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Arbeitsmarkt

Noch gibt es Jobs nicht auf dem Silbertablett

Von Sven Astheimer




16. April 2007 
Sie bildeten die Speerspitze. Während der allgemeine Arbeitsmarkt zu Beginn des vergangenen Jahres noch unter der Last von mehr als 5 Millionen Arbeitslosen ächzte, läuteten die Spitzenverbände der Ingenieure schon die Wende ein. Mit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes waren auch viele technische Berufe von Umstrukturierungen und Arbeitsplatzabbau im großen Stil betroffen gewesen. Doch nach den mageren Jahren mehrten sich nun die Berichte von Schwierigkeiten der Unternehmen, geeignetes Personal zu finden. Eine Entwicklung, die sich dank des dynamischen Aufschwungs im Jahresverlauf fortsetzte. „Das war die Wende zugunsten der Arbeitnehmer“, sagt Beate Raabe, Expertin vom Arbeitsmarktservice der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Die Daten belegen diese Aussage: Die Zahl der arbeitslosen Ingenieure sank allein zwischen 2005 und 2006 um 37 Prozent. Bei den Maschinen- und Fahrzeugbauern, neben den Elektroingenieuren die größte Teilgruppierung, waren es sogar 41 Prozent weniger. Im Gegenzug stieg die Zahl der offenen Stellen in vielen Bundesländern sprunghaft an (siehe Karte). Aus den 22 000 offenen Stellen am Zähltag schließen die Verbände, dass ebenso viele Ingenieure in Deutschland fehlen. So einfach machen es sich die Arbeitsmarktforscher der BA nicht. Für sie liegt ein Bewerbermangel dann vor, wenn eine gemeldete offene Stelle auch ein halbes Jahr nach dem geplanten Einstellungstermin nicht besetzt werden kann. Aber auch die Ergebnisse dieser „Vakanzzeit-Analyse“ sprechen eine deutliche Sprache: In einigen Bereichen ist die Suche nach geeigneten Kandidaten deutlich schwieriger geworden. So stieg der Anteil der vakanten Stellen bei Wirtschaftsingenieuren von rund 10 Prozent (2005) auf 25 Prozent (2006). Unter Elektroingenieuren kletterte er innerhalb eines Jahres von 16 auf 25 Prozent und für alle Ingenieursgruppen von 16 auf 22 Prozent. „In einigen Teilbereichen kann man schon von Knappheit sprechen“, sagt Raabe.

Weg von den 150-prozentigen Bewerbern


Aber handelt es sich deshalb auch schon um einen regelrechten „Bewerbermangel“? Und liegt hier lediglich ein konjunkturell bedingter Engpass vor, der sich in einigen Jahren wieder in sein Gegenteil verkehrt? Oder sorgen struktureller und demographischer Wandel in den kommenden Jahren und Jahrzehnten dafür, dass die Nachfrage nach hochwertigen Ingenieurdienstleistungen zwar hoch, das Angebot an qualifiziertem Personal aber tendenziell eher niedrig bleiben wird? Auch für Arbeitsmarktexpertin Raabe eine schwierig zu beantwortende Frage. Das Wort Mangel will sie aber (noch) nicht verwenden. Zwar habe etwa der Bauboom dazu geführt, dass die Nachfrage nach Bauingenieuren und Architekten wieder spürbar angezogen habe. Eingestellt würden aber häufig frischgebackene Absolventen, während viele Ältere, die in den vergangenen Jahren ihren Job verloren, nach wie vor keine Beachtung fänden. „Erst wenn auch das Potential der Älteren ausgeschöpft ist, kann man von einem wirklichen Mangel sprechen“, findet Raabe.

Viele Personalchefs hätten sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, „nur die 150-prozentigen Bewerber“ zu akzeptieren. Zwar dürften große Dax-Konzerne wie Siemens, Telekom oder die Autobauer Daimler-Chrysler und VW auch in Zukunft allein dank ihres Bekanntheitsgrades kaum Schwierigkeiten haben, Ingenieure nach Wunsch zu finden. Doch vor allem der Mittelstand müsse sich neue Strategien für die Personalentwicklung zurechtlegen und seine Vorteile besser vermarkten. Denn die gebe es durchaus, findet Raabe: „In einem kleinen Unternehmen ist der Aktionsradius deutlich höher.“ Im Konzern dagegen seien die Mitarbeiter oft hochspezialisiert und nach zwanzig Jahren dann oft nur noch schwer vermittelbar.

Mittelfristig hält Raabe die fachlich anspruchsvollen Ingenieurstudiengänge für zukunftsträchtig, da sich die gute Lage am Arbeitsmarkt in absehbarer Zukunft fortzuschreiben scheint. Ein Persilschein für baldige Absolventen sei das jedoch noch nicht. Wer nicht eine gewisse regionale Mobilität sowie eine Flexibilität bei Gehaltsvorstellungen und Tätigkeitsbereichen mit sich bringe, könne schnell an den eigenen Ansprüchen scheitern. „Denn noch gibt es die Jobs nicht auf dem Silbertablett.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [3]
Mangel und die Reaktion darauf 16.04.2007, 17:14
Schweinezyklus 16.04.2007, 16:41
Generalisten vs. Spezialisten 16.04.2007, 15:14
 
   
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