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Wirtschaftsbuch

Von Märchen und Managern

Von Heinz K. Stahl



Ein Vertreter des (teil-)autonomen Führungsstils
11. Januar 2008 
„Hans im Glück“ hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient und sorgte sich nun um seine „Work-Life-Balance“. Er wollte nur noch heim zu Muttern. Sein Arbeitgeber erwies sich als großzügig und vergütete ihm die sieben Jahre mit einem kindskopfgroßen Klumpen Gold, nach heutigen Maßstäben wohl ein paar hunderttausend Euro wert. Damit erübrigte sich sogleich eine Debatte um den Mindestlohn.

Ohne professionelle Vermögensberatung und nur seiner Präferenz der Unlustvermeidung folgend, erging sich Hans in scheinbar absurden Tauschgeschäften, deren Logik dennoch heutigen Auffassungen von „Rational Choice“ entspricht. Aus dem Gold wurde zunächst ein Pferd, dann eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und aus dieser schließlich das bescheidene Betriebsvermögen einer Scherenschleiferei. Mit seiner Schonhaltung wollte er die schweren Wetzsteine jedoch partout nicht mit sich schleppen und setzte diese Ich-AG sofort in den Sand. Der erlösende Schluss ist aus dem Grimmschen Märchen bekannt: Der gute Hans war endlich „frei von aller Last“ und wähnte sich als „glücklichster Mensch unter der Sonne“. Ist dieser Hans nun ein „Dümmling“, ein „erster Philosoph des Glücks“ oder ein „ausgebeuteter Markttrottel“?

Nichts von alledem, meint Rolf Wunderer, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Betriebswirtschaftslehre in St. Gallen. Hans sei eben ein zufriedenheitsmaximierender "Gefühlsingenieur", der Unlust durch Dissonanzabbau und nicht durch Dissonanzverstärkung, sprich "Jammern auf hohem Niveau", reduziert. Damit vertrete Hans die heutige Gruppe der "Hedonisten" (oder "Hedomaten"), die in Deutschland und der Schweiz immerhin 30 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ausmachten und die erst einmal motiviert und allenfalls geführt werden wollen.

Griff in die Schatztruhe

Wunderer greift tief in die Schatztruhe alter deutscher Märchen, um Zusammenhänge zwischen Management und Märchen aufzuspüren.Den "gestiefelten Kater" etwa, der es mit Cleverness versteht, den armen Müllersohn mit der Prinzessin zu verbandeln, um dann, als dieser sogar König wird, selber zum ersten Minister aufzusteigen, sieht Wunderer als Vertreter des modernen "(teil-)autonomen" Führungsstils. Trickreich, aber loyal, kreativ und dynamisch, verkörpert er den "Intrapreneur", der es noch dazu versteht, den eigenen Chef zum beiderseitigen Vorteil zu "managen". In dem nach dem Tod der geliebten Mutter von ihrer "Patchwork"-Familie "gemobbten" Aschenputtel vermag Wunderer sogar Merkmale von "Leadership" in Form eines ungemein stabilen Selbstvertrauens zu erkennen.

Während Aschenputtel jedoch selbst nach Demütigungen noch kooperationsbereit bleibt und somit auch ohne formale Weiterbildung einem spieltheoretischen "Tit for tat" folgt, fehlt dem "tapferen Schneiderlein" genau diese Kooperationskompetenz. Zwar hat es viele heute von Business Schools gepredigten Denkmuster verinnerlicht - darunter etwa "Komme jeden Tag zur Arbeit mit der Bereitschaft, dich feuern zu lassen", aber das Schneiderlein taugt einfach nicht zum Mitunternehmertum; es bleibt ein Einzelkämpfer.

Märchen als Erziehungsmittel

Märchen sind wichtige Instrumente der frühen Sozialisation, auch wenn sie heute Kindern kaum mehr vorgelesen werden. Die Frage ist nur, brauchen auch Manager Märchen? Wunderers Antwort ist ein emphatisches Ja. Menschen lieben und merken sich Geschichten. "Storytelling" und Unternehmenstheater zählen bereits zu den zeitgemäßen Managementinstrumenten. Warum sollten also nicht auch Fallstudien von Märchenhelden in der Aus- und Weiterbildung von Führungskräften ihren Platz finden? Noch näher liegt die Parallele zwischen Märchen als Erziehungsmittel und dem normativen Management, etwa in Form von Unternehmens- und Führungsgrundsätzen. Dabei ist sich Wunderer als Verfechter einer praxisnahen Managementforschung durchaus bewusst, dass sich die Wertvorstellungen seit Spätromantik und Biedermeier verändert haben.

Seilschaften und Koalitionen

Er destilliert aus 63 Märchen der Brüder Grimm acht Kernleitsätze, denen er dann Beispiele von normativem Management aus 43 Unternehmen gegenüberstellt. Wunderer findet unter anderem heraus, dass Unternehmen, sehr im Gegensatz zu den Märchen, in ihren Codices auf das Androhen von Sanktionen verzichten. Auch spielt in Unternehmensgrundsätzen der Wert der Bescheidenheit kaum eine Rolle. Dagegen liegen die Unternehmen in der Forderung "Walk your Talk" (Halte, was du versprochen hast) weit vor den Märchen. Unverkennbar ist der Einfluss der Wertedynamik der letzten vier Jahrzehnte. Der Leitsatz "Achte die Hierarchie und bleibe in deinem Stand" gilt nurmehr in subtiler, meist mikropolitischer Form, wenn es etwa um den Bestand von Seilschaften und Koalitionen geht. Heute wird Selbständigkeit in vielfältigster Weise verlangt.

Wunderer schreibt mit ansteckender Begeisterung, die es dem Leser freilich nicht immer leichtmacht, sich dem Sog der feingesponnenen Zusammenhänge zu entziehen. Dieses Buch ist aber ohnedies vor allem für jene gedacht, die sich neben ihrem Erwachsenen-Ich noch eine Portion neugieriges Kindheits-Ich bewahren konnten.

Wunderer, Rolf: Der gestiefelte Kater als Unternehmer - Lehren aus Management und Märchen



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2008, Nr. 5 / Seite 12
Bildmaterial: fotolia.com
 
 
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