert sich Rauschenbach. „Ich gehe zum Einkaufen nach Maastricht, zum Tanken nach Belgien und genieße das studentische Flair von Aachen.“
Daß er zwischen zwei Ländern pendelt, merkt er ansonsten eigentlich nur noch bei den regelmäßigen Grenzkontrollen. Aber auch das ist längst Routine: Mittlerweile kennen ihn die Polizisten - und winken ihn meist einfach durch.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 86, 2006
Bildmaterial: Ilona Scheffbuch, von Zubinski
 
 
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...studiert Molekularbiologie an der RWTH und ist Leiter der Studentenreitgruppe Aachen. 


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... ist seit 2005 Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung. Die SPD-Politikerin ist in Aachen geboren, zur Schule gegangen und hat dort studiert. 


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... schreibt derzeit seine Promotion und arbeitet nebenher als Stadtführer in der Aachener Innenstadt.