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Hochschulen setzen auf Auswahlverfahren

„Warum wollen Sie gerade bei uns studieren“

Von Katja Kasten




27. Juli 2007 
Für ZVS-Fächer galten schon immer Sonderregeln. Doch wer noch vor ein paar Jahren ein ganz normales Fach studieren wollte, konnte sich meist direkt an der Hochschule einschreiben. Heute ist die Hälfte aller Studiengänge zulassungsbeschränkt, und Tests gehören zum guten Ton. Doch die Hürden sind keineswegs einheitlich, und immer mehr Universitäten setzen auf Auswahlgespräche.

Thomas Liefländer wusste: Wenn er zu den 36 Besten gehören wollte, musste er sich richtig anstrengen und mehr bringen als die 600, die sich auch auf den Bachelorstudiengang Internationale Beziehungen an der TU Dresden beworben hatten. Ein Studium, das diejenigen studieren, die später beim Auswärtigen Amt, im Entwicklungsministerium oder bei der Weltbank Karriere machen. Der 22-Jährige, der ein überdurchschnittlich gutes Abitur und Auslandserfahrung vorweisen konnte, feilte zwei Wochen an einem dreiseitigen Motivationsschreiben, das er seinen schriftlichen Bewerbungsunterlagen zu dem sechssemestrigen Studium beilegte. Ich habe versucht, ganz klar zu begründen, warum ich der richtige Kandidat bin, und was sie gewinnen, wenn sie mich nehmen. Thomas Liefländer wurde mit 115 anderen Bewerbern zum Auswahlgespräch nach Dresden eingeladen. Drei Professoren nahmen ihn unter die Lupe, legten ihm einen Zeitungsartikel über die Krise in Darfur vor, den er unter Zeitdruck zusammenfassen sollte, stellten ihm Fragen zur europäischen Integration und zu Konflikten zwischen den USA und Europa. Als sie mitten im Gespräch vom Deutschen ins Englische wechselten, zeigte Liefländer, dass er auch das beherrscht. Du wirst gegrillt wie bei einem klassischen Vorstellungsgespräch; so sein Resümee. Die Jury prüfte nicht nur, ob ich mich mit internationaler Politik beschäftige, sie wollten auch meine Persönlichkeit und meine Motivation erkunden. Und es ging gezielt darum, meine Grenzen und Schwächen ausfindig zu machen.

Wenn Universitäten mehr Bewerber als Studienplätze haben, wird gesiebt. Je beliebter das Fach, desto anspruchsvoller scheint das Aufnahmeverfahren zu sein. Doch was sich bei begehrten Studiengängen zur Normalität entwickelt, setzt sich auch in anderen Fächern immer mehr durch. Die Zeiten, als man sich nach dem Abitur einfach für seinen Lieblingsstudienplatz einschreiben konnte, scheinen sich dem Ende zuzuneigen. Heute ist die Hälfte der deutschen Studiengänge zulassungsbeschränkt, und viele Universitäten haben ihr eigenes kleines Aufnahmeprozedere entwickelt, um die passenden Studenten auszusuchen. Die Bandbreite der verschiedenen Auswahlverfahren ist groß: An der LMU-München sind Abiturnote und Motivationsschreiben die Türöffner für ein Studium am Historischen Seminar. Ein Multiple-Choice-Fragenkatalog entscheidet letztlich, wer einen Studienplatz bekommt. Auch im Fach Anglistik werden die Begabtesten ausgesucht. Wer dort studieren möchte, muss einen Eignungstest absolvieren. Die medizinische Fakultät der Uni Leipzig hat kürzlich einen fachspezifischen Studierfähigkeitstest eingeführt: Im ersten Teil des Tests wird zunächst das Textverständnis anhand eines Aufsatzes mit medizinischen Fachausdrücken abgefragt, im zweiten Teil wird die Rechenfähigkeit des Bewerbers geprüft und im dritten heißt es: Diagramme interpretieren. Aber auch bei Masterstudiengängen wird gerne zum Test gebeten. Für den internationalen Studiengang Molekularbiologie in Göttingen schickten 600 Bewerber aus 70 Ländern ihre Unterlagen. Mit den besten 20 werden ausführliche Auswahlgespräche geführt, die indischen und chinesischen Aspiranten prüft man, falls sie nicht nach Göttingen anreisen können, per Videokonferenz. Vorbild für viele Auswahlverfahren sind die Tests der deutschen Privatuniversitäten und Spitzenausbildungsstätten im Ausland. Vor allem Letztere sieben kräftig: In Yale bewarben sich im vergangenen Jahr rund 21.000 Bewerber, 1.800 schafften den Aufnahmetest. Ähnlich sieht es in Harvard und an der Columbia Universität aus, dort schafften es ungefähr 9 Prozent der Bewerber. An den britischen Universitäten Oxford und Cambridge kommt nur jeder Vierte durch die aufwendigen Aufnahmeverfahren.

Grundlage für den neuen Trend zum Aufnahmeverfahren ist das Hochschulrahmengesetz. Das stellt allen Hochschulen seit dem Wintersemester 2005/ 2006 neben der Abiturdurchschnittsnote und anrechenbarer Wartezeit eine ganze Reihe Kriterien zur Verfügung, nach denen sie ihre Studierenden auswählen dürfen. So kann die Abiturnote mit vier weiteren Kriterien gekoppelt werden, zum Beispiel mit der gewichteten Einzelnote, mit einem speziellen Fach- und Wissenstest, mit einer passenden Berufsausbildung oder mit Auswahlgesprächen. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, gibt es keine einheitlichen Regelungen. Manche Universitäten ziehen deshalb mehrere Kriterien zu Rate, manche nur eines, andere basteln sich ihre eigenen Tests. Oft sind die Verfahren ein bisschen wahllos miteinander kombiniert, sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS). Weil die Universitäten durch die gewonnenen Freiheiten stark verunsichert sind, lassen sich die meisten immer noch stark vom Abi-Durchschnitt leiten. Briedis hat mit seiner Bestandsaufnahme über Aufnahmeverfahren an deutschen Hochschulen Licht ins Dunkel gebracht. Er befragte 287 deutsche Hochschulen, die insgesamt 7.989 Studiengänge anboten. 3.888 Studiengänge suchen ihre Studenten bereits nach Tests aus. 300 weitere planen Studiengänge mit neuen Auswahlverfahren, die noch stärker auf die Persönlichkeit der Bewerber und die Profile der Hochschulen und Fächer zugeschnitten sind, sagt Briedis. Nur etwa 8 Prozent führen die für die Universitäten mit Aufwand verbundenen Auswahlgespräche. Das Interessante: Gerade dieses Verfahren wird von Studenten als besonders fair eingestuft. Für Manfred Schubert-Zsilavecz kann kein Auswahlgespräch zu viel sein. Wir nehmen uns gerne die Zeit, sagt der Professor für pharmazeutische Chemie, wir wollen ja auch die Besten an unser Institut bekommen. Nur, wenn er von früher spricht, verdreht er die Augen.

Früher, das war vor 2005, als die ZVS die Studierenden für den Studiengang Pharmazie in Frankfurt einfach zugewiesen hat und er die Auswahl akzeptieren musste. Froh ist er darüber, dass die ZVS immer mehr an Macht verloren hat, dass er und seine Kollegen heute 60 Prozent der Studenten in Eigenregie auswählen können. Um die restlichen 40 Prozent kümmert sich immer noch die ZVS. Das müssen wir hinnehmen, sagt Schubert-Zsilavecz. Die Hälfte, das sind die Besten eines Abiturjahrgangs, kann ohne Auswahlverfahren studieren, die restlichen 20 Prozent kommen auch um einen Auswahltest herum, weil sie über die Warteliste hereinrutschen. 600 Abiturienten bewerben sich pro Semester für Pharmazie, 80 lädt Schubert-Zsilavecz zum Gespräch. Wer miteinander arbeiten soll, der muss miteinander können, sagt er. Deshalb möchte er die besten Studenten an sein Institut holen. Die Jury setzt sich zusammen aus einem Hochschullehrer, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter und einem Student aus der Fachschaft. Die Atmosphäre beschreibt er als bewusst entspannt: Ich möchte, dass die Leute zu reden beginnen, etwas von sich zeigen. Nach einer kleinen Aufwärmphase startet das eigentliche Auswahlgespräch: Warum möchten Sie Pharmazie studieren? Warum haben sie Frankfurt als Studienplatz ausgewählt? Wie beurteilen Sie die Problematik der Vogelgrippe? Wie steht Frankfurt im Vergleich zu anderen Universitäten? Nach dem Gespräch sollten dann beide Seiten wissen, ob sie zueinander passen, sagt Schubert-Zsilavecz. Die niedrige Studienabbruchquote zeigt uns, dass wir alles richtig machen. Auch Kolja Briedis hat beobachtet, dass sich nach einem erfolgreichen Gespräch der Bewerber sofort mit dem Studienfach identifiziert: Wer den Test überstanden hat, sagt den Studienplatz meist nicht mehr ab. Ein solches Auswahlverfahren hat einen großen Motivationseffekt.

Manchmal kann aber auch ein Auswahlgespräch nicht die ganze Persönlichkeit des Bewerbers ans Licht bringen. So musste sich Steffen Burckhardt, Leiter des Studiengangs Molekularbiologie in Göttingen, zweimal im Nachhinein eingestehen, dass er Bewerber falsch eingeschätzt hat. Ein Student, der ihn im Gespräch so gar nicht überzeugte und der nach Warteliste einen Studienplatz bekam, wurde als zweitbester seines Jahrgangs ausgezeichnet. Ein anderer, von dem er hingegen am Anfang sehr viel hielt, schleppte sich mit Mühe durch das Studium. Ihm fehlte die Motivation. Constanze Linz studiert seit April Pharmazie in Frankfurt. Sie ist stolz darauf, das Auswahlverfahren gemeistert zu haben. Andere Universitäten sind nur an deinen Noten interessiert, in dem Auswahlgespräch in Frankfurt steht aber auch deine Persönlichkeit im Vordergrund. Das fand ich gut, sagt die 19-Jährige, die sich nach ihrem Zweier-Abitur zunächst erfolglos bei der ZVS bewarb. Constanze Linz nutzte die Zeit bis zur nächsten Bewerbungsrunde, absolvierte Praktika in einer Apotheke und in einer Forschungseinrichtung. Als sie ein Jahr später ihre Unterlagen bei der ZVS einreichte, gab sie als Wunschort Frankfurt an. Die Einladung zum Gespräch kam prompt. Gründlich bereitete sie sich auf das Auswahlgespräch vor: Ich habe auf die Homepage der Uni geschaut, mir eingeprägt, wie der Studiengang aufgebaut ist, und habe mich über den Wissenschaftsstandort Frankfurt informiert.

Constanze Linz konkurrierte mit 160 anderen Bewerbern, die in Frankfurt vor dem Institut warteten. Vor dem Gespräch war sie so aufgeregt, dass sie dachte, kein Wort herauszubekommen. Ein Thema war ihre Facharbeit in der zwölften Klasse, in der sie sich mit dem Energieumsatz von Mäusen beschäftigt hatte. Die Jury wollte aber auch wissen, was sie an Pharmazie eigentlich interessiere, und stellte sogar Fragen über ihre Mutter, die als Apothekerin arbeitet. Auch wenn man sich vorbereitet hat: Viele Fragen überraschen dann doch, sagt Constanze Linz. Gibt es eigentlich ein Rezept für die richtige Vorbereitung zum Auswahltest? Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentralen Studienberatung an der Freien Universität Berlin, hat den Ratgeber Erfolg im Auswahlgespräch geschrieben. In seinem Buch rät er, dass sich Studienbewerber rechtzeitig informieren sollten, ob und welches Auswahlverfahren ihre gewünschte Uni in ihrem Fach vorsieht. Sind fachspezifische Fähigkeitstests vorgesehen, sollte man nach Erfahrungsberichten oder Prototypen des Tests suchen. Rückert rät: Machen Sie sich klar, dass es bei diesen Gesprächen nicht allein um das Prüfen von Fachwissen geht, sondern um die Motivation und Identifikation mit dem Studienfach und dem späteren Beruf.

Der Bewerber sollte sich im Klaren darüber sein, warum er gerade dieses Fach studieren möchte und kein anderes. Auch sollte man sich einen Überblick über aktuelle Themen verschaffen. Ein Medizinstudent muss sich eben auf dem Gebiet der Gesundheitsreform auskennen. Mündliches Auswahlgespräch, Studierfähigkeitstest oder Motivationsschreiben. An der Universität Freiburg war man sich des Wirrwarrs um Aufnahmeverfahren bewusst. Deshalb hat man dort das Freiburger Studierenden-Auswahl-Modell entwickelt. Offenbar mit Erfolg, denn die Universität ist Gewinner des innovativsten Konzepts zur Studierendenauswahl. Nun stehen den Professoren 500.000 Euro vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Landesstiftung Baden-Württemberg zur Verfügung. Eliteuniversitäten können nicht staatlich verordnet werden. Elite sein bedeutet, die besten Köpfe an die Universität zu holen, meint Rektor Professor Wolfgang Jäger.

Anglistik fungiert hier als eine Art Teststudiengang für alle anderen Fächer der Uni. Wer dieses Fach studieren möchte, muss jetzt schon das dreistufige Verfahren durchlaufen. Es geht darum, ein homogenes Vorkenntnisniveau zu schaffen, sagt Michael Kraus, Entwickler des Modells, denn es reicht nicht mehr aus, ein gutes Abi zu haben. Wer sich für Anglistik in Freiburg bewirbt, schreibt zunächst einen freiwilligen einstündigen Online-Test. In Multiple-Choice-Fragen wird das Sprachniveau getestet, später ist sogar ein Feedback möglich. Nach diesem Test schrecken schon viele Bewerber zurück, weil sie merken, dass ihr Englisch gar nicht so hervorragend ist, wie sie dachten, sagt Kraus. Aber auch allgemeine Fragen zum Studium gehören zum Test. Wie verhält sich der Bewerber, wenn es zu stressigen Situationen kommt? Wie ist seine Einstellung zu Lerngruppen und Mehrarbeit? Wie ernst nimmt er das Studium? In einem nächsten Schritt bewirbt sich der potentielle Student online. Neben allen Daten rund um die schulische Laufbahn werden hier auch Praktika, Berufserfahrung und Auslandserfahrungen abgefragt. In einem dritten Schritt durchlaufen die Bewerber ein Auswahlverfahren, in dem die sprachliche Kompetenz getestet wird. Hier geht es darum zu prüfen, welche Vorkenntnisse bezüglich der englischen Sprache und Literatur bestehen. Es geht um reines Wissen, sagt Kraus. Abgefragt werden Modalverben, die Bildung von Relativsätzen, Zeiten oder idiomatische Ausdrücke. Parallel wird das Modell vom Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie wissenschaftlich untersucht.

Thomas Liefländer konnte die Auswahljury überzeugen, obwohl er direkt nach dem Gespräch kein gutes Gefühl hatte. Dass ich nicht alle Fragen beantworten konnte, schien sich aber nicht negativ auf das Ergebnis ausgewirkt zu haben. An sein Studium der Internationalen Beziehungen hegt er einen hohen Anspruch. Er ist motiviert, gerade weil er unter vielen Bewerbern ausgewählt wurde: Nach dem Bachelor werde ich auf jeden Fall den Master nachlegen. Das ist sicher.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 91, 2007