20. März 2006 Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie trägt mit ihren Produkten erheblich zum positiven Ruf bei, den hiesige Hochtechnologie weltweit genießt. Die Geschäfte laufen gut. Einziger Grund zur Klage: Der Arbeitsmarkt bietet zu wenige Spezialisten. Vor allem Ingenieure sind gefragt.
Mit 7.000 Metern pro Sekunde wird der Satellit die Erde umkreisen, den der 32jährige Dominik Lang mit seinen Kollegen der Orbitalen Hochtechnologie Bremen System GmbH entwickelt. 7.000 Meter pro Sekunde?! Das Hirn weigert sich, diese Geschwindigkeit zu realisieren. Statt dessen bleibt einfach der Mund offen.
Auch der junge Entwicklungsingenieur Lang steht noch zuweilen verträumt vor den Satelliten in den Reinräumen seines Arbeitgebers und staunt. Doch während Normalsterbliche nach diesem Staunen schnell wieder vergessen, daß tatsächlich schon Menschen auf dem Mond waren und wirklich Satelliten um die Erde kreisen, weckt die Faszination der Raumfahrt bei den Spezialisten der Branche den Erfindergeist. Unaufhörlich suchen sie nach neuen Möglichkeiten, der Wissenschaft und dem Militär Informationen über den blauen Planeten und das All zu liefern.
Oft läßt das technisch Mögliche aufmerken. Wenn etwa der Satellit, den die Mathematikerin Carla Foussal am Deutschen Raumfahrtkontrollzentrum in Oberpfaffenhofen programmiert, bis auf einen Meter genaue Radaraufnahmen der Erde macht, wie scharf schauen dann Militär und Geheimdienste auf unsere Köpfe? Andererseits: Wüßten wir ohne Satellitentechnik so viel über das Ozonloch oder die Auswirkungen des Klimawandels? Wie sähe die globale Kommunikation aus? Und ganz profan: Was wäre das Fernsehen ohne Live-Übertragungen?
Schon die wenigen genannten Felder zeigen, wie vielseitig und multidisziplinär es in der Raumfahrt zugeht. Physiker, Ingenieure, Geologen, Meteorologen und Biologen arbeiten hier Hand in Hand mit Kommunikations- und IT-Experten, Ernährungswissenschaftlern oder Medizinern. Nirgendwo sind so viele Hochtechnologien miteinander vereint. Und wegen der Größe und Kosten der Missionen liegen hier in Ausschreibungen multinationaler Raumfahrtorganisationen meist internationale Konsortien im Wettbewerb. Die Branche arbeitet global. Wer hier Fuß fassen will, braucht exzellente Fachkenntnisse und sattelfestes Englisch. ESA-Englisch ist eine Sprache für sich, berichtet Lang. Viele Fachtermini und Formulierungen haben sich darin verselbständigt und ergeben mit den Akzenten der Kollegen aus aller Welt ein für Außenstehende kaum verständliches Jägerlatein. Um hier mitsprechen zu können, ist auslandserprobtes Englisch unverzichtbar.
ESA-Englisch ist eine Sprache für sich.
Von diesen Verständigungsproblemen berichten auch Triebwerkentwickler. Und wie die Kollegen aus der Raumfahrt schwärmen sie von den anspruchsvollen Aufgaben und der technischen Exzellenz, die ihren Job prägen. Dennoch gibt es noch viel zu verbessern. Etwa den Energiehunger des Flugverkehrs bremsen und leisere Triebwerke kreieren. Dafür gilt es, stets aufs neue zu begreifen, welche Wege die Luft durch die hochkomplexen Systeme aus verschiebbaren Klappen, Schaufeln und Ventilen nimmt. Triebwerke müssen im Betrieb enorme Druck- und Temperaturschwankungen aushalten, erklärt der MTU-Entwickler Dr. Joachim Wulf. Deshalb seien so viele Teile wie möglich beweglich. Anfangs hat sich der studierte Maschinenbauer darüber gewundert, daß es in den Aggregaten überall klappert und sich bewegt. Er hatte eher die Präzision von Uhrwerken im Kopf.
In der Branche ist schneller Aufstieg keine Seltenheit. Der Bremer Raumfahrtingenieur Lang fühlte sich sofort von seinen erfahrenen Kollegen ernst genommen. Obwohl er frisch von der Uni kam, wurden seine Ideen für die Satellitenvorentwicklung nicht anders geprüft als die der alten Hasen. Ein super Klima für Hochschulabsolventen, freut er sich. Ähnlich erging es Wulf beim Einstieg als Triebwerkkonstrukteur. Es dauerte nicht lange, da trug er als Teamleiter Verantwortung. Der Aufstieg fiel ihm nicht in den Schoß. Wulf liest viel Fachliteratur und sucht Gespräche mit Experten, um fachlich weiterzukommen. Es ist sehr motivierend, daß man mir hier so viel Vertrauen entgegenbringt, erklärt er. Dieses Vertrauen in seine Fähigkeiten spürt auch Dr. Hauke Lengsfeld bei Airbus. Kaum zwei Jahre nach seinem Einstieg dort übernimmt er die Gesamtverantwortung für die Fertigung des Seitenleitwerks des neuen A 350.
Ein super Klima für Hochschulabsolventen.
Zusammen mit dem Riesen A 380 gilt der A 350 als Hoffnungsträger der Luftfahrtindustrie im Lande. Auf der Erfolgswelle des Flaggschiffs Airbus reiten viele kleine und mittlere Zulieferer mit. Auch sie suchen Fachkräfte. Die Entwicklung der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie ist erfreulich, und die Aussichten bleiben gut, meldet der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Das gilt um so mehr, seit die zuständigen EU-Minister die Raumfahrtorganisation ESA im Dezember mit einem stattlichen Budget ausstatteten - und für 2012 eine europäische Marsmission in Aussicht stellten. Mit den Geldern wird die Raumfahrtindustrie, die zuletzt als Sorgenkind galt, zum zweiten Zugpferd der Branche neben der zivilen Luftfahrt aufgepäppelt.
Gute Aussichten für Hochschulabsolventen und Young Professionals, die sich den Herausforderungen der High-Tech-Branche stellen wollen. Begehrt ist vor allem Nachwuchs aus den Fächern Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik, Informatik, Elektrotechnik und Werkstoffwissenschaften. Dringend sei ihnen empfohlen, schon im Studium Praxiserfahrung zu sammeln. Viele Einsteiger blicken auf Praktika und Diplomarbeiten in den Unternehmen zurück, in denen sie nun arbeiten. Wie Airbus-Sprecher Arndt Hellmann mitteilt, sucht der Flugzeughersteller vor allem Spezialisten mit Branchenerfahrung. Weil die nicht auf Bäumen wachsen, bietet Airbus verschiedene Programme, mit denen Studenten sich für eine Beschäftigung in der Luft- und Raumfahrtbranche vorbereiten können. Es heißt also schon im Studium: raus aus dem Hörsaal, einsteigen und abheben!