02. Februar 2007
Im Fadenkreuz von Flughafen und Allianz Arena ist in den letzten Jahren der größte Standort der Technischen Universität (TU) München entstanden und ein Ort mit der wohl höchsten Akademikerdichte in ganz Deutschland. Business und Wissenschaft arbeiten auf dem Garchinger Campus Hand in Hand: Vor allem High-Tech-Gründer profitieren von der engen Nachbarschaft zwischen TU, Max-Planck-Instituten, Europäischer Südsternwarte (ESO) und dem neuen Leibniz-Rechenzentrum.
Als sich Thomas Winkler vor zwei Jahren mit seiner avaso GmbH selbständig machte, brauchte er nur die Straßenseite zu wechseln. Das Softwareprodukt avasoSDM, ein Werkzeug für die Verwaltung von Servicekatalogen und das Vertragsmanagement von Dienstleistungen in Unternehmen, ist im Rahmen einer Ausgründung aus dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik an der TU in Garching entstanden. Für das Angebot aus der Wirtschaft, den am Institut entwickelten Prototypen auf eigene Faust zu produzieren, hat der Wissenschaftler sogar seine Promotion sausen lassen, an der er bereits über drei Jahre lang gearbeitet hatte. Keine leichte Entscheidung. Das Risiko ist weitaus größer, als man das von der Uni aus sieht, sagt er heute. Absolute Voraussetzung für einen erfolgreichen Eintritt in den Markt war und ist die direkte Anbindung an die Forschung. Als Mieter im Technologie- und Gründerzentrum gate Garching, das direkt auf dem Campus angesiedelt ist, findet er ideale Bedingungen. Sein ehemaliger Lehrstuhl ist nur einen Steinwurf entfernt. Ich arbeite nach wie vor eng mit den Mitarbeitern zusammen, betont Winkler. Auch der Kontakt zu den Studenten ist für ihn wichtig, denn viele der Semester- oder Diplomarbeiten entstehen aus Praktika. Bislang war das immer ein Gewinn für beide Seiten, sagt der 32 Jahre alte Unternehmer.

|
Die Rahmenbedingungen im gate sind optimal auf Neugründer aus der Hochtechnologie zugeschnitten. Die Mietpreise liegen zwar auf dem ortsüblichen Niveau, aber es lassen sich schon kleine Büroeinheiten ab 19 Quadratmetern anmieten - und das zu flexiblen Konditionen. Jeder Flur verfügt über eine gemeinsame Teeküche, die hinter Glasbausteinen versteckt liegt. Für Präsentationen oder Arbeitskreise können Besprechungs- und Seminarräume angemietet werden, Beamer und Tageslichtschreiber inklusive. Die Lounge mit großformatigen Bildern und Empfangsdame sorgt für ein professionelles Entree. In der freistehenden Werkshalle basteln studentische Arbeitsgruppen an Motoren und Mechanik, während Jungunternehmer aus dem ersten Stock ihren Kunden die neuesten Techniken vorführen. Start-ups, firmengetriebene Forschergruppen, Entwicklungsabteilungen von Unternehmen und Weiterbildungseinrichtungen wie die UnternehmerTUM finden sich ebenso unter dem Dach des gate Garching wie der Software-Campus, das räumliche Zentrum der Software Offensive Bayern. Maximal fünf Jahre können Neugründer von dem Rundum-Sorglos-Paket profitieren. Das Zentrum ist sozusagen der Brutkasten, dem diese Unternehmen entschlüpfen, sobald sie alleine laufen können, beschreibt gate-Geschäftsführer Franz Glatz die Funktion der Garchinger Ideenschmiede.
Wir sind keine Bastelbude, sondern gestandene Unternehmensgründer mit Know-how.
Neben einer guten Geschäftsidee brauchen junge Unternehmen Kontakt zu anderen Firmen und Forschern. Die Nähe zu hochklassiger Wissenschaft und zu universitären, studienübergreifenden Netzwerken sieht Glatz als einen ganz entscheidenden Erfolgsfaktor an. Zugleich grenzt sich das gate als wirtschaftlich arbeitende Einheit deutlich von den Hochschuleinrichtungen ab. Wir sind keine Bastelbude, sondern gestandene Unternehmensgründer mit Know-how, so Glatz. Unsere Aufgabe ist es, Business und Forschung miteinander zu verbinden und die Synergieeffekte zu nutzen. Sich selbst sieht er dabei als Spinne im Netz, die die Fäden zusammenhält. Als ehemaliger Referent des TU-Präsidenten kennt er die Strukturen auf dem Forschungsgelände bestens; aus seiner Zeit im Investmentbanking hält er zugleich gute Kontakte in die Finanzwelt. Im Business-Netzwerk des Garchinger Technologiezentrums bestehen Verbindungen zu Patentanwälten, Wirtschaftsprüfern, Rechtsanwälten, Steuerberatern und zur Münchner Gründerszene. Mit Veranstaltungsreihen wie den Themenabenden Unternehmen im Dialog oder zwanglosen Frühstückstreffen in der Lounge kurbelt Glatz den Austausch zwischen den gate-Gründern und Unternehmern mit Erfahrung an und sorgt zugleich dafür, dass auch die Mieter untereinander in Kontakt kommen. Auch wenn es ganz unterschiedliche Firmenkonzepte sind, so der Geschäftsführer. In der Startphase tauchen immer wieder die gleichen Probleme auf.

|
Wie überstehst du das erste Jahr? Mit dieser Schlüsselfrage werden potentielle Mieter auf Herz und Nieren geprüft. Voraussetzung für die Aufnahme im gate ist die innovative Schubkraft der Geschäftsidee. Problematisch wird es in der Regel bei der Kundenakquise und beim Marketing, sagt Franz Glatz. Techniker sind erst mal keine Verkäufer. Von fast allen der heute 60 Mieter wird deshalb gerne die Hilfe des hauseigenen Coachs angenommen. Kostenlos steht Franz Niedermaier Gründungsinteressierten und Neugründern als Berater zur Verfügung. Als ehemaliger Geschäftsführer von Oracle Deutschland bringt er langjährige unternehmerische Erfahrung mit. Mit den Gründungsthemen bin ich im Prinzip durch, sagt gate-Unternehmer Thomas Alt, der das Coaching schon in ganz unterschiedlichen Situationen in Anspruch genommen hat. Mich interessieren im Moment vor allem Vertriebsstrukturen - und ich lese gerade ein Buch über Führungspsychologie.
Der promovierte Ingenieur und sein Geschäftspartner gehörten 2002 zu den ersten Mietern im neueröffneten Gründerzentrum. Und er ist durchaus typisch für die Garchinger gate-Klientel. Nach dem Studium hat er bei VW erst einmal Industrieerfahrung gesammelt, bevor er sich mit seinem Thema selbständig gemacht hat. Mit 19 Quadratmetern und kaum Kapital haben er und sein Geschäftspartner angefangen. Heute beschäftigt die Firma metaio ein Team von 27 Mitarbeitern auf einer Fläche von 250 Quadratmetern. Die meisten der 14 Festangestellten sind als Praktikanten zu dem IT-Spezialisten gekommen, dessen Visualisierungs-Software vor allem in der Automobilbranche und im Möbelhandel eingesetzt wird. Wir müssen uns unseren eigenen Markt schaffen, sagt Alt und blickt nicht ohne Stolz auf den Innovation Award aus dem Jahr 2004, der ganz oben im Büroregal thront. Auch über studentische Arbeiten lasse sich da eine Menge entwickeln. Bei uns kocht keiner Kaffee, jeder kriegt sein Projekt, betont der 31 Jahre alte Unternehmer. Wir leben ganz stark vom Standort und arbeiten eng mit den Lehrstühlen zusammen. Daran, dass seine Firma in einem Jahr die maximale Mietdauer erreicht haben wird, mag er gar nicht denken. Das sehr, sehr gute Netzwerk im Haus und das unmittelbare Umfeld, die kurzen Wege, das alles ist ganz entscheidend für unsere Arbeit, sagt er und verdrängt den Gedanken an einen Umzug auch schon ganz schnell wieder. Lachend fügt er hinzu. Außerdem gehe ich immer noch gerne in die Mensa.
Studentisches Leben spielt sich auf dem Garchinger Forschungsgelände überwiegend tagsüber ab. Gastronomisch wie verkehrstechnisch ist der Campus längst noch nicht erschlossen. Kneipen oder gesellige Treffpunkte sucht man vergebens. Eine Falafel auf die Hand ist hier das Äußerste an kulinarischem Vergnügen. Wie die Pilze sind in den vergangenen Jahren die Forschungsinstitute im Münchner Norden aus dem Boden geschossen. Maschinenbau, Physik, Chemie, Informatik - viele der Institute sind von der Innenstadt an die Peripherie verlegt worden. Ströme genervter Studenten und Wissenschaftler pendeln Tag für Tag in überfüllten Bussen in den Münchner Norden. Der heißersehnte U-BahnAnschluss soll im Herbst fertiggestellt werden. Aber auch dann wird die Nähe zum öffentlichen Leben noch fehlen, im Mikrokosmos des Garchinger Campus. Das hört auch Gunda Opitz, Mitbegründerin von UnternehmerTUM, immer wieder von ihren Studenten. Ein Innovation Lab mit sonnengelben Polstermöbeln, orangefarbenen Wänden und Flip-Charts lädt deshalb wenigstens die Teilnehmer der an die TU angekoppelten Weiterbildungseinrichtung zum Brainstorming, Diskutieren oder einfach zum Relaxen ein.
Den Unternehmergeist und die unternehmerische Kompetenz zu fördern ist Grundgedanke der von jährlich über 750 Studierenden und Wissenschaftlern genutzten Lehrveranstaltungen. Grundlagenseminare zu Businessplänen oder Medienkompetenz, Innovationswettbewerbe oder Gründer-Workshops sollen in einer möglichst frühen Phase die unternehmerische Leidenschaft des akademischen Nachwuchses wecken. In interdisziplinären Teams üben Teilnehmer des 18-monatigen Manage & More-Förderprogramms die strukturierte Planung und Vermarktung der eigenen Geschäftsideen. Mit der Anbindung an die TU verfügen wir über erfahrene Wissenschaftler und Profiteams, hinter denen Millionenprojekte stehen, erklärt UnternehmerTUM-Geschäftsführer Helmut Schönenberger. Für die Förderprogramme suchen wir die besten Ideen aus und stellen ein Materialbudget, Infrastruktur, Betreuung und Kontakte zur Verfügung. Nur wer in die Lage kommt, einen Prototypen überhaupt zu bauen, kann auch beweisen, dass sein Konzept technologisch funktioniert. Die finanzielle Grundsicherung der Aktivitäten ist durch das Engagement der Unternehmerin Susanne Klatten langfristig gesichert. Neben der BMW Group gehören Altana, Audi, Lufthansa oder McKinsey & Company zu den Partnerunternehmen.
Mit der Anbindung an die TU verfügen wir über erfahrene Wissenschaftler und Profiteams, hinter denen Millionenprojekte stehen.
Nicht nur eine tolle Idee zu haben, sondern auch am Ball zu bleiben und sie umzusetzen, das war der entscheidende Kick für den UnternehmerTUM-Stipendiaten Manuel Götzendörfer. In nur vier Monaten entwickelte er gemeinsam mit zwei Kollegen einen schwarz-rot-goldenen Deutschland-Cocktail. Pünktlich zur WM kam das bunte Getränk auf den Markt und wurde ein voller Erfolg. Man muss auch aktiv auf Unternehmen zugehen, hat Götzendörfer gelernt. Sein Team hatte Kontakt mit dem Bundespresseamt aufgenommen und es tatsächlich zu einem Gespräch mit dem Wirtschaftsminister Michael Glos gebracht. Genau das ist der Spirit, den Geschäftsführer Schönenberger den Unternehmern von morgen vermitteln will. Die müssen raus, auf die Leute zugehen, nachfragen, sagt er und beschreibt eine Szene, die sich auf einer Businessplan-Veranstaltung in Berlin abgespielt hat. Viele junge kreative Köpfe waren dort versammelt, um ihre Geschäftsideen zu präsentieren. Am Ende des Abends wandte sich ein bekannter Risikokapitalgeber an Schönenberger. Jetzt sind hier 400 Leute in diesem Raum, die alle Geld für ihre Konzepte brauchen, sagte er konsterniert. Und nicht einer hat mich auch nur gefragt.
Infos im Netz:
http://www.gategarching.com
http://www.unternehmertum.de